Vollwaschgänge der Erinnerung

Von Paul Knittel
15.03.2012. Längere Zeit spürte man im Blätterwald kaum einen Hauch - zumindest nicht in der Literaturkritik. Dann erschien "Imperium" von Christian Kracht, und es entbrannte ein heftiger Streit. Und nun folgen sogar einige Selbstverständigungstexte. Wir verlinken auf die wichtigsten Artikel.Georg Diez' Vorwurf im Spiegel, Kracht sei der "Türsteher rechter Gedanken" fand viele Antworten. Zunächst nahm der Verlag Kiepenheuer & Witsch seinen Autor in Schutz. Jan Küveler verteidigte den Autor in der Welt, Felicitas von Lovenberg half in der FAZ und etwas später gesellte sich Jakob Augstein dazu. Iris Radisch und Uwe Timm kommentierten die Debatte in der Zeit, nur Timm bezog allerdings Stellung: Diez habe Figur und Autor zu sehr gleichgesetzt. In der taz war sich Jörg Magenau nicht ganz sicher. Er schrieb, dass Kracht harmlos sei, die Debatte selbst sei das Problem. Es folgte ein offener Brief namhafter Autoren an den Spiegel, darunter Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann, in dem sie dem Spiegel vorwarfen, die Grenze zur Denunziation überschritten zu haben. Kehlmann bezog auch in der Zeit noch einmal Stellung. Iris Radisch nahm den Ball in der Zeit wieder auf. Sie verteidigte die Kritik allgemein gegen den Eingriff der Autoren. Wenn Kritik spannend sein solle, müsse sie den Bezug zur realen Welt "hinter den Buchseiten" herstellen dürfen. Thomas Assheuer, ebenfalls in der Zeit, fand die Frage berechtigt, wer da eigentlich spreche im Roman. Schön: Thomas Zauggs kleine Zusammenstellung von Texten beim Magazin vor Krachts Lesung in Zürich. Diez entschärfte seine Aussagen nachher noch ein wenig, wofür er wiederum Kritik erntete: Roman Bucheli warf ihm in der NZZ vor, bei Gegenwind zu schnell einzuknicken - man fühlte sich an das länger zurückliegende Plädoyer in der Welt von Sibylle Lewitscharoff für mehr Kritik mit Biss erinnert - und ging die Vorwürfe nochmal durch.
Pünktlich zur Leipziger Buchmesse gewinnt die Debatte (etwas) höheres Terrain:
Helmut Böttiger führte in der SZ, von der Diez/Kracht-Debatte ausgehend, eine Spitze gegen den Literaturbetrieb, worin er sich gegen die "ständigen Bescheidwisser" wandte, die über Literatur schreiben, und gegen die Autoren, die ihr Schreiben zu sehr an deren Maschinerie ausrichteten. Der Artikel steht leider nicht online.
In der taz reagierte Dirk Knipphals und nahm die Bescheidwisser und die Autorinnen gleichermaßen in Schutz. Die Kritiker sollten sich auf den Wunsch der Autoren einlassen, die eigene Geschichte in ihren Büchern zu verarbeiten. Die Streitgespräche über die grundsätzlichen Fragen hört er, wenn überhaupt, nur hinter verschlossenen Türen und fragte sich: "Warum eigentlich?"
Ganz andere Töne schlug Burkhard Müller in der SZ an. Er wünschte sich von den Autoren mehr Mut zu lügen, mehr Erfundenes, weniger Verwurstung eigener Erlebnisse. Wenn mit dem Erstlingswerk das Pulver verschossen sei, woher dann einen gelungenen Nachfolger nehmen?, fragte er sich. Müller wünscht sich zwar mehr von unserem heutigen "Individuum" in der Literatur, aber eines, das nicht "nur" die Autorin ist, sondern sie transzendiert.
Grundsätzlicher ist auch Edo Reents' Attacke in der FAZ auf jüngere Bekenntnisbücher, die zwar nicht direkt der Belletristik, wohl aber dem "belletristischen Sachbuch" zuzuordnen seien. Ihn stört der aufdringliche Gebrauch des Wörtchens "Ich", etwa bei Carolin Emcke (hier) oder Ralf Bönt (hier) und schließt: "Und man denkt, ohne es freilich zu sagen: Was geht mich das an?"
Richard Kämmerlings fand in der Welt schon im Dezember, dass auch unsere Jungromanciers zuviel "ich" sagen und zuviel über "unser Reihenhaus in der Provinz" schreiben: "Literaturfähig scheint auch in diesem Jahr nur zu sein, was bereits durch mehrere Vollwaschgänge der Erinnerung gegangen ist und aus dem aller Schmutz der Aktualität rausgerubbelt wurde." Übrigens wundert sich Kämmerlings auch als einziger Zeitungskritiker, dass unsere Jungliteraten auch den Medienwandel nicht zur Kenntnis nehmen: "All diese sich ja nicht erst seit letzter Woche vollziehenden Veränderungen finden ausgerechnet bei Schriftstellern kaum statt, die a) jung und b) qua Medium direkt betroffen sind. Wie seltsam!"
Wiebke Porombka wendet sich in der FAZ anlässlich der Lit.Cologne den Literaturfestivals zu. Die meisten dieser Riesenveranstaltungen bewirken nur, dass große Verlage ihre Autoren besser vermarkten können, glaubt sie. Die Kleinen verlieren, die "Schere" im Literaturbetrieb gehe weiter auf. Auch fürchtet Porombka, dass dadurch der Druck auf Autorinnen wachse, markt- und massenkompatibel zu schreiben. Schön fände Porombka aber eine bessere Unterstützung für kleinere Veranstalter wie Buchhandlungen, die sich um ein Programm bemühen.
Das ist noch keine Debatte. Aber es ist ein Anfang.
Paul Knittel

Das Leistungsschutzrecht wird floppen

Von Thierry Chervel
07.03.2012. Groß ist die Aufregung im Netz über das jetzt doch noch geplante Leistungsschutzrecht für Verleger, das die schwarz-gelbe Koalition noch vor Ablauf der Legislaturperiode formulieren will. So groß, dass die halbe Niederlage der Verleger in den meisten Kommentaren übersehen wird. "Eines haben sie schon mal nicht durchgekriegt", sagt Matthias Spielkamp von irights.info, einer der besten Experten für das Thema, im Gespräch: "Gewerbliche Nutzer der Zeitungswebsites werden für das Lesen nichts bezahlen müssen." Denn in der Tat: das war einer der Träume der Lobbyisten. Sie argumentierten, dass Unternehmen wie Siemens oder Daimler ihre Zeitungsabos abbestellen, weil sie die Zeitungen ja jetzt angeblich online lesen können. Die Verleger wollten deshalb die Zeitungswebsites für solche Unternehmen sperren, um für die Freigabe dann kassieren zu können. Ein Traum von Zensur! Der Rest der deutschen Wirtschaft war von der Idee nicht so begeistert, und so heißt es dann im Papier des Koalitionsausschusses: "In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei."Der Argumentation der Verleger lag in diesem Punkt übrigens eine falsche Unterstellung zugrunde: Sie behauptete, dass die Zeitungen tatsächlich im Netz stünden – aber das ist meistens gar nicht der Fall. Niemand kann kostenlos im Netz die FAZ, die SZ, den Spiegel  oder die Zeit lesen, denn all diese Zeitungen stellen allenfalls ein Zehntel ihrer Artikel kostenfrei online. Der Rest ist hinter Zahlschranken verschanzt und für die Frage des Leitungsschutzrechts im Internet somit irrelevant. Weder Google News noch der Perlentaucher noch sonst irgendein Aggregator können auf diese Artikel verlinken.
Die Frage ist also, für welche Leistungen die Verleger überhaupt ein Leistungsschutzrecht wollen. Im Koalitionspapier heißt es, dass die "Hersteller von Presseerzeugnissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile erhalten sollen". Das klingt vage!
- Denn wer ist im Netz ein Hersteller von Presseerzeugnissen? Soll das Leistungsschutzrecht in erster Linie auf die Ableger von Printerzeugnissen wie der FAZ oder SZ angewendet werden? Sie bestehen zum größten Teil aus Tickerverschnitten und eigenen redaktionellen Leistungen der Online-Redaktionen, allenfalls ein kleiner Teil der Artikel stammt wie gesagt aus den Print-Zeitungen. Was macht ein solches Angebot nun eigentlich zu einem "Presseerzeugnis"? Wenn der Perlentaucher Tickerverschnitte und ein paar eigene Artikel anbieten würde – wäre er dann ein Presseerzeugnis? Könnte sich jedes Blog bei der zu gründenden Verwertungsgesellschaft anmelden? Wenn ja, wäre der Geldsegen aus dem Leistungsschutzrecht für die Zeitungen am Ende nicht recht mager? Warum sollte man für so einen geringen Ertrag überhaupt ein Gesetz machen und einen weiteren bürokratischen Moloch aufbauen?
- Und wofür wollen die Zeitungen eigentlich Leistungsschutzrecht? Christoph Keese, Cheflobbyist des Springer-Verlags und Hauptverfechter des Leistungschutzrechtes, versucht in seinem Blog zu beruhigen: "Nein, das Leistungsschutzrecht schränkt die Weitergabe von Informationen nicht ein. Das Zitatrecht wird nicht geändert, sondern umgekehrt: Es gilt mit allen bisherigen Bestimmungen auch beim Leistungsschutzrecht. Die Nachricht als solche wird ebenfalls nicht geschützt und wäre auch gar nicht schützbar. Frei bleibt auch der Link." Mit anderen Worten: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!
Gleichzeitig sagt Keese: "Wer gewerblich Inhalte kopiert, muss sich schon die Frage gefallen lassen, ob er nicht dafür bezahlen möchte." Damit meint er ja nicht Blogs oder andere Anbieter, die aus Unwissen oder wider besseres Wissen ganze Artikel kopieren, um ihre eigenen Medien damit zu schmücken. Denn um solche Missetaten zu verfolgen, reicht das Urheberrecht, und manche Zeitungen beschäftigen ganze Abteilungen, um Blogger abzumahnen, die einen Absatz aus einem Artikel kopiert haben. Nein, hier geht es um den "kleinen Teil", von dem im Koalitionspapier die Rede ist, um Überschriften und Unterzeilen von Artikeln oder Artikelanfänge, wie sie Google News verlinkt
Also so etwas wie: "Super Tuesday der Republikaner Wenn sich alle als Sieger fühlen, hat keiner… sueddeutsche.de - ?vor 17 Minuten?
Mitt Romney gewinnt den Super Tuesday, ohne zu überzeugen. Rick Santorum ist viel zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Newt Gingrich rettet sich mit seinem Sieg in Georgia - und selbst der glücklose Ron Paul will bis zum Ende kämpfen."
Auf diesen Artikelanfang setzt Google News den Link, um zur SZ zu verweisen, hierfür soll Google News bezahlen – das ist das, was Google "kopiert" und womit Google Christoph Keeses rechtschaffenen Zorn auslöst.
Jetzt ist die Frage, was durch das Leistungsschutzrecht an so einem Artikelanfang eigentlich geschützt werden kann. Die Nachricht, dass der Super-Tuesday keine Klärung des republikanischen Wettrennen um die Präsidentschaftskandidatur gebracht hat, soll ja zirkulieren dürfen. Der Satz "Wenn sich alle als Sieger fühlen", hebt als eigene Interpretation an, wird von Google in diesem Fall aber abrupt abgebrochen. Alles andere ist sprachlich ein wenig verbrämte Information. Ein Wort wie "glücklos" allein genügt nicht, um einen Satz schützenswert zu machen.
In dem Prozess, den FAZ und SZ gegen den Perlentaucher führten, zeigte sich der Bundesgerichtshof sehr kulant, was das "geistige Eigentum" (mehr hier) angeht, das sich die Zeitungen von den Autoren haben abtreten lassen, und stellte zum Beispiel Formulierungen wie "weltanschauliches Anliegen" oder "langatmige Ausbreitung von Altbekanntem" unter Kunstverdacht, so dass der Perlentaucher sie nicht einfach übernehmen darf.
Aber beim Leistungsschutzrecht soll es ja gerade nicht um diesen Kunstverdacht gehen, mit dem Zeitungen sonst ihre Ansprüche durchfechten. Dummerweise verdankt sich dieser Kunstverdacht ja auch immer den Urhebern, also den Autoren der Zeitungen, nicht den Zeitungen selbst. Das Leistungsschutzrecht soll jenseits dieses Verdachts gelten.
Was bleibt dann am Ende noch außer der nackten Information?
In der Musik gelten Leistungsschutzrechte etwa für Coverversionen. Joe Cocker hat Leistungschutzrechte an seiner Version von "Just a Little Help from My Friends", im Grunde also ebenfalls für eine eigene Leistung, die etwas zum Original hinzufügt und als schützenswert erachtet wurde. Die Lobby der Musikindustrie hat es übrigens gerade geschafft, dieses Leistungsschutzrecht von fünfzig auf siebzig Jahre auszudehnen. Sie war trotzdem traurig, denn sie wollte eigentlich 95 Jahre! (Aktualisierung vom 8.3.: Zu diesem Absatz gibt es eine Korrektur, s. Kommentare)
Aber im Fall eines Snippets wie dem oben zitierten dürfte es unmöglich sein, die "redaktionell-technische Festlegung" von der schieren Information zu trennen: Faktisch würde ein Leistungsschutzrecht darum tatsächlich die Zirkulation von Informationen behindern – und man darf hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht dieses entscheidende Allgemeingut dann doch über die Privatinteressen deutscher Verleger stellen wird.
Um es mit Matthias Spielkamp in seinem höchst lesenswerten Grundsatzartikel auf diskurs@dradio zu sagen: "Es ist nicht klar, warum das Leistungsschutzrecht eingeführt werden soll, wem es helfen und was es schützen soll." Hoffen wir, dass die Politik einen Weg findet, das Projekt fallen zu lassen. Bestand hat es jedenfalls nicht.
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Vollwaschgänge der Erinnerung

15.03.2012. Längere Zeit spürte man im Blätterwald kaum einen Hauch - zumindest nicht in der Literaturkritik. Dann erschien "Imperium" von Christian Kracht, und es entbrannte ein heftiger Streit. Und nun folgen sogar einige Selbstverständigungstexte. Wir verlinken auf die wichtigsten Artikel.Georg Diez' Vorwurf im Spiegel, Kracht sei der "Türsteher rechter Gedanken" fand viele Antworten. Zunächst nahm der Verlag Kiepenheuer & Witsch seinen Autor in Schutz. Jan Küveler verteidigte den Autor in der Welt, Felicitas von Lovenberg half in der FAZ und etwas später gesellte sich Jakob Augstein dazu. Iris Radisch und Uwe Timm kommentierten die Debatte in der Zeit, nur Timm bezog allerdings Stellung: Diez habe Figur und Autor zu sehr gleichgesetzt. In der taz war sich Jörg Magenau nicht ganz sicher. Er schrieb, dass Kracht harmlos sei, die Debatte selbst sei das Problem. Es folgte ein offener Brief namhafter Autoren an den Spiegel, darunter Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann, in dem sie dem Spiegel vorwarfen, die Grenze zur Denunziation überschritten zu haben. Kehlmann bezog auch in der Zeit noch einmal Stellung. Iris Radisch nahm den Ball in der Zeit wieder auf. Sie verteidigte die Kritik allgemein gegen den Eingriff der Autoren. Wenn Kritik spannend sein solle, müsse sie den Bezug zur realen Welt "hinter den Buchseiten" herstellen dürfen. Thomas Assheuer, ebenfalls in der Zeit, fand die Frage berechtigt, wer da eigentlich spreche im Roman. Schön: Thomas Zauggs kleine Zusammenstellung von Texten beim Magazin vor Krachts Lesung in Zürich. Diez entschärfte seine Aussagen nachher noch ein wenig, wofür er wiederum Kritik erntete: Roman Bucheli warf ihm in der NZZ vor, bei Gegenwind zu schnell einzuknicken - man fühlte sich an das länger zurückliegende Plädoyer in der Welt von Sibylle Lewitscharoff für mehr Kritik mit Biss erinnert - und ging die Vorwürfe nochmal durch. Von Paul Knittel

Das Leistungsschutzrecht wird floppen

07.03.2012. Groß ist die Aufregung im Netz über das jetzt doch noch geplante Leistungsschutzrecht für Verleger, das die schwarz-gelbe Koalition noch vor Ablauf der Legislaturperiode formulieren will. So groß, dass die halbe Niederlage der Verleger in den meisten Kommentaren übersehen wird. "Eines haben sie schon mal nicht durchgekriegt", sagt Matthias Spielkamp von irights.info, einer der besten Experten für das Thema, im Gespräch: "Gewerbliche Nutzer der Zeitungswebsites werden für das Lesen nichts bezahlen müssen." Denn in der Tat: das war einer der Träume der Lobbyisten. Sie argumentierten, dass Unternehmen wie Siemens oder Daimler ihre Zeitungsabos abbestellen, weil sie die Zeitungen ja jetzt angeblich online lesen können. Die Verleger wollten deshalb die Zeitungswebsites für solche Unternehmen sperren, um für die Freigabe dann kassieren zu können. Ein Traum von Zensur! Der Rest der deutschen Wirtschaft war von der Idee nicht so begeistert, und so heißt es dann im Papier des Koalitionsausschusses: "In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei."Der Argumentation der Verleger lag in diesem Punkt übrigens eine falsche Unterstellung zugrunde: Sie behauptete, dass die Zeitungen tatsächlich im Netz stünden – aber das ist meistens gar nicht der Fall. Niemand kann kostenlos im Netz die FAZ, die SZ, den Spiegel  oder die Zeit lesen, denn all diese Zeitungen stellen allenfalls ein Zehntel ihrer Artikel kostenfrei online. Der Rest ist hinter Zahlschranken verschanzt und für die Frage des Leitungsschutzrechts im Internet somit irrelevant. Weder Google News noch der Perlentaucher noch sonst irgendein Aggregator können auf diese Artikel verlinken. Von Thierry Chervel