Snapshots Blog - von Sascha Josuweit

Muttertag

Von Sascha Josuweit
19.05.2014. Aleatorisch Bildmaterial, Netznews und Gossip verarbeitend erkundet unser Autor die Möglichkeiten eines Parallelfeuilletons
Ihr kleiner Bruder soff, die große Schwester war mit ihrem Mann nach Kanada ausgewandert, um in einer Blockhütte zu leben und einen Handel mit Inuit-Kunsthandwerk aufzuziehen. Das war noch bevor Uschis Probleme begannen. Um was genau es sich handelte, hätte sie gar nicht angeben können, hätte sie jemand danach gefragt. Es fragte sie aber keiner, und vielleicht war das Teil des Problems. Allein fehlte es Uschi einfach an der nötigen Energie. Aufstehen, Zähneputzen, Einkaufen, Essen kochen, diese alltäglichen Dinge erschienen ihr mit zunehmendem Alter immer mehr als Last, deren Sinn ihr nicht einleuchtete. Als ihr eines Nachts im Bett die glimmende Zigarette aus der Hand fiel, bemerkte sie es erst, als es zu spät war. Der Bruder in seinem Delirium verstand die Nachricht vom Tod der Schwester nicht. Die Schwester in Kanada, bereits stramm auf die 80 zugehend, musste kommen und der Gerichtsmedizin behilflich sein, die teilweise karbonisierte Leiche zu identifizieren. Macht es Sinn, eine Verbrannte einzuäschern? Die Schwester hielt sich an Uschis Wunsch und nahm einen Teil der Asche in einer Brotdose mit nach Hause. Manchmal, wenn sie das kleine tönerne Behältnis mit Uschis Überresten ansieht, fragt sich die Schwester in ihrer Blockhütte, ob sie nicht einen Fehler beging, als sie damals fortging und die Uschi zurückließ. Dann denkt sie an ihre Mutter und ihre vier Schwestern. Im Männer verschlingenden Krieg ruhte auf den Schultern dieser Frauen die Zukunft des Deutschen Reiches. Selbstlos, treu und pflichtbewusst sollten sie sein. Ihre Kinder waren des Führers schlafendes Heer. Noch heute erinnert daran die Verankerung des Muttertags als öffentlicher Feiertag, in Deutschland wie in Kanada.



Abb.: Willensstarke Hüterinnen des schlafenden Heeres, selbstlos.