9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2026 - Kulturpolitik

Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer möchte ein neues Gedenkstättenkonzept vorlegen, welches sich auf Verbrechen im Nationalsozialismus und unter der SED-Diktatur fokussiert, für den deutschen Kolonialismus soll ein eigenes Konzept angedacht, anders als es Weimers Vorgängerin Claudia Roth geplant hatte (unsere Resümees). Der Literaturwissenschaftler Ibou Coulibaly Diop, der an dem Konzept unter Roth mitgearbeitet hat, betont im SZ-Interview, weshalb der Kolonialismus auch ins aktuelle Gedenkenstättenkonzept gehört: "Kolonialismus betrifft nicht nur die Menschen mit Migrationshintergrund, ebenso wenig wie Antisemitismus nur ein Problem jüdischer Menschen ist. Kolonialismus ist tief verwurzelt in der deutschen Mentalitätsgeschichte. (...) Wenn wir in Zukunft in einem Land leben möchten, in dem offen rassistische und antisemitische Politiker und Politikerinnen nicht im Deutschen Bundestag sitzen, müssen wir uns neben dem Holocaust und dem SED-Regime eben auch mit der Kolonialgeschichte auseinandersetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Kulturpolitik

Ausgerechnet von der Schweiz könnte Deutschland lernen, wie vorbildlich restituiert werden kann, staunt Nicola Kuhn im Tagesspiegel mit Blick auf das Zürcher Museum Rietberg: "Mit dem Musée des Civilisations in Abidjan an der Westküste Afrikas hat es jetzt eine gemeinsame Ausstellung eröffnet, die auf das Archiv des deutschen Ethnologen Hans Himmelheber zurückgeht, der zwischen 1933 und 1976 in der Region forschte. Sein Nachlass befindet sich heute im Rietberg Museum, das sein Wissen mit dem Herkunftsland teilen wollte. Doch mehr noch: Die Familie Hans Himmelhebers entschied sich zur Übergabe von 107 Artefakten aus Côte d'Ivoire und Liberia, die sich in ihrem Besitz befanden." Himmelhebers ältester Sohn Eberhard Fischer, ebenfalls Ethnologe, möchte allerdings nicht von Restitution, sondern von Schenkung sprechen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2025 - Kulturpolitik

In Berlin wird die Kulturpolitik oft thematisiert. Aber Berlin ist keineswegs allein mit seinen drastischen Kürzungen in den Etats. Vanessa Fatho schreibt in der FAZ über Stuttgart: "Insgesamt müssen in Stuttgart rund 900 Millionen Euro eingespart werden, auch getrieben von unvorhergesehenen Einbrüchen bei der Gewerbesteuer (Stichwort: schwächelnde Autoindustrie). Neben der Kultur sind auch Bildung und Soziales von starken Kürzungen betroffen." Ebenfalls in der FAZ fasst Marc Zitzmann die schmerzhafte Pariser Debatte über Sicherheitsversäumnisse im Louvre zusammen.
Stichwörter: Stuttgart

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2025 - Kulturpolitik

Stuttgart, Berlin, München Karlsruhe - alles Städte, die in ihren kommenden Haushalten an der Kultur sparen, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. "Der Grund, weshalb die Kulturetats der Städte bundesweit unter Druck geraten, ist die schwierige Haushaltslage der Kommunen. Ihre gestiegenen Kosten, etwa für Ganztagsbetreuung, Unterbringungskosten, Sozialausgaben, stehen schon länger in keinem Verhältnis zu den stagnierenden Einnahmen. Seit Monaten machen die Bürgermeister parteiübergreifend mit Brandbriefen und Statements, die immer mehr wie Hilferufe klingen, auf ihre strukturelle Notlage aufmerksam. Vor drei Wochen hat der Präsident des Deutschen Städtetags, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), die Situation so zusammengefasst: 'Die Städte können nicht mehr. Die städtischen Haushalte kollabieren reihenweise, mittlerweile auch in den reicheren Bundesländern.'" Es stehen also an allen Standorten Einsparungen an. Wie sich allerdings eine langfristige und mit weniger Einsparungen verbundene Finanzierung hinbekommen lässt, bleibt offen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2025 - Kulturpolitik

Wie sollen Gemeinden mit antisemitischen Skulpturen an Kirchen umgehen? Am Beispiel der Stadt Calbe, die eine "Judensau"-Skulptur aus dem 19. Jahrhundert nun "eingefriedet" hat, diskutiert Nikolaus Bernau im Tagesspiegel das Thema. Der Bildhauer Thomas Leu hat die obszöne Figur mit metallenen, goldenen Ölzweigen umfasst. Es liegt hier ein besonderer Fall vor, erklärt Bernau, denn die Figur stammt nicht, wie viele andere, aus dem Mittelalter: "Erst seit etwa 1870 nämlich verbanden Antisemiten in ihren Zeitschriften und Grafiken das Sau-Motiv mit der Kippa und den Schläfenlocken, um gegen Juden an sich, gegen Liberalismus, Kapitalismus, westliche Demokratie oder arme Einwanderer vorzugehen. Die Skulptur ist also höchstwahrscheinlich ein Zeugnis des real in der Kaiserzeit in der evangelischen Kirche Preußens grassierenden Antisemitismus, nicht 'nur' eines des mittelalterlich-christlichen Antijudaismus."
Stichwörter: Antisemitismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2025 - Kulturpolitik

Ist doch gar nicht so schlecht, was Wolfram Weimer bisher auf die Beine gestellt hat, findet Marc Reichwein, der den Kulturstaatsminister nach Dachau begleitet hat, in der Welt und zählt auf: Ein Zuwachs von 9,5 Prozent bei der Kulturförderung insgesamt, Verdoppelung der Filmförderung, das neue Gedenkstättenkonzept. Und was die Gipfel am Tegernsee angeht, sieht Reichwein die auch nicht so kritisch - Weimer sei schließlich kein Berufspolitiker, sondern Quereinsteiger. Überhaupt: "Seit der Nominierung arbeitet sich der Kulturbetrieb an der Personalie ab, ein Großteil der Kritik von links blieb aber Folklore: Weimers sogenanntes 'Gender-Verbot' für seine Behörde entpuppte sich als schlichte Praxis, den geltenden Regeln der deutschen Rechtschreibung zu folgen... Die viel stärkere Kritik formierte sich von rechts, in Portalen wie Nius und Apollo News. Vielleicht, weil sich der parteilose Weimer als Mann der Mitte versteht, liberal-konservativ, und die extremistischen Ränder als Autoritarismus bekämpft? Weimer ist, was den Umgang mit der AfD angeht, Team Brandmauer."
Stichwörter: Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2025 - Kulturpolitik

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube piekt mit seiner spitzesten Feder zu, um die verbliebene Luft aus dem "Windbeutel Weimer" zu lassen. Seriös findet er ihn wirklich nicht, Weimer nenne sich zu Unrecht Germanist, erkläre die FAZ ungefragt zu seinem Medienpartner und weiteres. "Das mag man ihm durchgehen lassen, Politik ist ein schwieriges Geschäft. Weimer hat keine Basis in Partei und Fraktion, gibt darum vielleicht kompensatorisch den Intellektuellen. Sprüche aber bestimmen bislang auch seine Kulturpolitik. Weder in Sachen Restitutionsgesetz noch in der Frage der Finanzierung der Bayreuther Festspiele, noch auch in Bezug auf die Nürnberger NS-Kongresshalle ist seit seinem Amtsantritt vor sieben Monaten irgendetwas von Belang geschehen." 

Michael Bartsch zieht für die taz eine recht positive Bilanz des Kulturhauptstadtjahrs in Chemnitz - bange Fragen stellen sich dennoch: "Bleiben werden von diesem Kulturhauptstadtjahr die sogenannten Interventionsflächen, also die umgestalteten Parks und öffentlichen Räume. Der 18 Kilometer lange Kulturpfad Höhenweg oder der zu einem soziokulturellen Areal ausgebaute ehemalige Abfallhof. Schwieriger sieht die Zukunft aufgebauter Strukturen aus. Über tausend freiwillige Helfer haben die organisatorische Arbeit wesentlich mitgetragen und werden nun nicht mehr gebraucht. Wo betätigen sie sich weiter, wo finden auch Hauptamtliche neue Jobs?"

Die meisten Menschen kommen wegen der Kultur nach Berlin, aber nicht für die, die in einem nicht rechtfertigbaren Ausmaß subventioniert wird, schreibt Claudius Seidl in der SZ. Da vor allem die großen Häuser von den Subventionen profitierten, sollte die Berliner Kulturpolitik eine Umverteilung von oben nach unten organisieren, findet er. "Sollte man, als Kulturpolitiker, das bürgerliche Publikum nicht viel öfter an diese Umverteilung erinnern - und speziell jenen Teil des Publikums, der den gesamten Berliner Kulturetat aus seinem Privatvermögen finanzieren könnte, ohne davon arm zu werden? Wenn es das gäbe, ein ernstzunehmendes Mäzenatentum, bliebe der Stadt endlich genug Geld für all die kleinen und kleinsten Bühnen, Atelierhäuser, Kunstprojekte, deren Weiterbestehen jetzt so gefährdet ist. (...) Es ist trotzdem alle Mühen wert, die Künstler vor noch grausamerer Selbstausbeutung, vor Arbeitslosigkeit und dem Kellnern zu retten." Bliebe noch zu fragen, wer das Budget der drei Berliner Opernhäuser in Höhe von 160 Millionen Euro jährlich aus seiner Privatschatulle finanzieren könnte.

Außerdem: Die mutmaßliche Affäre um die Mittel aus dem Berliner Budget, die der ehemalige Kultursenator Joe Chialo an dubiose Firmen gegeben haben soll (unsere Resümees), zieht laut Peter Laudenbach in der SZ weitere Kreise. Auch Chialos Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson soll wenig gegen diese Mittelvergabe unternommen haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2025 - Kulturpolitik

Im Humboldt-Forum waren die restitutierten Benin-Brozen öffentlich ausgestellt, aber sie standen im illegitimen Kontext kolonialer Diebstähle. Nun wurden sie nach allgemeiner Auffassung zurecht an Nigeria zurückgegeben und sind dort - zumindest vorerst - nicht mehr öffentlich. Aber Gilbert Lupfer, Experte für Kulturgutverluste, findet das im Gespräch mit Sophie Jung von der taz gut so: "Wenn man etwas zurückgibt, dann muss man es ohne Wenn und Aber tun. Man kann die Hoffnung haben, dass die Objekte angemessen behandelt werden, aber Rückgabe ist Rückgabe. Gerade im kolonialen Kontext hat man immer wieder mit vielen Interessengruppen zu tun, die unterschiedliche Ziele verfolgen. Was sich jetzt in Nigeria ereignet, ist nigerianische Politik, die man nur zum Teil versteht. Ich fand die hiesige Empörung, als der nigerianische Staat 2023 die restituierten Benin-Bronzen an den Oba übereignete, scheinheilig. In Deutschland wurden auch bis vor Kurzem noch Kunstwerke an ehemalige Königshäuser zurückgegeben." Und ist das auch gut so?
Stichwörter: Benin-Bronzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2025 - Kulturpolitik

Die Weimer Media Group des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer veranstaltet einen "Ludwig-Erhard-Gipfel" am Tegernssee und verkauft Wirtschaftsführern, die mit Politikern plaudern wollen, die Nähe dieser Politiker - was bis zu 80.000 Euro kostet. Herausgefunden hat das das etwas anrüchige Portal apollo-news.de, und die Qualitätsmedien sind nun gezwungen, diese Geschichte aufzugreifen. Michael Hanfeld hat für die FAZ mit Weimer gesprochen, der alles von sich weist und erklärt, dass er die Geschäftsführung seiner Firma an seine Frau abgegeben habe. Er sei Opfer einer Kampagne AfD-naher Medien. "Die Bayerische Staatsregierung überprüft derweil, ob der Ludwig-Erhard-Gipfel weiterhin mit öffentlichem Geld unterstützt werden soll", informiert Hanfeld weiter. In einem nebenstehenden Interview fordert Bayerns Kulturminister Markus Blume, dass sich Weimer mehr mit Kulturpolitik befasst, was er zum Beispiel mit höheren Subventionen für Bayreuth manifestieren könnte.

Jörg Häntzschel und Meike Schreiber erzählen in der SZ, wie die Weimer Media Group beim Tegernsee-Summit gesellschaftliche Relevanz herstellt: "Gegen einige Zehntausend Euro dürfen Vorstände und Firmengründer im nahe gelegenen Hotel 'Das Tegernsee' an der 'Executive Night' teilnehmen, wo 'Spitzenpolitiker und Top-Manager in informeller Atmosphäre die drängenden Fragen unserer Zeit' verhandeln, so die WMG. Doch die Gäste dürfen schon mehr erwarten als interessante Gespräche. Das geht aus dem Werbematerial hervor, das die WMG auf Anfrage verschickt und das der SZ vorliegt. Zu den 'Top Assets' für die Premium-Teilnehmer gehört auch 'Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger'."
Stichwörter: Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2025 - Kulturpolitik

Am Sonntag hatte Laura Helena Wurth in der FAS noch erklärt, es gehe den Westen nichts an, was mit den als Raubgut zurückgegebenen Benin-Bronzen in Nigeria geschieht - auch wenn sie im Palast des Oba versteckt werden, statt öffentlich in dem extra dafür gebauten neuen Kunstmuseum ausgestellt zu werden (unser Resümee). Das sieht Nikolaus Bernau im Tagesspiegel heute ganz anders: Bei dem Konflikt "handelt es sich keineswegs nur um inner-nigerianische Debatten, sondern um die Bedeutung des säkularen, liberalen Staats versus religiös legitimierte Machtansprüche traditioneller Eliten, um den Zentralstaat versus Regionalmacht. Dabei geht es nicht nur um Objekte und die Frage der Bedeutung von Schönheit, sondern um jene 'westlichen' Werte wie Selbstkritik, für die auch viele Nigerianer kämpfen. Europa und seine Institutionen sollten sie angesichts der Kolonialgeschichte nicht allein lassen mit dem Affront der Oba-Anhänger. Bisher aber schweigt man in deutschen Museen und dem Humboldtforum, wohl aus Angst, der 'Einmischung' geziehen zu werden."

Die Hamburger werden nicht wie angekündigt höchstens 147,5 Millionen Euro, sondern mindestens 700 Millionen in die geplante neue Oper des Unternehmers Klaus-Michael Kühne stecken müssen, warnte schon am Samstag in der FAZ Matthias Alexander. Dafür wird der Hamburger Senat auf seinen Anteil am Sondervermögen zurückgreifen müssen, ist er überzeugt: "In den nächsten zehn Jahren fließen aus dem 500-Milliarden-Topf immerhin 2,66 Milliarden Euro direkt nach Hamburg. Ein erklecklicher Teil dieser Summe ist übrigens schon verplant. Mitte Oktober hat die Stadt angekündigt, 595 Millionen Euro zu zahlen, um annähernd die Hälfte des Elbtowers zu übernehmen", der wegen der Pleite von René Benko nur halb fertig wurde. Zu den Gläubigern gehört - Überraschung! - Milliardär Kühne. "Wird der Turm gerettet, profitieren auch die Gläubiger, zumindest ein wenig. Kühne, ganz offenkundig aus der Ferne regierender King of Kotelett in Hamburg, hatte mehrfach in der ihm eigenen fordernden Tonart den Einstieg der Stadt angemahnt. Tschentscher hatte das zunächst im Ton heiliger Entrüstung zurückgewiesen, nur um ein paar Monate später sein mehrfach bekräftigtes Versprechen zu brechen, wonach kein öffentliches Geld in die Ruine fließen werde."