Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2025 - Kunst

Missing in Action, 1999, by Yoshitomo Nara. Photograph: Courtesy of Sally and Ralph Tawil and Yoshitomo Nara Foundation

Die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery stellt das Weltbild von Guardian-Kritiker Stuart Jeffries auf den Kopf: Kommt aus Japan nicht nur der Schönheit verpflichtete Kunst? Mitnichten, stellt Jeffries beim Anblick der von Mangas und Disney inspirierten Cartoon-Mädchen fest: Seine Kunst ist "rau und bereit, ohne Angst, hässlich zu sein, knurrend mit wenig subtilen Anti-Atom-Agitprop-Graffiti, manchmal auf alte Briefumschläge gekritzelt, und durchdrungen von britischem und amerikanischem Rock'n'Roll." Wirklich verändert wurde seine Kunst im Jahr 2011 durch den Tsunami in Japan, erzählt er: "Das große Erdbeben in Ostjapan löste den Tsunami aus, der die Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima beschädigte und große Teile seiner Heimatpräfektur verwüstete. Mehrere Monate lang war er so traumatisiert, dass er kaum arbeiten konnte. Als er in sein Atelier zurückkehrte, fertigte er die ersten Werke aus Ton an, die er scheinbar wütend bearbeitete. Es war, als würde er die Tonklumpen, die er zu Skulpturen von noch mehr unschuldigen und/oder geplagten kleinen Mädchen formte, körperlich angreifen."

Das New Yorker Metropolitan Museum hat seinen Rockefeller-Flügel mit afrikanischer, ozeanischer und lateinamerikanischer Kunst neu eröffnet, auch die Künster hinter den Artefakten sollen nun gewürdigt werden, erfährt Andreas Robertz im Gespräch mit Met-Direktor Max Hollein. Von Rückgaben an die Herkunftsländer hält er offenbar nicht viel: "Viele der Objekte, die hier sind, sind de facto gemacht worden, um weiterzureisen. Andere sind fast schon Botschafter ihres Landes. Andere sind Objekte, die an ihrem Ursprungsort quasi nie dafür gedacht gewesen waren, als Objekte 'weiterzuleben', sondern Teil eines Rituals waren, über das Entstehung und Vergehen. Was uns wichtig ist: dass die Integrität und die Authentizität sowohl des Werks als auch des Autors in aller Form gewährleistet ist."

Weitere Artikel: Für die SZ nimmt Peter Richter Donald Trumps neuestes Präsidenten-Porträt unter die Lupe, das den Präsidenten in geradezu an Caravaggio gemahnendes Licht taucht. In der FAZ klärt uns Stefan Trinks darüber auf, weshalb das Amsterdamer Rijksmuseum nun ein Kondom aus Schafsdarm aus dem Jahr 1830 ausstellt: "Es zeigt auf seiner Längsseite eine qualitativ gute Radierung und gehört mithin inventarisch zu den 'Drucken auf anderen Materialien' als Papier."

Besprochen werden die Ausstellung "Der Engel der Geschichte" im Berliner Bode-Museum (taz), die Ausstellung "Tankstellen in Georgien" mit Fotografien von Klaus Andrews im Stadtmuseum Schleswig (taz) und die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (FAZ, mehr hier), die Kathrin Linkersdorff-Ausstellung "Microverse" im Berliner Haus am Kleistpark (Monopol, mehr hier)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2025 - Kunst

Rudolf Graf, Junge Sozialistin Bärbel Hahn, 1971, Ausstellungsansicht. BLMK Cottbus 2025, Foto: Bernd Schönberger

Ziemlich happy ist BlZ-Autor Ulrich Seidler nach dem Besuch der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich", die sich im Dieselkraftwerk Cottbus Frauenbildern aus der DDR-Zeit widmet. Viele emotionale Nuancen entdeckt Seidler in den Exponaten, aber auch einiges an wundersamer Tristesse. Zum Beispiel in einem Familienporträt Katja-Regina Staps': "Da guckt ein hängeschnurrbärtiger Vater mit verrutschtem Kragen angenervt sein Kindchen an, das seine Frau an ihr Kinn drückt - eine Pietà der Sonntagslangeweile. Alle haben lange Gesichter. Immerhin findet sich bei der größeren Tochter der Anflug eines Lächelns, könnte allerdings sein, dass sie einen kleinen sadistischen Spaß daran hat, den auch sehr unfroh dreinblickenden Hund mit dem Halsband zu würgen. Wessen Idee war es wohl, am freien Tag an den See zu fahren? Hoffentlich ist bald wieder Montag."

Stefan Trinks freut sich in der FAZ darüber, dass das Duisburger Lehmbruck Museum in einer Doppelausstellung nicht nur dem derzeit überall präsenten Jean Tinguely eine weitere Plattform biete, sondern auch dessen zeitweiliger Lebensgefährtin Eva Aeppli. Tatsächlich scheinen Aepplis Arbeiten Trinks noch ein wenig mehr zu imponieren als die ihres berühmten Lebensabschnittsgefährten. Unter anderem zeigt er sich von ihrem Tableau "Le Strip-Tease" beeindruckt: "Über sieben hochrechteckige Paneele hinweg entblättert sich wie in einem extrem verlangsamten Daumenkino eine ausgezehrte Figur im transparenten Tutu mit bewegt-exaltierten Gesten, bis sie im letzten Bild vollkommen verhärmt und abgemagert wie ein Skelett nur noch totenruhig wie der Abklatsch des Turiner Grabtuchs vor dem erschrockenen Betrachter baumelt. Es handelt sich um eine subtile Transformation mittelalterlicher Totentänze (...)."

Weitere Artikel: Martina Meister bereist für die Welt französische Weingüter, die, ein aktueller Trend, Ausstellungen beherbergen. Sebastian Frenzel spricht auf monopol mit dem Sammler und Galeristen Peter Pakesch über den Künstler Franz West. Ebenfalls für monopol besucht Lisa-Marie Berndt die Künstlerin Hannah Sophie Dunkelberg in deren Atelier.

Besprochen werden die der armenischen Diaspora gewidmete Schau "Re-Member" im Berliner Museum Charlottenburg-Wilmersdorf (Tagesspiegel), die Elfriede Lohse-Wächtler präsentierende Fotoausstellung "Ich als Irrwisch" (taz) im Franz Marc Museum in Kochel am See und die von Pascual Jordan und Ulrike Kegler bestrittene Ausstellung "Guckmalrichtighin" in der Berliner Werkstattgalerie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2025 - Kunst

Roberto Lugo, DNA Study Revisited, 2022. Smithsonian American Art Museum, Museum purchase through the Catherine Walden Myer Fund, 2024.19

Trump ist die Ausstellung "The Shape of Power. Stories of Race and American Sculpture" im Smithsonian American Art Museum in Washington ein Dorn im Auge: Sie steht laut Trump exemplarisch für das "Hetzen" gegen seine angeblichen Werte, meint Asta von Mandelsloh bei Monopol. Umso wichtiger findet sie die Schau, die den Zusammenhang von Skulpturen und der Entwicklung der Idee von "race" untersucht. Etwa die Skulptur "Kultur", die der Künstler Aaron Goodelman, der 1906 aus Russland vor Antisemitismus in die USA floh, im Jahr 1936 schuf: "Er suchte eine visuelle Sprache, um zum einen die rassistisch getriebene Gewalt gegen schwarze Menschen in seiner neuen Heimat, den USA, anzuprangern. Und gleichzeitig wollte er die sich zuspitzende nationalsozialistische Katastrophe, die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Bereits knietief in ihrem Holzsockel versunken, wird die Figur gleichzeitig an den ausgestreckten Armen, die Hände in eisernen Ketten und Fesseln, emporgezogen. Lang und dünn biegt sich der verzerrte Leib, den Ausdruck der ansonsten auf Einfachheit ausgelegten Holzfigur bestimmt ihr besonders tief in das Holz geschnitzte Gesichtsausdruck."

Der Schweizer Maler Adolf Dietrich gehörte wie Otto Dix der Neuen Sachlichkeit an, beide lebten zeitweise am Bodensee, in vielen Ausstellungen hingen ihre Werke nebeneinander - und doch könnten sie gegensätzlicher nicht sein, stellt Maria Becker (NZZ) in einer Ausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen fest. Stiller, zurückgenommener wirken die Bilder des Schweizers: "Dietrich malt, als ob er allem einen gebührenden Platz geben müsste. Noch das kleinste Ästlein am winterlichen Baum ist ihm wichtig. Ob Landschaft oder Porträt - alles hat Wert, in den Raum seiner Bilder aufgenommen zu werden. Dietrich hält die Dinge seiner Welt in über tausend Werken fest, versichert sich ihrer, als müsste er das Gesehene mitnehmen, um es nicht zu verlieren. Seine Malerei ist eine Form der Wirklichkeitsaneignung. In seinen Bildern sind die flüchtigen Dinge anwesend, selbst wenn sie vergangen sind."

Besprochen werden die Ausstellung "Muddy Measures" im Tieranatomischen Theater in Berlin (taz), die Ausstellung "Beseelte Dinge - Die Tlingit-Sammlung aus Alaska" im Bremer Überseemuseum (taz), die Klára Hosnedlová-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (FR, mehr hier) und die große Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark, die die Neue Nationalgalerie zeigt (Tagesspiegel, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2025 - Kunst

Im Landesmuseum Hannover kann Christiane Meixner für den Tagesspiegel eine besondere Ausstellung bestaunen, denn in "FrauenBilder" treten Julia Krahns Fotografien in einen Dialog mit der übrigen Kunst des Museums: "Ihre Arrangements vor monochromen Hintergründen spiegeln die Atmosphäre der gemalten Pendants im Museum so perfekt, dass manchmal unklar ist, bei welchem von beiden es sich um das neue und das historische Bild handelt. Bis man genauer hinschaut: Krahn tischt längst nicht so opulent wie die flämischen Maler auf, ihre Materialien sind arm und sparsam. Die Ähnlichkeit basiert auf dem ästhetischen Konzept, nach dem sie Pflanzen, Samen und persönliche Objekte in den Bildern anordnet." Wenn eine Fotografie, die die Themen Schwangerschaft oder Körper aufgreift, etwa einer Bronze von Auguste Rodin oder gar einem antiken Kunstwerk gegenübersteht, wird Meixner eines klar: "Die existenziellen Situationen von heute sind exakt dieselben wie vor tausend Jahren."

Weiteres: Der Standard macht sich Gedanken darüber, inwiefern das Wiener Belvedere die Rolle des Klimt-Sammlers Gustav Ucicky in der NS-Zeit verdrängt und verschweigt. Patrick Bahners würdigt in der FAZ den Bristoler Künstler Richard Long, der heute 80 Jahre alt wird. Die FAZ interviewt Axel Rüger, der der Leiter der New Yorker Frick Collection ist, die Ende April wiedereröffnet wurde.

Besprochen wird die Ausstellung "Huis in de Storm. Het Mauritshuis in Oorlogstijd", die sich mit der Geschichte des Mauritshuises während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg beschäftigt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2025 - Kunst

Ed Clark, Untitled, c. 1990s. Acrylic on canvas. © The Estate of Ed Clark. Courtesy the Estate and Hauser & Wirth. Photo: Sarah Muehlbauer


In der WamS erinnert Gesine Borcherdt an den schwarzen Maler Ed Clark, der aufgrund seiner Hautfarbe erst sehr spät die Anerkennnung bekam, die er verdiente und dessen Bilder in der Galerie Hauser & Wirth in Zürich zu sehen sind. Unterkriegen ließ sich Clark allerdings nie, so Borcherdt, und seine Werke spiegeln das wider: "Mit dem Action Painting fand er seine Sprache: eine Mischung aus Farbfeldmalerei und expressiven, aber dennoch reduzierten, klaren und oft horizontal gesetzten Gesten, die er mit einem Besen auf raumfüllende Leinwände brachte. Wie hochpolitisch und subtil diese performative Geste war, hat damals niemand verstanden. Auch Clark sah seine Kunst nicht als Politik. Sie war für ihn das Feld der Emotionen, so wie das Leben selbst es war. Statt einer 'In your face'-Metapher für die Unterdrückung der Schwarzen war der Besen vor allem die Verlängerung seines Armes und die Malerei das Medium, mit dem er nichts anderes als Licht und Raum erzeugen wollte."

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ schaut sich Andreas Platthaus die Kunst des "Graphic Recordings" näher an: Künstler begleiten Veranstaltungen und zeichnen sie in Bilderfolgen auf. Die Bilder des Künstlers Michael Jordan zu den "Augsburger Gesprächen zu Literatur, Theater und Engagement" sind in einer Ausstellung im staatlichen Textil- und Industriemuseum ebendort zu sehen. Besprochen werden Gregor Schneiders Installation "Welcome" im Kunstmuseum Krefeld (FAZ), die Ausstellungen "Delphinium Maximum" und "Bauhaus Ecologies" im Bauhaus Museum Dessau (FAZ) und eine Ausstellung mit Fotografien von Thomas Struth in der Galerie Max Hetzler in Berlin (tsp)
Stichwörter: Clark, Ed, Bauhaus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2025 - Kunst

Wie der Krieg die Ukrainer auch auf die Suche nach Identität schickt, erleben Yelizaveta Landenberger und Mitya Churikov (taz) in der Ausstellung "Woraus wir gemacht sind" im Chemnitzer Wirkbau, die ukrainische Gegenwartskunst Kunst aus Ostdeutschland gegenüberstellt: "In der Ecke liegt ein Haufen Erde auf dem Boden, aus dem zartes Grün keimt. Umstellt ist es mit einem Kreis aus 15 kleinen durchnummerierten Betonplatten mit provisorisch modellierten Bildmotiven. Sie sehen aus wie Miniaturgrabsteine. Man muss unweigerlich an die improvisierten Gräber in den Frontgebieten der Ukraine denken, in denen die Überlebenden ihre Nächsten begraben. An der Wand dahinter schlüsselt eine mit Bleistift geschriebene Legende auf, wem die Betonplatten gewidmet sind: dem Versteckten, dem Mobilisierten oder dem Verschwundenen. Dasha Chechushkova geht es in der eindrücklichen Arbeit 'Flower Bed' um Männer, um ihre schwierige Lage in der patriarchal geprägten ukrainischen Gesellschaft, die gerade im gegenwärtigen Krieg, zumindest nach außen hin, nur Platz für Helden übrig hat."

Weitere Artikel: Auf ganze fünf Jahre streckt die Museumsinsel Berlin ihre Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Nicola Kuhn erklärt deren Sprecher, Matthias Wemhoff, warum der BER Mitschuld daran hat, dass sich die Berliner Häuser in puncto Besucherzahlen nicht ansatzweise mit dem Louvre oder dem British Museum vergleichen können und weshalb er nichts von Joe Chialos Vorschlag hält, die Museen sollten sich mehr private Sponsoren suchen: "In Berlin ist es schwierig, Förderer zu finden. ... Die hier eher ansässigen Aktiengesellschaften haben feste Vorgaben, die sie einhalten müssen, bevor sie überhaupt in Kultur investieren dürfen." In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zu den Feierlichkeiten.

Besprochen werden eine Ausstellung im Bochumer Museum unter Tage zum 50-jährigen Bestehen der Kunstsammlung (SZ), die Ausstellung "Erinnerungen im Jetzt. 80 Jahre später. Vom Krieg damals wie heute" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz) und die Werkschau "Kids take over" des in Mexiko lebenden belgischen Künstlers Francis Alÿs im Kölner Museum Ludwig (Tsp).
Stichwörter: Kunst in der Ukraine, Louvre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2025 - Kunst

Robert Rauschenberg - Colorwheel skirt from costumes for Travelogue, 1977 © Collection Walker Art Center, Minneapolis

Wiebke Hüster spaziert für die FAZ angeregt durch die Ausstellung "Fünf Freunde" im Münchner Museum Brandhorst. Gewidmet ist sie Jasper Johns, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham. Hüster zeichnet die persönlichen und künstlerischen Verbindungen zwischen den Freunden nach und schließt: "An diesen Meistern der Postmoderne ist unsterblich faszinierend, wie sie einerseits die Stille, die Leere, das Weiß, das Nichts in ihre Künste holen, andererseits den Lärm der Welt, ihre schreiende Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit, das Erschrecken über den Menschen, der seinem Gegenüber alles Mögliche aufzwingen, alles Mögliche versagen will, der noch das All erobern muss, da die Erde und ihre Millionen Phänomene nicht ausreichen."

Julian Weber erinnert in der taz an Arnold Odermatt, einen Polizisten, dessen fotografische Dokumentation von Unfallschauplätzen zu Kunstwerken wurden. Vier Jahrzehnte lang hielt Odermatt Autoschrott im Bild fest und entwickelte dabei rasch außergewöhnliche Techniken: "Er experimentierte mit der Perspektive, fotografierte aus weiter Ferne und von großer Höhe. So wurden seine Fotos zu Stillleben des Schrotts: eine Pietà aus zerbeultem Blech, Beton und Teer. Obwohl die Aufnahmen in der Chronologie postdramatisch entstanden sind, lassen sich kleine Katastrophen und große Karambolagen erahnen. In ihrer strengen Komposition und nüchternen Bestandsaufnahme geraten die verkümmerten Karosserien in den Hintergrund, stattdessen treten Schraffuren und Linien hervor, Signalgegenstände und Warndreiecke werden zu abstrakten Symbolen. Ein Panoptikum aus schiefen Bremswegen, abgerissenen Kotflügeln, Pneuresten und allerlei Hindernissen, an denen die Unfallfahrzeuge zerschellt sind." Dieser Tage wäre Odermatt 100 Jahre alt geworden.

Anlässlich neu eingerichteter Meditationsräume im Berliner Bode-Museum macht sich Zeit-Autor Hanno Rautenberg Gedanken über das neue Wohlfühlideal der Kunst, das dem avantgardistischen Telos von der Erschütterung des Selbst komplett fremd ist. Dabei ist die Idee, dass Kunst heilen kann, nicht neu und auch heute "angesichts der Ab- und Umbrüche, der Pandemie, des Krieges, einer verwilderten Politik, nicht weiter verwunderlich. Die Kunst soll die Trostlosen trösten. Soll die Risse, die alle und alles durchziehen, für den Moment verarzten. Die Idee der Entgrenzung jedoch, die Hoffnung der Kunst, den realen Verhältnissen ihre Autorität zu bestreiten, hat im Gesundungsdenken der Gegenwart nichts mehr zu suchen. Das Museum, ein Sanitätshaus fern der Welt."

Weitere Artikel: Marion Ackermann übernimmt, wie mehrere Zeitungen (FAZ, Tagesspiegel, BZ) berichten, die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von Hermann Parzinger. Leonie March berichtet in der FR über boomende afrikanische Kunsthandel-Plattformen. Auf monopol lesen wir in einem von Stefan Kubel verfassten Beitrag wiederum, dass das Kunstmarktportal Artnet von Investor Andrew Evan Wolff übernommen wird. Susanne Lenz spricht in der BZ mit dem HKW-Intendanten Bonaventure Ndikung über die Kunstwelt, Postkolonialismus und andere Themen. Silke Hohmann klärt auf monopol darüber auf, wie es bei der Venedig-Biennale nach dem Tod der Kuratorin Koyo Souoh weitergehen könnte. Tobias Timm schreibt in der Zeit über Henrike Naumann und Sung Tieu, die den deutschen Pavillon in Venedig bespielen werden.

Besprochen werden eine dem Künstler Robbie Williams gewidmete Schau im Londoner Moco Museum (SZ), die Ausstellung "Mission Dakar-Djibouti" im Pariser Musée du Quai Branly (Tagesspiegel) und "Die Welt von morgen wird eine weitere Gegenwart gewesen sein", eine eklektische Schau im Wiener Mumok (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2025 - Kunst

Richard Pousette-Dart, Radiance Number 8, 1973-74. © The Richard Pousette-Dart Foundation


Woran lag es, dass der abstrakte Expressionist Richard Pousette-Dart nie ganz aus dem Schatten seiner Freunde Jackson Pollock und Mark Rothko treten konnte, fragt sich Hans-Joachim Müller (Welt) beim Rundgang durch die Ausstellung "Poesie des Lichts" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Zum einen fehlte ihm der Furor der Kollegen, zum anderen wohnt seinen Bildern ein bis heute unergründbares Geheimnis inne, stellt Müller fest: "Es sind Bildgegenstände von strenger, auch abweisender Würde geworden. Schnecken, Voluten, Kreise, Dreiecke, Idole, ornamentale Leisten - lauter geometrische Elemente, die zwischen Ding und Emblem oszillieren - besetzen die Bilder, bilden gleichsam das Gehäuse für die Farbe, die krustig wie mit Sand gemischt auf den Leinwänden wuchert. Zuweilen denkt man an Kirchenfenster, dann wieder könnten es Entwürfe für schwere Teppiche sein. Dabei hat der Maler sein Formenarsenal ('Brasses') auch in Messing geschnitten."

Als Architekt, der am Dessauer Bauhaus lernte, übte der Schweizer Max Bill auf das Erscheinungsbild der jungen Bundesrepublik großen Einfluss aus, erinnert Bernhard Schulz in der taz. Weniger bekannt ist sein malerisches Werk, das nun in einer Ausstellung im Mies Haus am Obersee in Alt-Hohenschönhausen gezeigt wird, freut sich Schulz: "Bill selbst wählte die Bezeichnung 'konkrete kunst' für seine Arbeit, die nicht mehr in Wiedergabe von oder Anlehnung an sichtbare Dinge besteht, sondern nach eigenen Formgesetzen aufgebaut ist. Bill wurde der Mathematiker der Malerei, die er in präzisen Formgerüsten erprobte, in Geraden und Diagonalen, in Farbfeldern und Quadraten."

Weitere Artikel: Rico Bandle berichtet in der NZZ, wie das Kunsthaus Zürich weiter im Umgang mit der Sammlung Bührle (unsere Resümees) vorgehen will: Mehr Provenienzforschung, aber dafür auch höhere Subventionen von der Stadt Zürich, so Bandle. Mit Kuratorin Kathleen Reinhardt, Direktorin des Kolbe-Museums Berlin, der Künstlerin Sung Tieu und der Künstlerin Henrike Naumann werden drei ostdeutsche Frauen den deutschen Pavillon bei der kommenden Biennale in Venedig bespielen, freut sich Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung. In der FAZ erinnert der Kunsthistoriker Rainer Stamm daran, wie schwer sich das Museums- und Ausstellungspublikum nach 1945 mit moderner Kunst tat.

Besprochen werden die Ausstellung "Planetarische Bauern" im Kunstmuseum Moritzburg, die nach der heutigen Bedeutung der Bauernkriege fragt (taz) und die Leon Kahane-Austellung "Dialog Dialog Dialog" in der Kölner Galerie Nagel Draxler (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2025 - Kunst

Den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der am Freitag im Alter von 81 Jahren verstorben ist, würdigen FAZ und FR mit Nachrufen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2025 - Kunst

Die Museumsbesucher hatten 1968 eine Menge Spaß mit Lygia Clarks "Biological Architecture nº2". Foto © Cultural Association "The World of Lygia Clark"


Ist das jetzt große Kunst oder "therapeutisch angehauchte Bastelstube" fragt sich Welt-Kritiker Boris Pofalla in der großen Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark (1920-1988), die die Neue Nationalgalerie ausrichtet. Aber er scheint ganz glücklich zu sein, wie er da so liegt, "einen Plastiksack mit Wasser auf dem Bauch und einen rot umhäkelten Stein in der Hand - wer hätte das gedacht? Man kann sich auch Muschelschalen nehmen oder verpackte Kaffeebohnen, aber im Moment ist man ganz zufrieden so, umgeben von einem Gaze-Vorhang, der einen notdürftig von der wandlosen Weite der Neuen Nationalgalerie separiert. Die Matratze, die dem Besucher der Ausstellung von Lygia Clark zum Liegen angeboten wird, ist mit winzigen Styroporkügelchen gefüllt. Ihre Hülle ist durchsichtig und riecht stark nach Plastik wie ein neu gekauftes Schwimmtier. Entspannung, Urlaubsgefühle und die latente Peinlichkeit, hier als Kunstbetrachter sozusagen selbst ausgestellt zu sein, verbinden sich zu einer neuartigen Museumserfahrung."

Niklas Maak (FAS) verfolgt hingerissen, wie Lygia Clark ihre Ideen entwickelte, bis sie sich 1959 dem "Neoconcretismo" anschloss: "Sie entwickelt in der Folge die 'Bichos', vielleicht ihre schönsten Arbeiten aus Metallplatten und kleinen Scharnieren, die wie Lebewesen ihre Formen verändern - und vom Betrachter angefasst und in ihrer Form verändert werden können. In Berlin werden die Originale auf Podesten gezeigt. Neben den Originalen sind Nachbildungen auf roten Podesten ausgestellt, die der Betrachter selbst umbauen darf. Von den Bichos an ging es Clark darum, das Museum von einem Ort der Ausstellung zu einem Ort der Aktivierung zu machen." Ob das im Zeitalter der sozialen Medien immer noch emanzipatorisch wirkt? "Darüber kann man sich am Ende der Ausstellung streiten."

Weiteres: Olga Hohmann schreibt in der taz den Nachruf auf Eva, Teil des Künstlerinnenpaars Eva & Adele. Der brasilianische Fotoreporter Sebastião Salgado ist gestorben, meldet der Spiegel, im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger einen Nachruf. Und Philip Meier erinnert in der NZZ an den vor 100 Jahren geborenen Schweizer Fotoreporter Arnold Odermatt.