Aus dem Französischen von Nicola Denis. Mit dem Massaker vom 7. Oktober bricht Delphine Horvilleur der Boden unter den Füßen weg. Sie, deren Aufgabe als Rabbinerin es ist, das Leid anderer Menschen mit Worten zu lindern, Brücken der Verständigung zu bauen, fällt in einen Zustand ohnmächtigen Schmerzes. In einem mitreißenden inneren Gespräch - etwa mit ihren Großeltern, mit Antirassisten, mit ihren Kindern, mit dem Messias - geht Horvilleur auf sehr persönliche Weise dem jahrtausendealten Antisemitismus auf den Grund, aus dem sich ihre Angst speist. Sie umkreist ihn aus immer wieder neuen Perspektiven und setzt dem jede Menschlichkeit untergrabenden Hass den Glauben an die Kraft des Miteinandersprechens entgegen, den Aufruf zum Dialog. Ein essentieller Text, der klarmacht: Nur wenn wir offen dafür bleiben, den Schmerz der anderen wahrzunehmen, ist Hoffnung möglich.
Nach dem 7. Oktober war für Jüdinnen und Juden nichts mehr wie zuvor, das zeigt dem Rezensenten Jens Uthoff auch die Rabbinerin Delphine Horvilleur, eine von zwei weiblichen Rabbinerinnen in Frankreich. Er hat den Eindruck, Horvilleur musste sich grundlegend neu orientieren und findet Zuflucht in der jiddischen Sprache, die, ebenso wie das Judentum, von Erfahrungen des Exils und der Andersartigkeit geprägt ist. Die Autorin schreibt durchaus mit Humor "in Form von fiktiven Zwiegesprächen" darüber, wie sich vermeintlich Linke entsolidarisieren und sich allzu schnell antisemitisch verhalten. Der Kritiker lobt auch ihre Sprache, die etwa von "Kletterpflanzen des Hasses" spricht und geschickt Aktuelles mit jüdischer Kulturgeschichte wie der Entstehung des Liedes "Dos Kelbl" als Parabel auf die Deportationen verwebt. Am besten gefällt ihm der "suchende, grundehrliche Ton" Horvilleurs, wie er schließt.
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