Tagtigall

Nur ein Stück der Pranke

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
19.12.2013. Marie-Luise Knott betreut für den Perlentaucher eine neue Lyrik-Kolumne. Wir eröffnen sie mit einem Streifzug von ihr durch das lyrische Jahr 2013. In loser Folge wird die Kolumne Beiträge versammeln zu poetischen Neuerscheinungen.

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Die aufgehobene Zeit

Spätestens seit Christian Morgenstern Anfang des 20. Jahrhunderts die Tagtigall und die Gänseschmalzblume erfand, dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass papierne Schöpfungen mitunter eine stärkere Wirklichkeit haben als die schnöde Realität. Sie heben uns vielleicht nicht in die Erhabenheit, wie in alten Zeiten, aber in eine Mimikry unseres Lebens, wo Klang, Ton, Rhythmus, Fluss und Bruch eine Narretei mit uns treiben.

Der holländische Dichter Erik Lindner feiert in seinen Werken die Erfindung der Gegenwart und die Möglichkeit der Dichtung, die Zeit aufzuheben, wenn er schreibt: "als käm das bild daher / dass du vorüberkamst."

Die Zeilen finden sich in dem Band "Nach Akedia", der in diesem Jahr in der Reihe "Spurensuche" des berliner künstlerprogramms des daad erschien. Lindner schafft darin Momentaufnahmen von hoher Intensität - eine Zeile oder zwei - die, kaum vor unserem lesenden Auge aufgetaucht, schon wieder in die Stille abtauchen, bevor, nach einer Leerzeile, ein nächstes Bild für einen Moment Raum erhält. Zeilen wie Filmstills. Lindners lose Verwebungen und seine präzise Sprache, von Rosemarie Still scheinbar mühelos ins Deutsche übertragen, lässt uns an den Bruchstellen ins Fantasieren geraten. Acedia, die "Trägheit des Herzens", zeigt sich in all ihrer Sinnlichkeit, da sie Sinn und Verstand fesseln, aber nicht beherrschen kann.

"Die Straße ist breit. Die Häuser niedrig. / Ich lese Theorema im Florencia. /Es ist warm und ich rieche Regenschauer. / Der Barhocker dreht sich. Wenn ich mein Bein bewege."

"Im Aquarium an der Wand / Sinkt an einem Stil ein gelber Schwamm / Kriecht an der Scheibe wieder hoch. / Tropische Fische flitzen zwischen Pflanzen."

Wenn es stimmt, dass Gedichte Störmaschinen sind, so ist Lindners Poesie in aller Schönheit eine solche Störmaschine. Das disparate Leben - hier in seiner Kunst kann es oszillieren. "Denk nicht nach, die Schiffe, die sind alle verbrannt", lautet ein programmatischer Satz in dem Gedicht "Insel", das wie nebenbei davon erzählt, dass alle Verbindungen zum Festland der Gewissheiten und der Folgerichtigkeiten in der Poesie gekappt sein müssen. Das Glück, das einen beim Lesen von Lindners Gedichten befällt und von dem der Lyriker Ulf Stolterfoht im Nachwort spricht - es besteht auch darin, dass Lindner uns glauben macht, wir vermögen mit unserer Einbildungskraft die Welt immer neu zu erfinden.

Erik Lindner: "Nach Akedia". Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht, Reihe Spurensuche des berliner künstlerprogramms des daad, Matthes und Seitz Verlag, Berlin 2013, 170 Seiten, 19,90 Euro.


... und wogen von Mut zu Mut


Die Dichtung von Esther Kinsky ist karg, ihr Sujet ist die Natur. Ihre Verse "wogen von Mut zu Mut" - ein "hütetier für die unzahme schar von ferne gerufener worte", wie es in einem früheren Band hieß. In diesem Herbst hat Esther Kinsky in "Naturschutzgebiet" Fotografie und Verse zusammengebunden. Naturschutzgebiete sind Areale zur Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung von Lebensstätten, Biotopen oder Lebensgemeinschaften bestimmter wild lebender Tier- und Pflanzenarten, liest man bei Wikipedia. Eingerichtet um vom Aussterben bedrohte Arten zu schützen, bedürfen gerade die schwachen kranken, bedrohten Elemente der Umhegung und der behutsam umsichtigen Pflege.

"Oh lieber schwarzer lieber /Gottvergess wend ab / Das übel unverhofft das vöglein / Fiederlos das uns zu nah / An herz und schultern sitzt und nichts / zu zwitschern weiss als dieses lied / der neige ach gottvergess / erblüh dann ist / der sommer nicht mehr lang /"

Es ist der Klang, der hier dank Esther Kinskys Kunst so vieles vermag - er beschwört das Unglück, geht hinein in Angst und Trauer. Im Schutzraum des Gedichtes siedelt Kinsky vom Aussterben bedrohte Bezeichnungen wie "Gottvergess" (die Schwarznessel) wieder an, lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern. "Was Grenze ist, irrt hierhin und dorthin", schließt ein Gedicht. Die Fotos zeigen einen Krankenhaus-Park, der lange sich selbst überlassen in wilder Pracht wuchert und wittert, wie Kinskys Sprache. "Wohin zeigt die Wildnis, wohin die Zähmnis?" fragt sie, lernt die "sprache der misteln", beobachtet "krähengeschweif" und "wurzelbegebenes gesindel", lauscht "hungergurrigen tauben". Auf den Fotos, die das durchdringende Licht einfangen, erkennt man - durch das kleine Format wie entrückt wirkend - überwucherte Wegränder und verwitterte Bänke, auf denen einst Patienten und Besucher Hoffnungen und Ängste austauschten. Es ist, als hörte man sie flüstern. "gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung".

In allen Versen hallt das Wissen um die Bedrohtheit des Daseins. Dichtung die kürzeste und dichteste Form der Sprache, versenkt sich ins Eigene, um das Allgemeinste zu sagen.

Esther Kinsky, Naturschutzgebiet, Gedichte und Fotografien, Berlin, Matthes & Seitz, 2013


Fragen

"was wird aus uns / wohin gehen wir / wer wird uns richten / uns erleichtert fallen lassen / uns befreien von den Fesseln der Kunst / die immerzu fordert / Fragen stellt / und leichte Beute verschmäht" - lautet ein programmatisches Gedicht des Bandes "und alles wird erinnert" der polnischen Dichterin und Übersetzerin Julia Hartwig. Die autobiografischen Fragmente erzählen lauter kleine Geschichten aus dem großen Leben der mittlerweile über 90-Jährigen, die nach der deutschen Besatzung, und noch vor dem Tauwetter nach Paris reiste, später eine Weile in den USA lebte und dann doch an der Seite von Solidarnosz in Polen das Ende des Kalten Kriegs erlebte.

Man hört über ihre russische Mutter ("In der Ostermesse, die sie alljährlich besuchte / fand sie ihre Sprache wieder"), über die Gefahr der Abstumpfung im Sozialismus ("Auf diesen Tisch kannst du legen / was immer du willst / einen notariellen Akt oder einen Reklamezettel / eine Geige oder den Schuldschein über eine verkaufte Seele") und über das verpasste Leben ("Warum tanzte ich nicht auf den Champs Elysées / als die Menge mit Hurrarufen das Kriegsende begrüßte?"). Viele Verse dieses Spätwerks, von Bernhard Hartmann wunderbar sensibel übersetzt, sind durchtränkt von der Frage: Was hinterlässt eine Spur in der zukünftigen Welt?

Julia Hartwig, "und alles wird erinnert". Gedichte 2001 - 2011, aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Frankfurt, Verlag Neue Kritik, 2013


Kreuzwort

"In der belarussischen Kultur gibt es keinen festen Grund, der Boden bewegt sich unter deinen Füßen und du musst immer neu die Balance finden", erzählt die aus Weißrussland stammende, heute in Washington lebende Dichterin Valzhyna Mort. Sie schrieb ursprünglich in dem zu Sowjetzeiten unterdrückten Weißrussisch ("widersprüchliches Konstrukt aus Emanzipation und Einschränkung"), weil das musikalische Moment darin sie anzog, wie sie einmal sagte. Mittlerweile ist Englisch ihre zweite Schreib-Sprache, und der in diesem Jahr erschienene Band "Kreuzwort", enthält Poesie und Prosa aus beiden Sprachen. Kreuzwort, so will es das Rätselspiel, ist der Ort, an dem sich Buchstaben, die gemeinsam ein Wort bilden, einzeln kreuzen mit je identisch scheinenden Buchstaben aus anderen Worten. Das größte Rätsel ist der "Körper, der ins letzte Kästchen passt" - vertikal wie horizontal - der mithin die Fäden und Fragen des Einzelnen, des Buchstaben-Legers, bündelt.

Erinnerungen, Mythen und alltägliche Beobachtungen - alles was Valzhyna Mort mit ihrer Sprache berührt, wird lebendig, ja es verändert mitunter seinen Aggregatszustand. Denn dort, wo es keinen festen Grund gibt, können die Wesen und Dinge in andere Schwingungen geraten, wie bei Shenja in dem gleichnamigen Prosastück, die an einem "gestörten Raumgefühl" leidet. Kaum verlässt sie das Zimmer, wirkt "die Welt der Türrahmen, Flure, Treppenhäuser und Wege ... wie ein Widerschein des Mondes in dunklem Wasser", und über den Mond heißt es in einem Gedicht: "der Mond trägt dein Gesicht zur Probe / für den nächsten Maskenball der Toten". Nicht alle Mort'schen Wesen sind derart düster, doch auch in dem wohl intensivsten Erinnerungsfragment des Bandes "Tante Anna", über das Leben weißrussischer Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind die physischen Marksteine die tiefen Erlebnisse von Geburt, Kindheit und Tod.

Valzhyna Mort lässt Vögel und Blumen zu einer einzigen Spezies verschmelzen, das Licht "Schatteneier unter Büsche legen" und den Schweiß eines Mannes aus den "Baumwollfalten kriechen, sich ausbreiten und vermehren wie Küchenschaben." Dank der die Webstrukturen im Original grandios nachbildenden Übersetzungen von Katharina Narbutovič (Prosa) und Uljana Wolf (Lyrik) gewinnt Morts Bildwelt auf bewegtem Grund auch für uns Gestalt.

Valzhyna Mort, Kreuzwort, Deutsch von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf, Berlin, Suhrkamp 2013


Vom Nachlassen

Das geringste Nachlassen der Aufmerksamkeit führt zum Tode, formulierte einst Frank O'Hara, den Augenblick aufladend, die radikale Unbedingtheit seiner Generation. Ein Satz, den der Dichter Gerhard Falkner sich zu eigen machte, wie man in dem jüngsten, ihm gewidmeten Heft von Text und Kritik nachlesen kann. Die Autoren des Heftes, fast ausschließlich Dichter-Kollegen, schaffen einen innerpoetischen Dialog mit Falkners Werk, der zuletzt 2012 mit seinen "Pergamon Poems" für große Aufmerksamkeit sorgte. Mit Worten können wir bekanntlich wachrufen, was verloren ist, und so notierte Falkner darin unter der Überschrift "Herakles": "ER fehlt! / Nur die Idee kann ihn ergänzen. / Man ahnt die Durchschlagskraft der Zeit / die ihn von dieser Stelle weggefegt./ ..../ Vom Löwenfell blieb nur ein Stück der Pranke."

Seinen Kulturpessimismus, der Handytöne im Museum als Zeichen einer angeblich defizitären Jetzt-Zeit deutet, muss man nicht teilen, doch die rhapsodischen Verse eignen sich nicht nur für den Besuch des Berliner Pergamon-Museums. Eine nicht nachlassende Sehnsucht seiner Verse gilt immer wieder der Liebe. Jan Wagner zitiert ein Gedicht aus den 80ern: "du schläfst und liegst bei deinem haar / ich hab ein flüstern in dein ohr gebettet / es spricht zu dir, daß ich der abend war / die trunkenheit, das zittern im pessar." In diesen jambischen Versen reimt sich - was für eine Idee - "war" auf das gänzlich "unlyrische" (Wagner) "pessar". Doch einmal ins Gedicht gesetzt, wendet dieser aus einem völlig anderen Register stammende, hier unsichtbare Gegenstand die ganze Strophe, ja das Gedicht.

Ob Klänge noch Jahre später im Werk eines Autors nachhallen können? In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Der Park" hat Falkner sich jedenfalls den "Passat" zum Liebesnest erwählt: "Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln: / to screw each others brain out". Der Rest ist Schweigen - über Vorhandenes, Abhandenes und noch viel mehr.

- Text und Kritik 198, Gerhard Falkner, Gastherausgeber: Michael Braun, April 2013
- Park, Zeitschrift für neue Literatur, Herausgegeben von
Michael Speier, Berlin, November 2013 (Schwerpunkt: Gegenwartslyrik aus Irland)



Im Zauberwald

Vom Vorhandenen und abhanden Geratenen handeln auch die wundersam wachen und witzigen, zwischendurch auch transzendente Fragen streifenden Verse der Autorin Odile Kennel, die in diesem Jahr unter dem Titel "oder wie heißt diese interplanetare Luft" erschienen sind. Alltägliches wird reflektiert und bestaunt. Ein Kurzzyklus widmet sich den Tieren und ihrem drohenden Aussterben. "Ach Auerhuhn, ich würde schweigend /mein Heidelbeereis mit dir teilen, zeig / dich nur einmal von weitem, oder bleib / im Gezweig unseres Imaginären, aber bleib", beschwört sie die Kraft des Wortes.

Was geschieht, wenn man das Material der Sprache - Buchstaben, Worte, Satzgefüge - wie die Würfelpuzzle (bemalte Bauklötze) der Kindheit dreht und wendet, damit sie sich fremd näher kommen, neue Verbindungen mit sich und uns eingehen und sich zwischen uns als Eigenleben ausbreiten können, erfährt man bei Oswald Egger, dessen neuester Band, "Euer Lenz", auf den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz verweisend, mit dem Satz beginnt: "Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heißt: wieder und wieder." Überall Sätze voller Wortschöpfungen: "Oft trotte ich doch nur und stoß mich an den vorstolpernden Fuszeln und Staupen", weshalb Sibylle Cramer den Dichter einen "Neutöner", und Ilma Rakusa ihn den "Sprachschabernacker" nennt. Eggers Kappen des Zusammenhangs unter Entfaltung der Schönheit bringt die Entdeckung mit sich, dass Sprechen, Lesen und Schreiben ein Ereignis von Lust und Freiheit ist, das sich einer zeitlosen, unwirklichen, jedoch nicht wirkungslosen Gegenwart verschreibt, der Gegenwart des Gedichtes. Er geht, um es mit einem Bild von Paul Valéry zu sagen, in den Zauberwald der Sprache mit der Absicht, sich zu verlaufen und sich an den Irrungen zu berauschen - und zu beleben. Egger, der in seiner Versschmiede auch Wissen über Astronomie, amerikanische Vogelarten und Sprachphilosophie als Instrumente einsetzt, fragt in einer aus dem Anagramm herausgehauenen Kapitelüberschrift: "Wieviel Erde braucht die Rede?" nach dem Wechselspiel von Realität und Imagination. Eine Zeile aus einem früheren Werk klingt fast wie eine Antwort: "vierundzwanzig Buchstaben, Fakultät der Erde abgezählt, haben einander zur Frage gesellt, was etwas ist ... "

- Odile Kennel, oder wie heißt diese interplanetare luft, Gedichte, München, dtv Premium, 2013
- Oswald Egger, Euer Lenz, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2013


und alles wird glut

Christian Morgensterns eingangs genanntes schöpfendes Spiel könnte auch am Grunde dessen liegen, was der Dichter Ulf Stolterfoht seit Jahren und auch wieder in seinem jüngsten Band "wider die wiesel" präsentiert: Gedichte und Minidramen, die mit Unterstützung von Computer-Übersetzern zum Lobe und Ruhme des Wiesels anheben. "pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll blut, pop pop! geht das wiesel - und alles wird glut." Kein Wunder bei so viel Ansprache, dass das Wiesel - wie die Tagtigall - nicht zu den bedrohten Tierarten gehört.

Ulf Stolterfoht, wider die wiesel, Ostheim/Rhön, Verlag Peter Engstler, 2013.


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