Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2025 - Film

Skeptikerin Carol (Rhea Seehorn)


Alle schauen "Pluribus". Zumindest in den deutschen Feuilletons führt heute kein Weg an der soeben auf Apple TV erschienenen neuen Serie des "Breaking Bad"-Erfinders Vince Gilligan vorbei. Gilligans neuer Streich spielt in einer Zukunft, in der die Menschheit weitgehend gentechnisch gleichgeschaltet ist. Nur wenige aufrechte Individuen halten noch durch, darunter eine Bestsellerautorin namens Carol (Rhea Seehorn). Richard Kämmerlings ist in der Welt ziemlich angetan: "Nach der rasanten und etwas klamaukigen Auftaktfolge findet 'Pluribus' schnell eine Spur, die irgendwo zwischen Mystery-Klassikern wie 'Lost', 'Westworld' oder 'Severance' und den großen moralischen Fragen liegt, wie sie Gilligan auch in seinen genredefinierenden Meisterserien (…) gestellt hat. Wäre der Verlust der Individualität nicht ein angemessener Preis für eine rundum glückliche, wenngleich uniforme Welt ganz ohne Kriege, Kriminalität und Gewalt? Ist der Egoismus der Einzelnen nicht die Ursünde der Menschheit und wäre die Abschaffung des Ich (wie ihn ganze Weltreligionen predigen) die Rettung?"

Allzu viel, stellt Matthias Kalle auf Zeit Online klar, dürfen Rezensionen aufgrund eines Presseembargos gar nicht verraten über "Pluribus". Was er trotz allem schreiben darf, liest sich gleichwohl ziemlich faszinierend: "Die Serie ist keine Dystopie klassischer Machart, die Bedrohung ist nicht repressiv, sondern höflich. Überangepasst, rational, verständnisvoll ist die Sprache des Kollektivs - wie die einer künstlichen Intelligenz, die gelernt hat, dem Menschen möglichst nie zu widersprechen. Das Unheimliche entsteht auch nicht durch Gewalt, sondern durch Konsens, durch das absolut Gute." Und: "Selten ist man beim Schauen einer Serie so ratlos gewesen, was als Nächstes passieren könnte." In der FAS schreibt Harald Staun über die Serie, in der BlZ Patrick Heidmann.

Weiteres: Mina Marschall blickt in der FAZ zurück auf den ersten "Twilight"-Film. Jan Küveler spricht in der Welt mit Matthias Schweighöfer über dessen Rolle im neuen Film "Das Leben der Wünsche". Ueli Bernays und Tobias Sedlmaier unterhalten sich in der NZZ mit dem Musiker Dino Brandão und dem Regisseur Moris Freiburghaus über deren Psychiatrie-Film "I Love You, I Leave You".

Besprochen werden die vierte Staffel der Serie "The Witcher" (taz), Christian Petzolds "Miroirs No. 3" (Standard), die zweite Staffel der Serie "Maxton Hall" (Zeit Online, Welt, FAZ), Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" (Zeit Online), Neele Leana Vollmars "Dann passiert das Leben" (FAZ), Guillermo del Toros "Frankenstein" (BlZ) und das ARD-Dokudrama "Nürnberg 1945" (Welt).
Stichwörter: Pluribus, Gilligan, Vince

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2025 - Film


Im Weltraum ist zwar alles möglich, aber musste Dan Trachtenberg in "Predator: Badlands" niedlich werden, fragt sich im Standard Christian Schachinger, dem noch die Ohren dröhnen. Diesmal macht sich ein beinloser synthetischer Mensch namens Thia (Elle Fanning) zusammen mit dem predatorischen Gummimasken-Gfries "auf die Jagd nach dem im Wesentlichen nicht kaputtbaren und mindestens fünf Meter großen stacheligen Untier Kalisk. Dabei handelt es sich um die Jagdtrophäe aller Jagdtrophäen auf dem sonst noch von explodierenden Würmern, sedierende Pfeile schießenden Pflanzen oder Killer-Lianen bewohnten Todesplaneten. ... Mittendrin böst auch die Weyland-Korporation mit einer Androidenarmee herum." Doch wo im Vorgänger "Prey" der Protagonist "die indigene Bevölkerung wie auch die französischen Trapper zum Spaß jagte und sich die Schädel an den Gürtel heftete, wird nun versucht, den Trashkino-Ungustl zum Sympathieträger zu drehen und zwischendurch auch drollige 'Familienszenen' mit Predator, süßem Felltierchen und künstlichem Menschen einzubauen."

Weitere Artikel: Im Standard ärgert sich Marian Wilhelm, das große Netflixproduktionen wie Guillermo del Toros "Frankenstein", Kathryn Bigelows Thriller "A House of Dynamite" oder Noah Baumbachs Dramödie "Jay Kelly" in Österreich nicht in den Kinos laufen.

Besprochen werden Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." (NZZ), Clint Bentleys historisches Filmdrama "Train Dreams" auf Netflix (das Sofia Glasl in der SZ wärmstens empfiehlt), Jovana Reisingers Sisi-Adaption "Unterwegs im Namen der Kaiserin" (Zeit) sowie zwei Filme über Ostdeutschland: "Sehnsucht in Sangerhausen" von Julian Radlmaier und "Rote Sterne überm Feld" von Laura Laabs (die ein ungenannter Autor in der Welt als neue "ostdeutsche Heimatfilme" feiert: Ersterer setzt "nicht die heute vorherrschende Arithmetik der Identitäten, sondern eine geteilte Sehnsucht" als Gegenentwurf zu den Verteilungskämpfen, und letzter "ist eine geschichtsphilosophische Tiefenbohrung auf ostdeutschem Terrain, für die im Film Walter Benjamins Idee, man müsse die Geschichte gegen den Strich bürsten, Pate steht").
Stichwörter: Trachtenberg, Dan, Horrorfilm

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2025 - Film

Szene aus "Franz K."

NZZ-Kritikerin Susanna Petrin verliebt sich vom Fleck weg in den jungen Franz Kafka in Agnieszka Hollands Biopic "Franz K.". Im deutsch-israelischen Schauspieler Idan Weiss habe Holland "eine Inkarnation Kafkas gefunden. Er ist dem Schriftsteller wie aus dem Gesicht geschnitten: große, dunkle, verwundert schauende Augen, leicht abstehende Ohren, zarte Haut, bleiche, magere Gestalt. In den besten Szenen verharrt die Kamera etwas länger auf diesem schönen, melancholischen Gesicht, können wir Kafkas eigene, verrätselt-philosophischen Sätze genießen oder seinen Humor." Leider kann das nicht darüber hinweg helfen, dass die Kritikerin vom Gesamtergebnis ein wenig enttäuscht ist. Holland hat "erstaunlich wenig eigene Sichtweisen auf Franz hinzuzufügen".

Besprochen werden Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" (Perlentaucher), Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" (FAZ, Perlentaucher)  Mehmet Akif Büyükatalays Film "Hysteria", die RTL+ - Serie "Die Nibelungen - Kampf der Königreiche" (FAZ), Jan Kounens "Der Mann, der immer kleiner wurde - Die unglaubliche Geschichte des Mr. C." (FR), Jan Komasas Thriller "The Change" (taz), Anatol Schusters Film "Chaos und Stille" (taz), Jan-Christoph Schultchens "Unten - Im Ortsverein" (SZ) und Dan Trachtenbergs "Predator: Badlands" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2025 - Film

Hysteria von Mehmet Akif Büyükatalay. Mit Devrim Lingnau.

Mehmet Akif Büyükatalay ist bereits seit seinem Debüt "Oray" als "differenzierte Stimme des postmigrantischen Kinos" in Deutschland bekannt, erinnert Gunda Bartels im Tagesspiegel. Sein neues Werk, "Hysteria", das diese Woche ins Kino kommt, ist ein Thriller, der seinen Ausgangspunkt bei einem Filmdreh nimmt, bei dem ein Koran verbrannt wird. "Hysteria" verknüpft "gekonnt Suspense-Motive wie das Rätselraten um einen geheimnisvollen Einbrecher mit dem Diskursfeuer um Koranverbrennungen, Migranten und kulturellen Ressentiments. Themen, die neben der hell lodernen Empörung, wie sie die in den Film integrierten Nachrichtenbilder muslimischer Proteste transportieren, Ängste triggern, von denen die vielen, oft von bedrohlichen Streichern untermalten Nachtaufnahmen in 'Hysteria' sprechen."

Laura Laabs wiederum bringt diese Woche ihren Erstling "Rote Sterne überm Feld" ins Kino, eine Politkomödie, die, wie Bert Rebhandl in der FAZ schreibt, im mecklenburg-vorpommerischen Bad Kleinen spielt und diverse Linke Diskurse aufgreift; in der allerdings auch Rammstein-Sänger Till Lindemann, für viele Linke ein rotes Tuch, in einer kleinen Rolle zu sehen ist. "Für Laabs gehört Lindemann auch zum Geschichtsort Bad Kleinen, sie macht allerdings durchaus deutlich, dass sie den mythologischen Leerlauf, der in Rammstein-Videos herrscht, in Aufklärung überführen möchte. 'Rote Sterne überm Feld" steht auf eine originelle Weise quer zu vielen politischen und kulturkämpferischen Frontverläufen im heutigen Deutschland. Als Manifest einer ästhetischen Linken, aber auch als Abenteuer einer Begegnung zwischen 'Heimkehrern' und 'Zurückgebliebenen' verdient der Film ein großes Publikum."

Außerdem: Die Schauspielerin Diane Ladd, bekannt unter anderem aus David Lynchs "Wild at Heart", ist tot, wie Zeit Online meldet. Susanne Gietl zeichnet im Filmdienst nach, wie der Regisseur Heinrich Sabl 25 Jahre lang an seinem Animationsfilm "Memory Hotel" gebastelt hat.

Besprochen werden Ira Sachs' "Peter Hujar's Diary" (taz), die Disney+-Serie "Habibi Baba Boom" (Welt), Jan Komasas Revolutionsfilme "The Change" (SZ), die Serie "All's Fair" mit Kim Kardashian (Zeit Online), Lynne Ramsays "Die, My Love" (NZZ) und Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" (critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2025 - Film

Wagner Moura in "The Secret Agent"


Der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho gewann mit "The Secret Agent" im Mai die Goldene Palme von Cannes. Jetzt kommt der Film, der 1977 während der Militärdiktatur spielt, bei uns in die Kinos. Vordergründig geht es um eine kleine Gruppe Außenseiter, die einem Fremden (Wagner Mouros) helfen, ein Verbrechen aufzuklären. Doch dieser Film ist viel mehr als ein Politthriller, versichert ein begeisterter Andreas Busche im Tagesspiegel: "Eine paranoide Grundstimmung schwingt in den panoramischen Panavision-Bildern von Kamerafrau Evgenia Alexandrova mit. Konterkariert wird das latente Unbehagen durch die saturierten Farben, die eher an den gegenkulturellen Idealismus der Tropicalismo-Bewegung der späten 1960er Jahre denken lassen. So wie mit den Stimmungen spielt Mendonça auch mit den Genres: Die Verunsicherung ist auf allen Ebenen von 'The Secret Agent' intendiert."

Auch SZ-Kritikerin Aurelie von Blazekovic ist schwer beeindruckt von der Welt, die ihr Mendonça eröffnet: "In 'The Secret Agent' entsteht ein kompositorisches Ganzes aus Siebzigerjahre-Farben und Musik, beeindruckend sind aber vor allem die Details. Der deutsche Schneider Hans und seine Geheimlyrik! Das Paar aus Angola! Die Nachbarin! Wie dieser Film Szene für Szene Welten eröffnet, wie er einen einnimmt, hineinzieht, staunen lässt - die Fähigkeit des Kinos, das zu vollbringen, ist Teil der Geschichte. Marcelos Schwiegervater betreibt in Recife ein Stadtkino. Da rennen die Leute panisch aus den Horrorfilmen oder haben Sex im Kinosessel. Der kleine Sohn von Marcelo lebt bei diesen Kinobetreiber-Großeltern und hat Albträume vom Filmplakat für 'Der Weiße Hai'. Er malt es in einer kindlichen Bewältigungsstrategie immer wieder ab, will den Film sehen, darf aber nicht, wenn es nach dem Vater geht."

Weiteres: In der taz resümiert Fabian Tietke das Dokumentarfilmfestival in Leipzig. Besprochen werden eine ARD-Serie zum Cybermobbing, "Schattenseite" (Welt), Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (NZZ) und Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2025 - Film

Der türkisch-französische Schauspieler Tchéky Karyo  ist mit 72 Jahren gestorben. In der FAZ geht Andreas Kilb die Stationen seiner Karriere durch: "Als er seinen Ruhm in Frankreich in den Neunzigerjahren zu einer Hollywood-Karriere ausbaute, kehrte er auch bald wieder zu diesem Genre zurück, als Bösewicht im Bond-Film 'Golden Eye' ebenso wie neben Will Smith in 'Bad Boys', als böser Cop in 'Kiss of the Dragon' wie als guter Cop in Neil Jordans 'The Good Thief'. Doch davor und dazwischen gab es einige bemerkenswerte Ausnahmen. Etwa Luc Bessons 'Nikita', wo er den nur scheinbar hartherzigen Ausbilder der Profikillerin Anne Parillaud verkörpert. Oder seinen Auftritt als Molière in 'Der König tanzt'. Den Jäger in Jean-Jacques Annauds 'Der Bär'." 

"Wenn man ihn auf der Leinwand sah, war der Tod meist nicht fern", erinnert Christian Buß bei SpOn. Waffen brauchten seine Charakter nicht unbedingt, er "tötete vor allem mit Blicken". "Jemand wie Karyo brauchte keine langen Monologe, um Eindruck zu hinterlassen. Seiner Rolle als Nebendarsteller der Extraklasse huldigte er ironisch mit seinem Auftritt in 'Die fabelhafte Welt der Amélie' aus dem Jahr 2001, einem der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten. Da war nur kurz sein Gesicht auf einem Passfoto zu sehen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 - Film

Geheimagent Marcelo in Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent"

Voll des Lobes sind die Feuilletons für Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent", der im Jahr 1977 spielt, zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Im Zentrum steht Marcelo, ein Agent mit linker Vergangenheit. Vor allem, so Richard Kämmerlings in der Welt, brilliert der Noir-Thriller als Porträt einer Gesellschaft am Abgrund: "Die Solidarität und Menschlichkeit der verfolgten Opfer und ihrer selbstlosen Helfer bildet das Gegengewicht zu der restlos kaputten Sphäre von Politik und Medien. Der Karneval symbolisiert das Chaos, in dem die Vernunft eines Technikers wie Marcelo unterzugehen droht, die von Abgründen der Gewalt bedrohte Zivilisation. 'Ordem e Progresso', 'Ordnung und Fortschritt', lautet die Losung auf der brasilianischen Nationalflagge, die hier nur zynisch wirkt. Tatsächlich sind die Menschen getrieben von ihren Ängsten, ihrer Gier und irrationalen, postfaktischen Überzeugungen. Als Running Gag geistert ein abgeschnittenes, menschliches Bein durch den Film, das im Maul eines Hais gefunden wurde."

Bert Rebhandl trifft sich für die FAS mit Mendonça Filho und fragt ihn unter anderem nach der Bedeutung der Stadt Recife für seine Filme. Der Regisseur erläutert: "Recife war immer schon eine Stadt der Avantgarde. Hier gab es die erste juristische Ausbildung in Brasilien, hier gab es frühe Filmbewegungen." Rebhandl selbst ist ebenfalls außerordentlich angetan vom Film - und interpretiert ihn zumindest mit Blick auf die Rolle des Karnevals ganz anders als Kämmerlings: "Gegen die Identitätspolitik von rechts setzt 'The Secret Agent' auf eine Heterogenität, die im Karneval ihren höchsten Ausdruck findet." In der taz spricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur.

Christian Meier zeichnet in der FAS die Kontroversen um Shai Carmeli-Pollaks "Das Meer" nach. Der Film über einen palästinensischen Jungen, der sich in Richtung Meer aufmacht und dessen Vater, der sich um seinen Sohn Sorgen macht, startet demnächst in den israelischen Kinos und muss sich schon im Vorfeld einer Kampagne von Seiten der politischen Rechten erwehren. Dabei hat Carmeli-Pollak keine politische Kampfschrift verfilmt, sondern setzt, in der Tradition des Neorealismus, auf universelle Werte. "Gleichzeitig", stellt Meier klar, "sind die Besatzung und die damit einhergehende Gewalt in 'Das Meer' stets präsent, auch wenn sie im Hintergrund bleiben. Je mehr der Film auf der Oberfläche so tut, als erzähle er eine Geschichte ohne nennenswerte Eskalation, desto mehr wird die Unnatürlichkeit der Besatzungssituation dadurch erst richtig scharf gestellt. (...) Die politische Botschaft von 'Das Meer' lautet: Selbst wenn alles vergleichsweise gut geht, bleibt doch eine grundlegende Ungleichheit zwischen Israelis und Palästinensern bestehen."

Außerdem: Sigrid Weigel beschäftigt sich in der FAS mit einem unverfilmten Drehbuch Pier Paolo Pasolinis, das sich um den Apostel Paulus dreht. Die Filmredaktion der Presse schaut sich diverse Filme und Serien zum Thema Beerdigungen an. Ebenfalls in der Presse unterhält sich Patrick Heidmann mit Ben Stiller über dessen neuen Film "Stiller & Meara: Nothing Is Lost", der sich den Eltern des Filmemachers widmet. Im Tagesspiegel wiederum spricht Kai Müller mit Richard Gere. Noch ein Interview: Jan Küveler redet in der Welt mit "Predator: Badlands"-Regisseur Dan Trachtenberg. Marius Nobach würdigt im Filmdienst den Stummfilmkomiker Max Linder zu dessen 100. Todestag. Die aktuelle Folge des critic.de-Podcasts "Framing" widmet sich Filmen von Paul Thomas Anderson, Kelly Reichardt und Kathryn Bigelow.

Besprochen werden Luc Bessons "Dracula" (Standard) und Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (critic.de, artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2025 - Film

"It Was Just An Accident" von Jafar Panahi

Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Jafar Panahi beim Filmfestival Locarno, wo der Regisseur seinen neuen Film "It Was Just An Accident" präsentierte. Darin geht es um ein Opfer des iranischen Regimes, das meint, einen alten Peiniger wiedererkannt zu haben und diesen stellt (mehr zum Film bereits hier). "Als Inspirationsquelle nennt Panahi auch Vaclav Havels Essay 'Die Macht der Machtlosen', namentlich die Passagen über die Mechanismen totalitärer Regime: Die Gewalt gegen die Bürger führt zu Gegengewalt, die wiederum dem Staat als Vorwand dient, seine eigene Gewalt zu erhöhen. ... Paradox erscheint, dass" Panahi "partout nicht als politischer Filmemacher gelten will. ... Er verteidige keine Partei oder Ideologie, erklärt er. ... 'Als sozialer Filmemacher halte ich niemanden für grundsätzlich gut oder böse. Wer in diesem System weiterkommen oder überleben will, muss in einer Weise handeln, wie er es außerhalb niemals täte. ... Werden eines Tages die Regeln nicht mehr befolgt, wird das System zwangsläufig kollabieren. Und unsere Aufgabe als Filmemacher und Künstler ist es, die Dinge so weit zu bringen, dass diese Verletzungen stattfinden können, diese kleinen Revolutionen.'"

Außerdem: Fritz Göttler erinnert in der SZ an Pier Paolo Pasolini, der heute vor fünfzig Jahren ermordet wurde. Marc Beise berichtet in der SZ vom Andenken an Pasolini in Italien. Jörg Gerle resümiert im Filmdienst vom auf filmische Phantastik spezialisierten Festival im spanischen Sitges. Besprochen werden Ben Leonbergs Hundefilm "Good Boy" (Standard), Marcus H. Rosenmüllers "Pumuckl und das große Missverständnis" (SZ) und die "Simpsons"-Ausstellung im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen bei Saarbrücken (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2025 - Film

Andauernd erregt: "Dracula" von Luc Besson

Dracula bleibt im Kino ein Dauerbrenner. Nun hat der auf effektreichen Bombast spezialisierte Franzose Luc Besson seine (allerdings von London nach Paris verlegte) Vision des Mythos auf die Leinwand gebracht. Den Kritiken nach zu urteilen stand für den Film aber offenbar nicht so sehr Bram Stokers Roman von 1897 Pate, sondern dessen Interpretation durch Francis Ford Coppola von 1992. Es ist "ein Film, der sich dezidiert als Spektakel ausweist", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Überall findet Besson exaltierte Bilder", seine "Kamera kopuliert mit seinen Erfindungen, er kennt nur eine andauernde Erregung. ... Besson arbeitet nicht auf der Ebene der Psychologie, sondern auf der von Klischees. Er trägt den Mythos Dracula ein in Vorstellungen von Europa und Moderne, die er aber nur als Zwischenstadium sieht für seine Wiederverzauberung der Welt. Sein Bezugspunkt ist nicht 'Die Traumdeutung', die 1900 erschien, er schürft vielmehr in den Träumen und extrahiert sie."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht in dieser Opulenz nicht viel mehr als Tand: "Fokussiert allein auf sein tragisch-unerfüllbares Liebesglück, fehlt dem Vampir die Komplexität früherer Verkörperungen. Und so gern man ihn in seinem dandyhaften Auftreten im Umfeld eines Oscar Wilde verorten würde, fehlen ihm wiederum die entsprechend feinsinnigen Dialoge. So folgt man seiner von ihm selbst einmal als gewundenem Leidensweg beklagten Existenz zwar durchaus mit ästhetischem Vergnügen, aber nicht unbedingt gefangen." Tazlerin Jenni Zylka zerfällt "aus Langeweile fast zu Staub". Robert Wagner hat auf critic.de Spaß an dem Film, auch wenn Dracula gelegentlich "gecockblockt" wird.

Immer mehr Neustarts prügeln sich zu immer teureren Ticketpreisen um immer weniger Leinwände und ein immer häufiger lieber zuhause bleibendes Publikum, stellt Rüdiger Suchsland auf Artechock nach einem Blick auf die aktuellen Startlisten fest: Alleine diese Woche gibt es annähernd 30 Kinostarts, im November drücken fast 90 hinterher. Eine Verschlankung des Angebots "wäre trotzdem falsch", findet er. "Umgekehrt wäre es nötig, im Prinzip viel mehr Kinos und neue Spielflächen zu schaffen", auch brauche es "dringend niedrigere Preise und eine bundesweite Kino-Flatrate. ... Das Kino sollte weg von der Tendenz, eine zweite Oper zu werden. Es muss ein Jahrmarkts- und Alltags-Vergnügen sein, das, was man schnell noch mal am Abend für zwei Stunden tut."

Außerdem verweist Suchsland auf einen Bericht in Variety, demzufolge das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam israelischen Branchenvertretern samt und sonders die Akkreditierung verweigert hat - und zwar mit fadenscheinigen Begründung, sei seien "am Völkermord mitschuldig", was nicht nur, aber insbesondere im Fall des linken, traditionell regierungskritischen DocAviv-Festivals komplett an den Haaren herbeigezogener Blödsinn ist. "Dies alles entspricht leider der unglücklichen Tendenz, dass sich Filmfestivals als Polit-Zensoren und Aktivisten aufspielen, anstatt einfach offene Bühnen für künstlerische und kulturpolitische Auseinandersetzungen zu sein", kommentiert Suchsland. "Damit maßen sich Festivals eine Expertise und Kompetenz an, die sie schlicht und einfach nicht haben. Sie werden zu Treibern einer Zensur durch die Hintertür, die demokratische Gesellschaften und Öffentlichkeiten nachhaltig beschädigt."

Weiteres: Silvia Hallensleben (taz) und Fabian Lutz (critic.de) resümieren die Viennale. Thomas Ribi schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen. Besprochen werden Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (Perlentaucher, ArtechockStandard, FR, Zeit Online, mehr dazu bereits hier), Kathryn Bigelows auf Netflix gezeigter Atomkriegs-Thriller "A House of Dynamite" (Standard, unsere Kritik), Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (Standard), Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (Perlentaucher), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Welt, Artechock), Claire Simons bei DOK-Leipzig gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Artechock), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Down Cemetery Road" mit Emma Thompson (FAZ),  Marcus H. Rosenmüllers neuer Pumuckl-Film (Artechock), Reem Khericis "Miau und Wau" (Artechock), Ben Leonbergs "Good Boy" (Artechock) und Andy Muschiettis Stephen-King-Serie "Es: Willkommen in Derry" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2025 - Film

Emma Stone gibt ihren Entführern Konferenzteflon-Paroli: "Bugonia" von Yorgos Lanthimos

Der griechische Autorenfilmer Yorgos Lanthimos nimmt in seinen jüngeren Filmen "den Umweg des Absurden, um in Areale vorzudringen, in denen sich die Konturen der Wirklichkeit bisweilen umso klarer zeigen", schreibt Arabella Wintermayr in der taz. Von der Fantastik macht er sich dabei mit jedem Film etwas mehr frei: "Wenn man so will, arbeitet sich Yorgos Lanthimos also zunehmend direkter zu den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit vor - oder ist es andersherum, und eine immer entrückter wirkende Welt kommt Yorgos Lanthimos entgegen?" Sein neuer Film "Bugonia" jedenfalls widmet sich "den ganz realen Weltentrückten unserer Zeit, den Verschwörungsgläubigen, den Misstrauensmissionaren im digitalen Endzeitalter."

Emma Stone, die künstlerisch mittlerweile eng mit Lanthimos verbandelt und auch die Produzentin seiner Filme ist, gibt in diesem losen Remake von Jang Joon-Hwans südkoreanischer Groteske "Save the Green Planet" von 2003 eine smarte Pharma-Unternehmerin, die von Durchgeknallten entführt wird, die in ihr ein Alien erkannt zu haben meinen, das eine Invasion vorbereitet. Doch "gegenüber ihren Entführern behält sie den kühlen Ton der Businessfrau bei, die gewohnt ist, dass es nach ihrem Willen geht", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sie antwortet auf Teddys Alien-Beweisargumentationsketten also mit: 'I hear where you're coming from, and I respectfully disagree.' An diesem Konferenzteflon perlt alles ab. Die Mauer der verdrehten Argumente des Fake-News-Gläubigen kann aber auch dieser neuartige Dialekt nicht einreißen. Wörter sind verdreht, Sprache ist ohnmächtig." SZ-Kritikerin Sofia Glasl beobachtet in diesem Film eine "Weltuntergangsstimmung", welche "sich kaum noch von der realen Gesamtsituation unterscheidet. ... Verschwörungsideologen und Tech-Milliardäre teilen die Welt offenbar nun schon lange genug untereinander auf."

Weiteres: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit Eva Libertad über deren Film "Sorda", in dem eine gehörlose Frau ein Kind zur Welt bringt. Die Film und Medien Stiftung NRW gibt die fünf Nominierten für die besten Filmkritiken des Jahres bekannt: Auch unser Kritiker Lukas Foerster ist auf der Liste - wenngleich für eine Kritik beim Filmdienst. Wir wünschen viel Erfolg! 

Besprochen werden unter anderem Hong Sangsoos auf der Viennale gezeigter "What Does that Nature Say To You?" (Standard), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Tsp), Marcus H. Rosenmüllers neuer "Pumuckl"-Film (Standard) und Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (SZ).