Vom Nachttisch geräumt

Mit heißem Bemühn

Von Arno Widmann
01.08.2018. Warum Suren-Ping-Pong nie weiterhilft, erfährt man aus Ulrich Rudolphs Aufsatz "Islamische Positionen zum Thema 'Krieg'" in der Allgemeine Zeitschrift für Philosophie.
Das neueste Heft der "Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie" bietet als Schwerpunktthema "Über den Krieg. Ontologie, Moral und Psychologie". Auf einen Beitrag darin möchte ich hinweisen. Er ist nicht einmal dreißig Seiten kurz und informiert präzise und umfassend über "Islamische Positionen zum Thema 'Krieg'". Autor ist Ulrich Rudolph, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Zürich. Wer sich über die Geschichte der islamischen Philosophie informieren möchte, ist auf ihn angewiesen. Als Einstiegsdroge sei der kleine Band "Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" (C.H.Beck Wissen) empfohlen. Wer es genauer wissen möchte, der muss viel Geld ausgeben oder in die nächste Bibliothek gehen und den von Rudolph herausgegebenen Band bestellen: "Philosophie der Islamischen Welt. Band 1, 8-10. Jahrhundert", Schwabe Verlag, 612 Seiten, 200 Euro.

Aber zurück zu dem Aufsatz, auf den ich hier hinweisen möchte. Wer eine knappe Stunde seines Lebens investiert, ist nach seiner Lektüre nicht nur bestens über eine der drängenden Fragen unserer Zeit und ihre Geschichte informiert, sondern er erfährt auch, dass das arabische Wort für Krieg eines ist, das in den aktuellen Debatten so gut wie keine Rolle spielt: harb. Der Begriff, so führt Ulrich Rudolph aus, taucht schon in vorkoranischen arabischen Texten auf. Im Koran selbst führt er ein mehr randständiges Dasein. Dort hat ein anderer Begriff Konjunktur: Dschihad. Ich schreibe ihn hier so hin. Rudolph transkribiert ihn natürlich islamwissenschaftlich korrekt. Ich habe keine Ahnung, wo die entsprechenden Zeichen sich auf meiner Tastatur befinden.

Benjamin Constant, L'Entrée du sultan Mehmet II à Constantinople le vingt-neuf mai 1453, 1876


Der Dschihad also: "Heiliger Krieg" wird er oft in den Zeitungen genannt. Das ist, sagen wir mal so, keine korrekte Übersetzung. Der Begriff hat weder etwas mit Krieg, noch mit heilig zu tun. Er bezeichnet ein "sich bemühen", "sich ernsthaft bemühen". Das wird heute gerne angeführt, um glauben zu machen, der Dschihad als "heiliger Krieg" sei eine Erfindung der modernen Glaubenskrieger, habe also mit dem ursprünglichen Koran nichts zu tun. Das stimmt so nicht. Es finden sich sowohl Stellen im Koran, in denen Dschihad nichts anderes bedeutet, als das "heiße Bemühn" gottgefällig zu leben, als auch solche, in denen er den bewaffneten Krieg gegen Ungläubige meint. Das führt, so meint Rudolph, zu einem "Suren-Ping-Pong", bei dem sich die Kontrahenten die Koranstellen um die Ohren werfen, wie uns das aus christlichen Streitigkeiten, bei denen man einander mit Bibelstellen bewirft, nur zu vertraut ist.

Die Etymologie sagt wenig über einen Begriff. Es kommt darauf an, wie er verwendet wird. So gesehen ist es heute in den meisten Fällen sicher richtiger, Dschihad als Heiliger Krieg zu übersetzen, statt als "ernsthaftes Bemühen". Aber man versteht den Begriff nicht, wenn man ihn nicht auch als Orwell'schen "Neusprech" begreift, als gezielte Umformulierung. Wenn im Koran von "harb" die Rede ist, ist auch von den "Lasten des Krieges" die Rede. Wer vom Dschihad redet, der will über die Lasten des Krieges schweigen. Er erzählt von den Wonnen des Paradieses.

Hat ein Neusprech sich erst einmal eingebürgert, dann schützt ihn seine Etymologie nicht mehr vor bösen Nachfragen. Sie setzen wieder ein als wäre das neue das alte Wort. Ulrich Rudolph weist darauf hin, dass die Übersetzer griechischer Texte ins Arabische Termini wie "polemos" oder "agon" mal mit "Dschihad" mal mit "harb" übersetzten. So ganz kann Sprache uns die Welt nicht vernebeln.

Ulrich Rudolph: Islamische Positionen zum Thema 'Krieg'. Ein historischer Überblick in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 43.2/2018, frommann-holzboog, Stuttgart 2018, 36 Euro.