Peter Longerich

Davon haben wir nichts gewusst!

Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945
Cover: Davon haben wir nichts gewusst!
Siedler Verlag, München 2006
ISBN 9783886808434
Gebunden, 448 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Peter Longerich gelingt es, aus der Sicht des Historikers Antworten auf die Frage nach dem Wissen der Deutschen über die "Endlösung" und ihre Einstellung zur Judenverfolgung zu geben. Er hat die antisemitische Propaganda des Regimes analysiert, sich mit alliierten Rundfunkprogrammen und Flugblättern befasst, alle noch vorhandenen geheimen NS- Stimmungsberichte zur "Judenfrage" untersucht und zusätzlich Informationen aus Tagebüchern, Gerichtsakten, Aufzeichnungen ausländischer Besucher und anderen Quellen zusammengetragen. Longerich weist nach, dass die Judenverfolgung im Deutschen Reich nicht nur in aller Öffentlichkeit stattfand, sondern dass das NS-Regime ab Ende 1941 immer wieder gezielte Hinweise auf die "Vernichtung" der Juden gab. Die konkreten Einzelheiten des Massenmordes unterlagen zwar strikter Geheimhaltung, doch diese wurde immer wieder durchbrochen. Durch seine Propagandapolitik versuchte das Regime der Bevölkerung zu signalisieren, dass sie zu Mitwissern und Komplizen eines Verbrechens ungeheuerlichen Ausmaßes geworden und ihr Schicksal auf Gedeih und Verderb mit der Existenz des Regimes verbunden war.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.12.2006

Peter Longerich kritisiert die "Lebenslügen" der deutschen Bevölkerung, nimmt sie aber zugleich auch in Schutz, konstatiert Rezensent Jörg Später. Longerich zufolge habe "man" das alles nicht so gewollt, aber sich "gefügt". Für seine These berufe sich der Autor besonders auf die Stimmungsberichte der Sicherheitsdienste, die er neu zu lesen vorschlage, als Dokumente nötiger Staatspropaganda gegenüber einem fehlenden antijüdischen Konsens in der Gesellschaft. Der Rezensent findet diese Lesart zwar einleuchtend, verweist aber mit einem Fragezeichen auf die vielen namhaften Autoren, die demnach bisher sehr naiv gewesen sein müssten. Plausibler aus Sicht des Rezensenten ist hingegen Longerichs Forderung, die Quellen auf das "Eigeninteresse" hin abzuschätzen. Kritisch bewertet der Rezensent wiederum, dass der Autor kritische Quellen gegenüber der deutschen Bevölkerung vernachlässigt oder gar ausspart, insbesondere fehlen ihm Zeugnisse der deutschen Juden.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.10.2006

Bestnoten vergibt Rezensent Daniel Koerfer an diese "umfangreiche" Studie über die Mitwisserschaft der deutschen Zivilbevölkerung am Holocaust, die zu ganz anderen Ergebnissen als Daniel Goldhagen vor einigen Jahren gekommen sei. Peter Longerich habe ausgesprochen differenziert unterschiedlichste Quellen ausgewertet, die fast ausschließlich in den Jahren 1933-1945 entstanden seien. Das Material reiche von Verordnungen, Gesetzen und Tagebuchaufzeichnungen, über Protokolle von Reichspropaganda- und Gauleiterkonferenzen bis zu 24 Tageszeitungen. Anhand dieses Materials belege der Autor, dass es in der Bevölkerung zwar keinen "tief verwurzelten" Antisemitismus, doch ein gezieltes "Wegschauen" gegeben habe. Und auch, dass das Regime "massive Indoktrinationsversuche" unternahm, die Bevölkerung auf Linie zu bringen und antisemitische Sprachregelungen durchzusetzen. Als dies nicht im gewünschten Umfang gefruchtet habe, sei die Bevölkerung zum heimlichen Komplizen am Völkermord gemacht worden, dem man zwar Einzelheiten verschwieg, doch über das Vernichtungsziel insgesamt keine Zweifel ließ, dessen Durchführung zudem vor aller Augen geschehen sei. Auch die verschiedenen Etappen dieses Prozesses, der schließlich in die "Davon-haben-wir-nichts-gewusst"-Haltung der Nachkriegsdeutschen mündete, fand der Rezensent überzeugend nachgezeichnet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2006

Überaus instruktiv erscheint Rezensent Hans-Jürgen Döscher diese Studie, die der Historiker Peter Longerich vorgelegt hat. Die Frage, was ganz normale Deutsche von der Judenverfolgung und dem Holocaust wussten, bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung. Dazu analysiere Longerich die antisemitische Propaganda des Regimes und deren Aufnahme in der deutschen Bevölkerung, um sie dann mit den amtlichen Stimmungsberichten zur "Judenfrage" und privaten Aufzeichnungen unterschiedlicher Provenienz zu vergleichen. Ein Ergebnis der "akribischen" und "quellengesättigten" Studie sieht Döschner in dem Nachweis, dass die Judenverfolgung weitgehend öffentlich stattfand und das Regime zudem gezielt Hinweise auf die Vernichtung der Juden in die Öffentlichkeit gab. Die Erkenntnisse Longerichs werden nach Ansicht Döschers "breites Aufsehen hervorrufen", und das auch in der allgemeinen Öffentlichkeit.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.05.2006

Mit seiner Kernthese halte der Autor nicht weniger als ein "Plädoyer für Versöhnung", anerkennt Rezensent Hans Mommsen. Die deutsche Bevölkerung sei Peter Longerich zufolge nämlich keineswegs so bis ins Blut antisemitisch gewesen, wie es häufig behauptet werde. Gewissermaßen indirekt sei der Autor zu dieser Folgerung gekommen, wenn er aus der NS-Propaganda und ihren Zielen einen noch nicht erreichten Zustand ablese. Zumindest bis 1939 sei der verordnete Antisemitismus sogar "überwiegend" auf Ablehnung gestoßen. Beispielsweise das von Goebbels lancierte Pogrom der so genannten Reichskristallnacht und der formelle Abbruch der Aktion sehe Longerich zu Recht als Beweis seiner These. "Irreführend" ist aus Sicht des Rezensenten hingegen, wenn das Pogrom als Ablenkung von der drohenden Kriegsgefahr verstanden werde. Longerichs Resümee, meint Mommsen, sei hingegen "ausgewogen", wenn er sowohl eine zunehmende Kontamination mit antisemitischen Vorurteilen konstatiere, aber gleichzeitig eine zunehmende Tendenz zur Verdrängung. Dies, betont der Rezensent, sei moralisch etwas anderes, als die Auffassung von einer "moralischen Indifferenz" der Deutschen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2006

Nobert Frei findet Licht und Schatten in Peter Longerichs Studie. Auf einleuchtende Weise lokalisiere der Autor die Wurzeln der vorgeblichen Unwissenheit der Deutschen über den Holocaust nicht im Nachkriegsdeutschland, sondern bereits in der zweiten Kriegshälfte, meint der Rezensent. Longerich habe sich bei seiner überaus "dichten Quellenstudie" auf neue Detail- und Regionalstudien stützen können. Seine gegen Goldhagen vorgetragene Kernthese hält der Rezensent dagegen für fragwürdig. Danach hätten sich die Nationalsozialisten keineswegs schon seit 1933 auf einen "breiten radikal-antisemitischen Konsens" in der Bevölkerung stützen können, nur so seien die groß angelegten Propagandakampagnen zu erklären. Besonders "aufschlussreich", so der Rezensent, ist das Kapitel über die "Reichskristallnacht", während die Darstellung der antisemitischen Kampagnen in ihrem Bezug zu den "internen Überlegungen" der Regimespitze weniger gelungen sei. Insbesondere einer zentralen Schlussfolgerung Longerichs kann der Rezensent nicht folgen, wenn dieser die "Indifferenz" der Deutschen gegenüber dem Schicksal der Juden seit 1942 eher als "erzwungene Verhaltensweise" denn als "wahre Einstellung" versteht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.04.2006

Peter Longerich hat, so bescheinigt ihm Rezensent Volker Ullrich, "ein exzellentes Buch" geschrieben, "das für eine längst fällige Korrektur unseres Geschichtsbildes sorgt". Longerichs Antwort auf die Frage nach dem Wissen der Deutschen über den Holocaust falle differenziert aus: Indem das NS-Regime einerseits ihren Willen zur "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" - so Hitler in seiner Reichstagsrede vom 30.1.1939 - laut hinausposaunte, andererseits aber eine Verschleierungs- und Verhüllungstaktik verfolgte hinsichtlich der konkreten Umsetzung seiner Absichten, verstrickte es die deutsche Bevölkerung in ein Gefühl der "Mithaftung für das Verbrechen". Daraus resultierte allgemeine Verdrängung, ein dumpfes Schuldgefühl. Gerade am Ende des Krieges empfanden, das weisen Longerichs mit einem "Höchstmaß an quellenkritischer Sorgfalt" durchgeführte Untersuchungen nach, viele Deutsche eine tiefe Angst vor der Bestrafung für das beispiellose Völkerverbrechen. So "methodisch reflektiert", schwärmt Ullrich, so "akribisch genau" habe dieses überaus heiklen Themas sich noch keiner angenommen.
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