Tagtigall

Die geheimen Gesetzgeber der Welt

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
27.01.2014. Was wäre, wenn Politiker ihre Sitzungen mit einem Gedicht eröffnen würden? Das schlug kürzlich Michael Krüger im Schloss Bellevue vor. Marie Luise Knott nimmt den Faden auf und spinnt ihn weiter: Über den Einfluss William Carlos Williams' auf Bankdirektoren, Oskar Pastiors auf eine Redaktionssitzung des Stern oder des Seeschlangensongs auf das Außenministerium...

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Schon früh sollten im Abendland die Dichter aus der Politik verbannt werden: Platon glaubte zwar, dass Sprache das Innerste der Menschen zu affizieren vermag, dass also die Schönheit eines Werkes Schönes im Menschen weckt, doch in seinem "Staat" war nur politisch Erbauliches und Lehrreiches vorgesehen. Er kritisierte die freie Dichtkunst wie Homers epische Gesänge als unnütz, da der Erziehung zur Tugend und der Eindämmung des Lasters nicht förderlich.

Als Michael Krüger am 17. Januar 2014 im Schloss Bellevue von Bundespräsident Gauck das Verdienstkreuz Erster Klasse verliehen wurde, schlug er -- Platons Verbannung der Dichtkunst ignorierend -- vor, jede Sitzung unserer Politikerklasse solle mit der Lesung eines Gedichtes beginnen. "Stellen Sie sich vor: Pofalla liest zu Beginn ein kurzes Gedicht von Celan. Ich sage Ihnen: die ganze Sprachform der Sitzung würde sich ändern." Krüger hat das schon öfter vorgeschlagen, aber hier, an diesem Abend, fand seine Idee, der vom Sachzwang umstellte Politikeralltag könne sich mittels Poesie den Sinn für alle Sinne zurückerobern, endlich passende Ansprechpartner: Joachim Gauck und Monika Grütters.

Es gelingt einem nicht, sich auszumalen, dass Ronald Pofalla eine Kabinettssitzung mit Paul Celan eröffnet. Nicht einmal die Zeile: "Denk an die Zeit, da die Nacht mit uns auf den Berg stieg," ist aus seinem Munde vorstellbar. Geschweige denn: "Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / niemand bespricht unseren Staub./ Niemand. /// Gelobt seist du, Niemand."

Es geht hier nicht um Politiker-Basching: die in diesem Gedicht ("Niemandsrose") beschworene Solidarität des "Wir" unter den Menschen ist im Nicht-Alltäglichen angesiedelt. Allein der Ton -- dieses versuchsweise Stammeln der Celanschen Welt-Wiedergewinnung -- greift in unsere Ursprünge zurück. Übergangslos kann niemand danach zur Tagesordnung übergehen.

Also ein zweiter Versuch: Bankdirektoren eröffnen eine Sitzung mit William Carlos Williams' Zeilen von den Pflaumen im Eisschrank, die Michael Krüger so gerne zitiert:

"Nur damit du Bescheid weißt

Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren

du wolltest
sie sicher
fürs Frühstück
aufheben.

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt."


Williams Poetisierung des Alltags erregt, bei entsprechendem Vortrag, sicher bei jedem Sitzungsteilnehmer zunächst einmal ein Schmunzeln. Und das ist ja nicht wenig. Wir alle sehnen uns nach den kleinen Sünden dieser Welt. Doch wenn man die Zeilen auf ihren Platon'schen "Nutzen" hin ausleuchtet, klingen sie wie eine Aufforderung, frei nach eigenem Gusto fremder Leuts Pläne umzustoßen und sich an Gemeinschaftsgütern zu vergreifen. Insofern sind die Eispflaumen zwar eine Öffnung der Sinne, führen jedoch, als gedanklicher Impulsgeber genommen, schlicht aufs Glatteis und sind in etwa so inkompatibel mit Platons erzieherischem Verdikt, wie wenn im Außenministerium vor jeder Sitzung das "Hohoho" des "Seeschlangensongs" angestimmt würde. "Die Schlange Serpentina hat man doch noch besiegt, man hat sie vor Messina mit Schmeicheln klein gekriegt. Hohoho!"

Sollte Krüger gemeint haben, dass sich unserere dröge Sitzungskultur vielleicht doch lieber an Klassischerem laben sollte? Rilkes "Herbsttag" zum Beispiel endet mit folgender Strophe:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Hölderlin, Goethe, Hebbel und sogar Opitz als Sitzungsbeginn - das klingt ein wenig wie Sehnsucht nach einer Rückkehr heiliger Handlungen ins profane Heute. Gedichte als Gebetsersatz? Mit einem Würfel auf dem Tisch womöglich, mit dem einst die Tageslosung ausgewürfelt würde? So hat es Krüger sicher nicht gemeint.

Eine klammheimliche Freude befällt einen bei der Vorstellung, ein Meeting von Hedgefond-Managern im Frankfurter Flughafen oder auch eine Redaktionssitzung des Stern begänne mit einem Gedicht von Oskar Pastior:

Wer kommt denn da so Morgenschön ?
Wer morgent da so schön heran ?
Wer schönt heran so morgenda ?
Dat wer schön so am Morgen ?
Wer kömmt da mor wer dennt da schön ?
Wer gent so mör wer sot so kömm ?
Wer hert wer wert denn sö ?
Kömmt da wer ?
Mört wer dä ?
Wer dä !
Mörg.

Hier, bei Pastior, werden die Strickleitern des schönen Klangs derart festgezurrt, dass der Sinn Neuland erklimmt. Verse von ureigenster Komik, dessen Eigenreich sich in keinen alltäglichen Erledigungsmodus eingemeinden lässt. Ja, da kömmt wer. Aber nicht heute, sondern Morgen. Mörg. In solchen Reichen geschmiedeter Verse herrschen andere Regeln, sie wollen gesondert erkundet werden und bieten uns dank Klang, Rhythmus, Reim deutliche Wegweiser. Doch auch äußerlich näherliegende Gedankenwelten wie Heines "Denk ich an Deutschland in der Nacht" - taugen sie wirklich zum Sitzungsvortrag? Je mehr man in den Krüger-Vorschlag eintaucht und vermittels dieses Vorschlags sich das Reich der Dichtung anschaut - ob inniges Bild der Romantik, ornamentales Barock oder expressionistischer Gefühlsauftrag - je mehr man eintaucht, desto klarer erkennt man: Dichterworte wirken aus einer anderen Welt. Sie widersetzen sich dem Einsatz. Doch es stellt sich ein großes Vergnügen ein, denn all diese Verse sind ja ein Vergnügen. Je länger man sich den Krüger-Vorschlag nicht vorstellen kann, desto mehr verdichtet sich die Erkenntnis, dass an dem dahinterstehenden Wunsch nach einer Repoetisierung des Lebens in diesen dürftigen Zeiten was dran ist. Dass Dichtung sozusagen etwas zum Glühen bringt. Auch diese Zeilen von Uljana Wolfs zeugen davon:

wenn es Zeit ist für orangen, ist keine zeit, no time at all, für nichts. ich esse nur orangen, at least they exist, wenn sonst nicht viel ist, no things at all, nicht viel. zierliche schiffchen und zähe dünne haut. ich zutsche sie stundenlang aus. keeps me beschäftigt.

Poesie hat tatsächlich keinen "Gesellschaftsvertrag mit der Wirklichkeit" (Adorno). Sie durchschlägt die Zeiten und verbindet einander ferne Räume, und sie verteidigt dem Sinnlichen und dem Unsinnigen seinen Platz in dieser Welt. Das Schöne an der Poesie wie an der Liebe ist doch das inhärente Versprechen, dass da etwas ist im Leben, das nicht aufgeht, das sich nicht bändigen lässt, unaufgelöst bleibt. Denis Scheck formulierte das kürzlich so: "Darum lese ich doch Lyrik, damit mir der Kopf mit mehr oder minder sanften Ohrfeigen in eine Richtung gewendet wird, in die ich bisher noch nicht geschaut habe."

Jeder müsste, um überhaupt ein Gedicht zum Sitzungsbeginn auswählen zu können, die Welt der Akte und Kontakte verlassen und für den Moment der Suche eintauchen ins Poetenreich, in dem das Spiel der Kindheit überdauert wie in aller großen Kunst - in jenes Reich, das aus nichts als Sprache alles zu erschaffen vermag, alles Herz wie allen Schmerz. Pflaumen, Eisschrank, Orangen, Schafe, Wein. Verzeih mir, sie waren so süß und so kalt! Dass Genuss ein Argument sein kann!

Michael Krüger hat natürlich eine ganze Garde von Dichtern hinter sich, wenn er den Vorschlag macht, das Alsob-Reich der Dichtung aus seinem Elfenbeinturm herabzuzerren. Kein geringerer als der romantische Dichter Percy Bysshe Shelley hat in seiner "Defence of Poetry" 1821 konstatiert, Dichter seien "the institutors of laws and the founders of civil society". Die geheimen Gesetzesgeber der Welt also. Der Schriftsteller Franz Josef Czernin führte den Gedanken fort und setzte die These hinzu, Dichter seien außerdem die geheimen Gesetzeszerstörer der Welt. Mit nichts als den Mitteln der Sprache stellen sie immer neue Regeln auf und stürzten sie immer neu alle Regeln und alles schon Gewusste um. Dort, wo dies gelingt - das Regeln-Brechen und das Regeln-Aufstellen - reicht der Impuls der Dichtung weit über die Sprache hinaus, kommt die richtigstellende Kraft der Dichtung ins Spiel. Lyriker transformieren die Wirklichkeit, und sie können dies sogar, wie man an Celan sieht, ohne vor der "letztlichen Trostlosigkeit der Dinge" (Seamus Heaney) zu kneifen.

Eine erste Evaluation des Krüger-Vorschlags könnte also lauten: Wir tun gut daran, uns den Kopf von der Dichtung in ungeahnte Richtungen verdrehen zu lassen, gut daran, nicht vor der "letztlichen Trostlosigkeit zu kneifen" und uns unsere eigenen gespenstischen Fixierungen ans Vorhandene vor Augen zu führen. Die Öffentlichkeit braucht Pluralität, sie braucht dieses Versprechen der Freiheit. Kein Wunder, dass der Schriftsteller Jürgen Becker am Abend beim Bundespräsidenten Krügers frühes Gedicht "Wie es so geht" (1976) vortrug, das mit den Zeilen endet:

Es ist nichts passiert. Alles ist ruhig.

Das Alfabet ist wieder in Gebrauch, das Einmaleins,

der Dialog hat Konjunktur. Die alten Hüte,

die alten Weissagungen, die alten Erscheinungen: alles
sieht aus wie neu. Jeder hat seit gestern das deutliche Gefühl,

dass es ihn gibt. Jeder kann sich sehen lassen. Jeder sieht jedem
mit Interesse zu. Die stotternden Unterhaltungen

sind verstummt, alles geht flüssig von der Hand, die intimen

Entgleisungen gibt es nicht mehr. Das Dunkel wurde abgeschafft:

Aphorismen beschreiben die Welt mit tödlicher Klarheit.


Freiheit lässt sich nicht verordnen. Sie scheint auf. Pluralität lässt sich verordnen. Von beidem handelt die Poesie, ob es Platons Staat nützt oder nicht.

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Quellen:
1) Seamus Heaney, "Verteidigung der Poesie", Edition Akzente, Hanser Verlag, München 1996.
2) Franz Josef Czernin, "Der Himmel ist blau". Aufsätze zur Dichtung, Urs Engeler, Basel/ Weil am Rhein 2007.
3) Uljana Wolf, "Meine schönste Lengevitch", Kookbooks, Berlin 2013.
4) William Carlos Williams, "Liebesgedichte", Insel Verlag, herausgegeben von Michael Krüger, Frankfurt 2008. (Die Übersetzung von "Nur damit du Bescheid weißt" ist von Hans Magnus Enzensberger).
5) Michael Krüger, "Reginapoly". Gedichte. Hanser Verlag, München/Wien 1976.
6)Percy Bysshe Shelley, "A Defence of Poetry", im Netz.

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