Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2025 - Musik

Die Essener Philharmoniker haben sich nach einer Orchesterabstimmung dagegen entschieden, Clara Iannottas als Auftragswerk für das Essener Festival NOW komponierte Arbeit "Sand like gold-leaf in smithereens" aufzuführen, meldet VAN nach einer Stellungnahme der Komponistin. Demnach habe es schon frühzeitig im Schaffensprozess konfliktträchtige Vorbehalte gegenüber der Instrumentierung des Stücks "für verstimmte Violine, Orchester und Elektronik" gegeben. Iannotta warnt "vor einem Klima der 'stillen Selbstzensur', das entstehen könne, wenn Orchester sich neuen Klangideen verweigerten: 'Wenn Situationen wie diese nicht thematisiert werden, riskieren wir, dass Komponist:innen - besonders jüngere - ihre Sprache vorauseilend anpassen. Das schränkt künstlerische Freiheit und kollektive Vorstellungskraft ein.' Die Komponistin kritisiert einen 'tiefgreifenden Mangel an Neugier' in Teilen des Orchestersystems. 'Ein Orchester, als eine der mächtigsten und symbolträchtigsten Institutionen des Musiklebens, kann nicht behaupten, unsere Zeit zu repräsentieren, wenn es nur eine Art von Musik akzeptiert - nämlich diejenige, die den konventionellsten Vorstellungen von Instrumentation und Form entspricht.'"

Weitere Artikel: Julian Weber (taz), Gerrit Bartels (Tsp) und Joachim Hentschel (SZ) schreiben zum Tod des Soft-Cell-Musikers Dave Ball. Bernd Noack (NZZ) und Wilhelm von Sternburg (FR) erinnern an Johann Strauss, der heute vor 200 Jahren geboren wurde. Dazu passend bringt Dlf Kultur eine Lange Nacht von Jürgen König zu Strauss.

Besprochen werden Philipp Thers Studie "Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs" (online nachgereicht von der FAZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Alexander Malofeev (FR), eine Kino-Doku über den Rapper Haftbefehl (FAZ) und das neue Album von Evan Dando (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2025 - Musik

"Alles pulsiert, und die Skizzen werden tanzbar", schreibt tazler Benjamin Moldenhauer über "Hypgerglyph", das neue Album des Chicago Underground Duo, das auf dem renommierten Label International Anthem sein Comeback nach über zehn Jahren feiert. "Chad Taylor spielt polyrhythmische Muster, die man mit afrikanischen Musiktraditionen assoziiert. Rob Mazurek passt meist kurze, oft äußerst expressive Trompetenlinien in das überbordende Drumming ein, die in ihrer Rohheit und manchmal auch ihrer Brüchigkeit viel vom Spiel Don Cherrys haben." Es gelingt ihm "wie kaum einem anderen Jazztrompeter zurzeit, Gegensätzlichkeiten zu spielen und zugleich zu forcieren. Reizdichte und Leichtigkeit, Chaos und Struktur, Lounge-artiges und Freejazz-Zitate. In 'Contents of Your Heavenly Body' geht es um Körperlichkeit und Schönheit und implizit auch darum, dass die Zuschreibung, Jazz sei geschmäcklerisch und feingeistig, Blödsinn bleibt."



Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach Ansicht der Politik kürzen soll - wohlgemerkt nicht etwa an der Menge von Heimatschnulzen und TV-Kommissaren, sondern an den Rundfunkorchestern -, dann gründet er erstmal, und zwar in der Regel eine Arbeitsgruppe. Im März machte die Politik ihre Forderung laut und schon im August meldeten die ARD-Anstalten Vollzug - Arbeitsgruppe gegründet. Was tut sich seitdem? VAN fragte nach. "Zugegeben, das war etwas übermütig", kommentiert Hartmut Welscher. "Geduld, Geduld, lautete folgerichtig die Antwort der freundlichen ARD-Pressestelle. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe werde mitsamt Auftrag schließlich erst in der nächsten Sitzung der Intendantinnen und Intendanten Ende September 'besprochen und beschlossen'." Weitere Nachfragen seitdem ergaben, dass mit Entwicklungen irgendeiner Art wohl überhaupt erst Ende 2026 zu rechnen sei. "Bis wir im nächsten Reformherbst wieder aufwachen, könnte die ARD vielleicht eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben zu der Frage, warum bei ihr noch jede simple Angelegenheit in kafkaesker Verantwortungsdiffusion endet."

Weitere Artikel: Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit Raphaël Pichon über dessen Arbeit mit dem Ensemble Pygmalion und mit Adam Pultz Melbye über dessen Forschungen, wie sich KI zur experimentellen Musik nutzen lässt. Arne Löffel spricht für die FR mit Teinel Throssell alias HAAi. Konstantinos Kosmas schreibt auf Zeit Online einen Nachruf auf Dionysis Savvopoulos, den "Liedermacher der 68er-Bewegung in Griechenland". Ueli Bernays schreibt in der NZZ zum Tod des Soft-Cell-Keyboarders Dave Ball.

Besprochen werden das neue Album von Tame Impala (es fehlt eine "Idee von Klangwahrhaftigkeit", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online, "für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren, ist diese Musik ein Geschenk", schreibt Karl Fluch im Standard), ein neues Album der Chicks on Speed, denen zugleich eine Retrospektive in München gewidmet ist (taz), ein neues Album der Cellistin Sol Gabetta (NZZ), Bob Dylans Konzert in Hamburg (FR) und Joanne Robertsons Album "Blurrr" ("purer musikalischer Genuss", schwärmt tazler Johann Voigt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2025 - Musik

Musik wird in Russland zum Mittel des Protests, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Die Band Stoptime hatte bei einem Straßenkonzert auf dem Newski-Prospekt im Stadtzentrum von Sankt Petersburg regierungskritische Songs gespielt. Die 18-jährige Sängerin Diana "Naoko" Loginowa  wurde festgenommen, aber im Internet kursieren Solidaritätsvideos. Und kurz vor ihrer Festnahme hatte die Band noch ein Video mit dem  Song "Kooperative Schwanensee" des russischen Rappers Noize MC eingespielt: "Jener Protestsong, den Noize MC 2022 nur kurz nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine veröffentlicht hatte, wurde von einem russischen Gericht im Mai als 'extremistisch' eingestuft. Darin kritisiert der Rapper den Krieg, die Staatspropaganda mit hasserfüllten Talkshows von Moderatoren wie Wladimir Solowjow sowie das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der russischen Gesellschaft: 'Wo wart ihr acht Jahre lang, ihr verfickten Unmenschen! / Ich will Ballett sehen / Lasst die Schwäne tanzen! / Lasst den Opa um seinen See zittern! / Weg mit Solowjow vom Bildschirm - lasst die Schwäne tanzen!' Mit 'dem Opa' ist wohl Putin gemeint, und 'Schwanensee' ist nicht nur das Ballett von Tschaikowski, sondern auch eine Metapher für den Zusammenbruch der politischen Ordnung."

Glaubt man Pop-Kritiker Jens Balzer in der Zeit in einem kleinen Eassy über die "Zukunft der Pop-Kritik im Feuilleton", dann kriegt man als Pop-Kritiker Morddrohungen, wenn man das neue Taylor-Swift-Album verreißt - ein lebensgefährlicher Job also. Besonders rabiat scheinen K-Pop-Fans zu sein. "Wenn man früher glaubte, dass Künstler Angst vor ihren Kritikern haben müssen, dann müssen heute eher Kritiker Angst vor den Fans der von ihnen kritisierten Künstler haben." Und dann noch die Influencer: "Der Influencer will keine Distanz zu seinen Gegenständen, er will reine Unmittelbarkeit."

Weiteres: Max Nyffeler gratuliert dem Komponisten Toshio Hosokawa in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden ein Konzert der Weltmusikstars Dhafer Youssef und Sona Jobarteh in Frankfurt (FR) und das "rundum lebendige" Suede-Album "Antidepressants" (Ebenfalls FR).

Und Florian Eichel hat für die Zeit den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einen der renommiertesten Kalvier-Wettbewerbe weltweit, besucht. Wenn der 24-jährige Georgier David Khrikuli Chopin spielt, klingt es, als höre man ihn zum ersten Mal, schreibt er. Hier kann man sich Bild und Ton machen, sein Auftritt in Warschau steht bei Youtube online:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2025 - Musik

Bei den Donaueschinger Musiktagen wurde "das Sprechen zum metaphysischen Akt", zu einem klanglich modulierten Instrument unter vielen, stellt Hannah Schmidt auf Zeit Online fest. "Es scheint, als zöge sich die zeitgenössische Musik 2025 in jene Selbstreferenzialität zurück, aus der sie vor wenigen Jahren erst den Ausbruch gewagt hat. Nur so lassen sich Laure M. Hiendls minimalistische 25 Remix-Minuten über ein paar Takte aus Ralph Vaughan Williams' 7. Sinfonie erklären, nur so macht die neu-alte Suche nach Objets trouvés für das Geräuschorchester, nach Synästhesie und meditativer Traumerfahrung Sinn. Diese Kunst sagt der Tragik und Verzweiflung der Wirklichkeit nicht den Kampf an, sondern schärft vielmehr die Sinne, will Zuflucht bieten, verbinden. Die Shuttlefahrten zurück ins Hotel nach den Uraufführungen werden so zum Sinnbild: Unterwegs hält der Fahrer mehrfach spontan an nachtschwarzen Sehenswürdigkeiten. Man sieht zwar nichts, aber egal." Lotte Thaler resümiert das Festival in der FAZ ziemlich genervt: So manches "ist schon beim Hinausgehen so gut wie vergessen".

Sein eigenes Leben wird kaum ausreichen, um die Myriaden Tonbänder durchzuhören und auszuwerten, die Frank Zappa hinterlassen hat, sagt dessen Archivar Joe Travers im Gespräch mit der SZ. Hinzu kommt, dass spätestens ab den Achtzigern der Wechsel zum Digitalen seine ganz eigenen Tücken mit sich bringt: "Wenn ein Tonband mit einer analogen Aufnahme Altersschäden bekommt, verliert es in der Regel die hohen Frequenzen", aber "das kann man korrigieren. Wenn jedoch ein digitales Tonband überstrapaziert ist, hört man einfach - gar nichts mehr. ... Ein Jazz-Tonband aus den 40er- oder 50er-Jahren wird man mit wenig Aufwand immer wieder restaurieren können. Wie das in 70 Jahren mit den WAV-Files von Taylor Swift aussieht, ist eine völlig andere Geschichte."

Besprochen wird Yasmine Hamdans Album "I Remember I Forget" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2025 - Musik

Dass ein Leitartikel der FAZ von Hip-Hop-Kultur handelt, dürfte nicht allzu oft vorkommen. Sebastian Eder will dem Rapper Chefket seine Naivität nicht abnehmen. Der hatte neulich eine Palästinakarte ohne Israel herumgetragen und sich damit verteidigt, dass er überall gegen Unterdrückung sei, das Symbol aber nicht politisch deuten könne. Eder stellt eine Gewaltbilanz der Hip-Hop-Kultur auf, die nicht unbedingt positiv auffällt. "Auch in Deutschland kann man gerade beim Thema Frauenhass und Antisemitismus im Rap eine lange Liste mit menschenverachtenden Äußerungen anlegen. Ein verurteilter Frauenschläger wie Gzuz tritt weiter in Arenen auf und darf sich in einer Amazon-Dokumentation als Familienmensch präsentieren. Rapper aus dem Umfeld von arabischen Clans verstecken ihren Hass auf Juden, wenn überhaupt, nur sehr halbherzig. Der Hip-Hop-Held Haftbefehl darf sich bald in einer Netflix-Doku über sein Leben zeigen, produziert wurde sie von Elyas M'Barek. Mehr Mainstream geht nicht. Eines der bekanntesten Lieder von Haftbefehl beginnt so: 'Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet'. Auch andere Probleme liegen seit Jahren offen: Kriminelle Clans unterdrücken Rapper, Rapper mit kriminellen Clans im Rücken unterdrücken schwächere Rapper. Die Musikindustrie spielt mit." 

In Zürich hat Paavo Järvi mit dem Estonian Festival Orchestra einen Abend zu Ehren von Arvo Pärt bestritten, der vor kurzem 90 Jahre alt geworden ist. "Pärt hat die Musik unserer Zeit, die sich lange einem überwiegend konstruktivistischen Denken verschrieben hatte, breitenwirksam gemacht", schreibt Christian Wildhagen in der NZZ, "und zwar, indem er sie für das Mystische und Meditative, ja das Archaisch-Ursprüngliche der Klänge geöffnet hat." Gut nachzuvollziehen etwa in "Tabula Rasa" von 1976: "Der junge estnische Geiger Hans Christian Aavik und die bekannte Geigerin Midori treffen ... genau den eigentümlichen Schwebezustand, in dem das unablässige Wiederholen von Formeln und Sequenzen zu einem Gefühl von Zeitlosigkeit führt, das zugleich aber die Wahrnehmung jedes einzelnen Tones schärft." 

Weiteres: Manuel Brug spricht in der Welt mit Daniil Trifonov über Tschaikowsky, dessen selten zu hörenden Solo-Klavierstücke der russische Pianist vor kurzem eingespielt hat. Gregor Kessler berichtet in der taz von einer Veranstaltung in Hamburg zum Abschied des vor kurzem verstorbenen Labelmachers Alfred Hilsberg.

Besprochen werden ein Wiener Abend mit Günther Groissböck und Igor Levit (Standard), ein Auftritt der Jazzmusikerin Clara Vetter in Frankfurt (FR), das von Thomas Guggeis dirigierte Museumskonzert in Frankfurt (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter Iiro Rantalas Jazzalbum "Trinity" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2025 - Musik

Der Jazzmusiker und Komponist Klaus Doldinger ist tot. Ihm gelang "eine der auch international bedeutendsten Karrieren der deutschen Musikgeschichte", schreibt Torsten Groß auf Zeit Online. In der breiten Öffentlichkeit kennt man Doldinger vor allem als Komponist der "Tatort"-Melodie. Dabei "war das Saxofon Doldingers eigentliche Stimme. ... Ausufernde Jams, Improvisationen wurden zum Markenzeichen seiner später grenzüberschreitenden Fusion-Band Passport, kaum ein Stück wurde zweimal gleich gespielt. Unvergessen die Aufführung des Passport-Stücks Uranus in der TV-Sendung Beat Club. Sieben Minuten entfesselte Energie, in übereinander montierten Aufnahmen scheint Doldinger gleichzeitig Tenor- und Sopransaxofon sowie Synthesizer zu spielen. Sein geliebtes Sopransax jagte Doldinger bei solchen Gelegenheiten durch alle möglichen Effekte, bis es beinahe klang wie eine E-Gitarre."



"Sein Ton auf dem Tenor- und Sopransaxofon war unverkennbar, ein Strahlen voller Kraft und einer untergründigen Wehmut, die seine Sehnsucht nach der großen Welt bis in sein hohes Alter transportierte", seufzt Andrian Kreye in der SZ - und kommt ebenfalls auf Passport zu sprechen: "Keyboardschichten schufen einen Kosmos der Klänge und Harmonien, über die Klaus Doldinger mit seinem Saxofon die Fanfarenlinien seiner Themen und Improvisationen legte. Da fanden sein Gespür für Melodien, die man sofort mitsummen konnte, seine fingerfertige Lässigkeit und die musikalischen Erinnerungen an seine Weltreisen zusammen. ... Das war eine Form des Jazz, die ganze Hallen und Stadien bis in die Grundfesten erschüttern konnte. Diese Spannung aus Wucht und Wehmut bei Doldinger traf das Gefühl einer Zeit, als die Welt noch so groß und erstmals so offen erschien."



"Doldinger hatte alles drauf", schreibt Stefan Hentz in der NZZ. "Unter Pseudonym und getarnt mit einer bizarren Wuschelperücke, zog er dem neuen deutschen Rock musikalisch ein Rückgrat ein und profilierte sich als Mann für alle Fälle. Zugleich nutzte er die offenen Kanäle in die stürmisch wachsende Musikindustrie, um auch als Jazzmusiker präsent zu bleiben - sei es mit gefälligem Bossa Nova, sei es als Herold eines zupackenden Jazz 'made in Germany', den er mit seinem Quartett präsentierte. In der Vielfalt seiner musikalischen Interessen entwickelte Doldinger eine Vorliebe für rockige Sounds, für die Kraftentfaltung der Verstärker und Verzerrer und die Bewegungsenergie knalliger Grooves, die ihm sehr zupass kommen sollte, als ihm bald auch ambitioniertere Kompositionsaufträge für Film- und Fernsehproduktionen zuflogen." Wer als Kind in den Achtzigern ins Kino ging, wird diese Melodie noch im Ohr haben: 



Weitere Nachrufe schreiben Josef Engels (Welt), Wolfgang Sandner (FAZ) und Hans-Jürgen Linke (FR).

Am Freitagabend begannen die Donaueschinger Musiktage. Dass der SWR sich hier sehr im Abglanz der Kultur feiert, während er die Hochkultur in seinen Programmen immer weiter abdrängt, stößt Alexander Strauch auf Backstage Classical durchaus auf. Auch rächt sich, dass der SWR stur an François-Xavier Roth festhielt, der seit geraumer Zeit höchst umstritten ist. Prompt begleiteten ihn die Buhrufe beim Weg auf die Bühne. Musikalisch war der Abend zwar solide, "doch eben das Fragezeichen über seiner Personalie war überdeutlich. ... Buhrufe für Leroux und Roth, Bravorufe der Getreuen - ein Ritual. Ein Abend zwischen Loyalität und Lähmung, Feier und Fassade. So also begann Donaueschingen 2025: Der SWR feierte sich selbst, Roth kämpfte mit seinem Schatten, und die Musik versuchte, sich dazwischen einen Raum zu schaffen. Ein Auftakt, der alles enthielt - nur keinen Aufbruch von Festival und Chefdirigent."

Weiteres: Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des KISS-Gitarristen Ace Frehley. Besprochen wird Lukas Gecks und Maria Kanitz' Buch "Lauter Hass" über Antisemitismus im Pop (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2025 - Musik

Elena Witzeck berichtet in der FAZ von dem Trubel, den die Ankündigung, dass der puertoricanische Superstar Bad Bunny die Halbzeitshow des nächsten Super Bowls bestreiten wird, ausgelöst hat. Diese Zwischeneinlage ist bekanntlich jedes Jahr eines der zentralen popkulturellen Ereignisse in den USA - und Bad Bunny war in der Vergangenheit nie darum verlegen, Trump und dessen Einwanderungspolitik zu kritisieren. "Geplant ist nun eine Gegenveranstaltung zu Benitos Superbowl-Auftritt. Die Heimatschutzministerin droht mit Festnahmen der Abschiebebehörde ICE. Als wäre es das erste Mal, dass die amerikanische Einwanderungspolitik beim Superbowl kritisiert wird. ...  Mit Trolling-Posts und Kritik an dem geplanten Auftritt wurde in den letzten Tagen versucht, ehrwürdige Künstler wie Carlos Santana gegen Bad Bunny auszuspielen. In einer besonders herzlichen Umarmungsgeste ließ Santana mitteilen, er sehe das ganz anders. Überhaupt könne er nicht aufhören, Bad Bunnys Song 'Mónaco' zu hören. Worum es da geht? Um die Dekonstruktion alter Machtstrukturen. Wenn das mal kein Zufall ist."



Außerdem: Für "Bilder und Zeiten" der FAZ schaut Gerald Felber der Pianistin Tamara Stefanovich dabei über die Schulter, wie diese sich das Klavierkonzert von Rebecca Saunders erarbeitet. Erhard Grundl wirft in der taz Schlaglichter auf Leben und Werk von Bob Dylan, der kommende Woche für drei Konzerte nach Deutschland kommt. Jakob Biazza schreibt in der SZ einen Nachruf auf den früheren Kiss-Gitarristen Ace Frehley.

Besprochen werden das neue Album von The Last Dinner Party ("eine ausgezeichnete Popplatte, reich an Ideen, Hooks, Drama, glamourösen Anmaßungen und großen Emotionen", freut sich Annett Scheffel auf Zeit Online) und das neue Album von Tame Impala (SZ).

Stichwörter: Super Bowl, Bad Bunny

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2025 - Musik

Jan Feddersen (taz), Harry Nutt (FR) und Peter-Philipp Schmitt (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schlagerproduzenten Jack White. Besprochen werden Ozzy Osbournes Autobiografie "Last Rites" (Welt) und das zweite Album der britischen Band The Last Dinner Party (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2025 - Musik

Die Musikkritiker trauern um D'Angelo, der mit gerade einmal drei seit 1995 veröffentlichten Alben den Soul revolutioniert hat und nun im Alter von nur 51 Jahren einer Krebserkrankung erlegen ist. "An der Geschichte des übermäßig talentierten, glamourösen und fragilen Musikers D'Angelo kann man die ganze Ekstase und den Kater der wichtigsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts erzählen: der Popmusik und dem, was ihr zugrunde liegt - der Black Music", schreibt Tobi Müller auf Zeit Online. Aus D'Angelos Songs sprachen "brennende Musikalität und jubilierender Schmerz" und er beherrschte die hohe Kunst der Langsamkeit: "Der Song 'Lady' von seinem Debütalbum klingt wie Funk auf Fentanyl, trotz des chirurgisch präzisen Zusammenspiels der Musiker; auch D'Angelos Gesang klingt nach einem Mann, der weiß, was es heißt, in den Seilen zu hängen. Das wirklich langsame 'Untitled' (How Does It Feel?) vom Album Voodoo ist ein siebenminütiges Lehrstück darüber, wie viel auch Musik der höchsten Ekstase mit Kontrolle zu tun hat, mit hinausgezögerter Wirkung - mit einem Versprechen eben."



Schon D'Angelos erstes Album war hochgradig ambitioniert und hungrig, schreibt Jakob Biazza in der SZ, und auch sein letztes, "Black Messiah" von 2014, "war noch mal ein immenses, sehr erfolgreiches Anstemmen gegen die Faulheit der Kollegen. Noch einmal dreckige, tiefenerotische Beats, brandgefährliche Grooves, Rasiermesser-Synkopen, bezirzende Falsett-Lieblichkeiten und eine vollständig umfangende Wärme. Noch einmal der Anspruch, alles anders, alles besser zu machen." Weitere Nachrufe in taz und NZZ.



Weiteres: Jens Balzer stellt in der Zeit Bad Bunny vor, der ausschließlich auf Spanisch singt, international ein absoluter Superstar, in Deutschland hingegen kaum bekannt ist und im kommenden Februar beim Super Bowl auftreten wird. Mehrere Musikjournalisten haben sich beklagt, nach Kritik am neuen Album von Taylor Swift von einigen ihrer Fans teils Morddrohungen erhalten zu haben, berichtet Jean-Martin Büttner in der NZZ. Stephanie Grimm berichtet in der taz vom Avant Festival in Süditalien. Karl Fluch erinnert im Standard an Patti Smiths vor 50 Jahren erschienenes Proto-Punkalbum "Horses".

Stichwörter: D'angelo

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2025 - Musik

Die Abstimmung, ob Israel am Eurovision Song Contest teilnehmen darf oder nicht, wurde angesichts der Waffenruhe im Gaza-Krieg nun zwar ausgesetzt, stattdessen soll es in der Angelegenheit in den nächsten Monaten eine interne Diskussion geben. "Dem sehen wir mit Interesse entgegen", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online mit galliger Ironie, denn die Rundfunkanstalten diverser Staaten hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass ihr Boykott ungeachtet aktueller Entwicklungen in Gaza Fortbestand haben werde. "Jeder jetzt noch kommende Boykott, jeder Rücktritt eines Senders vom ESC wird dessen Ruf dauerhaft beschädigen. Und es bleibt ja überhaupt interessant, wie sich die Popmusik-Szene nach dem Waffenstillstand in Gaza nunmehr verhalten wird - so entschieden, wie sie sich mehrheitlich bislang gegen Israel positioniert hatte und für Boykotte gegen Israel jeglicher Art. Auf wie vielen Konzerten der vergangenen Wochen und Monate wurde nicht immer wieder 'ceasefire now' skandiert! Aber jetzt, wo das ceasefire da ist, hört man recht wenig; eher wird wohl nach neuen Gründen gesucht, um den Israel-Boykott fortzusetzen." 

Julian Weber berichtet in der taz von der Musikbiennale in Venedig, wo allerlei experimentelle bis waghalsige Musik aufgeführt wird. Beim Auftakt etwa "droppen die Cramptons unter dem Titel 'Los Thuthanaka' harschen Noise, aufgebohrt mit Cumbiabeats, wieder Metal, aber auch Oregon-artiger ECM-Fusion, dazu Radiojingles: 'Full Mix en Vivo'. Im Katalog wird theoretisch nachgewürzt: 'Verwurzelt in der Aymara-Kosmologie und im antikolonialen Denken, werden Folktraditionen mit digitalen Technologien und Clubkultur-Anmutung fusioniert, um Sounds zu kreieren, in denen Identitäten, Geschichte und Widerstand zusammenfließen.' In Venedig fließt sowieso alles zusammen. Das müffelnde Brackwasser der Kanäle mit der Adria, schlingernde Bootsmotoren mit den bröckelnden Fassaden der Paläste, Disneyland-Selfiestick-Overtourism mit den griesgrämigen Bediensteten der Serviceindustrie, die diese molto-crazy Atmosphäre scheinbar stoisch ertragen. Irgendwo in diesem morbiden, spätkapitalistischen All-Inclusive fügt sich auch der indigene Fusionambientbarock als Soundtrack ein."

Jakob Biazza wird in der SZ geradezu schwindelig zumute angesichts der absurd hohen Menge an physischen Tonträgern, die Taylor Swift alleine in der ersten Woche von ihrem neuen Album abgesetzt hat: "Seit der Datenkonzern Luminate im Jahr 1991 in den USA angefangen hat, die Verkäufe (und später zusätzlich Downloads und dann auch Streams) für die Billboard-Charts zu erfassen, wurde dort kein Album in der ersten Woche häufiger erworben als 'The Life of a Showgirl'. Keines." Und das wohlgemerkt im Streaming-Zeitalter.

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Weitere Artikel: Florian Zinnecker spricht in der Zeit (online nachgereicht) mit dem Historiker Philipp Ther, der in seinem Buch die Musik der Habsburgermonarchie erforscht. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Komponisten La Monte Young zum 90. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass der Soulsänger D'Angelo im Alter von nur 51 Jahren an Krebs gestorben ist.

Besprochen werden ein Konzert von Sting in Zürich (TA), ein Konzert von Diana Krall in Frankfurt (FR) sowie Kieran Hebdens und William Tylers Album "41 Longfield Street Late 80s" (FR).