Leon Frei porträtiert in der SZ die US-Popsängerin EzraFurman, die gläubig jüdisch und trans ist und mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung in den USA blickt, von wo aus seit Wochen Horrormeldungen von gewalttätigen ICE-Angestellten das öffentliche Leben bestimmen. "'Bundesagenten mit Masken kommen in die Nachbarschaft und entführen Menschen. ... Man kann das Leuten kaum erklären, dass es so schlimm ist, wie es klingt. Es ist ein verdammter dystopischer Film. ... Und hier bin ich …', der Satz bleibt kurz stehen, er zieht sich bleischwer, 'in Deutschland, wo meine Großmutter gelebt hat. Und vor den Nazis geflohen ist. Unser ganzes Leben haben wir uns gefragt: Was hätten wir damals getan? Das ist unmöglich zu beantworten, bis man in einer Gesellschaft lebt - ich hasse es, das zu sagen, und ich sage es nicht leichtfertig -, in der etwas Vergleichbares passiert."
Weiteres: US-Rapper KanyeWest hat sich mit einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal für seine antisemitischenTiraden und andere politische Fehltritte entschuldigt und sein früheres Verhalten mit einer Gehirnverletzung begründet, die er sich bei einem Autounfall zugezogen haben soll, berichtet Inga Barthels im Tagesspiegel. Besprochen wird ein Konzert der WienerPhilharmoniker unter KarinaCanellakis (Standard),
Thilo Komma-Pöllath porträtiert in der FAS den Bariton und Musikprofessor HolgerFalk, der mit seiner Kunst und seinen Forschungsarbeiten "die klassischen Klavierlieder 'lebendig, berührend und relevant' ins 21. Jahrhundert führen" möchte. "Tatsächlich ist es auffällig, wie vergangenheitsbesessen die Welt der klassischen Musik oft tickt im Vergleich zu den anderen Künsten. ... Falks Forschungsprojekt will alte Gewohnheiten infrage stellen und die Interpreten erreichen. Vor allem geht es ihm um die akademische Ausbildung. Es dürfe nicht mehr nur um eine möglichst perfekte Darbietung eines Werkes gehen, sondern der Interpret müsse sich mit seinen eigenen Sehnsüchten, Fragen, Zweifeln, Brüchen, Lebensläufen in das Werk einschreiben. Falk nennt diese interpretatorische Technik 'personalisieren', und ebendieses Personalisieren führe dazu, dass der Sänger oder die Sängerin nicht mehr nur 'nachschaffend' agierten, sondern selbst zum 'Medium' für die Themen, Konflikte, Emotionen der jeweiligen Lieder würden."
Außerdem: Für die SZ tummelt sich Juliane Liebert fünf Nächte lang in der Berliner Clubszene, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie dem Clubsterben nun endgültig nachgeben oder wegen zweier Neugründungen im Westen der Stadt Aufbruchstimmung verbreiten soll. Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ das Schweizer Klassik-Trio Concept. Besprochen werden ein von LahavShani dirigiertes Konzert der BerlinerPhilharmoniker (Tsp), ein Wiener Konzert der OsloPhilharmonic unter KlausMäkelä (Standard), ein von KentNagano dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR) und DJHells Album "Neoclash" (FAS).
Helmut Mauró ist in der SZ sehr zufrieden mit dem Siemens-Musikpreis für JordiSavall (mehr dazu bereits hier), der "musikalische Spielpraxis, dirigentische Übersicht und Forscherdrang" vereine. "Er hat Hunderte vergessene Werke vornehmlich aus dem spanischen Kulturraum wieder zugänglich gemacht, hat immer weiter geforscht bis in die arabischen und afrikanischen Gebiete. Aber er stellt die kostbaren Funde nicht einfach nur zu Konzertprogrammen zusammen und führt sie mit dem von ihm gegründeten Ensemble HespèrionXXI auf, sondern er will viel mehr darüber wissen und weitererzählen, wie welche Musik entsteht und warum. Wechselseitige Einflüsse interessieren ihn. Wer kommt bei Bachs berühmter Chaconne sonst schon auf die Idee, dass die Form der Chaconne von südamerikanischenUreinwohnern stammt?" Auch Axel Brüggemann von Backstage Classicalfindet diese Würdigung "großartig".
Auf VAN berichtet Maryna Hordiienko vom Eröffnungskonzert des Festivals "Liatoshynsky Space" in Kyjiw. Dass die Darbietung teils schief und unkonzentriert war, sieht sie den Musikern nach: Gespielt wurde in einem unbeheiztenSaal, zwischendurch gab es Luftalarm. "Es hätte ein Konzert voller Wärme und Licht sein können. Aber das war es nicht - wegenRussland." Doch "dann scheint das Orchester von einem Geist des Widerstands und dem Willen, ein normales Leben zu führen, erfasst zu werden, und Liatoshynskys Sinfonie ist ein unheimlich treffender musikalischer Ausdruck dieser Gefühle. Ich kann mich, auch wenn ich an viele Konzerte in vielen Jahren denke, nicht erinnern, dass das Nationale Sinfonieorchester je so inspiriert gespielt hätte. Zugegeben, der lyrische Satz klingt unkonzentriert und chaotisch, aber die dramatischen Passagen sind voller echter Gefühle und Energie."
"Mir hat Musik noch nie so wehgetan", klagt Christina Rietz auf Zeit Online, nachdem sie aus einem elektrisch verzerrten Klassik-Experiment aus dem Berghain wankt: Erst gab es bellende Kontrabässe, dann "Bratschen auf Steroiden", die die "Maschinenwerdung der Töne" zelebrieren. Dann nochmal die volle Kontrabass-Attacke: "Es ist ein Klang aus Schwermetall, es knurrt und knarzt, röhrt und dröhnt in Dolby Surround." Immerhin gibt es manchmal auch unverzerrte Klänge. "Diese Töne sind warm. Sie vibrieren. Sie haben eine Seele. Das ist schön. Intermittierende Erlösung: Erst wirst du geknechtet, dann gestreichelt. Man könnte an diesem Ort gut eine Sekte gründen; die Lage ist massenhypnotischgünstig."
Weitere Artikel: VAN-Kritiker Albrecht Selge begegnete beim Berliner Ultraschall-Festival "endlosen Weiten und beklemmenden Engen, manchmal im Wechsel, manchmal im selben Stück" (hier einige Mitschnitte). Leonie Charlotte Wagner spricht in der NZZ mit VeronicaFusaro, die für die Schweiz zum EurovisionSongContest antritt. Für die tazporträtiert Maxi Broecking den US-Jazzbassisten ThomasMorgan, der mit "Around You Is A Forest" gerade ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden Michaela MeliánsAlbum "Music for a While" (taz), ein Konzert von MarthaArgerich in Luzern (BC), eine Doppel-CD mit Liveaufnahmen aus den Achtzigern des Trios Gestalt et Jive, das seinerzeit in der deutschen Freejazzszene für einiges Aufsehen sorgte (FR) und das letzte Konzert der Berliner Kammermusikreihe "SpectrumConcerts", die nicht mehr weiter gefördert wird (Tsp).
Jan Brachmann freut sich in der FAZ, dass der Siemens-Musikpreis in diesem Jahr an JodiSavall und damit "an einen der bedeutendsten Musiker, Forscher und Wissensvernetzer des vergangenen halben Jahrhunderts" geht. "Musik erschöpfte sich für ihn seit je nicht in Partituren, Traktaten und historischen Spieltechniken. Wie der Berliner Musiksoziologe Christian Kaden begreift auch Savall Musik als kommunikative Praxis, als soziales, kulturelles Handeln, das in Zusammenhängen von Riten, Repräsentationen, Arbeitsformen und körperbasierten Techniken der Verständigung verankert ist. Musik steht für Savall in engster Beziehung zu unserem kulturellen Gedächtnis." Insbesondere Savalls Verdienste in der Musikpublizistik mit sorgfältig besorgten CD-Buch-Kombinationen und sein Engagement für die Wiederbelebung der Gambe lobt Brachmann.
Außerdem: Julian Weber unternimmt in der taz mit John McEntire und Doug McCombs von der Post-Rock-Band Tortoise einen Deepdive in deren neues Album "Touch" (mehr dazu bereits hier). Ueli Bernays führt in der NZZ durch Leben und Werk des Afrobeats-Musiker BurnaBoy. Holger Noltze erzählt in VAN von seinem Ausflug nach Dießen am Ammersee, wo an CarlOrffs letztem Wohnsitz ein neuer Ausstellungsraum eröffnet wurde. Besprochen werden LucindaWilliams' neues Album "World's Gone Wrong" (Tsp) und ein Frankfurter Konzert von KeralaDust (FR).
Auf dem neuen Tschaikowsky-Album von DaniilTrifonov lassen sich bei beiden "neue, ungeahnte Facetten" ausmachen, freut sich Dorothea Walchshäusl in der NZZ. Der Pianist hat dafür Soloklavier-Stücke ausgewählt, die eher als "Geheimtipps" gelten. "Der Kontrast zum weithin bekannten Meister der großen dramatischen Geste und des hochkochenden Pathos könnte kaum größer sein. Vielmehr zeigt Tschaikowsky hier eine verletzliche, fastkindlicheSeite, nahbar und maximal konzentriert." Aber "auch Trifonov ist als Interpret so persönlich wie selten zu erleben. 'Sein Anschlag vereint Zärtlichkeit mit einem dämonischen Element', sagte einst Martha Argerich über ihren Kollegen. Ein hellhöriges Urteil. Doch die dämonische Seite tritt bei seiner Ausdeutung dieser intimenMiniaturen fast gänzlich in den Hintergrund."
Weitere Artikel: Backstage Classical meldet, dass die MannheimerPhilharmoniker Konzerte mit dem Geiger VadimRepin wegen dessen angeblicher Russlandnähe abgesagt haben. Jakob Biazza findet in der SZ einigen Gefallen an der WebsiteMTV Rewind, in der man über einen Fundus von über 40.000 Musikvideos das Neunzigerjahre-Feeling des Musiksender-Pioniers wieder aufleben lassen kann (mehr dazu auch bei Open Culture). Besprochen werden das neue Album von A$APRocky (FR) und ein Konzert in Frankfurt des Museumsorchesters unter MarekJanowski mit ArabellaSteinbacher (FR).
Helmut Mauró porträtiert in der SZ die Pianistin AlexandraDovgan, die mit ihren 18 Jahren auf den großen Bühnen reüssiert und der er auch im weiteren eine glänzende Karriere prophezeit. "Was Dovgan heute auf dem Konzertflügel musikalisch erzählt, das klingt nicht nur hochvirtuos, sondern wirkt so persönlich und natürlich, als sei Musik ihre eigentliche Sprache, als träume sie nachts in Tönen." Mit elf Jahren spielte "sie dem großen Sokolov persönlich vor, nach dessen letztem Konzert in Sankt Petersburg. Sokolov wird später sagen, Dovgan sei kein Wunderkind. Denn sie spiele nicht wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene, voll entwickelte Persönlichkeit. So etwas konnte man zuletzt über den zwölfjährigen EvgenyKissin sagen, als er 1984 an einem Abend beide Klavierkonzerte von Frédéric Chopin vortrug." Auf Youtubegibt es zahlreiche Aufnahmen von ihr.
RobbieWilliams legt mit "Britpop" das Album vor, das er am liebsten wohl schon in den Neunzigern eingespielt hätte, und präsentiert darauf stilgemäß abgehangenen Oasis- und Blur-Rock. Beim ersten Hören macht diese Sehnsucht nach der Zeit, "als die Welt noch in Ordnung war", zwar Freude, findetFR-Kritiker Max Dax. Doch nährt sich bald der Verdacht, "dass hier Chance um Chance ausgelassen wurde, echte Pop-Song für die Ewigkeit zu schreiben. Dieses Gefühl, dass hier einer Musik 'als ob' macht, mit leicht angezogener Handbremse, dem die eigene Cleverness (oder die seiner Spin Doctors) zuweilen im Wege steht, und die dennoch zum Besten gehört, was er je zustande gebracht hat - das ist die Zuspitzung eines Gefühls, das man bei Robbie Williams schon immer gehabt zu haben scheint: Diese verflixte, diesegroßeKunst, die gleich hinter dem Mainstream zum Greifen nahe zu liegen scheint, einfach nicht zu fassen zu bekommen." Auf Zeit Online winkt Christina Rietz ab: "Der Britpop von damals klingt heute noch frischer als Williams' Neuinterpretation."
Die Jazzkritiker trauern um den Gitarristen RalphTowner. "Mit seinem artikulationssicheren, klangfarbenreichen, stets fein strukturierten, gleichwohl spannungsreichen Improvisationsstil" gehörte er "zu den bedeutendsten Jazzgitarristen des letzten halben Jahrhunderts", schreibt Wolfgang Sandner in der FAZ. "Bei all den schnellen, lauten, technisch raffinierten, stets die Finger auf den Saiten und die Fußspitzen auf einer ganzen Batterie elektronischer Effektpedale bewegenden, immer nach neuen Spielgeräten mit Doppel-, Dreifach- und Kopfloshälsen oder auch anderen extremen Modifikationen Ausschau haltenden Freaks wird selbst im Jazz bisweilen vergessen, wasfüreinintimes, leises, insichruhendesInstrument für Kammermusik die Gitarre doch eigentlich ist. Ralph Towner erinnerte daran gleich mit seiner ersten Solo-Einspielung 'Diary' aus dem Jahr 1973." Weitere Nachrufe schreiben Gregor Dotzauer (Tsp) und Ueli Bernays (NZZ).
Weitere Artikel: Manuel Brug denkt in der Welt über BenjaminBrittens Verhältnis zu Deutschland nach. Jan Brachmann resümiert in der FAZ das Ultraschall-Festival in Berlin (Mitschnitte gibt es im Audioarchiv des Dlf Kultur). Dass GreenDay den kommenden SuperBowl mit einem Auftritt eröffnen sollen, deutet Nina Apin im taz-Kommentar als Ausdruck einer Nostalgie nach den Neunzigern. "Die Popsongs an der Spitze der Charts handeln immer weniger von Sex, SpaßundSelbstverwirklichung, sondern mehr von einem konformistischen, bürgerlichenLifestyle", stellt Helene Slancar im Standard bestürzt fest. Jakob Thaller staunt im Standard nicht schlecht, dass der alle Nervenkapazitäten aufbrauchende Frickel-Elektrokönig AphexTwin auf Youtube mehr Hörer hat als Durchhörbarkeits-Queen TaylorSwift. Und das gestern von der Kritik gefeierteMahler-Konzert der BerlinerPhilharmoniker gibt es nun auch beim Dlf Kulturzum Nachhören.
Besprochen werden Konzerte von MarthaArgerich und AndrásSchiff in Luzern und Zürich (NZZ), der Auftakt der Wiener Resonanzen-Festivals mit JordiSavall (Standard) und ein Strauss- und Haydn-Abend mit den WienerSymphonikern unter DanielHarding (Standard).
Die BerlinerPhilharmoniker haben unter KirillPetrenkoMahlers Achte gespielt - Publikum und Kritiker waren begeistert. In Sachen Bombast ist diese Sinfonie eine geradezu legendäre Herausforderung, schreibt Alexander Cammann in der Zeit. Doch der Dirigent "stürmt hinauf auf diesen sinfonischen Gipfel. Und er macht den Hymnus Veni, creator spiritus ('Komm, Schöpfer Geist') weniger zu einer Feier des Schöpferischen, wie es sich der Komponist vorgestellt hatte, sondern zu einem umkämpften Inferno, was zu Mahler wiederum traditionell außerordentlich gut passt, der auch in dieser Sinfonie seine Musik nach grell strahlenden Tönen gerne in den Abgründen danach erschüttert zerfallen lässt. Der Hymnus wird so in der Philharmonie zur Zukunftsmusik des 20. Jahrhunderts, in dem bereits Schönberg, Britten und Schostakowitsch mitklingen. ... Ein Innehalten gibt's hier selten, schnell ist man außer Atem." Tagesspiegel-Kritiker Thomas Wochnik erlebte in dieser "spektakulären Aufführung" die "Beschwörung einer Menschenzukunft, die dank Vernunft und dem Bekenntnis zur Liebe eine immer bessere wird".
Außerdem: Rahel Zingg (NZZ), Christiane Lutz (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren der unvergleichlichen DollyParton zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Daniel Haaksman über den Bossanova-Klassiker "Chega De Saudade", mit dem JoãoGilberto 1958 "ein musikalischesErdbeben" gelang - "zwar von der sanften Sorte, aber immerhin eines, das von Rio De Janeiro bis Paris und weiter bis in die akustisch gedämpften Flure der deutschen Jazzseminare vibrierte".
Besprochen werden ein Messiaen-Abend mit dem KlangforumWien (Standard), ein Live-Album von DieNerven (Jungle World), der Auftakt der Frankfurter Reihe "Jazz im Depot" (FR) und Oneohtrix Point Nevers Album "Tranquilizer" (FR).
Jonathan Fischer porträtiert in der NZZ den deutsch-nigerianischen Musiker AdéBantu, der wie selbstverständlich zwischen Afrobeats und Beethoven pendelt: "Warum nicht Klassik aus ihrem traditionellen Rahmen lösen und mit afrikanischen Rhythmen aufmischen", sagt er. "'Das passt zu uns Nigerianern, unser Geschmack ist sehr sophisticated.' ... Klassik, das war für den jungen Adé die merkwürdige Musik, die seine weiße Oma nach dem Mittagessen auflegte. 'Und jetzt zurückzukehren und mit meiner Musik dieses Publikum zu erreichen, das sich meist nur mit weißer europäischer Klassik beschäftigt - das ist eine Genugtuung für mich. Emotional und intellektuell.'" Die Deutsche Welle hat ein Konzert in voller Länge online:
"Die Schlacht um den KI-Einsatz in der täglichen Musikproduktion ist nicht mehr zu gewinnen", ist Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne überzeugt. Denn: Kontroverse Innovationen wurden in der Popmusik nach anfänglichem Widerstand immer schon eingemeindet bis sie als Standard schließlich hingenommen wurden. Spannend werde es aber, "wenn neue Technologien gegen den Strich gebürstet werden; wenn man sie aufmotzt, frisiert, kurzschließt, so dass man sich endlich ihrer immensen technischen Möglichkeiten dienstbar machen kann und nicht mehr auf den werksseitig eingestellten doofen, kleinen, systemtreuen Wirkbereich beschränkt bleiben muss. Die Sensation, die sich einstellt, wenn sich etwa Leute wie Sister Rosetta Tharpe, Jimi Hendrix und Mary Halvorson die Technologie und die verfügbaren Geräte zur Manipulation des Klangs einer Gitarre untertan machen! Das nun mal übertragen auf die Musik-KIs - OMG!"
Ji-Hun Kim blickt im Freitag derweil sehr bedrückt auf den heutigen Musikjournalismus und fragt sich: Fiel man, an der Schwelle vom Print- zum Online-Zeitalter, den IT-Konzernen nicht zu voreilig in die Arme? Denn "es ist nicht nur für professionelle Musikjournalisten immer schwerer geworden, neue spannende Musik zu entdecken, bekannt zu machen und interessante Geschichten dazu zu erzählen, sondern auch der musikredaktionelle Austausch und die Kanäle sind dafür verschwunden. ... Ob etwas sichtbar wird oder nicht, bestimmen nämlich die Algorithmen bei TikTok und Co. ... Zirkulierten Budgets damals zwischen Fachmedien, Musikindustrie, Festivals, Fans und Kreativen in einer Art sich selbst tragenden und stärkenden Kreislaufwirtschaft, ist die Social-Media-Ära zur geldverbrennendenEinbahnstraße geworden."
Weitere Artikel: Stephanie Grimm (taz) und Juliane Liebert (Zeit Online) sprechen mit Jason Williams von den SleafordMods, die ein neues Album veröffentlicht haben. Elena Witzeck hat für die FAZ das neu eröffnete Fitnessstudio von Rapper Felix Blume alias Kollegah besucht. In der FAZ gratuliert Edo Reents PaulYoung zum 70. Geburtstag. Marie Gundlach hat für die SZ nachgesehen, warum ein dreizehn Jahre alter Quatschsong von DJÖtzi mit einem Mal in der idiotischen und zum großen Teil schwer antisemitischen Hohlerde-Verschwörungsszene reüssiert.
Besprochen werden RobbieWilliams' neues Album "Britpop", auf dem laut Standard-Kritiker Christian Schachinger einiges so "klingt wie ein schnell ausgemusterter Single-B-Seiten-Song von Oasis", während SZ-Kritiker Jakob Biazza sich fragt, "ob dieser Gag albumlang werden musste", ein Konzert des EnsembleModern (FR), ein Auftritt in Wien der Pianistin AliceSaraOtt (Standard) und A$APRockys neues Album "Don't Be Dumb" (Tsp).
So ansteckend und mitreißend liest es sich, wenn Hainbach im VAN-Gespräch gegenüber Alex Ketzer von seinen Experimenten mit obsoloten, raren und bizarren Werkzeugen zur Klangerzeugung erzählt, dass man sich mit dem Berliner Avantgarde-Komponisten (homepage) am liebsten eine Nacht lang zum Rumdaddeln im Studio einsperren lassen möchte. Sein Herz gilt den Irrläufern der Instrumentengeschichte, so etwa einem Oberton-Synthesizer aus den Siebzigern, der Töne in 15 Obertöne zerlegt: "Du kannst jeden dieser einzelnen Obertöne auf links und rechts verteilen und in der Phase drehen. Das war für die Oberton-Forschung gedacht. Total verrückt. Es macht eine ganz psychedelische Welt, weil es halt nicht für Musik gedacht ist." Verschaltet man das mit anderem Equipment, "wird jeder Klang zu einer glitschigen Schlamm-Landschaft. Das Ding versucht die ganze Zeit irgendwas zu tracken, was es nicht findet - dann stürzt es wieder ab. Wie Sumpfmonster, die plötzlich aus dem Boden herauskommen und wieder verschwinden." Auf Bandcamp gibt es Musik von ihm (etwa mit dem Ensemble Modern), auf Youtubestellt er seine Archivschätze ausführlich vor.
Weitere Artikel: Die insbesondere für unabhängige Musikerinnen und Musiker äußerst wichtige Plattform Bandcamp untersagt künftig den Vertrieb von KI-generierterMusik, meldet Julian Weber in der taz. Hartmut Welscher unterhält sich für VAN mit der Pianistin AnnaVinnitskaya.
Besprochen werden DJHells neues Album "Neoclash" (Standard), SylvieCourvoisiers gemeinsam mit dem Trompeter WadadaLeoSmith eingespieltes Album "Angel Falls" (FR), das Album "A Man for all Seasons" der britischen Band InsecureMen (taz), ein Konzert der WienerSymphoniker unter AlexanderSoddy (Standard), ein Frankfurter Abend mit MuratGüngör und HannesLoh (FR) und das Debütalbum der Berliner All-Stars-Indieband The Morning Stars rund um BarbaraMorgenstern (taz).
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