Der 8. Oktober

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518475300
Gebunden, 103 Seiten, 12,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Michael Adrian. Am 7. Oktober 2023 verübte die radikalislamische Terrormiliz Hamas verheerende Anschläge in Israel. Doch am nächsten Tag dominierte nicht Mitgefühl für die Angegriffenen die öffentliche Meinung. Vielmehr wurden die Attacken in progressiven Kreisen von Berlin über Paris bis New York als Akt des Widerstands legitimiert, ja teilweise sogar bejubelt. Woher kommt dieser Hass, der sich selbst für moralisch überlegen hält?
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Rezensentin Tania Martini ahnt, dass die Soziologin Eva Illouz das Unmögliche versucht, wenn sie sich daran macht, den erstarkenden Antisemitismus in der progressiven Linken zu erklären. Der vorliegende Essay stellt fest, dass Tugend dabei eine Rolle spielt, erkennt Martini. Illouz analysiert und kritisiert postmoderne Theorien, die sich auf moralische Autorität stützen statt auf wissenschaftliche Verfahrensweisen. Das ist laut Martini durchaus polemisch vorgebracht, leuchtet aber ein. Ein anregender, augenöffnender Text zum 8. Oktober, meint Martini, die auch Illouz' Hinweise auf zeitgeschichtliche Aspekte in Frankreich und den USA lesenswert findet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.10.2025
Rezensent Michael Hesse findet, dass die bekannte israelische Soziologin in ihren Überlegungen über neue antisemitische Denkmuster in der westlichen, progressiven Linken trotz anregender Ansätze zu kurz greift. Ausgehend vom im Titel referenzierten Hamas-Überfall, beobachtet sie, dass Mitleid im Westen zu einer "selektiven Ressource" geworden ist, die nur bestimmten Gruppen zuteil wird, zu denen Juden und Jüdinnen ihres Erachtens nach längst nicht mehr gehören. Israel ist inzwischen aufgrund der Logik verbreiteter antikolonialistischer Theorien zu einem Inbegriff des Bösen geworden, wodurch ein virulenter Antizionismus intellektuellen Linken den Komfort eines einfach gedachten, moralischen Schwarz-Weiß-Denkens bietet, resümiert der Kritiker. Antisemitismus tarne sich so als gerechtfertigter Hass. Auch wenn Illouz am Ende für ein universelles Mitleid plädiert, sieht Hesse in ihren Ausführungen den Nährboden für "gefährliche Verkürzungen". Illouz weise flächendeckend jede Israel-Kritik als antisemitisch ab, was dadurch Antisemitismus als Kategorie verwässere und die klare Benennung eines Genozids erschwere.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2025
Rezensent Guido Kalberer liest einen klugen Essay von Eva Illouz zu den unmittelbaren Reaktionen auf den 7. Oktober: Es gab oftmals kein Mitgefühl, sondern von linken, antikolonialen Seiten "krankhaften Jubel". Das erklärt die Soziologin für Kalberer mit einem "tugendhaften Antisemitismus", der aus der Solidarisierung mit den Palästinensern gegen Israel entsteht - und ihr zufolge viel mit dem gerade in den USA verbreiteten Poststrukturalismus zu tun hat. Diese Theorie neige dazu, ihre Rückanbindung an die Realität aufzugeben und so eine Entkopplung von Moral möglich zu machen. Zudem würden Juden als "dominante Minderheit" wahrgenommen, der ein sozialer Aufstieg leicht falle. Für Illouz, selbst Linke, ist besonders wichtig, dass die globale Linke sich kritisch hinterfragt und aufhört, Tatsachen zu verdrehen, erfahren wir zum Abschluss vom Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 20.09.2025
Warum gibt es "progressive" Akteure, die das Hamas-Massaker am 7. Oktober feiern, fragt sich Rezensent Ulrich Gutmair und nimmt zwei neue Bücher von Eva Illouz und Adam Kirsch zur Hand. Er macht zu Beginn seiner Besprechung klar, dass Illouz kein Buch über den schrecklichen Krieg in Gaza geschrieben hat, sondern über die Eskalation innerhalb der Linken. Für die Soziologin sind die Geisteswissenschaften und ihre Theorien ein bedeutender Sündenbock: Der Poststrukturalismus habe ermöglicht, Begriffe wie Macht ihrer materiellen Bedeutung zu entkleiden und sie zu instrumentalisieren. Das überzeugt Gutmair nur bedingt, für ihn ist wenig überraschend, dass Theorien von "nicht so klugen Leuten" falsch verstanden und genutzt werden. Schon eher überzeugt ihn, wie die Autorin Traditionslinien von Stalins Antizionismus bis hin zur Muslimbrüderschaft und ihrer antiliberalen Ideologie zieht. Abschließend betont Gutmair, dass Illouz sich für eine differenzierte Sichtweise einsetzt, bei der Israel und die Rechte der Palästinenser verteidigt werden.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 18.09.2025
Als ein Musterbeispiel für kluge, analytisch präzise linke Kritik an linkem Antisemitismus und Antizionismus beschreibt Rezensent Marko Martin Eva Illouz' schmale Schrift. Die ihren Ausgangspunkt beim Tag nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 nimmt, beziehungsweise konkreter, so Martin, an den gefühlskalten bis hasserfüllten Reaktionen vieler Linker mit Blick auf jüdische Opfer. Das zentrale Argument fasst Martin folgendermaßen zusammen: Schon lange vor dem 7. Oktober hatte sich in der Linken eine verkümmerte Version von Machtkritik etabliert, die alles Übel dieser Welt in sprachliche Strukturen auflöst - und freilich mit dem israelischen Staat ein letztes, nicht dekonstruierbares Feindbild übrig lässt, auf das sich alle einigen können. Martin stellt klar, dass Illouz keineswegs die Besetzung des Westjordanlandes oder Ähnliches verteidigen möchte, sie ist selbst Netanjahu-Kritikerin, wendet sich aber gegen eine Delegitimierung Israels, die historisch an antiimperialistische Sowjetpropaganda anschließt. Sehr hilfreich ist das alles, schließt der rundum überzeugte Rezensent, wenn man linken Verirrungen dieser Tage etwas entgegnen möchte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 16.09.2025
Ein starkes und durchaus notwendiges Buch über die teils freudigen Reaktionen vieler Linker auf die Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober hat Eva Illouz geschrieben, meint Rezensentin Catherine Newmark. Der Essay verfolgt drei Argumentationsstränge, erstens geht es um Entwicklungen in den Geisteswissenschaften, zum Beispiel hinsichtlich eines einseitigen Fokus auf eine zunehmend ahistorische Machtkritik; zweitens um US-amerikanische Zeitgeschichte, beziehungsweise die Opferkonkurrenz zwischen Juden und Afroamerikanern, die zu Entsolidarisierung führt; und drittens um den Postkolonialismus, der auf Israel als einen "weißen" Staat blickt und der mancherorts Verbindungen zwischen islamistischen und linken Kräften stiftet. Manchmal malt Illouz zwar schon mit arg breitem Pinsel, so Newmark, insgesamt jedoch ist ihre Argumentation stringent und zeigt anschaulich, wie gerade im universitären Kontext ein vermeintlich moralisch integrer Hass auf Israel gedeihen konnte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.09.2025
Enttäuscht ist Rezensentin Sonja Zekri von Eva Illouz' Buch zum 7. Oktober. Und zwar, weil Illouz eben tatsächlich ein Buch ausschließlich über den 7. Oktober, beziehungsweise die empathielosen Reaktionen vieler Linker auf die Hamas-Morde geschrieben hat und andere Themen, über die Zekri auch gerne etwas gelesen hätte, außen vor lässt. Die Frage, warum viele Linke reagierten wie sie reagierten, beantwortet Illouz Zekri zufolge klar: Schuld ist der linke Antisemitismus, die Autorin leitet das theoretisch über poststrukturalistische und andere Positionen ab. Zekri kann mit der Argumentation, die auf einen neuen, "sich tugendhaft gebenden Antisemitismus" (Illouz) hinaus läuft, wenig anfangen, möchte in ihr höchstens einen Ausdruck persönlicher Betroffenheit erkennen. Einige ihrer knapp vorgetragenen Kritikpunkte: Die toten Palästinenser kommen nicht vor im Buch, Illouz schreibt vorwiegend über französische, US-amerikanische und schwedische Reaktionen, nicht aber über (philosemitische) deutsche, außerdem unterscheidet sie nicht zwischen Islam und Dschihadismus. So nicht, bitte mehr Komplexität wagen, könnte man diese insgesamt klar negative Besprechung zusammenfassen.