Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2026 - Film

Auch das noch: Aus der bemüht auf Social Media herbeigejazzten Berlinale-"Kontroverse" um Wim Wenders, dem empathische Filme lieber sind als sendungsbewusstes Flugblatt-Kino, ist nun ein "offener Brief" hervorgegangen, in dem erwartbare Namen wie Tilda Swinton und Javier Bardem Gesinnungsschnüffelei und Bekenntniszwang legitimieren, ein Bekenntnis des Festivals zu Gaza erzwingen wollen und dem Festival Zensur vorwerfen. Gerade Swinton müsste es eigentlich besser wissen, schreiben Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ: Im letzten Jahr sang sie noch auf einer Berlinale-Pressekonferenz ein unzensiertes Loblied auf den BDS. "Dass sie für diese Aussagen nicht nur Zustimmung geerntet hat, sondern auch Kritik, ist noch lange keine Zensur. Man nennt das Diskussion. Manche der Vorwürfe kann Andreas Busche im Tagesspiegel-Kommentar zwar nicht von der Hand weisen, aber "niemand kann ernsthaft behaupten, dass das Thema Gaza auf der Berlinale in diesem Jahr totgeschwiegen oder gar zensiert wird".

Wie herbeifantasiert der im Zuge der Wenders-Kontroverse laut gewordene Vorwurf, die Berlinale sei zu unpolitisch, wirklich ist, lässt sich derweil gut an der Berichterstattung ablesen.

"Where to?" in den Berlinale-Perspectives

In den "Perspectives" läuft Assaf Machnes' "Where to?", in dem ein Israeli und ein Palästinenser im Berliner Nachtleben immer wieder aufeinandertreffen und sich allmählich anfreunden. "Machnes ist ein Könner darin, sowohl die geschichtlichen als auch die gegenwärtigen Traumata subtil anzudeuten", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel. "Hamas-Angriff und Gazakrieg schwingen immer mit, ohne sie vordergründig zum Thema zu machen. 'Wie verarbeiten wir Traumata?', das ist laut Assaf Machnes die wesentliche Frage in 'Where to?'. Als Israeli ist er auf diesem Gebiet Spezialist. 'Ich komme aus einem Kontext, in dem Trauma Trauma gebiert und wieder Trauma. Ich hoffe, dass es irgendwann aufhört.'"

Hass auf die Diktatur, Liebe für die Menschen: "River Dreams" im Forum

Mit Kristina Mikhailovas und Dana Sabitovas "River Dreams" läuft im Forum der erste kasachische Dokumentarfilm in der Geschichte des Festivals. Die Filmemacherinnen haben dafür über hundert kasachische Frauen zu ihrer Lage im Land interviewt. Der Film ist ein "love/hate letter" an ihr Land, sagt Mikhailova im taz-Gespräch: Ihr Verhältnis dazu "ist eine Art von toxischer Beziehung. Doch es geht auch um tiefe Gefühle auf allen Ebenen, Liebe und Hass. Auch in dem Film: Ich lebe im Müll, aber es ist mein Müll. Und deswegen liebe ich ihn und werde für ihn kämpfen. So fühlen sich leider viele in Kasachstan. Wir teilen die Liebe, und den Hass auf die autoritäre Diktatur, in der wir leben. Ich spreche so offen darüber, weil ich Hoffnung habe, dass sich Dinge ändern. Wir haben uns beide entschieden, in Kasachstan zu bleiben. Wir möchten dort etwas ändern, weil wir das Land und die Menschen lieben."

Eindrücke aus dem Evin-Gefängnis: "Roya" im Berlinale-Panorama

Mit Filmen aus dem Iran ist angesichts der aktuellen Lage derzeit kaum zu rechnen, aber immerhin zwei haben es zumindest in Nebensektionen der Berlinale geschafft, schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. Mahnaz Mohammadis "Roya" erzählt von einer Lehrerin, die im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gefoltert wird. Die Regisseurin war selbst dort inhaftiert und "stellt möglichst authentisch Szenen nach, die sich in dem vom iranischen Geheimdienst betriebenen Isolier- und Foltertrakt des riesigen Evin-Gefängniskomplexes zutragen." Allerdings bleibt der Film in Fanizadehs Augen zu sehr dem Dokumentarismus verhaftet - anders als Mohammad Shirvanis "absurd-surreal anmutender" Film "Cesarean Weekend", der ihn an Godards "Weekend" erinnert.

Glänzt in Rollen, die nicht glänzen: Juliette Binoche mit "Queen at Sea" im Berlinale-Wettbewerb

Andreas Kilb ruft derweil in der FAZ den Favoriten des Wettbewerbs aus, der in den Feuilletons heute und auch in den letzten Tagen bemerkenswert wenig stattfand. Lance Hammers "Queen at Sea" mit Juliette Binoche, deren demente Mutter sexuell missbraucht wird, "ist bedrängend aktuell, politisch - wenn auch in einem indirekten, gesellschaftlichen Sinn - und hemmungslos emotional. Und er ist große Kunst" - nicht zuletzt durch die versammelte "erste Garde europäischer Schauspieler", allen voran Binoche: Sie spielt zwar "keine Rolle, mit der man glänzen kann, aber gerade in ihr zeigt sich die Klasse dieser Schauspielerin, denn sie füllt jeden Moment aus, als wäre es der letzte".

Mehr vom Festival: Silvia Hallensleben berichtet in der taz von einer Berlinale-Veranstaltung zu Afghanistan. Besprochen werden außerdem Angela Schanelecs "Meine Frau weint" (taz), James Bennings "Eight Bridges" (critic.de), Elle Sofe Saras "Arrú" (critic.de), Koxis Jelinek-Adaption "Liebhaberinnen" (taz) und Pete Mullers "Bucks Harbor" (taz). Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

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Abseits der Berlinale: Eva Königshofen resümiert im Filmdienst die Kölner Tagung "Work in Progress", die sich mit der Darstellung von Arbeit im Dokumentarfilm befasste. Marius Nobach schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Robert Duvall. Peter Laudenbach schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers Lambert Hamel. Besprochen werden Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" (Perlentaucher, FAZ), Bryan Fullers "Dust Bunny" mit Mads Mikkelsen (Perlentaucher), Brian Kirks "Dead of Winter" (critic.de) und die zweite Staffel der ARD-Serie "Oderbruch" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2026 - Film

Jenseits der Bildrhetorik des Kinomainstreams: "Meine Frau weint" von Angela Schanelec im Wettbewerb der Berlinale

Im Berlinale-Wettbewerb hatte Angela Schanelecs "Meine Frau weint" Premiere: Das Trennungsdrama erzählt vom Verlust der Liebe. Wobei - Drama? Erzählt? Der Film ist eine spröde Skizze, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Die Regisseurin zeigt Berlin als "Biotop der sanften Schwermut und milden Unruhe. Einmal sieht man vier ihrer Figuren in tiefer Melancholie in einem abendlichen Wohnzimmer sitzen, als kämen sie geradewegs aus Lotte Lasersteins Bild 'Abend über Potsdam'. In der nächsten Einstellung tanzen die vier dann zu Leonard Cohens 'Lover, Lover, Lover' auf der Terrasse. So, zwischen Trauer, Tanz und Traum, folgt der Film seiner einsamen Bahn, und wenn einem auch Schanelecs Weigerung, sich der Bildrhetorik des Kinomainstreams zu bedienen, manchmal auf die Nerven geht, muss man sie doch für die Konsequenz bewundern, mit der sie eine Form des Autorenkinos betreibt, die ihre große Zeit lange hinter sich hat."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht den Film in der Tradition des Duos Straub-Huillet. "Laiendarsteller", wie Kothenschulte meint, sind in den Hauptrollen zwar nicht zu sehen. Aber die Regisseurin lässt sie "ein grammatikalisch makelloses Deutsch als Fremdsprache sprechen, was einen poetischen Verfremdungseffekt generiert, der jedoch alles andere als befremdlich ist. Im Gegenteil entfaltet sich gerade aus dem Unvermögen, mit Worten ans gewünschte Ziel zu kommen, eine betörende Empathie auf Seite der Betrachtenden. Eine warme analoge Kameraführung, ein impressionistisches Spiel mit Licht und ein bedächtiger Musikeinsatz komplettieren dieses Filmgedicht."

Ein Wettbewerbs-Favorit: "We Are All Strangers" von Anthony Chen

Anthony Chens singapurisches Melodram "We Are All Strangers" entwickelt sich zum Konsensfilm dieses Berlinale-Wettbewerbs, freut sich Pavao Vlajcic auf critic.de. Im Mittelpunkt stehen ein Vater und ein Sohn aus kargen Verhältnissen, die beide zeitgleich heiraten. "Chen ist ein Film der kleinen Gesten gelungen", welcher "Erwartungen an das Genre so oft unterläuft, wie er sie bestätigt, der ungeheuer kunstvoll mit der erzählten Zeit umgeht, sie mal dehnt, mal kondensiert. Ganz en passsant entwirft er neben einer berührenden Familiengeschichte ein gesellschaftliches Porträt Singapurs, einer ungeheuer dynamischen, schnell wachsenden Wirtschaft, bei der einfache Arbeiter und Migranten stets Gefahr laufen, unter die Räder zu geraten. Abkürzungen zu Geld und Erfolg sind Mangelware, wie den Figuren oft schmerzhaft bewusst wird. Chens Film ist klug ohne Bedeutungshuberei, schamlos sentimental und hinterließ den Filmkritiker als heulendes Wrack im Kinosessel."

Formbare Menschen: "Liebhaberinnen" nach Jelinek im Berlinale-Forum

Im Forum lief derweil Koxis "Liebhaberinnen" nach dem gleichnamigen Text von Elfriede Jelinek: Es geht um die Diskurse, die sich um den alternden Körper legen. Der Film entwickelt dabei "ein interessantes Verhältnis zum Text von Jelinek, weil die Schauspieler ihn sprechen und gleichzeitig mit ihren Körpern performen", schreibt Luca Schepers auf critic.de. "Ja, es geht um alternde Körper und darum, was es für eine Frau bedeutet, ihr Leben lang ihren Körper vermarkten zu müssen. Aber vor allem geht es um die Frage, was eigentlich ein 'alternder Körper' ist. Ob das nicht vor allem eine äußere Zuschreibung ist. ... Die Körperlichkeit der Menschen und vor allem deren Formbarkeit finden ihren Ausdruck auf der Tonspur. ASMR-Körper, die aber nicht entspannen, sondern knacken und ächzen, die sich Spritzen setzen und vor denen man sich, das scheint gewollt, auch ekeln soll." Auf der Website des Forums spricht Sektionsleiterin Barbara Wurm mit Koxi.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Kornél Munduczós "At the Sea", dessen Hauptdarstellerin Amy Adams tazlerin Barbara Schweizerhof für einen Silbernen Bären empfiehltSebastian Brameshubers "London" (taz), Madhusree Duttas Dokumentarfilm "Flying Tigers" (taz), Haile Gerimas Dokumentarfilm "Black Lions, Roman Wolves" (taz) und Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" (taz, critic.de).

Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits der Berlinale: Nachrufe auf Robert Duvall schreiben Daniel Kothenschulte (FR), Hanns-Georg Rodek (Welt) und Paul Ingendaay (FAZ). Nachrufe auf den Dokumentaristen Frederick Wiseman schreiben Andreas Platthaus (FAZ) und Martina Knoben (SZ). Unsere Resümees zu den ersten Nachrufen auf beide finden Sie hier.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2026 - Film

Frederick Wiseman (Bild: Antoine Yar, CC-BY-SA 4.0)
Mit Robert Duvall und Frederick Wiseman sind in den letzten Tagen zwei große alte Männer des Kinos gestorben. Mit Duvall verlässt uns eines der Gesichter von New Hollywood, mit Wiseman der vielleicht größte und wichtigste Dokumentarist des Direct Cinema. Das Kino wird von zwei entgegengesetzten Polen aus ärmer. Seit 1967 hatte Wiseman fast jedes Jahr einen Film gedreht und damit zwar "keine Schule begründet, aber seine Untersuchungen zunächst amerikanischer Mentalität und Lebensart haben Schule gemacht, als Haltung", schreibt Martin Walder in der NZZ. "Jugendgericht und Fleischfabrik, Zoo und Intensivstation, die Uni von Berkeley und eine Anstalt für geisteskranke Straftäter, der Central Park und ein Kaff im Midwest - Wiseman war da. ... In Filmen wie 'Juvenile Court' (1973) oder 'Welfare' (1975) komprimierte sich Wisemans Beobachtung zu bis heute verstörenden Dramen der nackten menschlichen Existenz, die jede Fiktion spielend hinter sich lassen. ... Institutionen waren für den Filmemacher soziale Biotope, belebt und beherrscht von Interaktion nach bestimmten Regeln. Da wollte er 'wie ein Yeti-Forscher' die 'Fußabdrücke' des Lebens suchen für eine 'Naturgeschichte der Art, wie wir leben'."

In Sight & Sound kommt Philip Concannon auf eines der Geheimnisse zu sprechen, die Wisemans teils raumgreifend überlangen Filme so faszinierend machen: Er "verbrachte Monate damit, einsam am Schnitt zu arbeiten. ... Wiseman konstruierte jede Sequenz zunächst eigenständig für sich und machte sich erst danach darüber Gedanken, wo sie im größeren Zusammenhang passt. Daraus folgt, dass es bemerkenswert wenige Momente in seinen Filmen gibt, die sich belanglos anfühlen. Auch als seine Filme immer länger wurden, ... zogen sich seine Filme selten in die Länge, da jede Sequenz mit ihren eigenen Verdiensten sowohl für sich steht, als auch dem Ganzen dient und die Themen des Films herausarbeitet. Trotz der langen Laufzeiten verlieh Wisemans Montage den Filmen einen Rhythmus mit sogartiger Wirkung."

Und Duvall? Er "machte Schluss mit der übertriebenen Pantomimerei des frühen Hollywood, mit der Tradition des Deklamierens und Grimassierens", schreibt David Steinitz in der SZ. "Er brachte einen harten, rauen Naturalismus auf die Leinwand." Was sich sehr gut in dem oben eingefügten Video nachvollziehen lässt. Er "arbeitete mit Hingabe, er war pragmatisch und durch und durch Profi", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ, "und er war cool, einer der coolsten von allen. ... Fürs Heldenfach war seine Ausstrahlung zu ambivalent, zu unergründlich. Liebhaberrollen standen die tiefliegenden Augen im Weg, der kantige Schädel und die Mundwinkel, die sich auch beim Lachen nach unten verzogen. Der ewige Nebendarsteller, das war eine schöne Volte des Lebens, erhielt seinen einzigen Oscar für eine Hauptrolle, in Bruce Beresfords Film 'Tender Mercies' (1983)."

Chargiert: Isabelle Huppert ist die "Blutgräfin" im Berlinale Special.

Schnitt zur Berlinale: Vom Wettbewerb hört man heute wenig in den Feuilletons, Zeit für einen Blick in die Nebenreihen. Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" markiert die Rückkehr der Autorenfilmerin in den fiktionalen Film nach sehr vielen Jahren, und inszeniert Isabelle Huppert in der Rolle der Elisabeth Báthory, der nachgesagt wird, zur Verjüngung in Menschenblut gebadet zu haben. Als Vampirin schleicht sie nun durch Wien, aber warm geworden ist Andreas Kilb (FAZ) damit nicht: Huppert "tut darin etwas, was ihren Rollen im Kino ganz fremd ist: Sie chargiert. Sie bleckt die Zähne, sie zieht eine Schnute, sie wedelt mit den Armen, sie poltert, hechelt, schnurrt und brüllt. ... Ottinger will ihren zweistündigen Kino-Klamauk in kostbaren Posen und Kostümen als Satire auf den Spätkapitalismus verstanden wissen", doch bis diese Fahrt aufnimmt, "hat der Film sich schon über sich selbst kaputtgelacht." Den Dialogen von Elfriede Jelinek zum Trotz: "Der Biss in den Hals der Zeitgenossen, von dem Ulrike Ottinger spricht, kommt so nicht zustande. Man hört nur ein paar Kino-Gebisse klappern." Valerie Dirk vom Standard hingegen hatte einen "Heidenspaß".

Auf critic.de ärgert sich Thomas Groh derweil, dass das Festival in diesem Jahr im laufenden Festivalbetrieb keinerlei Pressevorführungen für die Filme aus dem Forum anbietet - was zur Folge hat, dass um die wenigen Presseplätze in den öffentlichen Vorführungen ein "einziges Hauen und Stechen" stattfindet. Resultat: "Das Forum und die Filmkritik finden in diesem Festival kaum zueinander." Doch gerade "die Filme im Forum brauchen all das: den Kinosaal, den leichten Zugang, den Austausch danach, die publizistische Öffentlichkeit."

Sommerlicht, Parks, Bücher, 16mm-Filmmaterial: "Auslandsreise" im Forum

Lukas Stern von critic.de hat es immerhin zu Ted Fendts "Auslandsreise" im Forum geschafft. Der Film erzählt eine Miniatur von Freunden in Berlin-Kreuzberg, die gerne lesen, übers Gelesene reden und sich durch Parks treiben lassen. Gedreht ist das alles auf analogem Filmmaterial. "Das Berlin-Bild, das Fendt in seinen 16mm-Bildern einfängt, ist eines der schönsten der letzten Jahre. 'Auslandsreise' spielt ausschließlich auf den wenigen Quadratmetern zwischen Chamissoplatz, Mehringdamm und Gneisenaustraße in Kreuzberg. ... Das Bild glimmt förmlich vom Sommerlicht, das sich ihm einschreibt. Eine nostalgische Fantasie. Kein Sommernachmittag, möchte man sagen, könnte sich je vergangener anfühlen als ein derart auf 16mm gravierter." Die Stadt hier "so etwas wie ein nichts einfordernder Zufluchtsort für Ortlose", schreibt Kamil Moll im Filmdienst.

In seinem Resümee des gestrigen Festivaltages ist Pavao Vlajcic auf critic.de völlig fassungslos darüber, was im Panorama mit Faraz Shariats Polit-Thriller "Staatsschutz" geboten wird. Der Film ist "ein Albtraum aus dem es kein Entkommen gibt", doch "statt das Staatsversagen der deutschen Justiz unter Beweis zu stellen, demonstriert der Film höchst überzeugend die künstlerische Bankrotterklärung der deutschen Filmförderpolitik. Wie sich das gehört, packt die Erzählung alles an heißen Eisen in seinen Einheitsbrei, was nicht bei drei auf den Bäumen ist: Eine angehende deutsche Staatsanwältin mit koreanischen Wurzeln wird Opfer eines rechtsextremen Anschlags und sieht sich danach mit den Mühlen der deutschen Justiz konfrontiert. Überforderte Darsteller und ein hochnotpeinliches Drehbuch ergeben hier einen Film, der sich als Lehrstück inszeniert, aber nur selbstgerecht durch die Gegend torkelt ohne je ein Gefühl für Situationen, Charaktere oder elementares Handwerk zu entwickeln. ... Als ernsthafter Diskussionsbeitrag entbehrt er jeglicher fundierten Grundlage, ist im Grunde ein filmgewordener FCKAFD-Sticker: bequem, selbstgefällig und nichtssagend."

Weiteres: "Der Wettbewerb macht bislang einen recht großzügigen Bogen um die heißen Eisen der Gegenwart", stellt Thomas Hummitzsch auf Intellectures zur Halbzeit der Berlinale fest: Das Festival zeigt vor allem Familiendramen. Jörg Gerle resümiert im Filmdienst die ersten Festivaltage. Tobias Sedlmaier blickt für die NZZ auf die öde Kontroverse um Wim Wenders' ungeschickte Formulierungen bei der Berlinale-Pressekonferenz, die von begierigen Social-Media-Protagonisten zum Skandal hochgejazzt werden soll.

Aus den übrigen Sektionen besprochen werden Juan Pablo Sallatos "Hangar rojo" über den Militärputsch in Chile (taz), Sofía Bordenaves Dokumentarfilm "Forest Up in the Mountain" (taz), der vom nigerianischen Kollektiv "The Critics" erstellte Dokumentarfilm "Crocodile" über die Science-Fiction-Szene Nigerias (critic.de), Aidan Zamiris Mockumentary "The Moment" mit Popstar Charli XCX (taz) und Anna Rollers Verfilmung von Leif Randts Roman "Allegro Pastell" ("Alle sind irgendwie cute und nice zueinander", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz, SZ).

Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2026 - Film

Um die Berlinale wird im Zuge von Wim Wenders' Pressekonferenzäußerung, dass Filmemacher nicht das Geschäft von Politikern betreiben sollten (unser Resümee), weiterhin gestritten. In einem Statement verteidigt Festivalleiterin Tricia Tuttle die Freiheit von Künstlern, auf eine politische Meinung nicht festgenagelt werden zu wollen und kritisiert die üblichen Social-Media-Protagonisten dafür, in den letzten Tagen ein komplett verzerrtes Bild des Festivals gezeichnet zu haben. Der Vorwurf, die Berlinale sei un- oder gar antipolitisch, hält sie für glatt an der Realität vorbei argumentiert: "In den kommenden zehn Tagen sprechen Filmschaffende ununterbrochen: Sie sprechen durch ihre Filme, sie sprechen über ihre Filme - und manchmal sprechen sie auch über geopolitische Themen, die mit ihren Werken verbunden sein können oder auch nicht." Die gezeigten Filme "bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven mit. Es gibt Filme über Genozid, über sexuelle Gewalt im Krieg, über Korruption, patriarchale Gewalt, Kolonialismus und missbräuchliche Staatsmacht. Unter den Filmschaffenden hier sind Menschen, die selbst Gewalt und Genozid erfahren haben und die aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer politischen Haltung Gefängnis, Exil oder sogar ihr Leben riskieren. Sie kommen nach Berlin und teilen ihre Werke mit großer Courage."

Im Tagesspiegel-Kommentar verzweifelt Andreas Busche über den üblichen Verlauf dieser herbei skandalisierten Kontroverse, die sich gut einfüge ins Klima des gesellschaftlichen Diskurses der letzten Jahre, wo es nur noch um grelle Statements, Lippenbekenntnisse und theatralisch vollzogene Gesprächsabbrüche geht: "Wenders hat ohne Zweifel eine dezidierte Meinung zum Nahostkonflikt, aber er hat sich eben dazu entschieden, diese nicht hinauszuposaunen. Man mag das für feige halten", doch "Tatsache ist auch, dass in den vergangenen Jahren auf der Berlinale in den Diskussionen über die Menschenrechtsverletzungen in Gaza oft die lautesten (und nicht immer klügsten) Stimmen dominierten. Dass ... Arundhati Roy die Haltung der Festivaljury zum Anlass nahm, ihren Besuch auf der Berlinale wieder abzusagen, passt in das gegenwärtige Bild eines zum Erliegen gekommenen Dialogs. Er wird nur noch über Pressekonferenzen und Verlautbarungen geführt, aber nicht mehr im Gespräch - wofür die Berlinale eigentlich der perfekte Ort wäre."

Bert Rebhandl fragt sich in der FAZ, wie die Berlinale mit dem "nicht lösbaren Dilemma" der eigenen Gratwanderung in Sachen Nahostkonflikt umgehen soll. Derya Türkmen (taz) gibt dem Festival Tipps.

Sandra Hüller als Frau, die vorgibt ein Mann zu sein: "Rose" im Berlinale-Wettbewerb

Derweil steht in Markus Schleinzers österreichischem Wettbewerbsfilm "Rose" Sandra Hüller ihren Mann: Am Ende des Dreißigjährigen Kriegs übernimmt sie als Frau, die sich zuvor im Krieg als Mann durchschlug, als vernarbter Soldat die erschlichene Erbschaft eines Gehöfts. "Es gelingt ihr, dabei zugleich das Unwahrscheinliche und das Beredsame ihrer Maskerade sichtbar zu machen, sodass man die Sicht der Dorfbewohner, die sie nach kurzem Misstrauen in ihre Reihen aufnehmen, ebenso nachvollziehen kann wie Roses Angst, im nächsten Augenblick entdeckt zu werden", schreibt Andreas Kilb in der FAZ: "Das Drama fülllt sich wie von selbst mit Themen unserer Gegenwart", der Regisseur "zeigt, wie man einen historischen Stoff mit wenigen Handgriffen zeitgenössisch macht". Fazit? Einen Schauspiel-Bären bitte einmal an Frau Hüller! 

Auch Gunda Bartels ist im Tagesspiegel begeistert: "Hüllers Spiel negiert jede kunsthandwerkliche Gemütlichkeit. ... Auch die lakonischen Pointen des zuerst allzu poetisch anmutenden Erzählerinnentextes tun es. ... Das Erzählerinnentremolo und die historische Szenerie schaffen einen atmosphärischen Rahmen für eine sachliche Geschichte, die gestopft voll mit sozialen Abhängigkeiten, unterdrückten Emotionen, Ängsten und Notlagen ist, die Frauen und Niedriggestellte erleiden." Zu sehen ist hier "ein auf stille Weise wuchtiger Film", schreibt auch Tim Caspar Boehme in der taz.

Aus dem Wettbewerb besprochen werden außerdem Alain Gomis' "Dao" ("Der knallbunte Bilderreigen aus Singen, Beten, Tanzen und die wilden Kamerafahrten durch Mangowälder und Dorfstraßen ermüden irgendwann", seufzt Nina Apin in der taz, Intellectures), Karim Aïnouz' "Rosebush Pruning" (eine ziemlich "schale" Angelegenheit, findet Arabella Wintermayer in der taz), Emin Alpers türkisches Familiendrama "Kurtulus" (Intellectures), Leyla Bouzids tunesisches Familiendrama "À voix basse" (Intellectures) und Grant Gees Wettbewerbsfilm "Everybody Digs Bill Evans" (FD, Intellectures).

Mit regem Interesse verfolgt Bert Rebhandl (FAZ) die indonesischen Filme, die auf der Berlinale zu sehen sind: Diese zeigen, "dass das Kino durchaus ein Faktor in einer Geopolitik von Mittelmächten sein kann. Neben einer digitalen Souveränität gibt es eine audiovisuelle. Das kommerzielle Kino Indiens war für eine Weile auch ein veritables Exportgut und präsentierte sich auch mehrfach mit seinen Stars auf der Berlinale. Indonesien hat seither Riesenschritte aus früheren Kolonisierungen gemacht. Für die deutsche Politik und Wirtschaft sollten also nicht nur Seltene Erden und tropische Naturgüter von Interesse sein, sondern es lohnt sich auch ein Blick darauf, wie sich eine Gesellschaft in Form von Geistergeschichten ein Bild von ihren Konflikten und von ihrer Position in der Welt macht."

Mehr von der Berlinale: Thomas Groh (critic.de), Pavao Vlajcic (hier und dort auf critic.de) und Katrin Doerksen (CrimeMag) resümieren die ersten Festivaltage. Letztere kommt auf den befremdlichen Umstand zu sprechen, dass die Berlinale in diesem Jahr während des Festivals "keine einzige Pressevorführung des Forums" zeigt. Eva-Christina Meier spricht in der taz mit Fernanda Tovar über ihren in der Berlinale-Generation gezeigten Film "Chicas tristes". Till Kadritzke resümiert im Berlinale-Podcast von critic.de mit Dunja Bialas, Nadine Lange und Luca Schepers über die ersten Festivaltage.

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Aus den weiteren Sektionen besprochen werden Anna Rollers "Allegro Pastell" nach dem Roman von Leif Randt (critic.de), Aidan Zamiris Mockumentary "The Moment" mit Popstar Charlie XCX (FD, Tsp, FR), Yusuke Iwasakis japanische Horrorkomödie "AnyMart" (critic.de),  Mohammed Hammads Kairo-Thriller "Safe Exit" (taz) sowie Dominik Lochers und Honeylyn Joy Alipios "Enjoy Your Stay" und Kilian Armando Friedrichs "Ich verstehe Ihren Unmut", die sich beide dokumentarisch mit der Reinigungsbranche befassen (Tsp).

Schnelle Updates vom Festival über den Tag: Artechock übermittelt Kurzkritiken. Hier alle Berlinale-Audios vom Deutschlandradio. Das Cargo-Team schreibt SMS vom Festival. Der Kritikerspiegel von critic.de füllt sich zusehends.

Abseits der Berlinale wird Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" besprochen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2026 - Film

Die indische Autorin Arundhati Roy hat ihren Besuch bei der Berlinale abgesagt und beruft sich dabei auf die Jury-Pressekonferenz, in der Podcaster Tilo Jung den Jurypräsidenten Wim Wenders mit gesinnungsprüferischen Fragen nach der Solidarität mit Gaza aufs Glatteis geführt hat. Dessen vielleicht ungelenk formuliertes, aber absolut diskutables Plädoyer gegen ein Flugblatt-Kino der politischen Parolen und für ein Kino der Empathie, wird ihm nun von den üblichen Social-Media-Protagonisten willentlich übel ausgelegt, um einen Skandal herbeizuführen.

"Nun steht das Festival also mal wieder da, wo die Leiterin Tricia Tuttle, es genau nicht haben wollte: zwischen den Fronten des Nahostkonflikts", schreiben dazu Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ. "Auf beiden Seiten finden sich gute Argumente genauso wie hanebüchener, menschenverachtender Irrsinn. Was aber ebenfalls etwas irrsinnig ist: Die Pressekonferenzen eines großen Filmfestivals zu Gesinnungsprüfungen umzuwidmen, bei denen mal mehr, mal weniger bekannte Stars bekennen müssen, wen sie unterstützen."

Das Forum Expanded meldet derweil, dass das ägyptische Filmarchiv "Cimatheque" die Filme "Sad Song of Touha" von Atteyat Al Abnoudy and "The Dislocation of Amber" von Hussein Shariffe aus dem Programm abgezogen hat. Gründe dafür nennt die Sektion keine. Die Cimatheque begründet ihr Vorgehen auf Instagram damit, dass sie einem Aufruf des Palestine Film Institute Folge leistet, das in typischer Manier den internationalen Total-Boykott des Festivals fordert.

Özgü Namal (li.) und Tansu Bicer in "Gelbe Briefe". Im Hintergrund: Hamburg als Istanbul.

Aber es laufen ja auch Filme auf dem Festival: İlker Çataks Wettbewerbsfilm "Gelbe Briefe" erzählt von einem türkischen Ehepaar aus dem Kulturbetrieb Ankaras: Er Theaterautor und Professor, sie gefeierte Schauspielerin in seinen Stücken - beide eher links als linksliberal. Schon kleinste Anlässe - ein paar kritische Social-Media-Posts, die Weigerung eines gemeinsamen Fotos - sorgen dafür, dass beide in Ungnade der Politik fallen und mit Repressalien um ihre Existenz gebracht werden. Der Clou: Der Film inszeniert bewusst und ausgestellt Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul. Es handelt sich um eine "exemplarisch angelegte Erzählung über die Zermürbungstaktiken autoritärer Systeme", hält Arabella Wintermayr in der taz fest.

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte feiert das Schauspielduo Özgu Namal und Tansu Biçer. Ihm zeigt der Film, "was politisches Kino im besten Sinne leistet: Es lässt erleben und erfühlen, was Statistiken nicht mitteilen. Çatak macht deutlich, wie zerbrechlich sich gerade die mühevoll erarbeiteten Karrieren in Kunst und Wissenschaft erweisen, wenn ein als sicher geglaubter rechtsstaatlicher Schutz entzogen wird." David Steinitz (SZ) sieht in dem Film bereits einen Kandidaten für den Goldenen Bären und hat außerdem mit dem Regisseur gesprochen: "Zwischen 2016 und 2019 wurden um die 2000 Menschen aus Kunst und Wissenschaft entlassen und angeklagt, weil sie eine Friedenspetition unterschrieben hatten", erfahren wir von Çatak. "Das waren richtiggehende Säuberungen."

Kunst als Krankheit: "Everybody Digs Bill Evans" im Berlinale-Wettbewerb

Mit "Everybody Digs Bill Evans" wirft der britische Regisseur Grant Gee im Berlinale-Wettbewerb Schlaglichter auf zentrale Krisenmomente im Leben des legendären Jazzpianisten: Todesfälle, Heroinsucht, Familiengeschichten. Der Film "leidet an einer Krankheit, die ihn daran hindert, ins Erzählen zu kommen. Und diese Krankheit heißt Kunst", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Gee "taucht seinen Film in edelstes Schwarzweiß, baut Kulissen von perfekt aufgeräumter Tristesse und illustriert die Drogenräusche seines Helden mit avantgardistischen Bild-Exzessen, deren sich ein Buñuel oder Dalí nicht hätten zu schämen brauchen. Es hilft nur nichts: Die Geschichte kommt nicht vom Fleck, sie hängt einen Stehdialog an den anderen, und die wilden Sechzigerjahre sehen bei Grant Gee wie ein in Formalin konserviertes Museumsstück aus."

Weiteres von der Berlinale: Pavao Vlajcic resümiert auf critic.de die ersten Festivaltage. Die drei Horrorkomödien im Berlinale-Programm - Yusuke Iwasakis "AnyMart" aus Japan, sowie Joko Anwars "Ghost in the Cell" und Edwins "Monster Pabrik Rambut", die beide aus Indonesien kommen - erzählen "von gesellschaftlichen Missständen wie Entfremdung, Korruption oder Ausbeutung, das bloß auf drastische Weise", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Jörg Gerle (FD) und Valerie Dirk (Standard) resümieren die Eröffnungsgala des Festivals. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Kai Stänickes "Der Heimatlose" (Tsp, taz), Shahrbanoo Sadats Eröffnungsfilm "No Good Men" (critic.de, Intellectures) und der Charli-XCX-Film "The Moment" (WamS). Das Artechock-Team berichtet mit Updates vom Festival. Cargo sendet wieder SMS vom Festival. Und der Kritikerspiegel von critic.de ist unverzichtbar für den schnellen Überblick.

Abseits der Berlinale: Sandra Kegel spricht in der FAZ mit dem Filmproduzenten Martin Moszkowicz unter anderem über die Krisen des Gegenwartskinos. Tobias Sedlmaier denkt in der NZZ über die Geschichte des Kusses auf der Leinwand nach. Besprochen wird Sönke Wortmanns "Die Ältern" (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2026 - Film

Auf der Suche nach den letzten verbliebenen guten Männern in Afghanistan: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat (auch rechts im Bild)

Die Berlinale wurde mit Shahrbanoo Sadats kurz vor der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan spielender Romantic Comedy "No Good Men" eröffnet. Der Titel ist Programm: Eine TV-Reporterin, gespielt von der Regisseurin selbst, fängt auf den Straßen Kabuls Stimmen von Frauen ein, die allesamt gut ohne die Männer auskommen könnten - weil es im Land einfach keine guten Männer gibt. Bis die Reporterin schließlich selbst auf einen Mann trifft, der sie allmählich vom Gegenteil überzeugt. "In der Theorie ist 'No Good Men' der perfekte Berlinale-Film, eine Feelgood-Komödie vor dem Hintergrund eines politischen Konflikts", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Festivalleiterin Tuttle "geht mit diesem Statement, das bewusst die Erwartungen an einen Eröffnungsfilm unterläuft (Stars!), allerdings auch ein Wagnis ein. Hohe Anforderungen an die Filmkunst stellen sich zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin noch nicht, es geht vielmehr darum, ein positives Zeichen für die nächsten zehn Tage zu setzen." Und so "lässt sich zumindest schon mal konstatieren, dass diese Berlinale sich etwas anders präsentiert als die früheren Ausgaben".

Wie die Regisseurin ihren schweren Stoff humoristisch unterfüttert, "soll den Film womöglich davor bewahren, lediglich plattes Betroffenheitsdrama zu bieten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber das glücke nicht so richtig: "Wenn die Lage ernst wird, gibt es für Witz nur noch wenig Raum, und nach und nach schleichen sich auch Töne in den Film, die an eine triefige Seifenoper denken lassen. Das wirkt besonders dort deplatziert, wo die realen Geschehnisse an völlig andere Bilder denken lassen, insbesondere an die verzweifelter Menschen, die am Flughafen von Kabul im August 2021 über das Rollfeld rannten, in der Hoffnung, irgendwie noch mit einer der startenden Militärmaschinen fliehen zu können."

Der Film "ist ein Musterbeispiel für die Stärken der Berlinale - und ihre Schwächen", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. Den politischen Anspruch des Festivals erfüllt die Regisseurin glänzend, doch "die Dialoge wirken aufgesagt, die Wendungen des Geschehens erzwungen, die Bilder fließen nicht, sondern stolpern von Ort zu Ort". Es werden "wohl viele Filme dieser Berlinale ähnliche Probleme haben", vermutet Kilb vorab. "Das liegt nicht an handwerklichen Unsicherheiten von diesem und jener oder am fehlenden Geschmack der Auswahlkomitees, sondern an der prekären Lage des Festivals insgesamt", denn dessen internationale Konkurrenz "hat die Berlinale seit Jahren immer deutlicher abgehängt". Ja, "es gab Zeiten, da wurde die Berlinale von den Coen-Brüdern eröffnet (mit 'Hail Caesar', 2016) oder von Wes Anderson (mit 'Grand Budapest Hotel' 2014 und 'Isle of Dogs' 2018)", mosert David Steinitz im Dauerloop zum x-ten Mal in der SZ

Mehr zum Festival: Claudia Lenssen (taz), Christiane Peitz (Tsp) und Olaf Möller (critic.de) werfen Blicke in die Berlinale-Retrospektive, die dem Kino der Neunziger gewidmet ist. Besprochen wird Rafael Manuels im Debüt-Wettbewerb "Perspectives" gezeigtes Drama "Filipiñana" (taz). Und unverzichtbar für den schnellen Überblick: der sich rasant füllende Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits der Berlinale: Christian Schachinger gratuliert im Standard den Muppets zum Fünfzigsten. Besprochen werden Sönke Wortmanns "Die Ältern" (Perlentaucher) und Alina Cyraneks Dokumentarfilm "Fassaden" über häusliche Gewalt (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2026 - Film

Eine romantische Komödie in Kabul: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat eröffnet die Berlinale

Heute Abend beginnt die Berlinale. Als Eröffnungsfilm läuft Shahrbanoo Sadats zwar in Deutschland gedrehter, aber im Kabul am Vorabend der erneuten Machtübernahme der Taliban spielender "No Good Men". Der autobiografisch grundierte Film der 2021 aus Afghanistan nach Deutschland geflohenen Regisseurin erzählt von einer TV-Kamerafrau, die zusehends an den Männern im Land und deren schäbigen Verhalten gegenüber Frauen verzweifelt.

"Als afghanische Filmemacherin bin ich von verschieden Erwartungen umgeben", erzählt Sadat im großen ND-Interview: "Die Afghanen erwarten von mir, dass ich ein positives Bild des Landes zeige. In Europa erwartet man wiederum, dass ich politische oder feministische Filme mache. ... Als ich diese Idee hatte, eine romantische Komödie zu machen, dachte ich, dass alle die Idee toll finden und sie begrüßen. Interessanterweise haben viele europäische Filmförderungen mir zurückgeschrieben, dass es für sie unangemessen sei, eine Romcom zu fördern, während die politische Lage Afghanistans so problematisch sei. Diese Briefe habe ich an meinen Kühlschrank geklebt." Der Film sollte zunächst in Jordanien und Griechenland gedreht werden, was aber an der Finanzierung scheiterte, verrät Sadat im Tagesspiegel-Gespräch. "Also mussten wir kreativ werden: Wir drehen in Deutschland", in einem ehemaligen Stasigebäude in Berlin-Hoppegarten, um genau zu sein.

Und das Festival im Allgemeinen? Der "endgültige Berlinale-Blues" befällt SZ-Kritiker David Steinitz gleich zu Beginn, weil Tricia Tuttle in ihrem zweiten Jahr als Festivalleiterin schon wieder kaum Stars und funkelnde Weltpremieren (und wenn, dann "eher aus den äußeren Grenzbereichen des Indie-Kinos") an die Spree bringt. Dabei hatte man sich doch gerade das von ihr erhofft, nachdem man Carlo Chatrian als Leiter aus dem Amt gemobbt hatte. Dies "verstärkt den Effekt, dass die begehrten Filmemacher lieber woanders hingehen. Für die Zukunft ist das eine gefährliche Dynamik. Denn ein Festival, das vor allem Hardcore-Cineasten bedient, wird in Zeiten klammer Kassen und politischer Kampfparolen aus allen Lagern immer mehr in Rechtfertigungsnot kommen." Tim Caspar Boehme sieht in der taz auch den Potsdamer Platz zunehmend als Hypothek: Nicht nur ist die Architektur hier "freudlos", auch ist von der einstmals hohen Kinodichte an diesem Ort kaum mehr etwas geblieben. 

Dass es der Berlinale vielleicht ja gar nicht mehr sooo sehr um die "großen Namen" geht, kann man dem SZ-Interview mit Leiterin Tricia Tuttle entnehmen, denn mit Namen, die die Augen alteingesessener Filmkritiker zum Leuchten bringen, holt man sich eher kein Nachwuchs-Publikum heran. "Wir arbeiten viel mit Tiktok und auch mit dem Team von Letterboxd zusammen. Sie unterstützen uns dabei zu verstehen, was auf ihren Plattformen funktioniert, um Interesse an der Berlinale zu wecken. Oft geht es darum, Teil eines Gesprächs zu sein, statt einfach nur unsere Sichtweisen zu verbreiten. Wir haben als Festival die Aufgabe, die jungen Erwachsenen auch dazu zu bringen, zum Festival zu kommen."

Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem Kino der Neunziger gewidmet. Mehr als ein "Kuddelmuddel", in dem "recht viel Ungleiches zusammenkommt", ist daraus aber nicht geworden, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Die Retro tue "so, als gäbe es kein Skandinavien. Keinen Lars von Trier, kein Dogma 95 - lost in the Nineties ist diese Retrospektive. Als gäbe es kein Afrika und als würde der ganze asiatische Kontinent nicht existieren - die 90er Jahre waren aber nicht zuletzt, und das auch in Berlin auf der Berlinale, die Entdeckung Asiens, also des asiatischen Kinos." Auch Ralf Krämer vom Freitag vermisst so gut wie alles, was in den Neunzigern für Furore gesorgt hat. Aber vielleicht spricht aus dieser Zusammenstellung ja gerade "jene gewisse Orientierungslosigkeit", die für das Jahrzehnt typisch waren. Im ND wirft Christof Meueler Schlaglichter auf einzelne Filme der Retro.

Sandra Hüller im Wettbewerbsfilm "Rose"

Mehr von der Berlinale: "Jetzt verstehe ich, warum Männer so gehen, wie sie gehen", sagt Sandra Hüller im Zeit-Gespräch, da sie für den Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rose" als Frau, die sich als Mann ausgeben muss, fortlaufend eine Penisattrappe in der Hose tragen musste. Andreas Busche (Tsp) und David Steinitz (SZ) schreiben über Michelle Yeoh, die in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären erhält. Robert Ide und Christiane Peitz sprechen im Tagesspiegel mit Wim Wenders, der in diesem Jahr die Jury leitet. Nadine Lange gibt im Tagesspiegel einen Überblick über die queeren Filme im Programm. Ralph Trommer empfiehlt in der taz Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm "Geheimnisse einer Seele", der als restaurierte Fassung in den Berlinale Classics zu sehen ist. Michael Meyns wirft für die taz einen Blick ins Programm der "Woche der Kritik", die die Berlinale als von Filmkritikern organisierte Alternativveranstaltung flankiert.

Abseits der Berlinale: Dunja Bialas berichtet für Artechock hier und dort vom Internationalen Filmfestival Rotterdam. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne auf Artechock ärgert sich Rüdiger Suchland unter anderem darüber, wie die deutschen Filmförderanstalten ihre beschönigten Zahlen als Erfolgsgeschichte verkaufen. Die Agenturen melden, dass der Schauspieler James Van Der Beek im Alter von 48 Jahren seiner Krebserkrankung erlegen ist.

Besprochen werden Arab und Tarzan Nassers "Once Upon A Time in Gaza" (Perlentaucher, Artechock, FAZ), Emerald Fennells "Wuthering Heights" (Standard, FR, NZZ, Artechock), Scandar Coptis "Happy Holidays" (Artechock), Bart Laytons "Crime 101" (Artechock), Sönke Wortmanns "Die Ältern" (Welt), die spanische Netflix-Serie "Salvador" (taz), eine Amazon-Doku über König Charles (NZZ) und Martin Walders Buch über die Filme des Schweizer Regisseurs Richard Dindo (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2026 - Film

Viola Schenz erinnert in der NZZ an den Komiker Leslie Nieslen, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Besprochen werden Emerald Fennells "Wuthering Heights" mit Margot Robbie und Jacob Elordi (Welt, Tsp, taz, FAZ) und Sönke Wortmanns "Die Ältern" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2026 - Film

Den Putinisten ein Graus: Tscheburaschka bei der Morgenhygiene

Ausgerechnet Tscheburaschka sorgt in Russland für schlechte Stimmung in der Obrigkeit: Mit den Animationsfilmen des niedlich unbeholfenen Affenbärchens sind viele Kindergenerationen in der Sowjetunion und in Russland aufgewachsen, auch der neueste Streich hat die Kinokassen zum Klingeln gebracht - für Putin und Co. wird die Figur aber zunehmend zum Ärgernis, berichtet Anna Narinskaya in der FAZ. Als Konkurrenzprodukt zu den chinesischen Labubu-Püppchen etwa hat die Duma Tscheburaschka abgelehnt, mit der Begründung, "er sei wahrscheinlich Jude." Im ersten Film kam Tscheburaschka nämlich noch in einer Orangenkiste in die Sowjetunion, was damals mit Israel assoziiert wurde. Und "tatsächlich spiegelt die Figur die Erfahrungen der jüdischen Intelligenz in der späten Sowjetunion". Deshalb nennt "Alexander Dugin, der Chefideologe des Putinismus, ... Tscheburaschka einen 'wurzellosen Kosmopoliten' (er verwendet denselben Ausdruck, der während Stalins antisemitischer Kampagnen verwandt wurde)." Und "der Schauspieler Dmitri Pewzow erklärte, Tscheburaschka verderbe die Kinder. Als Kinder verderbend soll wohl gelten, dass der neue Erfolgsfilm frei von Militarismus ist."

Außerdem: Theresa Hannig berichtet in der FAZ, dass viele deutsche Synchronsprecher seit Anfang des Jahres Netflix boykottieren, nachdem ihnen der Streamer Knebelvorträge vorgelegt hatte, nach denen sie es ihm gestatten müssten, dass anhand ihrer Stimmen eine KI trainiert wird. Anastasia Zejneli hat für die taz in Berlin-Kreuzberg eine Release-Party zur Veröffentlichung der HBO-Serie "Heated Rivalry" besucht.

Besprochen werden Hasan Hadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (taz, Standard), Martin Nguyens Porträtfilm "Renate" über die Schriftstellerin Renate Welsh (Standard), die Amazon-Serie "Wake" über eine Virus-Pandemie in Schweden (Welt) und Emerald Fennells "Wuthering Heights" ("Es gibt sehr viele Sexszenen", verspricht David Steinitz in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2026 - Film

Marian Wilhelm porträtiert im Standard Willem Dafoe, der in "The Souffleur" den Manager des Wiener Hotels Intercontinental spielt. Für das CrimeMag räumt Alf Mayer einen großen Stapel Filmbücher vom Nachttisch. In der SZ bespricht Carolin Gasteiger Nanni Morettis "Das Beste liegt noch vor uns", in dem der italienische Regisseur, der hier einen italienischen Regisseur spielt, "seine Liebe zum Kino auslebt".