Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2026 - Film

Offenbar ist der ganze Filmbetrieb einem (gezielt?) von Bild gestreutem Gerücht aufgesessen: In einem (verpaywallten) Gespräch mit der Rheinischen Post stellt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Auseinandersetzungen um die Leitung der Berlinale nun so dar, dass Tricia Tuttle selbst ihre Position infrage stellte. Den Anlass dazu bot nicht nur die während des Festivals vergiftete Atmosphäre, sondern auch die Aufregung am Ende des Festivals rund um Abdallah Alkhatibs preisgekrönten Film "Chronicles from the Siege": "Tricia wirkte von den Reaktionen tief getroffen. Sie sagte mir und auch meinem Amtschef am Dienstag, sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen. Wir sprachen offen über die schwierige Situation. ... Die Solidaritätsadressen für Tricia tun ihr sicher gut und ermutigen sie wieder." Doch "die hier und da hörbare Verharmlosung von Israel-Hass und Aktivisten-Aggressivität sind schwer erträglich. ... Mitte der Woche ist eine Aufsichtsratssitzung mit Tricia Tuttle geplant. Alle Beteiligten wollen meiner Einschätzung nach rasch zu guten Ergebnissen kommen."

Zu den vielen Unterstützern Tricia Tuttles gehört auch der Filmemacher Andres Veiel, der im Interview mit der Zeit fürchtet, bald könnte überhaupt niemand mehr mit irgendwem reden: Ein Festival habe geradezu die Aufgabe, "Filme, die auch kontrovers sind, zu zeigen und darüber zu sprechen oder auch zu streiten. Auf der Preisverleihung der Berlinale behauptete der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dass Israel in Gaza einen von der Bundesregierung unterstützten Genozid begehe. Ich teile das so nicht, aber wir müssen das im Sinne der Meinungs- und Kunstfreiheit aushalten. Wir haben ein Strafrecht, wir haben im Strafgesetzbuch den Paragrafen 130 zu Volksverhetzung, der sehr klar Grenzen setzt, übrigens auch, wenn man einen Völkermord leugnet. Und wenn man sich im Rahmen der gesetzlich definierten Kunstfreiheit nicht mehr äußern kann, dann geht es nicht mehr nur um die Berlinale, sondern um etwas Größeres."

Michael Martens berichtet in der FAZ von Aufregungen in der postjugoslawischen Welt: Igor Šeregis serbisch-kroatische Culture-Clash-Komödie "Svadba" ("Die Hochzeit") nimmt so ziemlich jeden Nationalismus und jedes gegenseitig gepflegte Klischee der jugoslawischen Nachfolgestaaten aufs Korn - und erreicht damit grenzüberschreitend ein riesiges Publikum: "Über den Film ärgern sich unterdessen nicht nur Nationalisten hüben wie drüben, sondern auch Teile der Kirche. Ob es damit zusammenhängt, dass ein katholischer Bischof in dem Film als korrupt und sein orthodoxes Gegenüber als nationalistisch dargestellt wird? ... Eine katholische Pfarrei in der bosnischen Stadt Novi Travnik rief sogar zum Boykott des Werks auf. Gott sieht alles - nur nicht 'Svadba', lautete die Botschaft des Pfarrers, der um das Heil seiner verirrten Schäfchen besorgt war: 'Es bleibt mir nichts, als für sie zu beten.' Da wird der gute Mann einiges wegzubeten haben, denn auch in bosnischen Kinos ist 'Svadba' ein Hit."

Weiteres: Silvia Bahl denkt im Filmdienst ausführlich über Pepa Lubojackis Dokumentarfilm "If Pigeons Turned to Gold" nach, der bei der Berlinale 2026 den Caligari-Preis gewonnen hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2026 - Film

Kino der Zustände: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart




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Thomas Abeltshauser ist sich in der taz uneins über "The Chronology of Water", die Adaption von Lidia Yuknavitchs Memoir "In Wasser geschrieben", mit der die Schauspielerin Kristen Stewart ihr Debüt als Regisseurin feiert. Die vielfältigen Traumatisierungen der Protagonistin vermittelt Stewart in einem assoziativen Bilderreigen, einem "Kino der Zustände. Lidia erscheint nicht als eine Figur mit klaren Zielen, sondern als Körper, der reagiert, sich betäubt, verletzt und erinnert. ... Szenen wirken wie Splitter, die keinen festen Zusammenhang bilden. Als Zuschauer bleibt man oft auf Distanz, weniger aus Gleichgültigkeit, denn aus Orientierungslosigkeit." Andererseits hat Stewart "ein außergewöhnliches Gespür für physische Präsenz", findet Abeltshauser. Insgesamt wirkt der Film auf ihn "unfertig, überladen und gelegentlich auch selbstverliebt. Doch er besitzt eine Dringlichkeit, die sich nicht ignorieren lässt".

Die Berlinale ist in den letzten Tagen "schwer beschädigt worden", diagnostiziert Tobias Sedlmaier in der NZZ, und zwar durch diverse "Interventionen von Gesinnungsterror. ... Es dominierte ein einziges Thema, wie so oft, wenn es gegen Israel geht. Über Film wurde kaum noch gesprochen." Aber "ein Filmfestival, da hat der Jurypräsident Wim Wenders vollkommen recht, ist kein Ort für Realpolitik, kein entscheidungsfähiges Parlament. Filme retten nicht die Welt, sondern fördern im besten Fall den Denkprozess. Der Gaza-Konflikt wird sich wegen der Berlinale nicht bessern, aber er könnte besser verstanden werden - durch die Kraft der Filme. Solange dem Filmfestival die Politik von außen übergestülpt wird, gewinnt niemand."

Weitere Artikel: Auf critic.de schreibt Lukas Foerster ausführlich über die Filme von Preston Sturges, die er für eine Reihe im Berliner Zeughauskino kuratiert hat. Paula Ruppert empfiehlt auf Artechock die neue Ausgabe des Festivals "Mittel Punkt Europa" in München. Philipp Bovermann spricht für die SZ mit Josh Safdie, dessen mehrfach oscarnominiertes Tischtennisdrama "Marty Supreme" (hier unsere Kritik, dort die von critic.de) aktuell im Kino zu sehen ist.

Besprochen werden Kevin Williamsons Horrorfilm "Scream 7" (Perlentaucher), Mamoru Hosodas Anime "Scarlet" (critic.de), Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" (critic.de, Artechock), Tumpal Tampubolons "Crocodile Tears" (Artechock), Isa Willingers Dokumentarfilm "No Mercy" über Filmemacherinnen, die kompromisslos ihrer Vision folgen (FAS) und die deutsche Netflix-Serie "Kacken an der Havel", für die man laut Elmar Krekeler in der WamS "eine gewisse humoristische Unerschrockenheit braucht".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2026 - Film

In der Causa rund um die Berlinale, ihre Leiterin Tricia Tuttle und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist nach der Sondersitzung von gestern vieles offen. Anders als Bild vorab vermeldete (unser Resümee), wurde sie dort nicht abgesägt - aber auch nicht vollmundig im Amt bestätigt, weitere Gespräche zur Zukunft des Festivals sind angekündigt. "Die Ablösung ist also zumindest aufgeschoben, offen ist nun aber auch, ob sie überhaupt im Raum stand", fasst Bert Rebhandl im Standard die knappe Pressemitteilung von gestern zusammen, "oder ob Tuttle selbst eine Weiterarbeit von stärkerer Rückendeckung durch die deutsche Politik abhängig machen will. ... In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der provinzielle Widerstand gegen eine international exzellent vernetzte und auch in den globalen Diskursen heimische Direktorin sich als mächtiger erweist als das nahezu einhellige Votum der Branche: Tricia Tuttle hat offensichtlich die Unterstützung der Kultur in Deutschland. Und dazu muss sich der politische Beauftragte für Kultur nun verhalten." Dass es womöglich doch Tuttle selber ist, die hinschmeißen will, hält auch Andreas Busche im Tagesspiegel für immer wahrscheinlicher.

Andreas Kilb glaubt in der FAZ immer weniger daran, dass Weimer Tuttle absetzen will. Das legen "sowohl sein Nichtkommentar zum Bild-Gerücht als auch die abwiegelnde Presseerklärung" nahe. "Wahrscheinlicher ist, dass Tuttle selbst das Handtuch werfen und der Kulturstaatsminister sie halten will, in welcher Funktion auch immer." Sollte Tuttle gehen, "hätte nicht die freie Rede über das Kino gewonnen, sondern jene, die sie zerstören wollen, die Aktivisten, die Gesinnungsprüfer, die Prediger der falschen Eindeutigkeiten. Nicht Wim Wenders und İlker Çatak, sondern Tilda Swinton und Abdallah Alkhatib. Politische Bekenntnisse sind das sicherste Mittel, um den Eigensinn von Kunstwerken zu zerstören."

"Tragikomisch" findet David Steinitz in der SZ das Gebaren von Tilda Swinton, für ihn "ein Beispiel aus den äußeren Grenzregionen der Debattenhysterie": Die Schauspielerin "unterzeichnete zunächst den Aufruf, der der Berlinale Zensur vorwarf, obwohl sie selbst erst im vorigen Jahr völlig ungehindert während des Festivals ihre sehr, sehr israelkritische Meinung geäußert hatte. Nun hat Swinton am Mittwoch den nächsten offenen Brief unterschrieben. In dem heißt es von ihr und anderen Künstlern: 'Wir verteidigen die Berlinale als das, was sie ist: ein Ort des Austauschs.' Also was jetzt? ... Mit genau diesem Salat aus Empörung haben Promis wie Swinton, die glauben, Tuttle verteidigen zu müssen gegen die böse deutsche Politik, die Festival-Chefin überhaupt erst in die Lage gebracht, in der sie jetzt ist."

Dirk Knipphals spricht in der taz mit Daniel Kehlmann, der in einer Verlautbarung des PEN Berlin eine mögliche Entlassung Tuttles als "größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972" bezeichnet hat.

Dass ein politisches Statement bei einem Filmereignis mit würdigem Auftreten kompatibel sein kann, zeigt unterdessen die Hommage der Schauspielerin Golshifteh Farahani an Jafar Panahi und das iranische Volk bei der Verleihung der "Césars" in Paris: "Mein ganzes Herz ist woanders, in einem Land, dessen Sterne zu Staub und Blut zermahlen und zum Schweigen gebracht wurden."


Abseits der Berlinale-Debatte: Für seine Rolle als manischer Tischtennisspieler in Josh Safdies "Marty Supreme" (unsere Kritik) könnte Timothée Chalamet endlich den seit langem anvisierten Oscar erhalten, ist Tobias Sedlmaier in der NZZ überzeugt. Josef Lederle beschäftigt sich im Filmdienst mit Filmen über Jugendliche, in deren Religion die christliche Religion eine wichtige Rolle spielt. Besprochen wird Kevin Williamsons Horrorsause "Scream 7" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2026 - Film

Nach der gestern von Bild gestreuten Meldung, derzufolge Kulturstaatsminister Wolfram Weimer offenbar plant, Tricia Tuttle abzusetzen, hat sich binnen kürzester Zeit eine breite Solidaritätsbewegung für die Berlinale-Leiterin gebildet. Nach dem Festival hatte Weimer noch lobende Worte für das Krisenmanagement von Tuttle und Wenders während des Festivals gefunden. Den Stein des Anstoßes soll angeblich das kurz darauf herumgereichte Bild gegeben haben, das Tuttle im Rahmen einer Premiere mit dem Filmteam von "Chronicles from the Siege" zeigt, welches Kufiya trägt und demonstrativ die Palästinaflagge hisst. "In Regierungskreisen heißt es aber, dass Tuttle selbst der Motor für die Trennung sei", merken Andreas Busche und Christian Tretbar im Tagesspiegel an.

Annähernd 1.800 Unterschriften weist eine Stellungnahme der Deutschen Filmakademie auf: "Kunstfreiheit bedeutet nicht Zustimmung zu einzelnen Positionen, sondern die Verteidigung des Rechts, sie zu äußern. Eine politische Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung eines Filmfestivals würde fundamentale Prinzipien gefährden, für die die Berlinale seit Jahrzehnten steht." Ein offener Brief zur Zukunft der Berlinale wurde im Originaldokument von über 600 Menschen aus der Branche unterzeichnet, hinzu kommen über 300 Folge-Unterschriften. "Ein internationales Filmfestival ist kein diplomatisches Protokoll, sondern ein schützenswerter Ort unserer Demokratie", heißt es darin. "Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen. ... Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck."

"Wenn Tuttle entlassen werden sollte oder hinschmeißt, wäre die Berlinale als internationales Festival am Ende", ist Dunja Bialas auf Artechock überzeugt. "Wer von internationalem Rang würde sich nach Carlo Chatrian und Tricia Tuttle noch für den Job hergeben, der direkt dem Kulturstaatsminister untersteht? Wenn einem jeden Moment der Abtritt nahegelegt werden kann, wie Chatrian durch Claudia Roth, oder gar der Rauswurf trotz aller Dementi öffentlich diskutiert wird, wie jetzt bei Tuttle? Wenn sich der Eindruck verfestigt, beim größten deutschen Festival gebe es keine Meinungs- und keine Kunstfreiheit mehr? Und wenn sich der kulturfördernde Staat nun tatsächlich in die inhaltliche Ausrichtung einmischt? Die Autonomie der Kulturveranstaltungen ist bislang, sofern sie demokratisch sind und nicht gegen gewisse Grundsätze verstoßen, unantastbar."

Sollte Tuttle hinwerfen oder abgesägt werden, wäre dies "eine Katastrophe", findet auch Katja Nicodemus in der Zeit und lobt, wie Tuttle das Festival während schwerer Anfechtungen von außen "entschieden und mit Haltung" manövriert hat. "Nach dieser 76. Ausgabe der Berlinale hätte es für Wolfram Weimer nur eine einzige mögliche Reaktion auf Tricia Tuttles Arbeit gegeben: Ihr für die vergangenen Festivaltage zu danken, ihr einen Gutschein für drei Wochen Wellness zu überreichen und sie anzuflehen, um alles in der Welt zu bleiben." Auch Daniel Kothenschulte lobt in der FR Tuttles diplomatisches Auftreten während des Festivals: "Ihre Abberufung ... wäre das Ende des Festivals, wie wir es kennen." Tom Shoval, Regisseur des von Tuttle im Rahmen der Berlinale zweimal gezeigten Dokumentarfilms "A Letter to David" über die Hamas-Geisel David Cunio, zeigt sich auf Instagram entsetzt: Tuttle "entschied sich dafür, den Film zu präsentieren und erklärte sich solidarisch mit David und Ariel, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft befanden. ... Ein Jahr später, als David zurückkehrte, zeigte sie den Film einmal mehr, nun mit einem neuen Schluss. Sie traf die Familie in Tränen. Wir fühlten uns wie eine Familie. Tricia Tuttle ist wahrlich ein Vorbild für eine kulturelle Leitungsposition. Sie ist eine Visionärin mit einer kosmopolitischen, fortschrittlichen künstlerischen Perspektive. ... Ich stehe völlig überzeugt hinter ihr."

"Weimer ist ausnahmsweise zuzustimmen", kommentiert hingegen Tim Caspar Boehme in der taz. "Israel, das mit bloß einem Film vertreten war, wurde" bei der Preisverleihung "von Rednern in rein kritischer Absicht erwähnt. Bei alledem blieb Tuttle auf der Bühne eine Reaktion schuldig. Eine Woche zuvor hatte sie zur Premiere von Alkhatibs Film für ein Foto inmitten seiner Crew mit vielen Kufiyas und neben einer palästinensischen Flagge posiert. Dass sie bei dem Termin zugegen war, mag zu ihrem Job gehören. Dass ihrerseits ein Kommentar zu Alkhatibs Worten ausblieb, kann man jedoch kaum als ausgleichende Vermittlung bezeichnen. Eine solche politische Schlagseite, die schon während der Berlinale zu beobachten war, steht dem Festival nicht gut zu Gesicht." Für die Berlinale wäre es gut, wenn Tuttle bleiben würde, meint Jan Küveler in der Welt. Aber er nimmt es ihr schon ein wenig übel geschwiegen zu haben, als der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib davon faselte, "Deutschland sei Partner eines vermeintlichen 'Völkermords in Gaza'": "Palästinensische Stimmen sollen selbstverständlich gehört werden. Palästinensische Filme sollen selbstverständlich prämiert werden, so sie denn preiswürdig sind. Aber ebenso selbstverständlich stehen Institutionen des deutschen Staates - und die Berlinale ist eine maßgebliche - in der Pflicht und Verantwortung, unverbrüchliche Überzeugungen zu vertreten, notfalls offensiv. Dazu gehört an vorderster Stelle die Solidarität mit Israel, der Einspruch gegen Völkermord-Fantasien und die Bekämpfung jeglicher Träume, den israelischen Staat von der Karte zu tilgen".

Weiteres: Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit Jim Jarmusch über dessen neuen, beim Filmfestival Venedig ausgezeichneten und im Standard besprochenen Film "Father Mother Sister Brother". Besprochen werden Josh Safdies "Marty Supreme" (Perlentaucher, FR, Standard, taz, Welt), Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic: Elvis Presley in Concert" (taz, NZZ) und die Mubi-Serie "Blossoms Shanghai" von Wong Kar-wai, der zwar "einer der bedeutendsten lebenden Kinoregisseure" ist, dessen Serie FAZ-Kritiker Andreas Kilb aber trotzdem nur "wenig berührt".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2026 - Film

Besprochen werden Jim Jarmuschs beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneter Film "Father Mother Sister Brother" (taz), Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic: Elvis Presley in Concert" (Welt), Alina Gorlovas, Yelizaveta Smiths und Simon Mozgovyis vorerst nur in Österreich startende Ukraine-Doku "Militantropos" (Standard), Josh Safdies Tischtennisdrama "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet (FAZ, Tsp) und eine Miniserien-Adaption vom "Herr der Fliegen" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2026 - Film

Dass ausgerechnet Künstler, Intellektuelle und Journalisten vor der Komplexität des Nahostkonflikts kapitulieren und stattdessen Parolen, Schwarzweißdenken, Bekenntniszwang und moralische Erpressung bringen, ärgert Jürgen Kaube in der FAZ mit Blick auf die eben zu Ende gegangene Berlinale sehr. Dies umso mehr, da Tilda Swinton als Aushängeschild des Offenen Briefs geradezu scheinheilig auftrete: Der politische Furor, den sie von Wenders und dem Festival verlangte, findet sich in den letzten Jahren ihres Schaffens nämlich auch nicht. "Irgendwie gibt man Swinton offenbar die falschen Drehbücher, oder diejenigen mit den politisch einschlägigen haben nicht das Geld, den Star zu bezahlen. Swinton kennt also den Unterschied zwischen Film und Politik, sie macht ihn ständig. Womöglich verschafft ihr das ein schlechtes Gewissen, und sie kompensiert es durch umso energischere gesinnungsethische Forderungen an Filmfestivals. Es ist ja so leicht, politisch zu sein, es kostet nur eine Unterschrift. So gesehen wäre der offene Brief ein Ablassbrief. ... Fast könnte man von Bußheuchelei sprechen. Oder von Solidaritätsdarstellung, moralischem 'method acting'."

Weiteres: Am Rande der Berlinale wurde die nunmehr um die Heimkehr von David Cunio aus der Hamas-Geiselhaft ergänzte Fassung von Tom Shovals vor einem Jahr auf der Berlinale uraufgeführtem Dokumentarfilm "A Letter to David" (unsere Kritik) gezeigt, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Philipp Bovermann plauscht in der SZ mit Jim Jarmusch, dessen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten "Father Mother Sister Brother" diese Woche in den Kinos startet, unter anderem über die faszinierende Welt von Bibern und Pilzen und dass man jede Abrechnung aus Hollywood mindestens zweimal mit der Lupe durchsehen sollte.

Besprochen werden Jack Thornes Serien-Neuadaption von "Lord of the Flies" auf Sky (Welt) und der von Russo-Brüdern für Amazon produzierte Piratinnenfilm "The Bluff" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2026 - Film

Zeigt, was Repression macht: "Gelbe Briefe" von İlker Çatak gewinnt den Goldenen Bären der Berlinale

Die Berlinale ist mit der Bärenverleihung am Samstagabend zu Ende gegangen. Alle feiern Sandra Hüller für ihre Auszeichnung mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin des Wettbewerbs in "Rose". Und mit İlker Çataks "Gelbe Briefe" hat zwanzig Jahre nach Fatih Akins "Gegen die Wand" wieder ein deutscher Film - und erneut einer mit türkischer Thematik - den Goldenen Bären erhalten: Çatak erzählt in Berlin und Hamburg (die Ankara und Istanbul spielen) von einem Ehepaar im Kulturbetrieb, das unter den Repressalien einer autoritären Regierung seine Existenzgrundlage verliert und zugrunde zu gehen droht. Die Kritiker sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dieser Juryentscheidung - einer Entscheidung unter Jurypräsident Wim Wenders, die nochmal das große Missverständnis unterstreicht, das von Wenders' ungelenkem Statement zu politischen Filmen auf der Jury-Pressekonferenz zu Beginn des Festivals ausging. Die Auszeichnungen "schlugen denn auch die Brücke zwischen poetischem und politischem Kino", hält Valerie Dirk im Standard fest. David Steinitz spricht in der SZ mit Çatak.

Nach den Turbulenzen der letzten Tage war die Gala zwar über weite Strecken vom Bemühen um versöhnliche, klärende und inkludierende Töne geprägt. Mit einer ganz großen Ausnahme: Abdallah Alkhatib, der im Debütfilm-Wettbewerb "Perspectives" für seinen Film "Chronicles From The Siege" ausgezeichnet wurde, betrat mit Kufiya und Palästinaflagge die Bühne bewusst kämpferisch, warf Deutschland eine Komplizenschaft am "Genozid an den Palästinensern" vor und "drohte dem Publikum unverhohlen, wenn Palästina erst 'befreit' sei, werde man sich an jeden erinnern, 'der gegen uns war'", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Einige im Saal feierten ihn dafür mit Applaus und Geschrei." Diese Rede war "Kulturstalinismus in Reinform, die die Redefreiheit zum Mittel ihrer Unterdrückung macht", kommentiert Rüdiger Suchsland auf ArtechockFR-Kritiker Daniel Kothenschulte hat Alkhatibs Drohungen offenbar überhört oder verschweigt sie lieber geflissentlich, jedenfalls sieht er dessen Rede im Kontext eines "Klimas von Toleranz und Meinungsoffenheit" und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie jemand skandalisieren wollen würde. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ als einziger Anwesender der Bundesregierung den Saal. 

Moderatorin Désirée Nosbusch fing Alkhatibs Rede kaum auf, Intendantin Tricia Tuttle ergriff unmittelbar danach nicht das Wort. Für tazler Tim Caspar Boehme "ein Indiz dafür, dass die Berlinale in ihrer Angst vor öffentlichen Diffamierungen oder Boykott, weil das Festival angeblich Zensur übe oder nicht exakt die gewünschte Form von Solidarität zeigt, die eigenen ethischen Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren droht. ... Dass Tuttle am Ende der Veranstaltung hingegen an der Realität vorbei warme Worte wählte und allen, die auf der Gala gesprochen hatten, zugutehielt, sie hätten aus einer Haltung der 'Liebe' und 'Hoffnung' gesprochen, zeigt bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe nicht vollständig gewachsen ist. Das muss man in diesem Fall als Scheitern bezeichnen."

Im Kommentar für die Jüdische Allgemeine stimmt Sophie Albers Ben Chamo Boehme zu: "Wieder haben sogenannte pro-palästinensische Aktivisten im Namen der Mitmenschlichkeit ihren Anti-Humanismus offenbart. ... Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib scheint so von kaltem Hass und Rachegefühlen getrieben - was man in Interviews erleben konnte -, dass die Frage gestattet sein muss, ob er seinen Film 'Chronicles from the Siege' - abgesehen vom Abspann - eigentlich selbst gemacht hat, der mit Härte, aber vor allem Universalität, Empathie und Menschlichkeit davon erzählt, was eine Belagerung mit Menschen macht."

Schon beim Photo Call zur Premiere des Films posierte die Crew mit Kufiya und Palästinaflagge: Tuttle gesellte sich dazu.

Gerrit Bartels zitiert im Tagesspiegel Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der sich über den "Israel-Hass und die Aktivisten-Aggressivität bewussten Missverstehens" sehr ärgert. Weitere Resümees des Festivals und der Gala im Tagesspiegel, in der Welt, auf Artechock, im Filmdienst und in der SZ. Abseits des Festivals besprochen wird die deutsche HBO-Serie "The Banksters" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2026 - Film

Der Bärenfavorit der FAZ, andere Kritiker sehen es anders: "Queen at Sea"

Der Berlinale-Wettbewerb ist gelaufen, Zeit für Resümees: "Die Qual der Wahl scheint in diesem Jahr gering", schreibt Andreas Kilb in der FAZ: "Es gibt einen Film, der aus dem Wettbewerb klar herausragt (Lance Hammers 'Queen at Sea'), und zwei andere, die darin eine gute Figur machen (İlker Çataks 'Gelbe Briefe' und Markus Schleinzers 'Rose'). Es gibt schauspielerische Höhepunkte, die nicht zu übersehen sind (Sandra Hüller, Juliette Binoche), und Kinoerzählungen, die einen Drehbuchpreis verdient hätten (Anthony Chens 'We Are All Strangers'). Und es gibt Geschichten, die mit der richtigen Moral und einer holzschnittartigen Dramaturgie punkten wie Emin Alpers 'Kurtuluş' - auch wenn man diesmal darauf hoffen darf, dass ein Jurypräsident wie Wim Wenders auf den Unterschied zwischen ästhetischer und moralischer Qualität bestehen wird."

Pavao Vlajcic macht auf critic.de einen Rundumschlag: "Im Vergleich zum Vorjahr fiel der Wettbewerb zwar insgesamt solide, aber etwas weniger experimentierfreudig und konzentriert aus, zwei, drei Titel weniger hätten es auch getan. In den Nebensektionen schwächelte das Panorama mit insgesamt zu viel Botschaften und zu wenig Formwillen bei den programmierten Filmen, für das Forum geht es unter der Leitung von Barbara Wurm wieder aufwärts, nicht zuletzt durch die demonstrierte Offenheit fürs Genre. Und der Spielfilmdebüt-Wettbewerb Perspectives hatte trotz einiger Ausfälle ein schärferes Profil als im Vorjahr und bot einige Filme ('Animol', 'Light Pillar', 'Red Hangar'), die auch dem 'großen' Wettbewerb gut zu Gesicht gestanden hätten." Jörg Gerle steht im Filmdienst ratlos vor dem Wettbewerb: Das politischste der internationalen A-Festival weicht "aktuellen Krisenherden" aus, "auch filmkünstlerisch brachten es viele Wettbewerbsfilme oft nur auf Durchschnittsniveau."

Dann war da ja noch diese Debatte: Vom tribunal-artigen Bekenntniszwang, den Tilo Jung mit "seiner Gaza-Obsession" in die Pressekonferenzen getragen hat, hält Tania Martini in der FAS wenig. "Wenn Kunst nur noch daran gemessen wird, wie gut sie und ihre Produzenten politische Botschaften transportieren, bleibt von ihrer eigenen Sprache nichts übrig: Sie wird zur Illustration moralischer Gewissheiten und verliert paradoxerweise genau das, was den Blick der Betrachter affizieren und einen Raum der Reflexion eröffnen kann." Die von zahlreichenden Filmschaffenden in Form eines offenen Briefs ans Festival herangetragene Forderung, sich symbolisch ins Pali-Tuch zu werfen, samt Vorwurf, die Berlinale würde Gaza-Solidarität zensieren, hält Dirk Knipphals in der taz für an der Realität vorbeigezielt: Auf der Berlinale liefen diverse Filme zur Sache und es gab mal leisere, mal lautere Solidaritätsbekundungen. Zensur? Wo? Der "Brief ist geprägt eben nicht von der Sorge, dass die palästinensische Perspektive zu kurz kommt, sondern davon, nur ihre, und zwar BDS-affine Sicht gelten zu lassen."

Dem vereineindeutigenden Sloganeering des offenen Briefs setzt Bert Rebhandl in der FAZ die Komplexität der Stimmen und Perspektiven entgegen, die die Berlinale mit ihren 278 Filmen abbildet. Aus jenen, die sich mit dem Nahostkonflikt befassen, ragen für ihn 'Where To?' von Assaf Machnes und 'Chronicles From the Siege' von Abdallah Alkhatib heraus. Beide zeigen, "dass die Berlinale genau weiß (und auch zu wissen gibt), wie die Lage in Israel, Palästina, Gaza, Syrien ist. Das Gleiche gilt für Libanon und Iran, von wo es ebenfalls 'Stimmen', also Filme, gab. Was nicht aus den Filmen hervorgeht, sind unausgesprochene, aber häufig mitschwingende Positionen, die so tun, als könnte oder müsste man Israel als Faktor (oder gleich als Staat) einfach tilgen, um den Palästinensern zu den Rechten zu verhelfen, die sie verdienen. Die Berlinale macht sich dazu die Mühe der Details." Auch Thomas Hummitzsch befasst sich in Intellectures mit den Filmen, die sich "mehr oder weniger" mit dem Nahostkonflikt auseinandersetzen.

Mehr vom Festival: Martin Gobbin resümiert auf critic.de die iranischen Filme. Arabella Wintermayr spricht für die taz mit der Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles, deren Film "Nina Roza" im Wettbewerb läuft. Im Podcast von critic.de sprechen Till Kadritzke, Luca Schepers und Hannah Pilarczyk über die Filme der letzten Tage. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Hong Sang-soos "The Day She Returns" (taz), James Bennings Essayfilm "Eight Bridges" (taz), Tizza Covis und Rainer Frimmels Wettbewerbsfilm "The Loneliest Man in Town" (Intellectures), Beth de Araújos Wettbewerbsfilm "Josephine" (critic.de), Sophie Heldmans "The Education of Jane Cumming" (taz) und Pepa Lubojackis "If Pigeons Turned to Gold" (critic.de).

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Abseits der Berlinale: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Filmemacher Boris Lojkine über dessen Film "Souleymans Geschichte" (hier unsere Kritik). In der FAS ärgert sich Elena Witzeck, wie Emerald Fennell in ihrem neuen Film Emily Brontës "Wuthering Heights" durch den Fleischwolf dreht: "Wo Brontës 'Wuthering Heights' ein obsessiver, tosender Abgrund war, ist Fennells 'Wuthering Heights' ein Plateau aus Kunstrasen." Besprochen werden Nicolas Steiners "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" mit Lars Eidinger (Standard), Josh Safdies Tischtennis-Sause "Marty Supreme" mit Timothée Chalament (FAS) und die Mockumentary "The Moment" über Charli XCX (FAZ).
Stichwörter: Berlinale, Berlinale 2026, BDS

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2026 - Film

Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes" im Berlinale-Wettbewerb

Ein erstaunlicher Berlinale-Jahrgang geht zu Ende, meldet Daniel Kothenschulte in der FR: Zu erleben war "eine außerordentliche Konkurrenz internationaler Filmpremieren" - und die drei deutschen Beiträge gehören "in all dieser Pracht ... zum Besten". Dazu zählt auch Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes", der von der Treuhand-Zeit in den Neunzigern erzählt: "Mit einem grandiosen Ensemble lässt Trobisch glänzend ausgeführte Figuren aufeinander los und macht plausibel, was diese sich selbst nicht zu sagen vermögen. Wenn man dem ruhelosen Zweistundenfilm etwas vorwerfen könnte, dann seine so kunstvolle Verdichtung. Ein paar Pausen täten ihm gut, etwas Zeit für die Landschaft und die Gesichter. Vermutlich ist noch genug Material da, der Film verträgt auch eine weitere halbe Stunde."

Tobias Sedlmaier blickt in der NZZ eher ratlos auf den Berlinale-Wettbewerb: "Die gute Nachricht: Es gibt viele ordentliche Filme, kaum Totalausfälle. Die schlechte: Es gibt viele ordentliche Filme, aber wenig wirklich Herausragendes." Immerhin Markus Schleinzers "Rose" mit Sandra Hüller rechnet er einige Chancen aus, sein persönlicher Favorit ist "Queen at Sea" mit Juliette Binoche: "Ein kluger, verstörender Film, der grundsätzlich hinterfragt, wo die Autonomie des Einzelnen endet - und die anderer Akteure wie des Staates beginnt. Ein Film, der das einlöst, was die Aktivisten so vehement einfordern: politische Kunst." Der Film bietet allerdings nicht viel mehr als "solide Handwerkskunst mit sozialem Impetus", widerspricht Pavao Vlajcic auf critic.de.

Für Rüdiger Suchsland von Artechock war es eine der schlimmsten Berlinalen seit vielen, vielen Jahren, ohne dass er das näher erläutern würde. Er stellt die Grundsatzfrage: "Warum muss das deutsche A-Filmfestival eigentlich in Berlin sein? Wie toll könnte zum Beispiel das Filmfest München sein, wenn man den Filmfest-Etat der Stadt München und den des Freistaats Bayern durch den Berlinale-Etat des Bundes aufstocken würde?"

Andreas Kilb (FAZ) hätte die Berlinale gerne weiterhin in Berlin, aber für die Kulturpolitik ist endgültig allerhöchste Eisenbahn, um das seit Jahren beobachtbare Absinken des Festivals aufzuhalten. Wie Senkblei lastet der auch nach Renovierung und verzweifeltem Re-Branding als Fress- und Games-Meile weiterhin untote und mittlerweile nahezu kinolose Potsdamer Platz auf dem Festival. Kulturstaatsminister Weimer sollte hier entweder im großen Stil Gebäude einkaufen und von Grund auf für ein Filmzentrum umgestalten lassen oder, "besser noch, ein völlig neues Gebäude in Auftrag geben, das als Archiv, Kinomuseum und Festivalpalast das ganze Jahr über in Betrieb wäre. ... Die Berlinale würde damit nur nachholen, was ihre Konkurrenten lange erreicht haben, denn Cannes und Venedig haben vom Staat schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren neue Spielstätten bekommen." Da in Berlin solche Vorhaben allerdings mindestens ein Jahrzehnt oder länger in Anspruch nehmen, dürfte das dem Festival allenfalls langfristig helfen.

Weiteres vom Festival: Das CrimeMag liefert das zweite Resümee von Katrin Doerksen, für deren Geschmack es im Wettbewerb zu viele "mit erhobenem Zeigefinger predigenden Männer" zu sehen gibt. Thomas Groh beobachtet für critic.de "von der Wendezeit bis zur Zeitenwende" unbeholfene, überforderte Staatsbeamte und zwar im kollektiv inszenierten Retrospektivenfilm "Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990" und im Forum in Marie Wilkes "Szenario". Nadine Lange gratuliert im Tagesspiegel dem Teddy Award, der an einen herausragenden queeren Film verliehen wird, zum vierzigjährigen Bestehen. Und das Team von critic.de beugt sich für einen zweiten Podcast vom Festival übers Mikro.

Aus dem Festival besprochen werden Fernando Eimbckes mexikanisches Wettbewerbsdrama "Moscas" (taz), Faraz Shariats "Staatsschutz" (taz, Tagesspiegel), Sarmad Sultan Khoosats "Lali" (Tsp), No Salgas' "Don't Come Out" (critic.de), Kilian Armando Friedrichs "Ich verstehe Ihren Unmut" (taz), Tudor Cristians "On Our Own" (taz), und Ted Fendts "Auslandsreise" (FAZ).

Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits der Berlinale besprochen werden Bastienne Voss' Buch über den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (Welt), Stephan Komandarevs "Made in EU" (Artechock), Boris Lojkines "Souleymans Geschichte" (Artechock, unsere Kritik), Nicolas Steiners "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" (SZ), die HBO-Serie "The Pitt" (Presse) und die HBO-Serie "Banksters" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2026 - Film

Auch das noch: Aus der bemüht auf Social Media herbeigejazzten Berlinale-"Kontroverse" um Wim Wenders, dem empathische Filme lieber sind als sendungsbewusstes Flugblatt-Kino, ist nun ein "offener Brief" hervorgegangen, in dem erwartbare Namen wie Tilda Swinton und Javier Bardem Gesinnungsschnüffelei und Bekenntniszwang legitimieren, ein Bekenntnis des Festivals zu Gaza erzwingen wollen und dem Festival Zensur vorwerfen. Gerade Swinton müsste es eigentlich besser wissen, schreiben Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ: Im letzten Jahr sang sie noch auf einer Berlinale-Pressekonferenz ein unzensiertes Loblied auf den BDS. "Dass sie für diese Aussagen nicht nur Zustimmung geerntet hat, sondern auch Kritik, ist noch lange keine Zensur. Man nennt das Diskussion. Manche der Vorwürfe kann Andreas Busche im Tagesspiegel-Kommentar zwar nicht von der Hand weisen, aber "niemand kann ernsthaft behaupten, dass das Thema Gaza auf der Berlinale in diesem Jahr totgeschwiegen oder gar zensiert wird".

Wie herbeifantasiert der im Zuge der Wenders-Kontroverse laut gewordene Vorwurf, die Berlinale sei zu unpolitisch, wirklich ist, lässt sich derweil gut an der Berichterstattung ablesen.

"Where to?" in den Berlinale-Perspectives

In den "Perspectives" läuft Assaf Machnes' "Where to?", in dem ein Israeli und ein Palästinenser im Berliner Nachtleben immer wieder aufeinandertreffen und sich allmählich anfreunden. "Machnes ist ein Könner darin, sowohl die geschichtlichen als auch die gegenwärtigen Traumata subtil anzudeuten", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel. "Hamas-Angriff und Gazakrieg schwingen immer mit, ohne sie vordergründig zum Thema zu machen. 'Wie verarbeiten wir Traumata?', das ist laut Assaf Machnes die wesentliche Frage in 'Where to?'. Als Israeli ist er auf diesem Gebiet Spezialist. 'Ich komme aus einem Kontext, in dem Trauma Trauma gebiert und wieder Trauma. Ich hoffe, dass es irgendwann aufhört.'"

Hass auf die Diktatur, Liebe für die Menschen: "River Dreams" im Forum

Mit Kristina Mikhailovas und Dana Sabitovas "River Dreams" läuft im Forum der erste kasachische Dokumentarfilm in der Geschichte des Festivals. Die Filmemacherinnen haben dafür über hundert kasachische Frauen zu ihrer Lage im Land interviewt. Der Film ist ein "love/hate letter" an ihr Land, sagt Mikhailova im taz-Gespräch: Ihr Verhältnis dazu "ist eine Art von toxischer Beziehung. Doch es geht auch um tiefe Gefühle auf allen Ebenen, Liebe und Hass. Auch in dem Film: Ich lebe im Müll, aber es ist mein Müll. Und deswegen liebe ich ihn und werde für ihn kämpfen. So fühlen sich leider viele in Kasachstan. Wir teilen die Liebe, und den Hass auf die autoritäre Diktatur, in der wir leben. Ich spreche so offen darüber, weil ich Hoffnung habe, dass sich Dinge ändern. Wir haben uns beide entschieden, in Kasachstan zu bleiben. Wir möchten dort etwas ändern, weil wir das Land und die Menschen lieben."

Eindrücke aus dem Evin-Gefängnis: "Roya" im Berlinale-Panorama

Mit Filmen aus dem Iran ist angesichts der aktuellen Lage derzeit kaum zu rechnen, aber immerhin zwei haben es zumindest in Nebensektionen der Berlinale geschafft, schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. Mahnaz Mohammadis "Roya" erzählt von einer Lehrerin, die im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gefoltert wird. Die Regisseurin war selbst dort inhaftiert und "stellt möglichst authentisch Szenen nach, die sich in dem vom iranischen Geheimdienst betriebenen Isolier- und Foltertrakt des riesigen Evin-Gefängniskomplexes zutragen." Allerdings bleibt der Film in Fanizadehs Augen zu sehr dem Dokumentarismus verhaftet - anders als Mohammad Shirvanis "absurd-surreal anmutender" Film "Cesarean Weekend", der ihn an Godards "Weekend" erinnert.

Glänzt in Rollen, die nicht glänzen: Juliette Binoche mit "Queen at Sea" im Berlinale-Wettbewerb

Andreas Kilb ruft derweil in der FAZ den Favoriten des Wettbewerbs aus, der in den Feuilletons heute und auch in den letzten Tagen bemerkenswert wenig stattfand. Lance Hammers "Queen at Sea" mit Juliette Binoche, deren demente Mutter sexuell missbraucht wird, "ist bedrängend aktuell, politisch - wenn auch in einem indirekten, gesellschaftlichen Sinn - und hemmungslos emotional. Und er ist große Kunst" - nicht zuletzt durch die versammelte "erste Garde europäischer Schauspieler", allen voran Binoche: Sie spielt zwar "keine Rolle, mit der man glänzen kann, aber gerade in ihr zeigt sich die Klasse dieser Schauspielerin, denn sie füllt jeden Moment aus, als wäre es der letzte".

Mehr vom Festival: Silvia Hallensleben berichtet in der taz von einer Berlinale-Veranstaltung zu Afghanistan. Besprochen werden außerdem Angela Schanelecs "Meine Frau weint" (taz), James Bennings "Eight Bridges" (critic.de), Elle Sofe Saras "Arrú" (critic.de), Koxis Jelinek-Adaption "Liebhaberinnen" (taz) und Pete Mullers "Bucks Harbor" (taz). Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

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Abseits der Berlinale: Eva Königshofen resümiert im Filmdienst die Kölner Tagung "Work in Progress", die sich mit der Darstellung von Arbeit im Dokumentarfilm befasste. Marius Nobach schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Robert Duvall. Peter Laudenbach schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers Lambert Hamel. Besprochen werden Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" (Perlentaucher, FAZ), Bryan Fullers "Dust Bunny" mit Mads Mikkelsen (Perlentaucher), Brian Kirks "Dead of Winter" (critic.de) und die zweite Staffel der ARD-Serie "Oderbruch" (Welt).