Israel im Krieg
Ein Tagebuch

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406824562
Gebunden, 204 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Friedländer, inzwischen 91 Jahre alt, hatte sein Tagebuch schon zur Seite gelegt. Doch dann kam der 7. Oktober. Der Angriff der Hamas auf Israel, bei dem Männer, Frauen, Teenager, selbst Babys wahllos ermordet und mehr als 200 Menschen als Geiseln verschleppt wurden, ist der düstere Beginn eines neuen Kapitels im Nahost-Konflikt. Saul Friedländer, der jener Generation angehört, die den Staat Israel mit aufgebaut hat, ein liberaler Jude und Anhänger der Zweistaaten-Lösung, der die Politik Israels immer wieder scharf kritisiert hat, sieht sein Land nun nicht nur von innen, sondern auch von außen erneut akut bedroht. Nicht zuletzt registriert der Holocaustforscher eine erschreckende Wiederkehr des Antisemitismus. Sein um Fassung ringendes, immer wieder in Rückblenden die Geschichte des Konflikts rekapitulierendes Tagebuch legt Zeugnis davon ab, wie fragil all das ist, was einst für verfolgte Juden in aller Welt als Heimstatt und gelobtes Land begonnen hat.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.10.2024
Gleich drei Bücher zum Jahrestag des 07. Oktobers nimmt sich Rezensent René Wildangel vor, der sich als Historiker vorwiegend mit dem Nahen und Mittleren Osten befasst: Der Holocaustforscher Saul Friedländer hat in dieser Zeit angefangen, ein Tagebuch zu schreiben, in dessen Einträgen Wildangel das Grauen jedes einzelnen Tages nachvollziehen kann. Dass es sich um eine außergewöhnliche Lage handelt, merkt er auch daran, wie oft Friedländer mit seinen Einschätzungen falsch liegt, so ist die Prophezeiung "Netanjahu ist am Ende" bislang nicht eingetreten. Manche "Schieflagen" gibt es allerdings in seinen Berichten, hält Wildangel fest, so schreibt Friedländer im Mai, dass die Anzahl an toten Kindern und Frauen in Gaza von der UN revidiert worden wäre - dem ist aber nicht so, stellt der Rezensent klar. Der Autor lehne die häufig gezogenen Parallelen zum Holocaust ab, der Antisemitismus der Hamas erinnere ihn aber an die nationalsozialistische Ideologie, fasst Wildangel zusammen. Außerdem vergleicht Friedländer den Krieg in Gaza mit dem Jom-Kippur krieg, der allerdings für Israel mehr Sicherheit bedeutete, ganz im Gegenteil zur jetzigen Situation. Der Kritiker hätte gerne noch mehr historische Vergleiche gelesen und dafür weniger Tagespolitisches, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 16.10.2024
Spürbar bewegt schreibt Rezensent Michael Hesse über dieses "beeindruckende Tagebuch", das den Krieg im Gazastreifen aufmerksam und "hellsichtig" verfolgt. Zwar lebt, lehrt und forscht der renommierte Holocaust-Historiker Saul Friedländer in Los Angeles, weit entfernt vom Austragungsort des Konflikts, doch meldet sich hier ein besonders kenntnisreicher Beobachter zu Wort, verspricht Hesse. Die Distanz stört den Rezensenten nicht, er lässt sich gespannt auf die Einschätzungen des Historikers ein: Die israelische Regierung unter Netanjahu unterstützt Friedländer keineswegs, kritisiert diese mehrfach, so Hesse. Dennoch sieht Friedländer die Hauptverantwortung für die Eskalation des Konflikts bei der Hamas, der Hisbollah und dem Iran. An vielen Stellen erinnert er auch an das Leid der palästinensischen Bevölkerung, was Hesse nicht zu betonen vergisst. Der einzige Ausweg aus dieser Situation ist für den Historiker eine Zweistaatenlösung, notiert Hesse. Schließlich begegnet der Rezensent hier einer zutiefst besorgten Stimme, die den schrecklichen Antisemitismus auf den Straßen westlicher Metropolen und an nordamerikanischen Universitäten nicht verschweigt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.10.2024
Rezensentin Victoria Eglau liest das Kriegstagebuch des israelischen Historikers Saul Friedländer und bemerkt sofort den kritischen Ton des Autors gegenüber den Ultrarechten in der israelischen Regierung und gegenüber Netanjahu. Der Autor prangert das "Versagen" des Ministerpräsidenten an und untersucht auch die menschliche Seite des Konflikts zwischen Israel und der Hamas, erklärt Eglau. Allzu viel Neues kann sie als informierte Leserin im Buch allerdings nicht entdecken. Friedländers Beunruhigung angesichts des erstarkenden Antisemitismus wie auch seine vorsichtige Erwägung eines Palästinenser-Staates kann Eglau gleichermaßen nachvollziehen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2024
Wenig hoffnungsvoll blickt Saul Friedländer Rezensent Helmut Mayer zufolge auf die aktuelle Lage Israels nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023. Seine Abscheu gegenüber der rechtsgerichteten, von religiösen Eiferern unterstützten Netanyahu-Regierung hatte Friedlander bereits im ersten Teil seines israelischen Tagebuchs artikuliert, erläutert Mayer, an seinen dahingehenden Einschätzungen hat sich auch nach dem 7. Oktober nichts geändert. Was hinzu kommt, ist, fährt die Rezension fort, das Erschrecken über einen wiedererstarkten Antisemitismus, in dem sich möglicherweise, überlegt Friedlander laut Mayer, muslimische und christliche Traditionen verbinden. Ein bisschen vage formuliert ist das gelegentlich, findet der Rezensent, klar und deutlich beschreibt Friedländer hingegen die akute Gefährdungslage Israels und auch die Mechanismen, die dazu führen, dass Israel in der internationalen Presse zumeist schlecht dasteht. Friedländer setzt zwar, führt Mayer abschließend aus, immer noch auf die Zweistaatenlösung als einzige Möglichkeit zur Beilegung des Konflikts, für das kommende Jahrzehnt macht er sich freilich wenig Illusionen. Was die zweite Front in Israels Norden betrifft, hat sich diese Prognose bereits bewahrheitet, stöhnt Mayer.