ein wort gibt das andere

Wo die Lacanisten tagen

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
08.12.2025. "Zweifel an der Haltbarkeit des Wortes" ist das Motto dieser Tagung, eine internationale Zusammenkunft auch zu Ehren von Claus-Dieter Rath, einem Berliner Analytiker, vielsprachig und charismatisch, der tiefen Eindruck, Trauer und produktive Rätsel hinterließ. Rätsel, die sich niemals zur Gänze lösen lassen, weil sie immer wieder neue Formen annehmen, neue Verwirrung stiften. Und Wortspiele. Exkurse ins Berliner Geistesleben


Der Weg zur Konferenz ist nicht mit guten Vorsätzen, aber mit Karten gepflastert, und wenn Ihnen das albern erscheint, dann können Sie schon froh sein, dass Sie nicht da waren, denn die Psychoanalyse ist von jeher auch eine Wortspielhölle. Es soll etwas zum Vorschwein kommen, so lautet ein berühmtes Bonmot von Sigmund Freud, und dazu muss man eben sprechen, sich versprechen, und aus den wuchernden Assoziationen und flottierenden Fehlleistungen, die sich beim Sprechen ergeben, entsteht das Unerwartete, das weiterbringt, in die Tiefe oder auch die Höhe oder ein Nebengelass. Wortspiele können verheerende Wirkung haben; ich erinnere mich an eine Überschrift im Kursbuch, adaptiert von der Zeit, die der französischen Philosophie in weiten Kreisen und für lange Zeit den Garaus machte, von "Lacancan und Derridada" war damals die Rede. Ziel der polemisch-aufklärenden Attacke des Berliner Professors Klaus Laermann waren zwar nicht die Différance-Denker aus Paris, sondern ihre deutschsprachigen Verwahrloser, die mit hoheitsvollem Kauderwelsch jegliches Verständnis neuer Gedanken verstellten, doch haftete dem psychoanalytischen Diskurs jenseits des Rheins von da an etwas Obskures an; eine Rüsche, die auf jedem Tanzboden den Staub auffängt. Mich erinnern diese Karten, die, in loser Folge auf den Linoleumboden geklebt, zum Saal 110 in der Universität der Künste führen, wo die Lacanisten tagen, an eine Spur nicht des Begehrens, sondern der Gewalt: In dem lichtdurchfluteten, farbtrunkenen brasilianischen Film "The Secret Agent", den ich neulich sah (er läuft noch, ich empfehle ihn) folgt ein Killer dem anderen über die Spur des Blutes, das jener verliert, das kleine Pfützen bildet und Schlieren auf dem Boden; ein verhängnisvolles Rot da, wo es nicht hingehört. Die Tagungs-Karten allerdings (mit Fotos von Erik Kessels aus der Serie "Incomplete Encyclopedia of Touch", Paris 2024) zeigen mit Ironie und Anmut ein Drittes, jenseits von Liebe, Sprache und Tod, den Generalthemen der Psychoanalyse, nämlich eine Geste: Frauen, "die in Büsche greifen", wie der Mitveranstalter Karl-Josef Pazzini es formuliert.

Sie greifen, aber sie halten sich nicht fest. Oder halten sich vielleicht selber fest, indem sie greifen, in das ungleich Zartere, das Blattwerk, in das Schwankende und doch Zähe der Natur?

"Zweifel an der Haltbarkeit des Wortes" ist das Motto dieser Tagung, eine internationale Zusammenkunft auch zu Ehren von Claus-Dieter Rath, einem Berliner Analytiker, vielsprachig und charismatisch, der tiefen Eindruck, Trauer und produktive Rätsel hinterließ. Rätsel, die sich niemals zur Gänze lösen lassen, weil sie immer wieder neue Formen annehmen, neue Verwirrung stiften: Denn was es heißt, wirklich miteinander zu sprechen, in einer Weise, die bereichert und nicht verängstigt, die zusammenführt, ohne die Eigenart des anderen mit vorschnellem "Verständnis" zu verkleben, das muss ja doch immer wieder neu probiert werden. Dass wir uns in dieser Hinsicht gesellschaftlich nicht auf einem Hochplateau befinden, scheint einer der wenigen Befunde, auf die man sich gerade allerorten einigen kann; fortwährend die Beschwörungen, man sollte wieder miteinander reden beziehungsweise die  Grenzen austarieren, mit wem man eben nicht reden sollte. Denn das Sprechen miteinander ist ja schon ein Zeichen des Respekts und hat nur Sinn, wenn man auch zuhören will und kann, aber wie stellt man das her?

Da scheinen die Analytiker Experten, die sich fürs Zuhören bereitsetzen, während der Patient eben liegt. Das Liegen, dieses setting selbst löst ja schon etwas aus, eine Beruhigung, man legt sich ab, und es gibt kein Gegenüber mehr, aber dennoch eine Art des zusammen Seins - was eine Konzentration erlaubt, die es im Alltag nicht gibt. Keine Beobachtung des anderen, keine fortwährende Deutung der Mimik, kein vorauseilendes Reagieren auf Zeichen der Ungeduld, des Besserwissens, des Unmuts oder der Besänftigung. Man spricht; die modulierte Luft trifft auf das Ohr, das eigene wie das des anderen, und löst Assoziationen und Bilder aus, die der Analytiker nicht beantwortet wie gewohnt: keine schnellen Ratschläge, kein "das kenne ich auch", nicht einmal verlässlich/mechanisch ein Pflaster der Empathie, à la "das muss schwer für Sie gewesen sein". Stattdessen Fragen, die ins Offene führen oder in die Verwicklungen, in denen der Liegende sich befindet, aus denen er sich entwickeln könnte, um freier zu werden, mehr er selbst, was eben heißt: seinen Wünschen, seinem Begehren folgend, durch das Gestrüpp der Ängste hindurch. Nicht nur der ureigenen Ängste, sondern auch derer, die uns die Gesellschaft mitgibt. In der wir die Schule absolvierten und all die Institutionen, die von uns Verwertung unseres Könnens, Funktionieren und Gehorsam fordern, bis hin zum Wehrdienst, der den eigenen Tod zum Überleben der Gattung ins diskursive Spiel bringt - aus dem neuerdings wieder Ernst werden kann. 

Was es haltbar macht, das Wort: können darauf Worte eine Antwort geben? Verträge, sollte man meinen, sind dazu geschaffen, aus Worten eine Verbindlichkeit zu machen, die aus dem Flüssigen ins Feste führt, aus der Kommunikation in die historische Wirklichkeit. Dass diese Sicherheit trügerisch ist, stellt Europa gerade fest, indem es von einer Wortbrüchigkeit zur nächsten taumelt; die "Haltbarkeit des Wortes", auch des niedergeschriebenen, des gegengezeichneten, des unter Zeugen beglaubigten Wortes ist wohl eine Illusion, ohne die wir sprechenden Tiere nicht leben können. Und wie schwer ist es, sie immer neu zu korrigieren - . Doch von Politik war hier nur am äußersten Rande die Rede. Es ging um jene Haltbarkeit, die im Dazwischen entsteht, wenn Menschen miteinander sprechen. Jenes Dritte, das sich bildet, im aufmerksamen Hin und Her, das die Psychoanalyse die Übertragung nennt. All das, was sich im einen wie der anderen regt, was mitschwingt und für Pausen oder "Störungen" sorgt, die, falls die Angst vor Zurückweisung oder Beschämung sie nicht in der Versenkung verschwinden lässt, diese verwirrend dichten Büsche des Lebendigen zum Blühen bringt. Für die Übertragung, diese atmosphärische Verdichtung zwischen Sprechenden, gibt es nur Umschreibungen, da man sie nicht tatsächlich greifen und erst recht nicht ganz begreifen kann (denn mit jedem gesagten wie auch verschwiegenen Wort kommen ja neue Bedeutungen und Schwingungen hinzu, eine stetig wuchernde Unendlichkeit); einer zitiert hier die Mayonnaise, für die es so viele Rezepte gibt und die doch nicht immer gelingt. (Das rohe Ei, zunächst mit Vorsicht, dann mit Beherztheit zu verquirlen, ist aber immer dabei: 'auf Eiern laufen', wie die kluge Sprache sagt, führt zu nichts.) Pazzini nannte die Übertragung, das gemeinsame Dazwischen, eine Allmende: etwas, das keinem Einzelnen gehört und von allen Beteiligten bewirtschaftet werden kann. Sie ist immer da, auch im Gerede, das zu nichts führt und deshalb so erschöpfend ist - zumal in jenen "demokratischen Formaten", an die das Fernsehen uns gewöhnt hat, in der die Rollenträger die Sprache eben nicht nutzen, sondern nur exerzieren. Dagegen steht das analytische Gespräch, in der Gruppe wie à deux (bis zum Adieu).
 
In einer berührenden Erinnerung an ihre Redekur (= Analyse) bei Claus-Dieter Rath, "Mit dem Rad unterwegs", brachte Stephanie von Hayek noch einmal die Wortspielhölle zum Blinken und Funkeln, indem sie ihre Rathlosigkeit aussprach. Wenn einer fehlt, der einmal ganz Ohr gewesen ist, für die eigene Stimme, was wird aus diesem Verschwinden? Und je länger die Rednerin sprach, ihre eigene Stimme hörte, um so mehr kam die Trauer an die Oberfläche, an die Luft, machte sich vernehmbar, bis zum Einbruch des Realen. Kummer, der sich in Tränen löst, kann ein Ergebnis wirklichen Sprechens sein.

In einer Session erzählten vier Analytikerinnen von der Offenen Sprechstunde in Berlin, wo eben das versucht werden kann. Einmal in der Woche ist sie zugänglich für jeden, anonym, ohne Gegenleistung und in fünf Sprachen. Sie findet statt in der Psychoanalytischen Bibliothek, die des Abends leuchtet wie ein Milchladen der unfrommen Denkungsart.

In dieser Stadt gibt es nicht nur zur Weihnachtszeit Geschenke.

5.-7.12., "Zweifel an der Haltbarkeit des Wortes / Ein Kongress zur Psychoanalyse unserer Zeit zu Ehren von Claus-Dieter Rath". Universität der Künste, Berlin