Irmtrud Wojak

Eichmanns Memoiren

Ein kritischer Essay
Cover: Eichmanns Memoiren
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783593363813
Gebunden, 279 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Mit SW-Fotos, farbigen Faksimiles und Skizzen auf 16 Tafeln. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann gilt als der Hauptverantwortliche für die Durchführung der "Endlösung". "Memoiren" hat er jedoch nie geschrieben. Die 1961 im Gefängnis in Israel verfassten Aufzeichnungen sind unter dem Galgen geschriebene Rechtfertigungsschriften: 1200 Seiten in Vorbereitung seines Kreuzverhörs vor dem israelischen Gerichtshof. Hinzu kommt noch ein vergessenes, 67 Tonbänder umfassendes Interview, das Eichmann 1956 bis 1959 in seinem argentinischen Versteck dem niederländischen Journalisten und ehemaligen SS-Offizier Willem Sassen gab. Mit Rückgriff auf entscheidende Stationen seiner NS-Karriere analysiert Irmtrud Wojak die Rechtfertigungsstrategien Eichmanns und den fortschreitenden Prozess der Verdrängung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.06.2002

In ihrer Studie über Eichmanns Memoiren revidiert Irmtrud Wojak das Eichmann-Porträt Hannah Arendts, berichtet Rezensentin Franziska Augstein. Wie Augstein hervorhebt, stützt sich Wojak insbesondere auf ein umfassendes Interview, das Eichmann dem holländischen Journalisten und ehemaligen SS-Offizier Wilhelm Sassen zwischen 1956 und 1960 gab, eine Quelle, die Hannah Arendt für ihre berühmte Gerichtsreportage nicht verwendet hatte. Auf dieser Grundlage kann Wojak nach Ansicht Augsteins zeigen, dass der Fall Eichmann tatsächlich noch banaler war, als es Arendts philosophische Gedankenfigur von der "Banalität des Bösen" vorsah: "Eichmann war Nazi und Judenfeind und auf seine Karriere bedacht", fasst Augstein zusammen, "also hat er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit dafür gesorgt, dass möglichst viele Juden starben." Neben dem Antisemitismus Eichmanns, hält die Rezensentin fest, untersucht Wojak die Entwicklung, die zur "Endlösung" führte, insbesondere im Blick auf die Rolle, die Eichmann dabei spielte. Ihre Rekonstruktion des Zeitpunktes, zu dem die "Endlösung" beschlossene Sache war, findet Augstein indes nicht ganz überzeugend. Die Bedeutung von Wojaks Essay sieht Augstein vornehmlich darin, "dass sie Hannah Arendts Eichmann-Exegese empirisch geläutert hat".
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2002

Hannah Arendts Diktum der "Banalität des Bösen" wird "manchmal wie ein Generalschlüssel zur Decodierung aller möglichen Untaten benutzt", bemerkt Klaus-Dietmar Henke. Dieser Begriff, der 1961 zur Zeit des Eichmann-Prozesses entstand, kann allerdings, so der Rezensent, nicht die "Vielschichtigkeit politischer Massenverbrechen und die Motivlage der Täter" erschließen. Aus genau diesem Grund begrüßt er das Erscheinen von "Eichmanns Memoiren". Es handelt sich dabei um die erstmalige Auswertung einer in Argentinien geführten, "freimütigen" Interviewreihe mit Adolf Eichmann, die neue Erkenntnisse über den NS-Ausrottungsapparat liefert. Denn das Dokument stellt eine "fulminante Selbstentlarvung" Eichmanns dar. Hier paaren sich "ideologische Gläubigkeit mit technokratischer Kompetenz". Eichmann selbst, so der Rezensent, liefert dazu das Schlüsselzitat, das seine Janusköpfigkeit beleuchtet: "Zu diesem vorsichtigen Bürokraten gesellte sich ein fanatischer Kämpfer für die Freiheit meines Blutes, dem ich entstamme." Den im Interview offenbarten Handlungsspielraum der Mitbeteiligten sieht der Rezensent als Zeichen für ein komplexer werdendes Täterprofil. Im Aufdecken der vielgestaltigen Wirklichkeit, meint Klaus-Dietmar Henke, liegt die Aufgabe der Forschung. Denn Patentformeln als Erkenntnismittel des Bösen oder dessen Ansiedlung jenseits des Verstehens haben ausgedient, so Henkes Lehre aus Wojaks Buch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2002

Eine differenziertes Bild von Adolf Eichmann zeichnet diese Studie über den Schreibtischtäter, der die Judenverfolgung im Dritten Reich logistisch in die Tat umgesetzt hat, findet der Rezensent Christoph Jahr. Die Autorin Imtrud Wojak hat sich die Arbeit gemacht, Eichmanns Selbstzeugnisse - zum Beispiel die Verteidigungsschrift, die er während seiner Haftzeit in Israel verfasst hat - "mit dem Forschungsstand zum Holocaust zu konfrontieren". Mit dieser Herangehensweise gelingt es ihr, die "Legende des Bürokraten Stück für Stück zu dekonstruieren" und seine "tiefsitzende antisemitische Gesinnung" offen zu legen, lobt der Rezensent. Die Charakterisierung Eichmanns, die sich als Resultat dieser Studie herausschält, könnte man folgendermaßen beschreiben, erklärt Jahr: er war "die Verbindung aus einem perfekten Bürokraten und einem rabiaten Nazi".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.12.2001

Peter Krause begrüßt nachdrücklich dieses Buch, das sich mit der Person und dem Phänomen Eichmann vor allem anhand der im israelischen Gefängnis geschriebenen "Memoiren" und dem sogenannten "Sasse-Interview" befasst. Die Autorin, die die Gelegenheit gehabt habe, die im israelischen Archiv aufbewahrten Aufzeichnungen Eichmanns vollständig einzusehen, mache "überzeugend" dessen aktive Rolle bei der systematischen Ermordung der Juden deutlich, so der Rezensent beeindruckt. Er lobt Wojak für ihre "kritische Analyse" der Selbstauskünfte Eichmanns und schreibt es ihr als besonderes Verdienst zu, herausgearbeitet zu haben, wie sich in der Person Eichmann Bürokrat und glühender Antisemit vereint haben. Er preist das Buch als "hilfreiche und notwendige Ergänzung" der bisherigen Analyseversuche, auch wenn seiner Ansicht nach auch diese Untersuchung nicht "alle Fragen" klären kann.