Vom Nachttisch geräumt

Liebe Lektoren, bitte lesen Sie

Von Arno Widmann
14.05.2019. Große Literatur: Katie Roiphes Geschichten vom Sterben, "The Violet Hour".
In den USA kam das Buch schon 2016 heraus. Es ist noch immer nicht auf Deutsch erschienen. Das sollte es aber. Darum nutze ich diesen Platz, um deutsche Lektoren zu bitten, doch einen Blick hinein zu werfen. Bisher liegt von der Autorin auf Deutsch nur ihre Essaysammlung "Messy Lives: Für ein unaufgeräumtes Leben" (Ullstein) vor.

Die 1968 geborene Katie Roiphe schreibt im New Yorker und in der New York Times, in Vogue und in der Paris Review. Sie hat eine Reihe Bücher veröffentlicht und ist die Chefin des "Cultural Reporting and Criticism" Programms an der New York University. Das Buch, das Sie auf Deutsch herausbringen sollen, handelt vom Sterben und vom Tod. Roiphe erzählt von den letzten Tagen und Stunden von Susan Sontag, Sigmund Freud, John Updike, Dylan Thomas, Maurice Sendak und von den Gesprächen, die sie darüber mit James Salter hatte.

Dylan Thomas trank sich - wenn man so sagen darf - bei vollem Bewusstsein in den Tod. Susan Sontag schien sich, nachdem sie den Krebs zweimal überwunden hatte, für unsterblich zu halten. John Updike, so schreibt Roiphe, legte seinen Kopf auf die Schreibmaschine, weil es ihm so schwer fiel, seine letzten Gedichte über das Sterben zu schreiben. Er war so weit aufzugeben. Dann fand er doch noch die Kraft, sie zu beenden.

Die Fotografin Annie Leibovitz war die Lebensgefährtin von Susan Sontag. Sie fotografierte ihre Freundin beim Sterben und im Tod. Maurice Sendak zeichnete seine sterbenden Freunde. Nicht jeder Mensch hat seinen eigenen Tod. Katie Roiphe hat Porträts einiger sehr eigenen Tode geschrieben. Es sind erschütternde Geschichten. Die stoischen sind es nicht weniger als die verzweifelten.

Der Krebs hatte sein Werk getan. Freuds Wange war wie von einer Kugel durchlöchert. Der Geruch der Wunde zog Insekten an. Freud verbrachte die letzten Wochen darum unter einem Moskitonetz. Er nahm keine Schmerzmittel. Er wollte wissen, was sein Körper tat. Katie Roiphe ist nicht nur eine Reporterin, die zusammenträgt, was sie über die letzten Stunden der Sterbenden in Erfahrung bringen konnte. Sie ist auch eine Literaturkritikerin, die sehr genau kennt, was ihre "Patienten" geschrieben haben. Ihr Buch ist auch ein sehr intimer Blick auf das Schreiben. Vor allem aber ist es selbst ein Stück große Literatur.

Katie Roiphe: The Violet Hour, The Dial Press, 307 Seiten, 23, 60 Euro