Jenny Erpenbeck

Aller Tage Abend

Roman
Cover: Aller Tage Abend
Albrecht Knaus Verlag, München 2012
ISBN 9783813503692
Gebunden, 288 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Wie lang wird das Leben des Kindes sein, das gerade geboren wird? Wer sind wir, wenn uns die Stunde schlägt? Wer wird um uns trauern? Jenny Erpenbeck nimmt uns mit auf ihrer Reise durch die vielen Leben, die in einem Leben enthalten sein können. Sie wirft einen scharfen Blick auf die Verzweigungen, an denen sich Grundlegendes entscheidet. Die Hauptfigur ihres Romans stirbt als Kind. Oder doch nicht? Stirbt als Liebende. Oder doch nicht? Stirbt als Verratene. Als Hochgeehrte. Als von allen Vergessene. Oder doch nicht? Lebendig erzählt Erpenbeck, wie sich, was wir "Schicksal" nennen, als ein unfassbares Zusammenspiel von Kultur- und Zeitgeschichte, von familiären und persönlichen Verstrickungen erweist. Der Zufall aber sitzt bei alldem "in seiner eisernen Stube und rechnet".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.12.2012

Jenny Erpenbeck sucht in ihrem Roman "Aller Tage Abend" nach einer "gültigen Sprache für die Trauer", meint Meike Fessmann, die das Buch am stärksten findet, wenn die Autorin das Innere ihrer Figuren durch Gesten nach Außen kehrt. Anlass zur Trauer gibt es gleich fünfmal, verrät die Rezensentin: so oft lässt Erpenbeck ihre (zunächst namenlose) Protagonistin sterben - nur um sie in eingeschobenen "Intermezzi" wiederzubeleben und ihrem möglichen Leben weiter zu folgen. Was wäre gewesen, wenn sie als Säugling überlebt hätte?, oder wenn sie als gefeierte DDR-Schriftstellerin nicht die Kellertreppe hinuntergefallen wäre? Obwohl die Rezensentin grundsätzlich genießt, wie Jenny Erpenbeck mit der Symbolik von Situationen und Körpersprache hantiert, fühlt sie sich durch die schiere Masse an bedeutungsschwangeren Momenten etwas überfrachtet. Etwas weniger "melancholische Patina" hätte es auch getan, findet Fessmann.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.11.2012

Sibylle Birrer ist begeistert von Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend". Wie schon im Buch "Heimsuchung" von 2008, schafft es die Autorin, ein individuelles Schicksal im gewaltigen Rahmen des Zeitgeschehens zu verankern und keines von beiden aus dem Blick zu verlieren, meint die Rezensentin. Das Konzept des Buches ist einfach, aber meisterlich umgesetzt, findet Birrer: Ein Säugling stirbt. Die Autorin fragt schlicht: was wäre gewesen, wenn er überlebt hätte - ein mögliches Leben. Dieses Spiel exerziert die Autorin dann mehrfach durch, berichtet die Rezensentin. Das halbjüdische Mädchen, das nun doch nicht am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gestorben ist, flieht als aktive Kommunistin vor den Nazis aus Österreich nach Moskau - und wird hingerichtet, fasst Birrer zusammen. Und wieder: was wäre gewesen, wenn... Die Protagonistin wird gefeierte Autorin in der DDR. Es sind immer nur winzige Details, die Erpenbeck anpasst, um das Leben ihrer Protagonistin noch eine Weile zu schonen, erklärt die Rezensentin. Und immer bleibt der historische Kontext präsent. Sibylle Birrer ist von "Aller Tage Abend" begeistert, berührt und aufgewühlt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.11.2012

Katharina Granzin gefällt das Transitorische in diesem neuen Roman von Jenny Erpenbeck. Den Möglichkeitsmodus habe die Autorin entschieden für sich entdeckt, erläutert Granzin Erpenbecks Schreibhaltung und stürzt sich in das Abenteuer eines philosophischen Gedankenexperiments, die erzählerische Realisierung verschiedener Todesschicksale ein und derselben Person. Die Darstellung gelingt der Autorin derart gut, dass die Rezensentin kaum noch Lust verspürt, sich als Leserin auf nur eine einzige Figurenexistenz zu konzentrieren. Anders gesagt, jedes einzelne Schicksal wird im Roman derart intensiv und wirklich, dass Granzin eigentlich fünf Romane liest, oder eben einen einzigen, der es in sich hat. Nicht zuletzt auch dank Erpenbecks genauer Sprache, die der Rezensentin dauernd neue Räume erschließt, durch die sich wunderbar hindurchwandern lässt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.10.2012

Fünf Lebensgeschichten erzählt Jenny Erpenbeck in "Aller Tage Abend", berichtet Helmut Böttiger: fünf potentielle Lebensgeschichten von ein- und derselben Person. Mal stirbt sie bereits im Alter von acht Monaten, mal erst mit fast 90 Jahren als hochdekorierte DDR-Schriftstellerin. Der Rezensent kennt sich mit der Biografie und Familiengeschichte der Autorin aus und verrät, dass diese DDR-Schriftstellerin an Hedda Zinner, die Großmutter der Autorin, angelegt ist, wie sich auch in den übrigen potentiellen Lebensläufen autobiografische Details finden lassen. Doch gehe es in "Aller Tage Abend" nicht darum, diese Details zu entschlüsseln, sondern sich auf die Versuchsanordnung einzulassen, um nachzuvollziehen, wie Zufall, Schicksal und Geschichte die Lebensläufe des 20. Jahrhunderts geprägt haben. "Kam es auf jedes Wort an?", fragt die Erzählerin leitmotivisch und verdeutlicht so die Gefahr, die ein falsches Wort in diesen unübersichtlichen Zeiten haben konnte, so der begeisterte Rezensent: "Dies ist eine wirklich literarische Durchdringung der Erfahrungen, die die Gründergeneration der DDR prägten!"

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.09.2012

Jenny Erpenbecks neuer Roman scheint ein wenig kompliziert zu sein, jedenfalls lässt die Rezension von Cornelia Geißler es vermuten: Jenny Erpenbeck habe "Aller Tage Abend" in mehrere Bücher unterteilt, die jeweils nur scheinbar enden, um dann mit einem "Hätte, könnte, wäre" den Tod der Protagonistin im Kindesalter - oder später in einem Lager Stalins - ungeschehen zu machen und so die Fortsetzung ihrer Geschichte zu ermöglichen. So entstehen gleich mehrere mögliche Biografien in einer, Biografien wie sie das "20. Jahrhundert bereithielt", meint Geißler. Trotz der möglichen, frühzeitigen Enden schaffe es die Protagonistin, derart vom Konjunktiv gerettet, als betagte Autorin im Altersheim zu landen. Die Rezensentin ist beigeistert von der Erzählkunst Erpenbecks; sie wechsele gekonnt Perspektiven und Tonlagen und habe trotz ihres Fokus' auf die Hauptfigur immer "das ganze Jahrhundert im Blick".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2012

Mit viel Lob bespricht Rezensent Andreas Platthaus Jenny Erpenbecks "großartigen" Roman "Aller Tage Abend". Allein die Idee, die Protagonistin ihres Werkes bereits zu Beginn als Säugling sterben zu lassen und ihr von diesem Punkt aus in fünf Büchern verschiedene, mögliche Lebenswege zu ersinnen, die immer wieder mit dem Tod enden, ringt dem Kritiker höchste Anerkennung ab. Und so begleitet Platthaus das Mädchen, das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde, bei ihrer ersten Liebe als Achtzehnjährige in Wien, dann als siebenunddreißigjährige, verheiratete Kommunistin in Moskau und schließlich als alte Frau, die die Wende im Jahre 1989 in einem Berliner Pflegeheim erlebt. Den Roman, der auch die jüdische Vorgeschichte der Familie des Mädchens beleuchtet, lobt der Rezensent nicht nur als kunstvolles "Panoptikum des zwanzigsten Jahrhunderts", sondern vor allem als "große Sinfonie", in der es der Autorin gelinge, immer wieder mit verschiedenen Tempi und Rhythmen zu spielen. Dabei erzähle Erpenbeck nie pathetisch oder predigend, sondern geradezu "fatalistisch".
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