Georg M. Hafner, Esther Schapira

Die Akte Alois Brunner

Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist
Cover: Die Akte Alois Brunner
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783593365695
Gebunden, 326 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Die Autoren folgen den Spuren des größten noch lebenden NS-Kriegsverbrechers Alois Brunner. Als engster Mitarbeiter von Adolf Eichmann in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung schickte Brunner zwischen 1939 bis 1945 über 120000 Menschen in den Tod. Nach dem Krieg gelingt es ihm unterzutauchen und sich nach Syrien abzusetzen. In Frankreich wird er zweimal in Abwesenheit zum Tode verurteilt, Mitte der achtziger Jahre wird er vor der UN-Vollversammlung angeklagt, aber ansonsten lebt Brunner unbehelligt. Ein brisantes Buch, das auf dem international vielbeachteten ARD-Dokumentarfilm "Die Akte B. - Alois Brunner, die Geschichte eines Massenmörders" basiert. Die Nachforschungen der Autoren ergeben, dass es sich im Fall Brunner um den größten Skandal der Nachkriegszeit handelt, der zu der Frage führt: Wann wird die Bundesregierung endlich tätig?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.03.2001

"Die Akte Alois Brunner" von Georg M. Hafner und Esther Schapira belegt einmal mehr die These, dass die Mehrheit der großen Naziverbrecher straffrei geblieben sind und sich nach dem Krieg unbehelligt eine neue, bequeme Existenz aufbauen konnten, empört sich Ute Gutzeit. Das Buch findet sie glänzend geschrieben und präzise recherchiert. Sie verweist zunächst auf den umfangreichen Mittelteil, in dem das grausame Wirken Brunners für die Nazis dargestellt wird. Im zweiten Teil ihrer informativen Rezension umreißt sie das Ergebnis der Recherche, nämlich die Antwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass ein Verbrecher vom Kaliber Brunners im Nahen Osten aufgespürt wird, sich dort aber weiter unbehelligt seines Lebens erfreuen kann, ohne dass die deutschen Behörden sich um seine Auslieferung bemühen. Des Rätsels Lösung, so deutet Gutzeit an, liegt darin, dass die Amerikaner nach dem Krieg "deutsche Berater" in den Nahen Osten schickten, um ihren Einfluss dort zu wahren. Brunner war selbstverständlich strikt antikommunistisch - dass er auch antisemitisch war, störte da nicht. Im Gegenteil. Syrer und Ägypter hätten ihn sonst wohl kaum so willkommen geheißen. Das Fazit des Buches, so die Rezensentin, lautet: an einem Prozess gegen Brunner ist die Bundesregierung ebenso wenig interessiert wie die USA, Ägypten und Syrien.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Das vorliegende Buch über den Kriegsverbrecher Alois Brunner ist das Ergebnis "akribischer Recherche" und wird von der Rezensentin Sabina Griffith "zum ausführlichen Studium empfohlen". Brunner war Adolf Eichmanns rechte Hand und soll für den Tod von mehr als 120 000 Menschen verantwortlich sein. Allein: der heute 88-jährige lebt irgendwo in Syrien, zu seiner Ergreifung werden keine Anstrengungen unternommen. So jedenfalls die Autoren des Bandes, die bei ihren Recherchen auf heftigen (passiven) Widerstand bei den deutschen Behörden gestoßen sind. Dafür gebe es in einem Vorwort auch heftige Kritik von Serge Klarsfeld, dessen Vater vermutlich von Brunner persönlich abgeholt wurde, schreibt die Rezensentin. Das Buch belege: Die Autoren und ihre Unterstützer haben den Kampf noch nicht aufgegeben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2000

Was den "Fall Brunner" so spannend mache, meint Jost Dülffer, sei Brunners "Weiterleben" nach dem 2. Weltkrieg. Und nur sehr vage ist seiner Buchbesprechung zu entnehmen, dass das Motiv der Autoren für dies Buch möglicherweise nicht das "Spannende" an dem Fall war, sondern der Skandal. Denn dieser Naziverbrecher wurde nie gefasst. Er lebt möglicherweise heute noch in Syrien. Der Rezensent klickt ein paar Themenbereiche des Buches an, Verbindungen Brunners zum späteren BND, seine Hilfe beim Aufbau von Geheimdiensten im Nahen Osten beispielsweise. Auch dass immer wieder falsche Todesmeldungen verbreitet wurden. Warum Brunner nie gefasst wurde und warum seinen Spuren von den Verfolgungsbehörden nicht intensiver nachgegangen wurde, bleibt für Dülffer auch "nach der Lektüre eine offene Frage".