Vom Nachttisch geräumt

Die Leisen hört man besser

Von Arno Widmann
03.06.2015. Ein Rückblick auf das sowjetische Europa und die Befreiung daraus: Michael Zantovskys Biografie Václav Havels.
Michael Zantovsky ist ein umtriebiger, ein beneidenswert vielseitig begabter Mann. 1949 in Prag geboren, studierte er dort und in Montreal Psychologie, bis 1980 arbeitete er im Psychiatrischen Forschungsinstitut in Prag, danach lebte er als freier Autor dort. Er übersetzte und schrieb für Untergrundzeitschriften. 1988/1989 war er Prag-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Im Januar 1990 wurde er Pressesprecher und Berater des neuen Präsidenten Václav Havel. Danach war er Botschafter der Tschechoslowakei und dann Tschechiens in den USA, er war Chef der liberal-konservativen Partei ODA (Bürgerlich-demokratische Allianz), dann Botschafter Tschechiens in Israel, und seit Oktober 2009 vertritt er sein Land in Großbritannien. Daneben übersetzte er über 50 Bücher, u.a. solche von Woody Allen, James Baldwin, E.L. Doctorow, Nadine Gordimer, Joseph Heller, Norman Mailer, Toni Morrison und Tom Stoppard ins Tschechische. Aus dem Hebräischen übersetzte er Amos Oz" "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis".

Ich sage das alles nicht, weil ich es weiß, sondern weil ich es gerade bei Wikipedia fand und weil ich nichts wusste über diesen ganz offensichtlich sehr außergewöhnlichen Mann. Im Propyläen-Verlag ist seine Biographie Václav Havels erschienen. 680 Seiten. Also deutlich mehr, als man zunächst einmal wissen möchte über den Autor, Dissidenten und Staatsmann. Zantovsky erinnert einen freilich schnell daran, was für eine Ausnahmeerscheinung Havel war: ein Künstler, der Prinzipien hatte, und einer, der Prinzipien hatte und sich darauf verstand, sie auch einmal zu vergessen. Einer, der wusste, dass man nicht vergessen durfte, wenn man vergeben wollte. Havel war ganz er selbst, aber er wusste sehr genau, dass er das nur bleiben konnte, wenn andere es auch waren oder doch darin bestärkt wurden, es zu sein. Havel konnte sehr genau denken, hatte ein scharfes, lachlustiges Auge und war doch immer zur Versöhnung bereit - freilich nicht mit den Mächtigen. Sowie die aber entmachtet und bereit waren, sich in die Schlange zu stellen, da erreichte sie Havels Sympathie. Havel war der seltene Fall eines Intellektuellen, der ein Sympath ist, also einer der Sympathie empfindet und empfängt.

Mit solchen Allgemeinheiten, wie ich sie gerade ausbreite, hält Zantovsky sich und den Leser nicht auf. Er erzählt. Zum Beispiel vom Prager "Theater am Geländer", an dem Havel nicht nur arbeitete, sondern wo auch sein erster großer Erfolg "Das Gartenfest", eine Satire auf die sozialistische Tschechoslowakei, Premiere hatte. "Als die Aufführungen des "Gartenfests" 1963 begannen, waren Karten für das 140 Sitzplätze umfassende Theater ebenso schwer zu bekommen wie eine Reisegenehmigung in den Westen. Sobald am 23. eines Monats der Verkauf der Karten für den Folgemonat startete, bildete sich vor der winzigen Kasse eine lange Schlange von müden, jungen Leuten, die schon die ganze Nacht vor dem Theater ausgeharrt hatten. Solche Szenen wiederholten sich in den Jahren zwischen 1963 und 1965, einer Zeit, in das Theater am Geländer nicht nur mit Havels Bühnenwerken, sondern auch mit denkwürdigen Aufführungen von Eugène Ionesco ("Die kahle Sängerin"), Samuel Beckett ("Warten auf Godot") und Alfred Jarry ("Ubu Roi") die Speerspitze der kulturellen Revolution bildete." Solche Passagen rufen dem deutschen Leser in Erinnerung, wie sehr viel anders die Situation in der DDR war. Aber das Buch führt einem nicht nur die Vergangenheit vor die Augen.

Manchmal hält Zantovsky mit einer Geschichte aus der Vergangenheit unserer Gegenwart einen Spiegel vors Gesicht. Zum Beispiel Václav Havels erster Besuch in den USA. Am 21. Februar 1990 hielt Havel eine Rede vor den versammelten Mitgliedern von Kongress und Senat. Für den großen Auftritt hatte Madeleine Albright Havel einen Medienberater an die Seite gestellt. Der ließ sich von Havel seine auf Tschechisch abgelesene Rede vortragen. Schon nach dem zweiten Abschnitt unterbrach er ihn: "Der zögerliche, stockende und halb gemurmelte Vortrag, die Vermeidung von Blickkontakt und die Abwesenheit von dramatischen Betonungen und Pausen führten bei ihm offenbar zu der Einschätzung, dass Havel nicht einmal eine lokale Schulkonferenz hätte beeindrucken können." Der Berater wird verzweifelt gewesen sein.

Man kann sich vorstellen, wie der PR-Berater der Demokraten sich, angesichts dieses Dilettanten, in der Arroganz dessen, der Bescheid weiß, suhlte. Havel tat, als verstände er ihn nicht, dankte höflich und hielt die Rede so zurückhaltend, langweilig wie man das heute im Internet besichtigen kann. Aber er bekam siebzehnmal stehende Ovationen, schreibt Zantovsky. Der Dramatiker Václav Havel, dessen Onkel Milos Havel die tschechoslowakische Filmindustrie begründet hatte, war doch ein um Längen besserer Stratege. Wenn man etwas zu sagen hat, sagt man es besser leise. In dem Gebrüll derer, die nichts zu sagen haben, erhält man so die größere Aufmerksamkeit.



Michael Zantovsky: Václav Havel - In der Wahrheit leben, Propyläen, aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Hans Freundl, 680 Seiten, s/w Fotos, 26 Euro