Zum Tee bei Diana Athill

Von Henning Hoff
12.03.2004. Diana Athill ist 86 Jahre alt, fährt gern schnell und ist die berühmteste Lektorin Großbritanniens. Ein Besuch.
Die Londoner Verleger Andre Deutsch und Lord Weidenfeld pflegten, bis Deutsch im Jahr 2000 starb, seit den Jahren des Zweiten Weltkrieges eine Freundschaft, zu deren Ritualen es gehörte, dass sich der gebürtige Budapester und der gebürtige Wiener einmal im Jahr zum gemeinsamen Frühstück trafen. "George", würde Andre Deutsch sagen, "Du bist Verleger, ich bin Verleger. Wir kennen uns so lange. Da ist es doch Unsinn, dass wir getrennte Wege gehen." - "Du hast völlig recht, Andre", würde George Weidenfeld entgegen, "wir könnten ja zumindest unsere Lager zusammenführen." - "Eine hervorragende Idee", würde Deutsch sagen, "wie wollen wir das Unternehmen nennen?" "Na, Weidenfeld & Deutsch natürlich", würde Weidenfeld vorschlagen. "Nein, natürlich Deutsch & Weidenfeld", würde Deutsch widersprechen. Und über diese Frage würde die Angelegenheit vertagt werden, bis zum nächsten Frühstück.

Diana Athill erzählt die Anekdote mit Verve, lächelt und schüttelt den Kopf über die beiden Männer, die sie in London kennen lernte, als deutsche Bomben auf die Metropole fielen. Das ist über sechzig Jahre her. Von Anfang an war sie bei Deutschs Verlag dabei, Als sie sich Anfang der neunziger Jahre mit 75 Jahren Ruhe setzte, stand sie in dem Ruf, die Lektorin Londons zu sein und eine zu Unrecht wenig beachtete Autorin. Heute ist sie 86. Sie lebt seit Jahrzehnten in einer kleinen Dachwohnung eines großen Reihenhauses aus viktorianischen Zeiten, in Primrose Hill im Nordon Londons. Von dort hat man an diesem Wintertag einen grau-verhangenen Blick auf die Innenstadt. Es flackert ein künstliches, aber wärmendes Kaminfeuer, und es gibt Tee mit Keksen.

Als "alte Frau" habe sie sich erst in ihren Achtzigern gefühlt, sagt sie, und so ganz glaubt man ihr selbst das nicht. Sie scheint überhaupt kein Alter zu haben, ist eine eindrucksvolle Erscheinung, wach und lebendig. Athill erzählt mit viel englischem understatement, Wärme, und ohne Sentimentalität. Sie ist nach wie vor im Geschäft, schreibt Buchkritiken, Zeitungsartikel und eine gelegentliche Kolumne in der Tageszeitung The Guardian. Sie hasst es, mit Banken zu telefonieren, weil dort immer junge Frauen mit hellen Stimmen am anderen Ende der Leitung sind, die sie nicht gut verstehen kann. Oder mit der Polizei, die ihr regelmäßig Strafmandate ins Haus schickt - wegen zu schnellen Fahrens.

Seit 2000 sind fünf Bücher von ihr erschienen, alle im kleinen Granta-Verlag: Der Roman "Don't Look at Me Like That", "Yesterday Morning" über ihre Kindheit im England der 1920er Jahren, und die dokumentarischen Bücher "Instead of a Letter" und "After a Funeral"; im ersten geht es um eine frühe Liebe und deren Verlust, im zweiten um den Selbstmord eines talentierten, im Exil lebenden Schriftstellers. Am meisten Aufsehen haben ihre Erinnerungen mit dem Titel "Stet - An Editor's Life" erregt, die ihr Leben als Lektorin und die Londoner Verlagswelt der Nachkriegszeit beschreiben - ein kleines erzählerisches Meisterwerk, schlicht, elegant, ehrlich, unterhaltsam. (Hier ein Auszug.) "Stet" ist eine Anweisung eines Lektors an den Drucker und heißt soviel wie "kann so stehen bleiben".

In die Verlagswelt ist Diana Athill durch "puren Zufall" geraten: Aufgewachsen in der ostenglischen Grafschaft Norfolk, las sie seit ihrer Kindheit gern. Sie studierte Englisch in Oxford und fand nach Kriegsbeginn eine Anstellung in der Informationsabteilung des Auslandsdienstes der BBC. Sie wohnte mit einer Freundin zusammen, die eine Affäre mit einem jungen Nachbarn hatte: George Weidenfeld. Bei einer Party brachte Weidenfeld "einen kleinen Freund" namens Andre Deutsch mit, in den sich wiederum Diana Athill verliebte. Die beiden hatten eine kurze Affäre, die in Freundschaft mündete. Als Deutsch seinen ersten Verlag gründete, war Athill dabei, ohne vorher lange nachzudenken, was ihre genauen Aufgaben sein würden.

Aus der Reihe der vielen Hitler-Flüchtlinge, die in der britischen Nachkriegsliteratur eine bemerkenswert prominente Rolle spielen, fällt Andre Deutsch etwas heraus. Anders als zum Beispiel George Weidenfeld (Weidenfeld & Nicolson), Bela Horowitz (Phaidon) oder Walter und Eva Neurath (Thames & Hudson) war er mehr oder weniger zufällig in Großbritannien, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte, und wurde, wie viele deutschsprachige Exilanten, in einer ersten Panikreaktion der britischen Regierung als "feindlicher Ausländer" auf der Isle of Man interniert. Als Deutsch nach kurzer Zeit wieder entlassen wurde, gab ihm ein Mithäftling ein Empfehlungsschreiben mit, durch das er den Direktor eines kleinen Verlages kennenlernte, nach Athills Worten "ein freundlicher, fauler, eher versoffener Mann", der froh war, den jungen Ungarn als Vertreter einstellen zu können. "Andre merkte auf der Stelle, dass die Welt der Bücher sein Metier war", erinnert sich Diana Athill. Auch sie merkte schnell, in der Zusammenarbeit mit Deutsch, dass sie den Beruf eines "editor" liebte und so gut ausfüllte wie nur wenige.

Den ersten Verlag gründete Deutsch, der fürchtete, sein eigener Name würde kurz nach dem Krieg nicht gut ankommen, Ende 1945 unter dem Namen "Allan Wingate", mit 3.000 zusammengeliehenen Pfund, obwohl 15.000 Pfund damals als absolutes Minimum an Startkapital galten. Beinahe wäre der Verlag mit einem Klassiker der Weltliteratur gestartet: Der Journalist und Autor George Orwell konnte keinen Verleger für seine antistalinistische Fabel "Farm der Tiere" finden und bot seinem Bekannten Deutsch, von dem er wusste, dass er sich selbstständig machen wollte, das Manuskript an. Deutsch lehnte ab, obwohl er das Buch für brillant hielt. Er wollte Orwell nicht einem solchen Risiko aussetzen. Als das Buch immer berühmter wurde (am Ende war es bei Secker & Warburg erschienen), so erinnert sich Diana Athill, habe Deutsch nie über das verlorene Geschäft gejammert, sondern sei stolz gewesen, dass er das Buch von Anfang an unterstützt hatte.

Deutsch war ein großer Verleger. "Er las Bücher. Er jagte Bücher. Er erfand Bücher", schreibt Diana Athill in "Stet". Während der unsicheren, frühen Jahre, als der Verlag oft am finanziellen Abgrund stand und sich alle fragten, wie nur die vielen offenen Rechnungen bezahlt werden sollten, hatte Deutsch stets eine andere Sicht der Dinge: "Diese idiotischen Drucker und Binder versuchen mich davon abzuhalten, wichtige Bücher zu veröffentlichen, die die Welt braucht, und die am Ende genug Geld einbringen werden, um alles zu bezahlen." Aber Deutsch war nicht immer ein einfacher Mensch. Er führte ein rigoroses Sparregime ein, knipste hinter allen das Licht aus und verlangte das Wiederbenutzen alter Briefumschläge. "Verschwendung" brachte ihn in Rage, die Klage, dass der Untergang kurz bevorstehe, behielt er bei, als der Verlag längst erfolgreich und etabliert war. Ungerechtigkeiten, beispielsweise beim Gehalt, blieben: Die Verlagswelt wurde damals von vielen schlecht bezahlten Frauen am Laufen gehalten, und wenigen, weit besser bezahlten Männern, sagt Diana Athill. Als Cheflektorin und Mit-Direktorin von Deutschs Verlag verdiente sie immer weniger als männliche Kollegen. "Eitelkeit" und das "geringe Selbstbewusstsein" einer Frau, die vor dem Zeitalter der Emanzipation lebte, macht sie heute dafür verantwortlich, dass sie sich darüber nie beschwerte.

Die erste Lektion, die ein guter Lektor lernen muss, ist laut Diana Athill, "nie Dank zu erwarten". Und: Bei Erfolg oder Misserfolg eines Buches spielt Zufall eine Rolle. Das galt gerade in den frühen Jahren des Verlags. Zu den ersten Büchern, die sie herausbrachten, gehörte Norman Mailers "Die Nackten und die Toten". Das Manuskript galt als schwierig, denn die Wörter "fuck" und "fucking" kamen so häufig darin vor, dass ein Ersatz durch "f-" die Dialoge wie Fischnetze hätte aussehen lassen. Man einigte sich schließlich auf "fug" und "fugging". Der Zufall wollte es, dass ein Vorabexemplar für den Literaturredakteur der Sunday Times zufällig dem Chefredakteur in die Hände fiel. Der ältere Herr war nach der Lektüre von nur einer Seite so schockiert, dass er sich zu einem warnenden Artikel berufen fühlte, in dem er erklärte, das Buch sei so übel, dass "kein anständiger Mann es herumliegen lassen könne, wo Frau und Kinder es sehen". Deutsch und Athill fürchteten schon das Aus für ihren Verlag und merkten erst, als sich am Tag nach dem Artikel Vorbestellung auf Vorbestellung häufte, dass sie nicht ruiniert waren - im Gegenteil.

Von Teilhabern aus dem Verlag gedrängt, gründete Andre Deutsch 1952 ein neues Unternehmen, nun unter eigenem Namen. Für einen Aufsehen erregenden Start sorgten die Memoiren Franz von Papens, Reichskanzler der Untergangsjahre der Weimarer Republik und Steigbügelhalter Hitlers (mehr). Die Vorabdrucksrechte verkaufte Deutsch für die damals atemberaubende Summe von 30.000 Pfund an eine britische Sonntagszeitung. Der Verlag wuchs schnell. Zu Mailer gesellten sich Schriftsteller wie Philip Roth, Jack Kerouac, V.S. Naipaul und Jean Rhys, Poeten wie Stevie Smith, Elisabeth Jennings und Geoffrey Hill oder Sachbuchautorinnen wie Simone de Beauvoir, Peggy Guggenheim und Gitta Sereny. Bei Deutsch wurde kein Unterschied zwischen "editor" und "copy-editor" gemacht: Texte zu redigieren war ebenso Athills Aufgabe wie Autoren bei Laune zu halten und dieses oder jenes Projekt anzuregen. In ihren Autoren-Portraits wird deutlich, was das im Einzelnen bedeuten konnte. V.S. Naipaul zum Beispiel, Literaturnobelpreisträger von 2001, wollte den Verlag verlassen, der ihn berühmt gemacht hatte, als Diana Athill ein Manuskript milde kritisierte. Dass Jean Rhys den modernen Klassiker "Wide Sargasso Sea" zu Ende brachte, war nicht zuletzt Athills Talenten als Kindermädchen zu verdanken. (Ein Artikel Athills über Jean Rhys hier)

Wenn sie zurückblickt, so empfindet Diana Athill als den größten Unterschied, dass das Verlagsgeschäft früher ein Gewerbe ("a trade") war, während heute, gerade in Großbritannien, von "Industrie" die Rede ist. Bezeichnend ist das Schicksal des Verlags Andre Deutsch, der heute eine "Marke" oder "imprint" im Publikationsarm des britischen Medien-Riesen Carlton ist. Ihr Beruf scheint allmählich auszusterben. Die Arbeit des "editors" übernehmen heute vielfach Literatur-Agenturen, und ein wachsender Teil von Büchern wird kaum noch oder überhaupt nicht mehr lektoriert. Dennoch macht sie sich über die Zukunft des Buchs keine Sorgen: "Gute Literatur setzt sich am Ende immer durch."

Man kann nur hoffen, dass das stimmt. Vielleicht gibt es gute Literatur aber auch nur so lange, wie es Menschen wie Diana Athill gibt.