Snapshots Blog - von Sascha Josuweit

Eine andere Identität

Von Sascha Josuweit
14.07.2014. Aleatorisch Bildmaterial, Netznews und Gossip verarbeitend erkundet unser Autor die Möglichkeiten eines Parallelfeuilletons
Abb.: Die schönsten Momente verbrachte der kleine Adam auf dem Schoß von Großvater JackAbb.: Die schönsten Momente verbrachte der kleine Adam auf dem Schoß von Großvater Jack

Ein Gefühl, das sich während seiner Jugend naturgemäß noch verstärkte. Weder Familie noch Freunde vermochten ihm zu vermitteln, dass er etwas Besonderes war, etwas, das es wert war, erhalten und gepflegt zu werden, etwa so, wie man einen Garten pflegt, in dem Blumen wachsen. Mit 53 erfuhr Adam, dass es Möglichkeiten gab, Schönheit zu erlangen. In einem Internetforum lernte er Menschen kennen, die es liebten, sich als Sexdolls zu verkleiden. In Wildwood, Florida, gab es einen Familienbetrieb, der die hautengen Bodysuits aus Latex fertigte. Alle erdenklichen Sonderwünsche waren möglich. Die Aficionados dieser Maskerade schlüpften in die Gummioveralls mit geschminkten Augen und Lippen, großen Brüsten und behaarten Muschis, kleideten sich verführerisch und liefen, sich ihrer Wirkung bewusst, in Zweiergruppen durch die Stadt. Alle Leute sahen sich nach ihnen um. Manche wollten die Brüste anfassen und wissen, wie es sich unter der Gummihaut anfühlte. Es fühlte sich großartig an. Adam war elektrisiert von der Aussicht auf eine andere Identität. Und sei es mithilfe eines Anzugs aus labbrigem Gummi, den er vor dem Anlegen einpudern musste. Die Sexdollvariante jedoch kam für ihn nicht infrage. Stattdessen wählte er für seinen Bodysuit das äußere Erscheinungsbild seines Großvaters Jack. Wenn es jemanden in Adams Familie gab, der ihm hin und wieder das Gefühl vermittelt hatte, kein stinkender Unrat zu sein, dann Opa Jack. Stundenlang durfte der kleine Adam auf seinem Schoß sitzen. Diese Momente gehören zu seinen stärksten Erinnerungen.



Sascha Josuweit