Vom Nachttisch geräumt

Alle reden vom Wetter

Von Arno Widmann
03.06.2015. Wem es um Fakten geht, der sollte den Mund nicht zu voll nehmen. Über vieles schweigt sich der Duden in "Deutschland - alles was man wissen muss" aus.
Ein Buch zum darin lesen, also nicht nur eine Sammlung von Statistiken. Allerdings bleibt man beim Blättern dann doch in den Tabellen hängen. Gleich die erste ist denn schon sehr beeindruckend. Die höchste in Deutschland jemals aufgezeichnete Temperatur? 40,2 Grad in Gärmersdorf (Oberpfalz). Das war 1983. Ebenso viel wurden am 11. August 2003 gleich an zwei Orten, nämlich in Freiburg und Karlsruhe, gemessen. Die tiefste Temperatur waren -37,8 Grad, gemessen am 12.2.1929 in Wolnzach, Landkreis Pfaffenhofen. Am 12. Juni 1985 fegte der Wind mit einer Geschwindigkeit von 335 Stundenkilometern um die Zugspitze. Dass wir es in Deutschland auf deutlich mehr als 70 Grad Temperaturunterschied bringen! Wäre bei einem Fernsehquiz danach gefragt worden, ich hätte mich für 50 Grad entschieden und deutlich blamiert.

"Alles, was man wissen muss" ist der Untertitel des Buches. Das ist natürlich Unsinn. Die Werbung hat uns daran gewöhnt, offensichtliche Lügen zu tolerieren. Aber es fällt mir natürlich sehr unangenehm auf, wenn es heißt: "Der öffentliche Schuldenstand vervierfachte sich von 64,2 Milliarden Euro (1969) auf 278 Milliarden Euro (1981)." Ist nicht der aktuelle Stand das, "was man wissen muss"? Ich schlage nach. Nicht im Duden, sondern unter www.staatsverschuldung.de. Der Stand am 2. Mai um 6.07 ist: 2 146 747 947 708. Also rund 2147 Milliarden Euro. Übrigens mit abnehmender Tendenz. Allerdings dann doch so geringfügig, dass man sagen muss, dass wir seit Ende 2013 bei einer Verschuldung von 2147 Milliarden Euro stagnieren. Das sind immerhin noch einmal fast achtmal so viel wie 1981.

Ärgerlich ist, wen man unter Skandale und Rücktritte in einer Reihe neben Lambsdorff, Möllemann und ähnlichen Fällen, bei denen es um Straftatbestände ging, Willy Brandt und Andrea Fischer findet, die zurücktraten, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hatten, sondern weil sie demonstrativ die Verantwortung für Fehler übernahmen, die sie nicht begangen hatten. Da werden Vorgänge in eine Tabelle geworfen, die wir deutlich von einander trennen müssten, um Klarheit über die Lage zu gewinnen.

Eine andere Statistik erfüllt diesen Zweck sehr schön. Nämlich die über die Wirtschaftskraft der Bundesländer. Nordrhein-Westfalen steht da mit 599 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt ganz vorne. Bayern folgt mit 487 Milliarden Euro und Baden Württemberg mit 407 Milliarden. Aber wenn jetzt Westfalen und Bayern die Brust schwellen sollte vor Stolz, dann wird sie ein Blick auf die Zahlen, das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner betreffend, Bescheidenheit lehren. In Nordrhein-Westfalen sind es 33 621 Euro, in Bayern 38 429. Die Stadtstaaten Hamburg (53 611 Euro) und Bremen (43 085 Euro) liegen deutlich darüber. Aber auch Hessen toppt mit 38 490 Euro noch Nordrhein-Westfalen. Das sind alles Zahlen von 2013. Schlusslicht ist Mecklenburg-Vorpommern, knapp davor liegen Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. Dann kommen Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. 1991 war die Reihenfolge vom letzten an gerechnet: Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz. Wichtig aber ist der deutlich geringer gewordene Abstand zwischen dem stärksten neuen und dem schwächsten alten Bundesland. Der liegt heute zwischen Brandenburg und Schleswig-Holstein bei etwa 4000 Euro. 1991 trennten beim Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner die beiden Bundesländer mehr als 11 000 Euro.

Die zehn höchsten deutschen Hochhäuser stehen alle in Frankfurt am Main. Der Commerzbank Tower ist mit 259 Metern das höchste deutsche Hochhaus. Wer dem Duden misstraut, der kann bei Wikipedia lesen: "Bei Hochhäusern ab einer Höhe von 150 Metern spricht man allgemein von Wolkenkratzern. In Deutschland gibt es insgesamt 15 Wolkenkratzer, davon 14 in Frankfurt am Main und einen in Bonn. Das ist der Posttower aus dem Jahre 2002. Er ist 162,5 Meter hoch. Über die Anzahl von Altenheimen und Kindertagestätten geschweige denn ihre regionale Verteilung sagt uns der Duden nichts. Aber wir entnehmen ihm, dass das Durchschnittsalter in Hamburg, der niedrigste Stand aller Bundesländer, bei 42,4 Jahren und in Sachsen-Anhalt (der höchste Stand) bei 46,9 Jahren liegt. Wo es die meisten Kinder, wo es die höchste Geburtenrate gibt, darüber schweigt sich der Duden aus. "Alles, was man wissen muss"?

Deutschland - Alles, was man wissen muss, Dudenverlag, Berlin 2015, 384 Seiten, über 150 farbige Abbildungen und 300 Infokästen, 19,99 Euro.