Essay

Die Globalisierung des Mahdi

Von Alex Feuerherdt, Thomas von der Osten-Sacken, Oliver M. Piecha
26.02.2010. Mahmud Ahmadinedschad und Hugo Chavez werden zu Protagonisten eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" und ernten dafür die dumme Duldung aller Freiheitsfeinde im Westen. Ein Vorabdruck.
Der folgende Text ist das Vorwort aus dem Band "Verratene Freiheit - Der Aufstand im Iran und die Antwort des Westens", der am 12. März im Verbrecher Verlag erscheint. Der Band ist brochiert, hat 280 Seiten und kostet 14 Euro (bestellen bei buecher.de). Mehr beim Verbrecherverlag. Wir danken dem Verlag und den Autoren für die Vorabdruckgenehmigung. (d.Red.)



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Es gehe ihm um saubere Energie, sagte er im Dezember 2009 in Kopenhagen auf der UN-Klimakonferenz. Der Kapitalismus beruhe auf Eingriffen in die Natur und bringe die Menschen dazu, mehr natürliche Ressourcen zu verbrauchen als unbedingt nötig. Überhaupt müsse der "Profit-making approach" gegenüber den Ressourcen dieser Erde ein Ende haben. Er sei für das Kyoto-Protokoll und dafür, dass die verantwortlichen Politiker Geld zur Reduzierung von Treibhausgasen bereit stellen und es nicht in aufgeblähte Militärbudgets fließen lassen. Er rege zudem die Einrichtung einer internationalen Umweltstiftung an. (1) Kurz darauf betonte er in einer Ansprache in Shiraz, das kapitalistische System in der westlichen Welt werde eher früher als später zusammenbrechen. Der Sieg der Islamischen Revolution 1979 habe das Machtgleichgewicht und den "globalen Ausgleich" verändert. Der Nahe Osten, sagte er, sei die wichtigste Weltregion. (2) Kaum zwei Wochen später, bei einem Aufenthalt in Aserbaidschan Anfang Januar 2010, betonte er zum wiederholten Male, der Iran sei gerade jetzt "zehnfach stärker" als noch vor einem Jahr. So Gott wolle, komme das dunkle Zeitalter der Menschheit an sein Ende, und die iranische Nation könne nun das Vakuum füllen, das durch den Zusammenbruch der imperialistischen Mächte verursacht worden sei. (3)

Man wird konstatieren können, dass der zum Jahreswechsel 2009/10 amtierende Präsident der "Islamischen Republik", Mahmud Ahmadinedschad, innerhalb von zwei Wochen mal wie ein künftiger Friedensnobelpreisträger gesprochen hat und mal wie ein Irrer. Manche seiner Äußerungen dürften bloßes allgemeines Kopfschütteln hervorrufen und als absonderlich empfunden werden, manche mahnenden Worte ungefähr die Quintessenz dessen darstellen, was ein erklecklicher, sich als besonders "kritisch" und "engagiert" verstehender Teil der westlichen Gesellschaften als Grundwahrheit einer unhinterfragbar gültigen Weltsicht versteht.

Gibt es einen Oberbegriff für diese irritierende Gemengelage? Es gibt ihn - der erstaunte Betrachter steht hier vor dem Phänomen eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Um noch deutlicher zu machen, was sich dahinter verbirgt, sei zunächst ein Blick auf drei Meldungen geworfen, die alle mit dem Erfinder dieses Begriffs selbst verbunden sind. Auch dieser ist ein bedeutender Staatsmann, der mal so und mal so spricht, meistens aber lange, aufgeregt und dezibelstark. Die erste Meldung lautet:

Hugo Chavez [unternimmt] eine Pilgerfahrt nach Mashad, wo das Grab des achten schiitischen Imams Ali ibn Musa el-Reza liegt. In einer Pressekonferenz bringt Chavez, der kein Muslim ist, seine Hoffnung auf die baldige Rückkehr des Mahdi zum Ausdruck. (4)

Die zweite:

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez hat am späten Freitagabend den mutmaßlichen Terroristenvordenker Carlos der Schakal in Schutz genommen, und bezeichnete den in Frankreich inhaftierten gebürtigen Venezolaner als wichtigen "revolutionären Kämpfer", der die Sache der Palästinenser unterstütze. (5)

Und die dritte:

Am 14. März [2009] werden in Berlin der venezolanische Präsident Hugo Chavez Frias und Jose Antonio Abreu für ihre Verdienste um das System der Kinder- und Jugendorchester Venezuelas von der Stiftung "ethecon" mit dem jährlich verliehenen "Blue Planet Award" ausgezeichnet. (6)

NGO-Gutmenschentum, Carlos der Schakal und das Warten auf den Mahdi - alles greift ineinander wie Zahnräder einer klappernden und fauchenden Höllenmaschine, die auch noch den letzten Rest Vernunft zu zermalmen droht. Klimaretter, antiimperialistischer Allmachtsfantast und Apokalyptiker. Wieso fällt eigentlich kaum noch jemandem auf, wie schrecklich komisch das alles eigentlich ist? So komisch wie ein Wahn nur sein kann, der längst unzählige Metastasen treibt.


Das Ende des "dritten Weges"

Am Anfang aber stand eine unerwiderte Liebe. Es war im Jahr 1979, und so begeistert und enthemmt auch die weltweiten Liebesbekundungen der Linken für die "Islamische Revolution" im Iran gewesen sein mögen: Der "Revolutionsführer" Khomeini blieb ungerührt, und er zeigte den ungebetenen Apologeten mehr als nur die kalte Schulter. Denn während vielerorts begeistert der "Dritte Weg" gefeiert wurde, wanderten in Teheran bereits reihenweise Kommunisten, säkulare Republikaner und Frauenrechtlerinnen in die Knäste oder gleich aufs Schafott. Khomeini nämlich hatte wenig Interesse an jener Synthese aus Islam und Marxismus, die damals auch bei den iranischen Linken en vogue war. Zu sehr prägte ihn der Hass aufs Sowjetsystem, besser gesagt: auf jene universalistischen Versprechen, die dieses System noch nicht vollkommen verraten hatte. Das Missverständnis war perfekt: Während sich die USA gerade den Dschihadisten in Afghanistan als Alliierte im Kampf gegen die Sowjetunion anempfahlen, hofften nicht wenige in Washington zugleich, auch den Iran zumindest als antikommunistischen Bündnispartner gewinnen zu können. Entsprechend wirr und irr stellten sich die 1980er Jahre im Nahen Osten dar.

Damals begriff man eine simple Tatsache so wenig wie heute: Für die islamischen Revolutionäre galt es, beide in der Aufklärung verankerten Systeme, die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstanden waren, bis zum bitteren Ende zu bekämpfen. Dankbar wurde etwa in Afghanistan die Hilfe der USA angenommen, ohne deshalb vom Ziel, eines Tages auch den verhassten Westen zu besiegen, Abstand zu nehmen. Für die nicht linientreue Linke aber schien sich - solange es den Kalten Krieg gab, in dem alle globalen Konflikte mehr schlecht als recht unter der Prämisse zweier verfeindeter hegemonialer Blöcke behandelt wurden - der Iran als einer der scheinbar möglichen "dritten Wege" anzubieten. Ein tödlicher, ein tragischer, ein peinlicher Irrtum.

Und dann änderte sich 1989 die gesamte globale Straßenverkehrsordnung. Einen "dritten Weg" konnte es gar nicht mehr geben, wo doch schon kein zweiter mehr existierte. Nun schlug die Stunde der Islamisten aller Schattierungen, die sich aufmachten, selbst zur großen Alternative "des Westens" zu werden. Um deren religiöse Versengtheit mitsamt ihrer revolutionären Phraseologie begannen sich langsam, aber unerbittlich die gegenhegemonialen Kräfte zu versammeln, die den "großen" und "kleinen Satan" immer noch abgrundtief hassten. Die khomeinistische Republik Iran nahm damals, nach dem Ende des Iran-Irak-Krieges, endgültig Kurs auf die "Weltpolitik".

In der heillos zerstrittenen so genannten islamischen Welt, in der sich keine Hegemonialmacht im 20. Jahrhundert hatte etablieren können, fand das Teheraner Regime umgehend dankbare Adepten, sowohl Gotteskrieger als auch abgehalfterte Nationalisten. Aber auch international besaß das Angebot eine gewisse Attraktivität: starker Staat, mobilisierte Massen, irrationaler Aktionismus - und die großen Worte, immer gleich an den ganzen Globus gerichtet. Die unerbittliche Feindstellung der "Islamischen Republik" gegenüber Liberalismus, Freiheit, Aufklärung und anderen verhassten Zumutungen des Westens sprach den Instinkt derjenigen an, die auf der Suche nach der Heimat einer Gegenmacht waren. Und die "Islamische Republik" erschien nicht zuletzt deshalb so heimelig, weil sie so vieles aus den europäisch-faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts und des Nationalsozialismus, aber auch vom Stalinismus adaptiert und zugleich modernisiert hatte: bestimmte Formen des Antirassismus, des Antiimperialismus sowieso und der ganze Komplex des "Tiers-mondisme" - all das ging mit den Hasstiraden gegen den Westen perfekt zusammen. Und dass sich der Antisemitismus in bewährter Manier als manischer Antizionismus ganz oben auf der Agenda in Teheran wiederfand, war schließlich das Sahnehäubchen für die Feinde der Freiheit.

Solange die Diktion der Phrasen aus Teheran aber, zu Ehren des "Revolutionsführers" Khomeini, ganz eine dem Koran verhaftete blieb und man jede noch so unwichtige Ansprache mit Zitaten des Propheten zu spicken hatte, wollte der Funke noch nicht so ganz überspringen. Noch blieb diese Gegenmacht zu stark in ihrer partikularen religiösen Welt und in ihrer eigenen Terminologie verhaftet. Zudem wollten die wenigsten, wie etwa der eingangs erwähnte Terrorist Carlos, den letzten erforderlichen Schritt tätigen und zum Islam konvertieren. Es bedurfte schon der Terroranschläge vom 11. September 2001 und weiterer islamistischer Attacken wie in London und Madrid, damit sich hier eine neue globale Strategie materialisieren konnte, um die partikularen Beschränktheiten und Widersprüche der "Islamischen Revolution" zu überwinden.
Diese "Islamische Revolution" befindet sich allerdings seit 1979, wie Amir Taheri in seinem Buch "The Persian Night" (7) so vorzüglich herausarbeitet hat, in einem Dilemma - haben die Ayatollahs doch einerseits einen Nationalstaat geerbt, dessen regionale Interessen sie zumindest berücksichtigen müssen, während sie sich andererseits, ganz im Sinne jener von Hannah Arendt definierten totalitären Bewegungen, als Agentur der weltweiten Shia begreifen und zudem beanspruchen, Motor bei der Schaffung einer islamisch regierten Weltregierung zu sein. Es bedarf keiner sonderlichen Fantasie, um sich auszumalen, dass sich diese Interessen in fast allen Bereichen in einem offenen Widerspruch befinden, einem Widerspruch, der nicht zu lösen, sondern lediglich zu dynamisieren ist. Mit Mahmud Ahmadinedschad taucht nun eine weitere Ebene auf: der Iran als Avantgarde einer weltweiten Revolte gegen die bestehende Ordnung. Hierbei spielt, anders als noch unter Khomeini, die Religionszugehörigkeit nur noch eine untergeordnete, sekundäre Rolle; was mehr zählt. ist die Feindstellung gegen die USA, gegen den "Westen" und, notabene, gegen "den internationalen Zionismus".


Ein Etikett mit erloschenem Markenschutz

Diese Bewegung taufte Hugo Chavez auf den Namen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", und er errang mit dem Label umgehend einen enormen Erfolg: Nun konnten Islamisten und Sandinisten, "Attac"-Aktivisten und französische Bauern, die Präsidenten Weißrusslands und Syriens sowie Hunderte andere heterogene Elemente sich unter diesem neuen Begriff von "Sozialismus" zusammenfinden. Dieses Etikett war nach dem Ende der Sowjetunion und der historischen internationalen Arbeiterbewegung frei verfügbar. Es war ein Etikett mit erloschenem Markenschutz, aber es repräsentierte doch noch einen gewissen Marktwert.
Mit der Sammlung so vieler Desperados und Gutmeinender, Folterbrüder und Querdenker war jene so heftig geforderte "Multitude" Realität geworden, die auf globaler Ebene Trennendes verbindet und auf lokaler Ebene der je nötigen Herrschaftsausübung genug Spielraum lässt. Ob angeblich sich selbst verwaltende Fabrikräte in Venezuela, ob Sittenwächter am Strand von Gaza, ob gealterte kubanische Revolutionäre oder professionelle Alt-Achtundsechziger in den europäischen Metropolen: Unter dem Dach des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" können sich alle wiederfinden.

Begleitet von weitschweifigen soziologischen Abhandlungen - die das Ende nationalstaatlicher Organisation beschworen und nach einer globalen Neuordnung unter der Ägide eines Weltsouveräns riefen, am liebsten einer UN, in der Staaten wie Sudan, Syrien und Kuba bestimmen, wie viel Freiheit der Mensch erträgt - fanden sich in der Führungsetage der Bewegung Staatschefs ebenso wieder wie Führer terroristischer Organisationen. Denn zum Sozialisten des 21. Jahrhunderts wird man per Selbstmandat. Eine wahrhaft postmoderne Bewegung war geboren, amorph genug, um nicht beim Wort genommen zu werden, und vertreten sowohl in der UN-Generalversammlung als auch noch im hinterletzten Dschihadisten-Unterschlupf im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Während diese Bewegung über Soldaten wie Selbstmordattentäter und andere staatliche respektive parastaatliche Gewaltmittel verfügt, kann sie sich der Unterstützung von NGOs, Akademikern, Publizisten und anderen Instanzen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung sicher sein.

Der Mob in Islamabad ist genauso mit dabei wie der Intellektuelle in Berlin, der endlich wieder glaubt, sich von einem mächtigen Resonanzboden getragen fühlen zu dürfen. Außerdem gibt es endlich wieder Führer, die sich wie kleine Jungen der Freude hingeben, sich vor jubelnden Massen zu inszenieren. Und die Massen jubeln ja - oder etwa doch nicht? Zur Not, der Iran hat es gezeigt, jubeln sie halt mit Hilfe von Photoshop. Es ist diese Mischung aus Führer und Bewegungsvolk, aus Ressentiments und diffusem Hass auf das "System", die auch die totalitären Bewegungen, wie sie im 20. Jahrhundert in Europa entstanden sind, geprägt hat. Sie stammt von den schlimmsten Eltern ab, die man sich vorstellen kann.

Und dann ist da noch diese fürchterliche Sehnsucht nach Erlösung. Wenn Hugo Chavez im iranischen Mashad ehrfürchtig grinsend den Schrein betritt, dann ahnt man, was die Menschheit zu gewärtigen hätte, falls der von ihm und Ahmadinedschad erwartete Erlöser-Mahdi tatsächlich käme. Dieses Bild, das noch vor Jahresfrist wohl als "zionistische Propaganda" entlarvt worden wäre, ist so viel und gleichzeitig so wenig ein Widerspruch wie ein Osama bin Laden, der "offene Briefe an das amerikanische Volk" adressiert und dabei auch schon klingt, als ginge es ihm vor allem um "Change" - irgendwie. Es ist so umwerfend und einleuchtend wie die vielen Bekenntnisartikel, die plötzlich im "islamischen Bankensystem" eine Antwort auf die internationale Finanzkrise entdecken wollen.


Hier der Ruf nach Weltenbrand und Friedhofsruhe...

Im Kern geht es um dies: Was im deutschen Straßenslang jener Sozialismus von "wir hier unten" und "denen da oben" ist oder - in schlechter linker Tradition - die Fetischisierung der Massen respektive Armen, transformiert sich nun in eine diffuse Frontstellung, die großzügig alle einschließt, die sich gegen die "USraelische" Kontrolle der Welt stark machen, sich irgendwie benachteiligt fühlen und für eine "Welt ohne Krieg und Kapitalismus" schwärmen. Eine von jeglicher Differenz erlöste Welt ist das Ziel, endgültig und gnadenlos gereinigt von allen, die man als "Zionisten" oder "Imperialisten" respektive als deren "Kollaborateure" entlarvt hat. Der Ruf nach "Frieden" ist in Wahrheit einer nach der Friedhofsruhe, die dem großen Weltenbrand folgen möge, dessen Flammen alles verschlingen sollen, was der Abweichung auch nur verdächtig ist.

Erst dieser Sozialismus des 21. Jahrhunderts ermöglicht es dem nach der Bombe strebenden Iran, jene Führerschaft zu übernehmen, die Khomeini einst vorschwebte. Diese Führerschaft ist natürlich hochgradig irreal und wahnhaft; dafür reicht bereits ein Blick in die Region: Nie zuvor hatte der Iran so viele Feinde an seinen Grenzen, nie zuvor war er so unbeliebt und zugleich in einer so tief greifenden inneren Krise. Jene im strengen Wortsinn konservativen Ayatollahs in Qom, die unermüdlich vor einer Verweltlichung des Anliegens der "Islamischen Republik" warnen und längst mit den Machthabern in Teheran zerfallen sind, haben von diesen Veränderungen eine deutliche Ahnung. Ahmadinedschad nämlich ist doch gar kein Führer der islamischen Massen mehr - denn diese haben ihm in Teheran bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eindrucksvoll gezeigt, was sie von ihm halten. Er kann nur als Sozialist des 21. Jahrhunderts verstanden werden, er will es auch - und seine Anhänger sitzen zuallerletzt im Iran.

Verband man früher mit Sozialismus noch den großen Wurf in der Zukunft, den Fetisch von Moderne und Naturbeherrschung um jeden Preis, gepaart mit jener unappetitlichen Verherrlichung der Arbeiter und Bauern, so fußt heute der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" im besten Fall auf der Distribution von Erdölrente unter Menschen, denen Patronage und Klientelismus aufgezwungen werden. Und wer nicht mitakklamieren will, der sitzt wie gehabt im Gefängnis oder im Exil. Nicht einmal das Bild einer potenziell strahlenden Zukunft hat einer dieser großen Führer dabei noch zu bieten. Im Gegenteil: Das einzige Versprechen, das sie ihren aufgepeitschten Anhängern wirklich zu geben haben, heißt Vernichtung - die eben auch eine Art der Erlösung ist. Denn anders sind jene Verheißungen nicht zu verstehen, die in einem immer schnelleren Rhythmus aus Teheran oder Caracas kommen: Wenn erst die Herrschaft von Imperialismus und Zionismus gebrochen ist, dann erscheint der Mahdi, geht die Sonne auf, kommt die Herrschaft der ach so zärtlichen Völker. Mit Kritik an Kapitalverhältnissen hat dies alles nicht das Geringste zu tun; an die Stelle von Marx sind Mohammed, der Mahdi und ein Avatar von Simon Bolivar getreten.

Wer in Europa dem Irrsinn nicht offen seine Unterstützung gewährt, duldet ihn doch, als Ausdruck von "Kultur" oder der Wut des unterdrückten postkolonialen Subjekts. Allen Beteuerungen zum trotz wollen diese Freunde des Friedens, des Dialogs und der Beschwichtigung die Menschen im Nahen Osten ja gar nicht in Freiheit und Demokratie leben sehen. Das ganze Appeasement, das in den letzten zehn Jahren von ganz links bis ganz rechts in einem fort präsentiert wurde, drückt nichts anderes aus als den Willen zur Kollaboration. Der Mensch soll doch gar nicht frei sein; eine unerhörte Perspektive wäre das, selbst im Rahmen einer liberalen, bürgerlichen, parlamentarischen, föderalen Demokratie. Schon gar nicht soll er das im Nahen Osten! Und so erklären die vermeintlich größten westlichen Nahostexperten ebenso wie die autochthonsten Regionaldiktatoren in einem einzigen, ununterscheidbaren Singsang, die Menschen "dort unten" wünschten angeblich nichts sehnlicher, als eine uniformierte Masse zu sein, deren allergrößter Wunsch es sei, einem Führer zu folgen und zu einen allmächtigen Gott zu beten.

Nur: Warum sollten Menschen das dauerhaft ohne Zwang tun wollen? Und was, wenn es sie gar drängte, diese "Masse" individuell zu verlassen? Sollte man sie dann dafür bestrafen, damit Diktatoren wie Experten nur ja Recht behalten? Wie faktenresistent, wie letztlich amoralisch müsste man dafür sein?


...und dort der Ruf nach Freiheit


Als im Juni 2009 in Teheran eben jene viel beschworenen Massen auf die Straße gingen und nach Freiheit riefen, war das Staunen erst groß, dann brach Panik aus. Die demonstrierenden Iraner glichen jenem Kind, das den Mythos von des Kaisers neuen Kleidern entlarvte. Und nichts hassen die Apologeten des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" so wie das Wort Freiheit und seine eigentliche Bedeutung. Alles können sie irgendwie assimilieren. Nur dieses Wort, diesen Begriff nicht.

Ob instinktiv oder bewusst: Auf genau diese Freiheit, die zuallererst eine vor der Selbstvernichtung ist, zielten und zielen die iranischen Demonstranten. Wer auf die Rufe "Tod für Amerika, Tod für Israel", die zur Staatsräson der "Islamischen Republik" gehören, mit "Tod für niemanden", "Tod für Russland" oder "Tod für China" antwortet, löscht ein scheinbar ewig laufendes Ideologieprogramm einfach aus. Deutlicher und vor allem spöttischer hätte sich die Absage an diese "Islamische Republik" und ihre weltweiten Freunde, ob in Caracas oder in Moskau, kaum formulieren lassen können. Es sind vor allem junge Menschen, die ihrem Spott und ihrer Verachtung Ausdruck geben, bewaffnet mit Designersonnenbrillen und Markenjeans, die sie ebenso in Kampfmittel für ihre persönliche Freiheit verwandeln wie Schminke und Parfüm. Wenn in Europa naserümpfend von "städtischen Mittelklassen" gesprochen wird, die dem "westlichen Lebensstil" anhingen und deshalb keineswegs repräsentativ für die Masse im Iran seien, so ist dies nur eine weitere Rationalisierung des eigenen Willens zur Unfreiheit.

Längst sind im Iran landesweit Mode und Kleidung zum Ausdruck einer ungeheuer nachhaltigen, jugendlichen Revolte geworden, einer Revolte, die sich überhaupt weniger in Formen einer spezifisch politischen Ideologie äußert, sondern vielmehr auf der oft brachialen Suche nach einer Individualität ist, die dem Körper zu seinem Recht verhilft. Heimlich ausgeübter promiskuitiver Sex heißt so viel wie Freiheit in der "Islamischen Republik Iran", gerade für die Frauen, Schwulen und Lesben. Nicht mehr und nicht weniger. Denn was gerade im Westen gern als Ausdruck besonders liebevoll gepflegter kultureller Selbstunterdrückung verkauft wird, ist bloß ein Dystopia, wo speziell der Körper der Frau zum Schlachtfeld der politischen Ideologie geworden ist. Individuelle menschliche Köper, deren genormte Verhüllung mit unzähligen Vorschriften erzwungen werden muss - wer, der noch alle Sinne beieinander hat, möchte das verteidigen? Und warum auch? Doch auch wo schlechte Gedanken herrschen, erkämpft sich Freiheit ihren Raum. Dann werden eben enge Jeans, Männer ohne Bart oder ein immer weiter nach hinten geschobenes Kopftuch zum kämpferischen Symbol einer Dissidenz, die die Sehnsucht nach Freiheit deutlicher zum Ausdruck bringt als alle Politslogans zusammen.

Im Iran, wie in anderen Ländern des Nahen Ostens, ging und geht es also um Freiheit, den Wunsch nach einer ganz unmittelbaren Freiheit, die sich anarchisch äußert und kein Parteiprogramm vorzuweisen hat. Die Protagonisten dieser Freiheit wissen oftmals selbst nicht so genau, wie das, was sie wollen, genauer zu formulieren wäre - außer, dass die Gängelung, die Bevormundung und die Repression ein Ende haben müssen. Diese Menschen wollen einfach freier sein - und damit auch frei, in ihrer Freiheit eigene Erfahrungen und eigene Fehler zu machen. Gerade das macht diese Revolte so einzigartig und sympathisch. Sie braucht keinen Führer, kein Programm und keine Partei. Sie ist sich selbst genug.

Und der Westen, das Referenzobjekt im Guten wie im Schlechten dieser Freiheit? Eine einzige Verhärtung. Abweisendes Schulterzucken bestenfalls, manchmal noch ein spontanes, kurzes Aufwallen von Mitleid. Wo Empathie gefragt gewesen wäre, regierten Entschuldigungen und Rationalisierungen. Statt Begeisterung für diese Bewegung und Empörung über jene, die sie niederknüppeln, herrscht Schweigen, Besserwisserei oder gleich Eiseskälte. Dazwischen irrlichtern jene herum, die immer noch auf eine Renaissance der "Islamischen Revolution" hoffen.

An den Bildern aus Teheran zerschellt die Lüge vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Statt "Tod für Russland" zu skandieren, hätten die Demonstranten in Teheran und anderen iranischen Städten auch den alten Hamas-Slogan umkehren können: "Ihr wollt den Tod, wir wollen das Leben!" Das gute Leben und die Freiheit. Die zwei uneingelösten Glücksversprechen der bürgerlichen Revolution sind damit wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Nicht etwa in Europa, sondern in den Straßen des Iran. Aber auch in Europa gehören sie auf die Tagesordnung. Freiheit gibt es nirgendwo umsonst.

Thomas von der Osten-Sacken
Oliver M. Piecha
Alex Feuerherdt


(1) Vgl. Ahmadinejad: Abandon capitalism, or face climate. Press-TV, 19.12.2009. http://www.presstv.ir/detail.aspx?id=114120§ionid=351020101
(2) Vgl. President Predicts Fall of Capitalism. Iran Daily, 24.12.2009. http://www.iran-daily.com/1388/10/3/MainPaper/3578/Page/1/
(3) Vgl. Ahmadinejad says Iran tenfold stronger. Press-TV, 04.01.2010. http://www.presstv.ir/detail.aspx?id=115352§ionid=351020101
(4) Mahmoud Rambod: Chavez und der Mahdi. Transatlantic Forum, 09.09.2009. http://www.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2009/7531/Chavez-und-der-mahdi/
(5) Chavez praises "Carlos the Jackal". The Independent, 21. November 2009.
http://www.independent.co.uk/news/world/americas/chavez-praises-carlos-the-jackal-1825135.html (Übersetzung ins Deutsche durch die Herausgeber)
(6) "Blue Planet Award" für Chavez und Abreu: Botschafterin dankt Stiftung. Red Globe, 26.02.2009. http://www.redglobe.de/deutschland/feuilleton/2860
(7) Amir Taheri: The Persian Night. Iran under the Khomeinist Revolution, New York 2009.