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Essay

Warum hat Ayaan Hirsi Ali unrecht?

Von Halleh Ghorashi
14.03.2007. Ayaan Hirsi Alis Thesen zur Unvereinbarkeit des islamischen Glaubens mit der Emanzipation der Frau sind reduktionistisch und dogmatisch. Bei der Lösung der Probleme kann nur eine Offenheit der westlichen Gesellschaft für die Entscheidungen der Migranten helfen.
Ich habe Ayaan Hirsi Ali das erste Mal 2002 in einer Diskussionssendung des niederländischen Fernsehens erlebt. Ich sah eine starke Frau, die für ihre Ideen kämpfte. Eine Frau, die es wagte, sich von ihrem traditionellen islamischen Hintergrund zu distanzieren und gegen die islamische Gemeinde in den Niederlanden Stellung zu beziehen. Ihre Argumente zur Unvereinbarkeit des islamischen Glaubens mit der Emanzipation der Frau waren scharf formuliert. Ich fand ihre Thesen attraktiv und identifizierte mich aus mehreren Gründen mit ihr. Zum einen, weil ich selbst vor 18 Jahren meine Heimat Iran verlassen hatte, auf der Flucht vor einem islamischen Regime, dessen Unterdrückung im Namen des Islam ich gleich doppelt zu spüren bekommen hatte: wegen meines politischen Hintergrunds (als Linke) und wegen meines Geschlechts. Zum anderen war mir die Emanzipation der Frauen ein großes Anliegen, insbesondere der Frauen, die wie ich aus islamischen Ländern kommen.

Diese Identifikation war allerdings von kurzer Dauer. Während ich Ayaan Hirsi Ali zunächst für eine Pionierin der Emanzipation islamischer Frauen hielt, erwies sich bald, dass sie dogmatische Ansichten mit wenig Raum für Nuancen vertrat. Ich begriff rasch, dass Ayaan Hirsi Ali Teil jenes dominanten "rechten" Diskurses über den Islam in den Niederlanden geworden war, der islamische Migranten als das Problem und als Feinde der Nation begreift. Da wurde mir klar, dass unsere Wege sich getrennt hatten.

Eine kurze Geschichte der Immigrations-Diskurse

Der niederländische Diskurs über neue Migranten aus islamischen Ländern ist zusehends kulturalistisch geworden, das heißt die Kulturen werden als absolut voneinander verschieden betrachtet. In den Siebzigern konzentrierte man sich auf die Bewahrung der von den Migranten mitgebrachten Kultur. Später ging es um Integration unter Wahrung der Migranten-Kulturen. Heute herrscht die Auffassung vor, dass das Einschreiten gegen sogenannte "kultur-basierte Verbrechen" und die Verpflichtung zur Integration der Integration förderlich sind. Es scheint also, als hätte der Diskurs seine inhaltliche Ausrichtung komplett verändert. Es wird heute allgemein angenommen, dass die viel kritisierte "Indifferenz", die in den 1970ern und 1980ern vorherrschte, aufgegeben wurde und dass es eine Verlagerung des Akzents von sozio-ökonomischen zu sozio-kulturellen Aspekten von Integration gegeben hat. Trotz dieser Verschiebungen hat sich der Inhalt des Diskurses im Grunde fast gar nicht verändert. Das liegt daran, dass das Denken in Kategorien, insbesondere eine kulturalistische Haltung, ein bestimmendes Moment beim Nachdenken über Fragen der Migration geblieben sind. Nach wie vor wird die Kultur der Migranten als komplett verschieden von der niederländischen Kultur betrachtet, ja sogar als ihr ganz entgegengesetzt.

Um den kulturalistischen Diskurs in der niederländischen Gesellschaft verstehen zu können, muss man ihn im Kontext der "Versäulung" begreifen. Dieses Konzept der Entstehung von "Säulen" in der niederländischen Nachkriegsgesellschaft, d.h. der scharfen Trennung von Gesellschaftsgruppen entlang der Linien von Religionszugehörigkeit und politischer Ideologie, war und ist die dominierende Hintergrundvorstellung zum Verständnis von gesellschaftlichen Differenzen. Die Dichotomie zwischen "uns" und "ihnen", mit der Betonung der Gruppengrenzen, hat untergründig auch die Kategorien geformt, mit denen man die neuen Migranten zu verstehen sucht. Die Konsequenzen dieser Vorgeschichte der "Versäulung" sind für jene, die aus islamischen Ländern kommen, am deutlichsten spürbar: sie wurden in den Köpfen der anderen einfach in eine neue Säule, eben die islamische, einsortiert.

Dadurch sind die neuen Migranten aus islamischen Ländern in eine verwirrende Spannungszone geraten. Die niederländische Gewohnheit, in "Säulen" zu denken, wurde auf die Lage der Migranten übertragen und es blieb - ja, es entstand zum Teil erst - der Raum, in dem die Migranten ihre Kulturen bewahren konnten. Paradoxerweise ereignete sich das aber in den bereits "ent-säulten" Niederlanden, in denen in erster Linie die individuelle Autonomie als schützenswert betrachtet wird. Freilich hat diese Vorgeschichte das Denken über kulturelle Unterschiede und ethnische Grenzen geprägt. Dies hat zur Schaffung kultureller Unterscheidungen geführt, die es praktisch unmöglich machen, die einzelne Migrantin und den einzelnen Migranten noch von ihrer oder seiner kulturellen oder ethnischen Zugehörigkeit zu trennen.

Was hat sich dann geändert?

In der heute oft so genannten post-Fortuyn-Periode habe wir erlebt, wie neue Abarten des Denkens in Kategorien entstanden sind. So sehen wir zum Beispiel, dass die Betonung der negativen Folgen kultureller Unterschiede stark zugenommen hat. Im Diskurs zur "Islamisierung" ist das unübersehbar. Vor allem kann man seit 2000 eine beträchtliche Veränderung des Tons beobachten, die ihren Ausdruck in der Forderung findet, "wir müssen doch sagen dürfen, was wir denken". Baujke Prins (2004) spricht von der Ära des "neuen Realismus". Der neue Realist ist jemand, der Mumm hat; der es wagt, die Dinge beim Namen zu nennen; der sich zum Sprecher des Normalbürgers erklärt und sich dann gegen die sogenannten linken, "politisch korrekten" Ansichten des Kulturrelativismus in die Schlacht wirft.

Die Dominanz dieses "neuen Realismus", dazu die Anschläge vom 11. September und die Morde an Fortuyn 2002 und Van Gogh 2004, haben dafür gesorgt, dass das Denken in kulturellen Unterschieden heute mit Gefühlen der Angst und Unzufriedenheit verbunden ist. Das wiederum hat zur Folge, dass Migranten und darum auch Migrantenkulturen inzwischen mit Abneigung und Misstrauen betrachtet werden - mit den entsprechenden Konsequenzen für die Politik und die öffentliche Debatte. Ayaan Hirsi Ali hat diesem Diskurs des neuen Realismus noch einen Gender-Aspekt hinzugefügt. Sie wurde berühmt mit ihren radikalen Stellungnahmen gegen den Islam im allgemeinen und die islamische Gemeinde in den Niederlanden im besonderen. In ihren öffentlichen Auftritten optierte sie für direkte Konfrontation und bezeichnete den Islam als fundamental frauen-feindlich. Mit frechen Worten gegen den Propheten Mohammed und ihrer entschiedenen Stellungnahme gegen islamische Schulen und die Unterdrückung muslimischer Frauen wurde Hirsi Ali zum Sprachrohr des dominanten "rechten" Islam-Diskurses in den Niederlanden.

Diesem rechten "Neuer Realismus"-Diskurs liegen spezifische Definitionen von "Nation" und "Kultur" zugrunde. Betont werden dabei die Unvereinbarkeit der Kulturen und die Notwendigkeit, die niederländische Kultur und Identität vor kultureller Invasion zu bewahren und die Normen und Werte der niederländischen Kultur zu fördern. Diese neue Ausschließungs-Rhetorik basiert auf Vorstellungen einer homogenen, statischen, kohärenten und verwurzelten Kultur, die Verena Stolcke als "kulturellen Fundamentalismus" bezeichnet hat (1995: 4). Es ist dabei nicht mehr die Rasse, die geschützt werden muss, sondern eine historisch verwurzelte, homogene Nationalkultur: "Rassismus ohne Rasse" (ebd.). Diese neue Exklusion im Namen der Kultur findet sich nicht nur in den Niederlanden; sie ist zum allgemein verbreiteten Diskurs in Europa, ja im Westen überhaupt geworden. Nicht nur wird so der Angriff auf die Rechte der islamischen Immigranten innerhalb der eigenen Grenzen legitimiert; auch Militäraktionen außerhalb der eigenen Grenzen im Namen von Demokratie und Humanismus - das, was Noam Chomsky (1999) "militärischen Humanismus" nennt - werden so gerechtfertigt. In den Niederlanden hat sich dieser liberale Aufklärungs-Fundamentalismus in einer speziellen Spielart entwickelt. Er hat sich an den Wohlfahrtsstaat angepasst, indem er den Immigranten ihre Abhängigkeit vom Staat vorwirft, die freilich eine Folge der hohen Arbeitslosenraten ist. Man nimmt an, dass die sozialen und ökonomischen Probleme der Immigranten verschwinden, wenn sie sich nur von ihrer Kultur lossagen und an die niederländische Gesellschaft assimilieren. Diese Annahme, die die Probleme der Immigranten kulturell erklärt, ist nicht einfach nur naiv. Es handelt sich auch um eine sehr spezifische Form des kulturellen Fundamentalismus, der sich nicht mit dem Schutz der niederländischen Kultur begnügt, sondern auf die Bekehrung der anderen aus ist.

Die Betonung der Kultur bei der Erklärung von gesellschaftlichen Problemen und Verbrechen hilft nicht weiter. Sie dürfte eher dazu führen, dass die Migranten sich hinter die ethnischen Grenzen zurückziehen, um ihre eigene Kultur zu verteidigen. Das Gefühl, nicht anerkannt zu werden und in sozialer Unsicherheit zu leben, führt tendenziell zu Radikalisierungen. Wer sich bedroht fühlt, wird vor extremen Konsequenzen zur Verteidigung seiner Grenzen nicht zurückschrecken. Die wachsende Bedrohung durch extreme islamische und rechte Gruppen ist hierfür ein Beleg.

Eine Folge dieser Entwicklungen und der "neuen realistischen" Betrachtung ist die Verhärtung der niederländischen Gesellschaft. Es ist beinahe normal geworden, die Kultur und Religion von Migranten mit Geringschätzung zu behandeln, sie rückständig und per se undemokratisch zu nennen. Ein Beispiel für diese Entwicklungen - die Verschärfung von Regeln und Vorschriften sowie der Haltung gegenüber den Migranten - betraf Hirsi Ali selbst, als es nämlich zum Streit über ihre niederländische Staatsbürgerschaft kam. Der Vorfall hat national wie international starke Beachtung gefunden. Dieses Beispiel zeigt, dass die "rechte", "neu-realistische" Wendung des Integrations- und Migrations-Diskurses nicht einmal eine der integriertesten, wenn nicht assimiliertesten, zugewanderten Niederländerinnen verschont hat - und das, obwohl Hirsi Ali selbst eine der Protagonistinnen dieses "kulturalistischen" Migranten-Diskurses war. Das zeigt, dass der "kulturalistische" Diskurs vor allem dazu beigetragen hat, Angst, Unsicherheit und Absurdität zu erzeugen, statt zu zukunftsweisende Einsichten in Fragen von Diversität und Migration zu führen. Wir brauchen einen neuen Weg.

Der Weg in die Zukunft

Mein primärer Kritikpunkt gegenüber der kulturalistischen Haltung betrifft nicht die Kategorisierung selbst. Es ist unmöglich, ohne Kategorien auszukommen. Das Problem ist, dass die kulturellen Kategorien sich zu absoluten Unterschieden verfestigt haben. In den Sozialwissenschaften ist diese Konzeption von Kultur seit den 1960er Jahren kritisiert worden, als der Ethnologe Fredrik Barth (1969) argumentierte, dass ethnische Grenzen nicht von kulturellen Inhalten geschaffen und bewahrt, sondern zur Verfolgung "politischer" Ziele konstruiert werden. Auf kulturelle Charakteristiken kommt man immer dann zurück, wenn es darum geht, einen Unterschied zwischen "uns" und "ihnen" zu markieren. Deshalb sollten ethnische Grenzen zwischen Gruppen in erster Linie als situationsbedingte, kontextabhängige und veränderbare Konstrukte begriffen werden und nicht als etwas, das aus inhärenten Eigenschaften von Kulturen folgt.

Diese nicht-essentialistische Einstellung zur Identität lässt mehr Spielraum für die Beurteilung individueller Handlungen im Rahmen der kulturellen Herkunft. Individuen nehmen ihre Kultur sehr unterschiedlich wahr und interpretieren sie verschieden. Menschen können ihren kulturellen Habitus kritisieren und sich Innovationen wie auch neuen kulturellen Elementen öffnen. Das führt oft zu vielfältigen Formen neuartiger Verbindungen. Um Reflexion und Innovation zuzulassen, braucht man freilich ein Gefühl der Sicherheit. Die allgemeine Voraussetzung für Reflexion ist deshalb ein sicherer Ort. Wer sich bedroht fühlt, wird in der Regel nicht mit Offenheit antworten. Damit die Menschen sich für neue Ideen und Verbindungen öffnen, brauchen sie das Gefühl, als die anerkannt zu sein, die sie sind: soziale Anerkennung ist von höchster Bedeutung für die menschliche Entwicklung (Taylor 1995). Nur dann können sie einzelne Aspekte ihres kulturellen Hintergrunds in Frage zu stellen. Die Veränderung muss sich der Überzeugung und einem Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft verdanken.

Die soziale Anerkennung kultureller Differenz ist deshalb notwendig, weil sie wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Kultur ist. Demokratie heißt sehr viel mehr als nur die Freiheit der Bürger, zu Wahlen zu gehen. Im Gegensatz zu manchem, was so behauptet wird, geht es in der Demokratie nicht nur um Mehrheiten, sondern vor allem auch um Raum für Minderheiten. Das ist genau der Unterschied zwischen einer verfassungsorientierten Demokratie und einer populistischen Demokratie: in der letzteren erfährt die Mehrheit kaum Einschränkungen, während der Stimme der Minderheit kein sicherer Schutz gewährt wird. Demokratie ohne Opposition ist keine Demokratie. Eine demokratische Kultur verdankt sich jedoch demokratischen Bürgern, die sich ihrer Rechte bewusst sind, aber auch ihrer Pflicht, das Recht und den Raum des anderen zu verteidigen. Mit irgendeiner Art von Dogmatismus ist das nicht vereinbar, sei er religiös oder säkular.

In Übereinstimmung mit dieser Behauptung glaube ich natürlich, dass Ayaan Hirsi Ali das gute Recht hat, ihre Ideen zu vertreten, aber ich glaube auch, dass ihre Haltung zur Emanzipation islamischer Migrantinnen zu simpel, zu reduktionistisch und zu dogmatisch ist. Es scheint seltsam, dass ich als ex-marxistischer, atheistischer iranischer Flüchtling den Raum der islamischen Migranten verteidige. Lange habe ich den Islam als Hauptschuldigen dafür betrachtet, dass ich das Land meiner Kindheitserinnerungen und Freunde und Verwandten verlassen musste. Erst in den Niederlanden habe ich gelernt, zwischen dogmatischem Denken und dem Glauben zu unterscheiden. Ich habe gelernt, dass der Islam als Religion nicht wegen der Taten eines unterdrückerischen Regimes in Bausch und Bogen verdammt werden sollte. Durch die praktische Umsetzung der Demokratie in den Niederlanden habe ich gelernt, die Menschen für ihre Gedanken zu respektieren, solange sie mir diese Gedanken nicht aufzwingen. Und in diesem Punkt liegt der Hauptunterschied zwischen Ayaan Hirsi Ali und mir.

Ihre Haltung zur Emanzpation islamischer Frauen passt perfekt zum dominanten niederländischen Diskurs über islamische Migranten. Islamische Migranten werden als halbe Bürger betrachtet, denen man sagen muss, was gut für sie ist. Sie sollen gefälligst den Wegen folgen, die man ihnen vorgibt. Wenn es um diese gesellschaftliche Gruppierung geht, ist sehr viel mehr von Verpflichtungen als von Rechten die Rede. Die Frage lautet dann: Wie kann man einen Dialog mit islamischen Frauen über Emanzipation führen, wenn ihre Kultur oder Religion als rückwärtsgewandt gebrandmarkt wird? Anders gesagt: Brauchen wir eine solche Diskussion dann überhaupt - oder gibt es keinen anderen Weg zur Emanzipation als den der "Aufgeklärten"?

Die größte Herausforderung, aber auch die größte Leistung einer demokratischen Gesellschaft wie der niederländischen ist es, der Bevölkerung das Gefühl zu geben, trotz aller Differenzen dieser Gesellschaft anzugehören. Die einzelnen können sich jedoch nur als Teil der Gesellschaft fühlen, wenn sie wissen, dass sie als gleichberechtigt ernst- und wahrgenommen werden. Ein wichtiger Bestandteil dieser Inklusion ist der Respekt für das, wofür sich die Migranten entscheiden: diese Entscheidung kann die Bewahrung der eigenen Kultur einschließen. Wenn aber diese Entscheidung einmal getroffen ist, dann verspüren Migranten, wie Studien gezeigt haben, nicht mehr die Notwendigkeit, sie zu schützen - und fühlen sich sicher genug, damit zu experimentieren. Dies scheint die wichtigste Voraussetzung für kulturelle Veränderung zu sein. Dann wird es auch zur realistischen Möglichkeit, dass die Migranten kulturelle Hybridität wählen und sogar fordern, indem sie, auf dem Weg zu einer neuen Kultur, ihre eigene verändern. Sichtbar wird das oft an der Mehrfachpositionierung, die sich in Bindestrich-Bildungen - wie etwa "iranisch-niederländisch" - anzeigt. So schließt das Niederländische Diversität ein und erlaubt es den Migranten, sich als Teil der niederländischen Gesellschaft zu fühlen. Bindestrich-niederländisch kann so einfach niederländisch werden, und zwar ohne Verlust religiöser oder kultureller Identität. Dies ist die einzige fruchtbare Antwort für jeden multikulturellen Staat; ein Staat, in dem Migranten als vollständige und gleichberechtigte Bürger betrachtet werden - mit Rechten, Pflichten und dem Freiraum, sowohl gleich als auch anders zu sein. Und vor allem ist es die einzige Möglichkeit, der Gefahr des Radikalismus vorzubeugen. Denn wie jeder weiß, muss man, um etwas zu bekämpfen, es erst einmal isolieren. Und das geht nur, wenn die Migranten, die sich für hybride Identitäten entscheiden, nicht als "einer von denen" behandelt werden, weil sie einen gemeinsamen kulturellen/religiösen Hintergrund haben.

Der Diskurs, der sich mit den jüngeren Entwicklungen in den Niederlanden herausgebildet hat, trägt zu einem Gefühl der Zugehörigkeit nichts bei. Ganz im Gegenteil. Der "kulturelle Fundamentalismus", die neue Form einer Ausschließungs-Rhetorik, errichtet eine Mauer zwischen Kulturen, die jede Form der Vermischung unmöglich macht. Diese Rhetorik verschärft sich noch, wenn die Ideen und Werte der westlichen Kultur als Rechtfertigung für die Unterdrückung anderer Kulturen benutzt wird. Auf diese Weise wird es den unterdrückerischen Aufklärern möglich, anderen ihre Werte aufzuzwingen. Diese Reise, die mit dem Aufklärungs/Kultur-Fundamentalismus beginnt, endet mit der Aufgabe der Zivilgesellschaft. Es bleibt dann eine Gesellschaft übrig mit wenig oder gar keinem Platz für den anderen. Auf diese Weise unterminiert der neue Fundamentalismus, der die niederländische Kultur und Geschichte schützen will, das wichtigste Fundament der niederländischen Gesellschaft, nämlich die aktive Partizipation seiner Bürger am Prozess der Entscheidungsfindung. Die fundamentalistische Sicht der Dinge definiert Migranten als "unerwünschte Bürger". Dieses Etikett wiederum trägt zu ihrer Isolation bei und verstärkt nur ihre bereits existierenden Probleme innerhalb der Gesellschaft. Die Antwort auf die wachsende Radikalisierung in den Niederlanden kann deshalb nicht in dogmatischen Ideen bestehen, sondern nur in der Erweiterung des Raums für Veränderung und kulturelle Dynamik.

*

Aus dem Englischen von Ekkehard Knörer.

Halleh Ghorashi hat seit September 2005 den PaVEM-Lehrstuhl für das Managment von Diversität und Integration an der Fakultät für Kultur, Organisation und Management an der Freien Universität Amsterdam inne. Sie wurde im Iran geboren und kam 1988 in die Niederlande. 1994 machte sie ihren M.A.-Abschluss in Ethnologie an der Freien Universität und promovierte 2001 an der Universität von Nijmegen. Sie ist die Autorin von "Ways to Survive, Battles to Win: Iranien Women Exiles in the Netherlands and the US" (2003, Nova Science Publishers, New York) und mehreren Artikeln zu Fragen von Identität, Diaspora und der iranischen Frauenbewegung.

Literatur:
Boer, Theo 1993: "Tamara A., Awater en andere verhalen over subjectiviteit". Amsterdam: Boom.
Chomsky, Noam 1999. "The new military humanism : lessons from Kosovo". London: Pluto Press.
Prins, Baukje 2002. "The Nerve to break Taboos. New Realism in the Dutch Discourse on Multiculturalism". Journal of International Migration and Integration (3&4)
Barth, Fredrik, ed. 1969. "Ethnic Groups and Boundaries, The Social Organization of Culture Difference. Long Grove, Illinois: Waveland Press, Inc.
Taylor, Charles 1994. "Multiculturalism and The Politics of Recognition". Princeton, New Jersey: Princeton University Press.
Stolcke, Verena 1995. "Talking Culture: New Boundaries, New Rhetorics of Exclusion in Europe". Current Anthropology, 36(1): pp. 1-24.

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

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