Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Novinky.cz

Eine der großen Fragen, die laut dem tschechischen Philosophen und Soziologen Václav Bělohradský unbeantwortet in der Leere unserer globalisierten Welt hallen, ist die nach der Bedeutung der Repräsentanz, und Bělohradský diagnostiziert hier für unser Zeitalter ganz ohne Nostalgie die Postrepräsentative Demokratie. ""Die Explosion des Sozialen", die rasant angewachsene Fähigkeit aller Individuen, Informationen, Bildern, Daten und Zusammenhänge selbst zu verarbeiten, herzustellen und mitzuteilen, sich also "zu präsentieren", die in den 60er Jahren eingesetzt hat, hat in den postindustriellen Gesellschaften der Kommunikationsfülle und konsumistischen Selbstgenügsamkeit des Individuums ein unumkehrliches Repräsentationsdefizit hervorgerufen. Der öffentliche Raum ist hier überbevölkert, zwischen der (Selbst)Präsentation der Akteure und ihrer institutionalisierten Repräsentation existiert nicht mehr die Kluft der legitimierenden respektvollen Stille; Repräsentierte aller Sorten betreten unablässig die Bühne und stellen mit dem Aufschrei Not in my name! die Repräsentanten in Frage."

Magazinrundschau vom 07.07.2015 - Novinky.cz

Im Gespräch mit Zbyněk Vlasák berichtet der amerikanische Regisseur Paul Thomas Anderson, wie er sich in Vorbereitung auf seine Pynchon-Verfilmung "Inherent Vice" zahlreiche Filme über die 60er-Jahre angesehen hat: "Die meisten davon waren absolut grauenhaft. Hollywood hat aus den Hippies Romantiker mit großen Brillen und dem Wort "Frieden" auf den Lippen gemacht. Das erinnert an Aufnahmen vom Yeti, diese Filme gehen ebenso an der Realität vorbei. Ich hab mich beim Ansehen richtig geschämt." Auf die Frage, ob er selbst sich in Oppostion zum Establishment sehe, antwortet Anderson: "Ich fürchte, ich gucke dem Establishment eher zum Hintern raus. Die Frage ist, ob in Amerika überhaupt so etwas wie eine reine Kultur existiert, die nicht vom Establishment beschmutzt ist. Alles kostet Geld, und alle Gelder in den Staaten stammen aus etwas Illegalem, Schlechtem. Jeder Dollar kommt auf seinem langen Weg mit irgendeiner Art von Menschenrechtsverletzung in Berührung."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Novinky.cz

Tereza Šimůnková unterhält sich mit dem Kunsthistoriker Jiří Fajt, der nach Jahren an der Universität Leipzig unlängst als neuer Generaldirektor der Prager Nationalgalerie angetreten ist. "Nach meiner Rückkehr dachte ich naiverweise, es sei möglich, an die 90er-Jahre anzuknüpfen, in denen trotz gewisser Probleme eine durchweg positive Atmosphäre herrschte. Stattdessen stelle ich fest, dass sich unsere Gesellschaft während meiner Abwesenheit in eine Abwärtsrichtung bewegt hat. Diesen Niedergang verbinde ich mit dem Wegfall der moralischen Autorität von Václav Havel und dem Antreten der Macht-Ingenieure der Václav-Klaus-Ära. Es tut mir unendlich leid, wenn ich sehe, wie viele intelligente, kreative und tatkräftige Menschen heute nicht mehr an den Staat glauben. Die, die sich in der Vergangenheit engagiert haben, sind so oft enttäuscht worden, dass sie keine Kraft mehr für Neuanfänge haben, oder sie sind darüber alt geworden. Ich treffe hier auf eine unglaubliche Skepsis, die ich aus Deutschland nicht kenne. Es ist, als wären alle am Gemeinwohl resigniert, niemand definiert es mehr, niemand versucht es durchzusetzen. In Tschechien wurden in den letzten fünfzehn Jahren keine Probleme mehr angegangen, sondern systematisch umgangen."

Im gleichen Magazin erinnert sich der tschechische Günter-Grass-Übersetzer Hanuš Karlach: "Sein stets lautstarkes Auftreten, gegen die russische Invasion in der Tschechoslowakei, gegen die "Normalisierung", die darauf eintrat, und seine unverhohlene Unterstützung aller Gegner dieser Entwicklung zog natürlich ein komplettes Publikationsverbot seines Werkes bei uns nach sich. Und da halfen weder Gutachten noch Vor- oder Nachworte darüber, dass es sich hier eigentlich um einen linken, wenn nicht gar sozialistischen Autor handelte. Grass durfte nicht existieren." Das änderte sich freilich nach der Samtenen Revolution. "Irgendwann Mitte der Neunziger war Grass hier zu Besuch und ich begleitete ihn als sein Übersetzer durch Prag. Als wir über den Altstädter Ring gingen, erhoben sich ein paar amerikanische Studenten von den Bänken und sagten zueinander überrascht und ehrfurchtsvoll: "Look! Is it possible? It"s Günter Grass!""