Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Kein Fortschritt, keine freie Rede

Von Necla Kelek
19.12.2007. Tariq Ramadan sagt: "Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung". Aber er sagt nicht: "Eine Steinigung ist eine Steinigung", also ein Verbrechen. Anmerkungen zu der Debatte zwischen Ramadan und Ayaan Hirsi Ali
Umberto Eco analysierte einmal den rhetorischen Trick, mit dem Silvio Berlusconi politischen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen suchte. Berlusconi stimmte am Anfang seiner Reden zur Überraschung seiner Gegner meist den Vorwürfen und Anschuldigungen der Gegenseite zu - nach dem Motto, es stimmt ja dass es bei uns Korruption, Verbrechen gibt, um dann mit dem großen "Aber" zu kommen und alles zu relativieren.

Der islamische Prediger Tariq Ramadan hat diese Methode perfektioniert. In seiner Antwort auf einen Artikel Ayaan Hirsi Alis gibt er zu, was nicht zu leugnen ist. Auspeitschungen, Kinderehen, Willkür in Namen des Islam et cetera. Er zitiert einen gewalttätigen Vers aus dem Koran, um dann die rhetorische Frage zu stellen, ob man denn glaube, der Islam "plädiere per se für Gewalt". Da selbst er nicht leugnen kann, dass der Koran zum Beispiel zum Mord an Ungläubigen aufruft, und allerlei andere Bösartigkeiten enthält, muss er versuchen, die Koran-Aussagen zu relativieren. Das macht er, indem er die heiligen Schriften der anderen Weltreligionen anführt, in denen unbestritten auch gewalttätige Passagen zu finden sind. Gemordet wird überall, also wollen wir uns doch nicht mit Zitaten langweilen! Obwohl diese Zitate ja nach islamischer Lesart die Offenbarung Gottes sind, während aufgeklärte Christen zum Beispiel ihre Heilige Schrift als Gleichnis zu lesen verstehen.

Ramadans oft als Kapitalismuskritik getarnte Abrechnung mit den westlichen Werten gefällt vor allem den (Alt-)Linken in Europa, die seit je ein Faible für Kollektivgesellschaften haben, früher für die roten, jetzt für die grünen Diktaturen und Ideologien. Ramadan versucht gleichzeitig, die vom Koran und Sunna bestimmte islamische Lebensweise in den muslimischen Ländern mit den Rechten von Bürgern, einer säkularen Demokratie, die die Freiheit von Religion einschließen, als gleichbedeutend darzustellen. Er relativiert so die universalen Menschenrechte gleich mit.

Ramadan behauptet, die Kritiker wollten die Muslime doch nur "entislamisieren". Er unterstellt, Kritik am Islam würde bedeuten, man wolle den Menschen den Glauben nehmen. Auch das ist ein Ablenkungsmanöver. Im Gegensatz zum Islam hat im Christentum eine kritische historisierend-rationale Betrachtung von Schrift und Ritus stattgefunden. Der Islam hingegen kennt keine Theologie und keine historisch-kritische Wissenschaft, ja die Muslime sind sich noch nicht einmal darüber einig, was "der Islam" denn überhaupt ist. "Anerkannte Interpretationen des Islam" wie Ramadan behauptet, gibt es nicht. Er möchte damit sicher seine eigene Auffassung aufwerten. Ramadan (wie übrigens alle Islamfunktionäre) interpretiert den Islam ganz so wie er es gerade braucht , er anerkennt oder leugnet die soziale Realität, verdrängt oder benutzt die Geschichte nach Belieben oder definiert sie gegebenenfalls als "unislamisch". Das kann man in seinen Büchern und Vorträgen sehr gut nachweisen.

Diese ahistorische und relativistische Sichtweise ist beschämend, oder im Wortsinn unverantwortlich. Die Muslime selbst scheint dies wiederum nicht zu interessieren. Innerhalb des Islam, an den Rechtsschulen oder in den Verbänden gibt es keinen Diskurs, keinen Zweifel, kein Ringen um Erkenntnis, wenigstens keines das irgendeine gesellschaftliche Relevanz erlangt hätte. Die Auseinandersetzung mit und über den Islam ist eine Sache des säkularen Westens. Wir "Westler", darunter auch säkulare Muslime, haben gelernt, die Verantwortung für uns und die Gesellschaft anzunehmen. Europa wurde durch die Aufklärung säkularisiert, die Werte wurden aus ihrem "ewigen" in den "zeitlichen" Kontext gestellt.

Die westlichen Gesellschaften sind deshalb nicht "entchristlicht" worden, sowenig wie die Muslime "entislamisiert" werden sollen, wenn sie sich der Aufklärung stellen. Das scheint aber nicht in Ramadans Weltbild zu passen, denn dann müsste er das Absolute selbst in Frage stellen und zum Beispiel für die Trennung von Staat und Religion auch in den muslimischen Ländern eintreten. Er versucht etwas anderes, er setzt "westlich" mit "christlich" und "imperialistisch" in eins und versucht als Kritiker des Kapitalismus zu punkten, um den europäischen Wertekonsens zu diskreditieren. Westliche Werte sind von der Aufklärung, der Säkularisation und von den universellen Menschenrechten geprägt und die werden von den muslimischen Organisationen, zum Beispiel der Organisation der muslimischen Staaten nicht anerkannt. Für sie gelten Koran, Sunna und Scharia als aus der Offenbarung kommend und stehen damit nicht zur Disposition, sondern über den von "Menschen gemachten" Gesetzen. Das sagt Ramadan hier nicht, er sagt hier auch nicht, dass er den Zweifel für westliche Dekadenz hält und Individualismus für Egoismus. Das sagt er dann in seinen an die Glaubensbrüder gerichteten Predigten.

Ramadans Behauptung, Ayaan Hirsi Ali hätte in der muslimischen Welt keinen Einfluss, weil sie so unversöhnlich auftritt, ist demagogisch. Es gibt in islamischen Ländern nicht einen lebenden Kritiker, nicht eine Reformbewegung, auf die gehört wird. Es gibt keinen Fortschritt, keine freie Rede, keine Religionsfreiheit. Selbst die vorsichtige Kritik Taslima Nasreens führte zu Morddrohungen gegen sie. Diejenigen, die den Islam kritisieren, oder auch nur in Frage stellen, können sich in islamischen Ländern weder äußern, noch sich organisieren. Es sind eine Handvoll Dissidenten wie Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie oder Ibn Warraq, die offenbar in der Lage sind, die Weltmacht Islam zu reizen.

Wie tief muss die muslimische Welt in ihrem Glauben verunsichert sein, dass sie panisch auf ein paar Dissidenten, Mohammed-Teddybären oder Karikaturen reagiert? Das ist meines Erachtens eine Folge der jahrhundertelang "versiegelten Zeit" und der Abschaffung von Philosophie und Theologie im Islam. Diese Religion scheint in der selbstgewählten Beschränktheit intellektuell zu verkümmern und gleichzeitig, von Petrodollars unterstützt, massiv zu missionieren.Der Islam zum Beispiel in Deutschland ist, das zeigen quantative und qualitative Recherchen (ganz besonders die von Ralph Ghadban) unaufgeklärt, antiwestlich und separatistisch. Auch im übrigen Europa gibt es keinen Reform-Islam, auch wenn der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft Tariq Ramadan meint, sein Sprecher zu sein. Ramadan spricht nur für sich selbst. Soll er doch versuchen, seine Position bei den Islamvereinen mehrheitsfähig zu machen, soll er doch versuchen für einen aufgeklärten Islam die organisatorischen und theoretischen Voraussetzungen zu schaffen, anstatt nur sich selbst zu feiern. Er wird es aus zwei Gründen nicht tun. Zum einen weil er an den islamischen Richtungen, Verbänden und Sekten scheitern wird und zum anderen, weil ein aufgeklärter Islam nicht seinem konservativen Glaubensideal entspricht.

Weil die Muslime sie angeblich ignorieren, ist das, was Ayaan Hirsi Ali sagt, noch lange nicht falsch, und das, was Ramadan behauptet, richtig. Ramadan beklagt in seinem Artikel wortreich die unter dem "falschen" Islam leidenden bemitleidenswerten Frauen. Aber die Steinigung von Frauen als unislamisch zu verurteilen, soweit geht sein Reformeifer dann doch nicht, er will es sich nicht mit den Ultrakonservativen oder den saudiarabischen Finanziers der Muslimbrüder verderben. Er schreibt in seiner Erwiderung auf Ali "eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung".

Er schreibt nicht: "Eine Steinigung ist eine Steinigung", auch wenn sie im Namen des Islam geschieht, ein Verbrechen. Das wäre wohl zuviel des Reformeifers. Tariq Ramadan ist nicht gemäßigt, auch wenn er westlich weichgespülte Rhetorik beherrscht, sein Weltbild ist "ohne Zweifel" das eines Konservativen. Er mobilisiert, wie Ralph Ghadban analysiert, "das gesamte Repertoire von Argumenten, die auf das schlechte Gewissen des Westens zielen". Er ist, wie seine Schriften belegen, gegen die Aufklärung und die Trennung von Staat und Religion. Er redet von Reform, will aber nur, dass der Westen sich dem Islam anpasst. Er will Integration, meint damit aber, dass der Westen sich in das ewige Universum der Muslime integriert. Er redet von Freiheit, meint damit aber nur die Freiheit den Islam zu leben. Er ist gegen eine Neuerung des Islam, denn seine "Religion ist ohne Fehler" wie der türkische Ministerpräsident Erdogan es formuliert. Da sind beide noch heute ganz bei Mohammed, der vor über 1400 Jahren laut einer Überlieferung gesagt haben soll: "Die übelsten Dinge sind die Neuheiten. Jede Neuheit ist eine Neuerung, jede Neuerung ist ein Irrtum, und jeder Irrtum führt ins Höllenfeuer."

Necla Kelek

Archiv: Essay

Rüdiger Wischenbart: Plötzlich die Stille

24.05.2016. Die Flüchtlingskrise war nur der Auslöser: Die messerscharfe Polarisierung zwischen "den Eliten" und "dem Rest" reicht in Österreich viel weiter zurück. Gerade durch diese Besonderheit, die das Land in zwei gleiche starke Lager spaltet, wird es zum Menetekel für den Rest Europas. Mehr lesen

Aleida Assmann: Zwei Tage im Mai

13.05.2016. Die Gründung der Montanunion am 9. Mai 1950 hat sich nicht als europäischer Gedenktag durchsetzen können. Denn das fundierende Schlüsselereignis für Europa ist der 8. Mai 1945: die Kapitulation Deutschlands und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ob und wie dieser Tag in den verschiedenen Ländern begangen wird, hängt jedoch von den geltenden Geschichtsnarrativen ab - und die sind noch immer umkämpft. Mehr lesen

Wolfgang Kraushaar: Die Ethnozentriker, ihre Vordenker und die Deutschen

22.04.2016. Die Auseinandersetzung mit der AfD vor dem Hintergrund der Flüchtlingsfrage wird der Lackmustest für die deutsche Demokratie. Bislang hat die deutsche Politik den Rechtsextremismus schmählich verdrängt - das Versagen im NSU-Skandal reichte bis in die Spitzen des Apparats. Auf die Fünfprozenthürde für die AfD bei den Bundestagwahlen darf keiner mehr hoffen. Wie also umgehen mit der AfD und den von ihr instrumentalisierten Themen? Mehr lesen

Wolfram Schütte: Jokoser Totschlag

11.04.2016. Weil Jan Böhmermann davon ausging, mit seinen ekligen Sottisen auf primitivster Art über den türkischen Autokraten herziehen zu können, ohne dass er juristisch dafür belangt werden könnte, hat Angela Merkel nun den Salat. Sein Schmähgedicht ist nicht Satire. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Neokoloniale Verachtung

26.02.2016. Eine Gruppe von "Experten" nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um kollektiv gegen die Meinungsäußerung eines für sich sprechenden Autors zu protestieren. Kamel Daoud wird durch ihre Petition zum Apostaten gestempelt. Er hat sich die Freiheit genommen, die eigene Sphäre zu kritisieren, ein Recht das ihrer Meinung nach nur westlichen Intellektuellen zusteht. Eine Antwort an die Adresse der Wachhunde der Fatwa. Mehr lesen

Daniele Giglioli: Die Willkür unseres Wohlwollens

27.01.2016. Ist es statthaft, Flüchtlinge nicht als Opfer zu sehen, ihnen nicht mit Mitgefühl zu begegnen? Absolut, meint der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. Denn die Adressierung als Opfer, so gut sie auch gemeint sein mag, verhindert die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, gerade auch über unterschiedliche Kultur- und Gesellschaftsvorstellungen. Mehr lesen

Eva Quistorp: In zig Alltagssituationen

18.01.2016. Die einen missbrauchen das Ereignis. Die anderen polemisieren gegen diesen Missbrauch. Keiner kümmert sich um die, um die es wirklich geht: die Frauen zuerst. Und dann die ungeheure Integrationsarbeit. Mehr lesen

Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler: Der Stoff für alle

18.12.2015. Ist der Höhepunkt moderner Serienerzählung bereits überschritten? Oder treten wir in die Lelouch-Phase der Serie ein? Sind Serien immer noch der einzige Stoff, über den sich alle unterhalten können? Und was ist mit ihrem Anspruch auf Gegenwartsdeutung? Ein Gespräch über Serien. Mehr lesen

Gustav Seibt: Zur Klärung der Begriffe

25.11.2015. Wer die Menschenrechte ganz aufklärerisch für universal hält, braucht sich bei Kulturtypologien und Wertlehren oder Religionskritik nicht lange aufzuhalten. Es geht darum, diese universellen Rechte vernünftig zu vermitteln. Eine Antwort auf Thierry Chervel. Mehr lesen

Thierry Chervel: Dieser fragile Rahmen

24.11.2015. Macht es einen Unterschied, ob Demokratien wegen ihrer "Werte" oder ihrer "Prinzipien" gehasst werden? Letztlich können moderne Gesellschaften auf den Begriff der Werte nicht verzichten, weil auch ihre Rechtsgrundsätze sich aus Werten ableiten. Eine Antwort auf Gustav Seibt. Mehr lesen

Katharina Hacker: Was man für richtig hält

21.11.2015. Warum Beschreibung jetzt wichtig ist, ebenso wichtig wie der Versuch, gemeinsam nachzudenken, statt sattsam bekannte Polemiken zu pflegen. Antwort auf Oliver M. Piecha. Mehr lesen

Oliver M. Piecha: Die Konturen der Attentäter

20.11.2015. Katharina Hacker singt eine sehr alte Weise: das Lied vom Terroristen als eigentlichem Opfer. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Mit den Büchern sterben die Filme

19.11.2015. Ausgerechnet einen "Sterbefilm" als Rahmen filmischer Selbst-Reflexion zu benutzen, müsste sich schon der exklusiven Ernsthaftigkeit des Themas wegen von selbst verbieten - Nanni Moretti aber gewinnt damit ein experimentelles Verhältnis zu Sterben und Tod. Über "Mia Madre". Mehr lesen

Katharina Hacker: Das Zaudernde der Sprache

19.11.2015. Wir sollten daran festhalten, die vielfältigen, oft zumindest funktionierenden Formen des Zusammenlebens offenen Auges zu beschreiben, denn diese Beschreibung ist vielleicht, was den gemeinsamen Grund schafft, gegen die Schnelligkeiten des Tötens aufzustehen. Eine Antwort auf Necla Kelek. Mehr lesen

Thierry Chervel: Das Gegenteil des Bilderrauschs

13.11.2015. Fotobücher feiern eine ungeheure Konjunktur. Sie sind nicht fürs Gucken, was Vinyl fürs Hören ist, kein Retroformat, sondern geradezu eine Folge der Digitalisierung. Und gleichzeitig ein Gegenraum zum Netz. Notizen eines gefährdeten Betrachters. Mehr lesen