Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2025 - Bühne

Szene aus "Die Ameise" an der Oper Bonn. Foto: Bettina Stöß. 


"Ein später, durchschlagender Triumph" gelingt mit der vergessenen Oper "Die Ameise" aus dem Jahr 1961 von Peter Ronnefeld, freut sich FAZ-Kritikerin Lotte Thaler. Kateryna Sokolova hat die surreale Story, die sich zwischen "E.T.A. Hoffmann und Kafka" bewegt, an der Bonner Oper auf die Bühne gebracht. Es geht um den Gesangslehrer Salvatore, der seine Schülerin umgebracht haben, soll, "im Gefängnis fliegt sie ihm als Ameisenkönigin zu und wird zur singenden Sensation ausgebildet." Die Kritikerin ist von allem begeistert, aber vor allem von "Nicole Wacker als von einer ehrgeizigen Mutter (Susanne Blattert) zum Gesangsunterricht getriebenen halbwüchsigen Formica, die ihrem Lehrer Salvatore mit stratosphärischem Koloratursopran den Kopf verdreht. Dietrich Henschel spricht, singt, spielt ihn mit somnambuler Verfasstheit, völlig eingesponnen in einen Kokon aus pädagogischem Eros, in dem die Liebe zum Gesang mit der Liebe zur Schülerin zusammenfällt. Als sie ihn verlassen will, verliert er sich selbst, wird wahnsinnig."

Besprochen wird Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (taz), Marco Goeckes Inszenierung von Tschaikowskys Ballett "Der Nussknacker" am Theater Basel (NZZ) und Johanna Nuutinens Choreografie "Æon" an der Studiobühne des Osnabrücker Theaters (taz). 

Stichwörter: Ronnefeld, Peter

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2025 - Bühne

Sehr eindrücklich berichtet Matthias Naumann für die nachtkritik von dem israelischen Theaterfestival Festival "Isradrama". Viele Produktionen setzen sich in unterschiedlichsten Weisen mit dem 7. Oktober auseinander. Diese Produktionen wird man in Europa kaum sehen können - weil ein nicht ausgesprochener Boykott an europäischen Bühnen betrieben wird, so Neumann. Der Boykott ist auch anderweitig spürbar: "Aufführungsrechte zu verweigern, ist eine stille Methode des Boykotts, die niemand öffentlich skandalisiert, die anscheinend jedoch zahlreich praktiziert wird. Hört man sich in diesem November 2025 in der israelischen Theaterszene um - während in Europa die Hetze gegen Israel unvermindert weitergeht, als gäbe es keinen Waffenstillstand -, wird einem schnell deutlich, wie isoliert israelische Künstler*innen zur Zeit sind. Die Zahl der Kooperationen mit europäischen und nordamerikanischen Theatern ist merklich zurückgegangen, ebenso Einladungen zu Festivals, Residenzen. Eine Abgeschnittenheit von Europa macht sich bemerkbar, die gerade diejenigen trifft, die sich als linke, kritische Künstler*innen gegen die rechte israelische Regierung stellen."

Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Robert Schittko

Eine "kluge Bühnenfassung" von Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" sieht FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen am Schauspiel Frankfurt. Ran Chai Bar stellt in seiner Inszenierung das Dreiergespann Basil, Lord Henry und Dorian in den Mittelpunkt. Zu den "stärksten des Abends" gehört diese Szene: "Dorian hat Basil und Henry in ein schäbiges Eastend-Theater mitgenommen, wo das Mädchen auf der Bühne steht, in das er sich verliebt hat und das er heiraten will. Nun starren sie auf die Bühne im Stück, also in die Richtung der Frankfurter Zuschauer, die wiederum einzig in den Gesichtern der drei einen Abglanz davon erhaschen, wie Dorians Freundin spielt. Das tut sie offensichtlich katastrophal, wie sich rasch in den anfangs vorfreudigen, dann mutig um Begeisterung ringenden und schließlich resignierten Mienen der drei ganz exzellent abzeichnet. Dorian nimmt seiner Verlobten das Versagen übel und lässt es sie spüren. Als er am nächsten Tag die Nachricht von ihrem Selbstmord erhält, versucht er zu weinen. Und kann es nicht."

Judith von Sternburg ist in der FR vor allem von der Darstellung Henrys beeindruckt: "Ihm gehört gewissermaßen das künstliche, stilisierte Feld, das die Regie bereitet. Ihm als der unmenschlichsten der drei Figuren, einem Scheusal, so kalt und gleichgültig, dass es schon wieder ganz nett ist. Stefan Graf spielt das fulminant, eine Karikatur, aber eine gekonnte. Wörter, die er nicht mag ('Treue'), vernichtet er beim Sprechvorgang. Ihm ist es zu verdanken, dass die Anfangssequenz, das Kennenlernen, das Umgarnen des Lamms, dermaßen glüht, dass der folgende Discoabend mit Eurythmics' 'Sweet Dreams' eine echte Spannungsentladung bringt."

Besprochen werden Claus Nicolai Six' Inszenierung von "Lecken3000" am Burgtheater Wien (nachtkritik, taz), Claus Guths Inszenierung des Musicals "Cabaret" im Münchner Residenztheater (SZ), Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (nachtkritik), David Böschs Inszenierung von Ödön von Horváths Stück "Der jüngste Tag" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Angeliki Papoulias Inszenierung von Euripides Stück "Hekabe" am Schauspielhaus Zürich (NZZ) und Holger Schultzes Inszenierung von Tennessee Williams' Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Theater Heidelberg (nachtkritik).
Stichwörter: Wilde, Oscar

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2025 - Bühne

Szene aus Alban Bergs Oper "Wozzeck" an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Stephan Rabold. 

Alban Bergs Oper "Wozzeck" ist nach hundert Jahren an die Staatsoper Unter den Linden zurückgekehrt (unser Resümee). Im FAS-Interview mit Thomas Lindemann erklärt die Regisseurin Andrea Breth, was sie an dem Stoff so fasziniert. Das Stück sei "eine Metapher der Armut", Wozzeck "widerfährt eine regelrechte Entindividualisierung, er wird zur Kreatur heruntergezogen (...) Wir haben mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber eine Drehbühne erschaffen, die wie ein ewiges Holzgefängnis aussieht. Die Räume sind winzig, getrennt durch Holzgitter, man kann immer alles sehen, es gibt kein privates Dasein. Und es dreht sich, weil Wozzeck immer gehetzt ist, er rennt und rennt, wie ein Hamster im Rad. Es wird nie besser, es wird immer schlimmer: Er taumelt von einer Arbeit zur nächsten und wird doch immer wieder versklavt. Alban Berg hat in der Oper wunderbare Zwischenspiele komponiert, die die Szenen voneinander trennen, und da wird es bei mir einfach schwarz. Da will ich nichts bebildert haben. So bleibt die blitzlichtartige, gruselige Kurzform der Oper erhalten: von einer Katastrophe in die nächste."

Besprochen werden Wolfgang Nägeles Inszenierung von Harrison Birtwistles Oper "Punch and Judy" mit der Oper Frankfurt (FR) und Caroline Stolz Inszenierung von Ray Cooneys Stück "Außer Kontrolle" an der Komödie Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2025 - Bühne

Am 14. Dezember 1925 fand die Uraufführung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" an der Staatsoper Unter den Linden statt, dort wird sie nun hundert Jahre später unter dem Dirigat von Christian Thielemann erneut aufgeführt, freut sich Michael Maier, der in der Berliner Zeitung erinnert, dass Berg damals rassistischen und antisemitischen Angriffen ausgesetzt war: Dramaturg "Detlef Giese sagte der Berliner Zeitung, dass Berg von den antisemitischen Zeitungen als 'Komponist jüdischer Abkunft dargestellt und mit Vorurteilen belegt wurde' - obwohl Berg nicht Jude war. Giese: 'Rassistische Stereotype wurden bemüht, um ästhetische Vorbehalte der Musik gegenüber zu begründen.' Dass Bergs Werke in der NS-Zeit dann als 'entartet' galten und nicht mehr aufgeführt wurden, stehe in dieser Tradition."

Weiteres: Für die Welt zieht Manuel Burg mal mehr, mal weniger amüsiert durch die Pariser Musicalszene. Besprochen werden das Konzert "Sufi-Poesie aus Aleppo" in der Reihe "Musiken der Welt" im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper (FR), Leonardo Raabs Inszenierung von Dario Fos und Franca Rames linker Boulevardklamotte "Bezahlt wird nicht" am Staatstheater Mainz (FR),  Christiane Rösingers Musicalabend "Leben im Liegen" am Berliner HAU (taz, Tagesspiegel) und Imre Lichtenberger Bozokis Inszenierung "Die verschissene Zeit" nach Barbi Marković am Wiener Kosmotheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2025 - Bühne

Szene aus "Hasenprosa". Foto: Laura Nickel

Maren Kames' "Hasenprosa" schaffte es vergangenes Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis, nun hat Marlon Otte die poetische Geschichte um die Begegnungen eines Hasen mit einer jungen trauernden Frau auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt gebracht, staunt Judith von Sternburg in der FR. Nina Wolf gibt die junge Frau, Sebastian Reiß den Hasen: "Es gibt ein einfaches buntes Bühnenbild von Marco Pinheiro, in dem sich das Duo lässig tummeln, verbergen und Quatsch machen kann: Kisten und Kästen - einer enthält die sommerlichste aller Blumenwiesen, einer hat ein Bullauge wie eine Waschmaschine. (…) Die Bewegungssprache ist deutlich, vor allem naturgemäß die des Hasen, der vorläufig im ohnehin schon orangefarbenen Licht eine Karotte isst. Reiß beim Mümmeln und Murmeln zuzusehen und wie er die schmucken Vorderzähne dann doch herausnimmt, um sich den Menschen gegenüber verständlich zu machen, ist schon ein Spaß."

Weitere Artikel: Für die Zeit trifft Christine Lemke-Matwey die amerikanische Komponistin Meredith Monk, die derzeit an der Folkwang Universität die Pina-Bausch-Gastprofessur innehat. Martin Thomas Pesl sendet der nachtkritik einen Lagebericht aus Wiens Theaterlandschaft, die im kommenden Jahr mit Budgetkürzungen von 7 Prozent im Vergleich zum laufenden Jahr auskommen muss.

Besprochen werden außerdem Isabelle Redferns Inszenierung "Porneia" - eine Überschreibung von Aristophanes' "Lysistrata" von Golda Barton am Hamburger Thalia Theater (taz), Vasily Barkhatovs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala (NZZ), Hans Abrahamsens Vertonung von Andersens "Schneekönigin" an der Semperoper in Dresden (FAZ) und 
Christiane Rösingers Stück "Leben im Liegen" am Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik).
Stichwörter: Otte, Marlon, Kames, Maren

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2025 - Bühne

Teatro alla Scala: Lady Macbeth von Mzensk. Credit: Bescia e Amisano

Welt-Autor Manuel Brug kann einiges anfangen mit Vasily Barkhatovs Inszenierung der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala. Musikalisch ist die Aufführung ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und auch die szenische Umsetzung sticht: "Das Stück wird realistisch ernst genommen, nie ironisiert, aber immer wieder in die Klammer des Als-ob gestellt - und gewinnt so an Poesie. Dafür bricht dann in der eisigen Steppe des Finales ein riesiger Gefangentransporter durch die Glaswand, die filigranen Lüster senken sich als Eiskristalle herab. Die neue Geliebte ihres Lovers Sergej, den die rachsüchtige Katerina mit ins Wasser zieht, wird hier zum Brandopfer als flackerndes Fanal. Sehr tarkowskihaft all das." Max Nyffeler ist in der FAZ nicht gar so begeistert und vermutet angesichts eines Plots voller Heimtücke und - vor allem - Vergewaltigungen: "Es ist wohl die Faszination des Bösen, die den Theaterbesucher in Atem hält."

Einen denkwürdigen Ballettabend erlebt FAZ-lerin Wiebke Hüster an der Hamburger Staatsoper. "La Sylphide", eine Sternstunde des Tanztheaters der Romantik, überzeugt ebenso wie Aleix Martinez' "Äther", eine zeitgenössische Antwort auf August Bournonvilles Klassiker. Der neue Ballettdirektor Lloyd Riggins, der das schwere Erbe Demis Volpis antritt, startet mit einem Volltreffer. Tatsächlich "wurden nicht nur die guten Tänzer, sondern auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, seine Solisten und sein Dirigent Markus Lehtinen gefeiert, weil sie wie die Tänzer den ästhetischen Sprung über fast zwei Jahrhunderte hinweg nahmen, als wäre es gar nichts. Es ist großartig zu erleben, dass Musiker und Tänzer beides können und beides lieben, die Romantik und das Zeitgenössische, und zwei in den Mitteln und Anforderungen so weit voneinander entfernten Epochen an einem Abend Gerechtigkeit widerfahren lassen."

Außerdem: Manuel Brug schaut sich für die Welt in der Pariser Musical-Szene um. Mit dem arg braven Emanzipationsspektakel "La Cage Aux Folles" im Théâtre du Châtelet kann er wenig anfangen, Jacques Offenbachs "Robinson Crusoe" am Théâtre des Champs-Élysées kommt besser weg. Nicht nur in Berlin, auch in Baden-Württemberg wird im Kulturbereich fleißig gekürztberichtet Björn Hayer in der taz. Esther Slevogt erinnert auf nachtkritik an den jüdischen Theaterkritiker Arthur Kürschner. Ebenfalls auf nachtkritik gedenkt Christian Rakow seines 2022 verstorbenen Kollegen Nikolaus Merck, der das Online-Theatermagazin einst mitgegründet hatte. Und noch einmal nachtkritik: Martin Thomas Pesl schaut sich in der Wiener Theaterszene um.

Besprochen werden eine "Madame Butterfly" an der Wiener Staatsoper (Walter Dobner hat in der Presse weder für die Sopranistin Eleonora Buratto noch für Dirigent Giampaolo Bisanti viel lobende Worte übrig) und "Dinner for one" von Guillaume Poix und Rebekka Kricheldorf am Theater Neumarkt Zürich (nachtkritik; "Eigentlich geht hier gar nichts auf, aber mit gewissem Witz").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2025 - Bühne

Szene aus "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!". Foto: Luna Zscharnt

Ein Krippenspiel an der anarchistischen Volksbühne? Das passt dank Christian Filips Stück "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!" ganz hervorragend, jubeln die Kritiker. Wenn Sophie Rois als Franz von Assisi in den Klassenkampf zieht, um gegen Kapitalismus, Klickfarmen und "Tech-Feudalismus" zu kämpfen, amüsiert sich nicht nur Peter Laudenbach in der SZ: "Die Revue hangelt sich an zwei Themensträngen entlang: Franz von Assisi predigt Armut, spricht mit den Vögeln und wird vom Papst (großartig: Kerstin Graßmann) als 'Kommunistenschwein' verdammt. Weil Franz von Assisis Liebe zu den Vögeln zwar schön ist, vor allem wenn Messiaen sie vertont, der Abend aber bitte nicht in den Erbauungskitsch abrutschen soll, verspeist Sophie Rois mit Genuss ein Brathähnchen. Margarita Breitkreiz spielt eine menschliche Horrorkrähe, und Hitchcocks Vögel jagen auf den Videowänden unschuldige Amerikaner."

Im Tagesspiegel ächzt Rüdiger Schaper zwar unter all den "existenziellen Themen", die Musik findet er aber grandios: "In einer unsäglichen Szene über Krieg und Pazifismus mokiert [Regisseur Filip] sich über Aufrüstung und inszeniert einen ausgelassenen folkloristischen Russentanz, begleitet von dem fulminanten Orchester unten an der Rampe. Kleine Weihnachtsaufmerksamkeit für Putin." Welt-Kritiker Jakob Hayner erlebt "nicht nur das schönste und wohl opulenteste Krippenspiel des Jahres, sondern (es) folgt als Metakrippenspiel auch einem heiligen Ernst. Es ist die Suche nach der ungeteilten Welt in einer Gesellschaft auf dem Privatisierungstrip." Auch Nachtkritiker Christian Rakow ist begeistert: "Heiligsprechungen, Wunderglaube, Aufruhr, Revolutionswehen! Ein feuerrot strahlendes Giotto-Bühnenbild! Also Opulenz gar kein Ausdruck." Nur in der FAZ schimpft Simon Strauss: "Zu viel Aufwand…, um den Gedanken der Heiligkeit der Einfachheit zu überführen".

Besprochen werden außerdem Mozarts im zarten Alter von 14 Jahren komponierte Oper "Mitridate, re di Ponto" an der Oper Frankfurt (ein "atemberaubend spannendes musiktheatralisches Ereignis", ruft Judith Sternburg in der FR, in der FAZ ist auch Jan Brachmann angetan), ein Tanzstück von Maciej Kuźmińskis "Cantos" am Hessischen Staatsballett (FR), Rabih Mroués und Lina Majdalanies Lecture Performance "Vier Wände und ein Dach" im Frankfurter Mousonturm (FR), Yael Ronens Stück "Sabotage" an der Berliner Schaubühne (taz) und Anna Bernreitners Inszenierung der Strauss-Oper "Die Fledermaus" mit neuen Texten von Patti Basler an der Oper Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2025 - Bühne

"Hamlet". Foto: Toni Suter.


Judith von Sternburg erlebt in "Hamlet", inszeniert von Burkhard C. Kosminski, für die FR auch einen Protest gegen Kulturkürzungen, denen das Schauspiel Stuttgart entschieden, manchmal fast ein bisschen zu effektreich, entgegentritt: "Kälte geht hier vor Leidenschaft. Hamlet selbst, der Schauspieler Franz Pätzold als Gaststar, ist aggressiv wie ein aufgeklapptes Messer und hält den Ball zugleich flach. Imposant, eisig, nonchalant. Entsprechend kraftvoll das Finale mit Degen und Gift, von Annette Bauer choreografiert. Der Rest ist ein Song. Nein, der Rest ist ein eindrucksvoller Protest gegen drohende massive Einsparungen in der Kultur seitens der Stuttgarter Stadtpolitik."
 
Für Nachtkritikerin Verena Großkreutz eiert das Stück ziemlich durch die Gegend, so richtig zusammenpassen will da nichts wirklich: "Hier wird gealbert, dort maßlos übertrieben. Wann dringt man vor zum ernsten, zeitlosen, bedeutenden Kern des Stücks? Im Umfeld des klamottig Inszenierten verlieren die Monologe Hamlets jedenfalls flugs ihre Bedeutsamkeit. Und nicht nur der Wahnsinn Ophelias (eigentlich einfühlsam gespielt von Pauline Großmann) wird dadurch zur Farce. Entscheidet man sich für Schenkelklopfer, begeht man gleichzeitig einen Verrat am Wahrhaftigen: an den Figuren, die echte Gefühle zeigen."

Auch die SZ macht auf die Budgetkürzungen aufmerksam, die dem Theater bevorstehen und gegen die protestiert wird.
 
Weiteres: Gerald Felber feiert in der FAZ hundert Jahre seit der Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck". Sabine Küper-Busch und Shahzad Mudasir porträtieren den Kabuler Tänzer Vantace für Jungle World.

Besprochen werden: Ilker Cataks "Das Lehrerzimmer", inszeniert von Adrian Figueroa am Nationaltheater Mannheim (taz), "Alles Liebe" von Misha Cvijovic und Philipp Amelungsen, inszeniert von Anna Weber am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!", geschrieben und inszeniert von Christian Filips an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik) und "Eine perfekte Hochzeit" von Matthew Lopéz, inszeniert von Christian Brey am Theater Oberhausen (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2025 - Bühne

Szene aus "Play Auerbach". Foto: Julian Baumann

Das tragische Leben des Holocaust-Überlebenden Philipp Auerbach, der von den Amerikanern 1945 als "Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte" eingesetzt und von allen Seiten angefeindet wurde, bis er sich schließlich das Leben nahm - als Revue auf der Bühne? Funktioniert wunderbar, meint Christine Dössel (SZ), nachdem sie Sandra Strunz' Inszenierung von Avishai Milsteins Stück "Play Auerbach" an den Münchner Kammerspielen gesehen hat: "Milstein lässt sein Stück im Jahr 2045 spielen. Hundert Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in Deutschland kein jüdisches Leben mehr, auch kein Theater. Aber es gibt - schöner Sarkasmus - noch eine Antisemitismusbeauftragte. Die heißt Beate und ist bei Wiebke Puls eine Beflissene von maximal komischem Überkorrektheitseifer: 'Erinnerungskultur ist meine Mission'. Mit einer Laienspielgruppe studiert sie eine Gedenkrevue für den vergessenen Auerbach ein. Das ist die Rahmenhandlung. Eine clevere Setzung, denn so kann - und soll - in dieser Inszenierung alles ein bisschen schief und roh und unperfekt sein."

Auch nachtkritikerin Sabine Leucht amüsiert sich über "schwarzen Humor und eklektische, aber pointierte Detailansichten", etwa wenn die eifrige Antisemitismusbeauftragte Beate zu einem Juden "Sätze sagt wie 'Aber wenn Sie das so darstellen, sind definitiv Sie für den Ausbruch der neuen antisemitischen Welle seinerzeit verantwortlich gewesen', ist man mitten im nächsten, megafetten Fettnäpfchen gelandet. Denn der so Angesprochene kontert nur knapp: 'Sagen Sie gerade, die Juden sind Schuld am Antisemitismus?'"

Szene aus "El barberillo de Lavapiès". Foto: Ingo Hoehn

Nietzsche liebte die Zarzuela - und doch erreichte die spanische Form der Operette außerhalb Spaniens nie größere Bekanntheit. Das will der Regisseur Christof Loy nun ändern, freut sich Michael Stallknecht in der NZZ, der bereits Loys aktuelle Inszenierung "El barberillo de Lavapiès" von Francisco Asenjo Barbieri am Theater Basel gesehen hat. Für Loy liegt der Schwerpunkt der Zarzuela vor allem im "im sozialkritischen Element, bei den starken Frauenfiguren, beim freizügigen Spiel mit Geschlechterrollen." Und Stallknecht ergänzt: "Lebensfreude paart sich hier oft mit inniger Religiosität, rauschende Feste schlagen in verzückte Andacht um, was der mitteleuropäischen Operette denn doch fremd ist. Selbst der Volksaufstand des kleinen Barbiers aus Lavapiès folgt keiner Weltanschauung, wie sie deutschsprachige Theatermacher lieben. Er richtet sich konkret gegen jene Einzelnen, die dem Volk zu sehr auf den Pelz rücken, egal von welcher Seite."

Besprochen werden Jacques Offenbachs "Die schöne Helena" an der Frankfurter Volksbühne (FR), Nicola Hümpels Inszenierung "Quartett zum Quadrat" von Nico and the Navigators im Berliner Radialsystem (nachtkritik), Alexander Vaasens Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns "Muttersprache Mameloschn" am WLB Esslingen (nachtkritik), Liesbeth Coltofs Inszenierung "The Drop - Beat. Break. Believe" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Guy Weizmans Inszenierung "Hope" mit Texten von Maria Milisavljević und Ensemble am Hamburger Thalia-Theater (nachtkritik), Kelly Coppers und Pavol Liskas "Pizza oder Eine Tür in der Dunkelheit tanzt nicht" von Nature Theater of Oklahoma am Gold & Pech Theater Höf-Präbach (nachtkritik) und Yael Ronens "Sabotage" an der Berliner Schaubühne ("die Aufführung wirkt verspannt und innerlich hohl", meint Irene Bazinger in der FAZ, Tsp, SZ mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2025 - Bühne

Szene aus "Sabotage". Foto: © Ivan Kravtsov

Gestern feierte Yael Ronens neues Stück "Paradox" über einen jüdischen Filmemacher, der sein Schweigen zu Gaza brechen will, von seiner Frau aus Angst vor einem Karriereschaden sabotiert wird und sich in Psychotherapie begibt, an der Berliner Schaubühne Premiere. Und es scheint, als platze es auch aus Yael Ronen heraus, nachdem im eröffnenden Monolog sofort von von Genozid und Gaza, von Holocaust und Auschwitz die Rede ist, kommentiert Janis El-Bira in der nachtkritik: "Ausgerechnet mit seinem israelkritischen Leibowitz-Filmprojekt will er die deutsche Gesellschaft und ihre stolze Vergangenheitsbewältigung einem Liebestest unterziehen: Was gilt euch der Jude, der nicht mehr mitspielt? Der ausbricht aus der Rolle? Und wenn ihr ihm die Liebe entzieht, ihn einen 'selbsthassenden Antisemiten' nennt, muss er dann fort? Nach Israel? Darin hätte 'Sabotage' Potenzial, einige Schmerzpunkte zu drücken. Dass es nur ansatzweise gelingt, liegt daran, dass Ronen rund um die Jona-Figur einen kruden Plot aus Spiegelungen, schrägen Liebesverstrickungen und tiefenpsychologischem Klimbim konstruiert, in dem sich die ganze Sache trotz blendender Unterhaltungswerte ziemlich verheddert."

Das Stück beleuchte das "Dilemma jüdischer Künstler", erklärt der Schauspieler Dimitrij Schaad, der eine der Hauptrollen spielt, derweil im Tagesspiegel: "'Die Position eines jüdischen Künstlers innerhalb der deutschen Gesellschaft ist eine paradoxe', sagt Schaad. 'Meine Figur hat das Gefühl, mal 'der Gute Jude' sein zu müssen, mal 'der Schiedsrichter, der pfeifen soll bei antisemitischem Abseits', wie es im Stück heißt, mal das Feigenblatt für deutsche Debatten. Wir leben in einer erhitzten Zeit, in der weltpolitische Konflikte im Wohnzimmer ausgetragen werden."

Weitere Artikel: Im Standard gibt Christoph Irrgeher einen ersten Ausblick auf das Programm der kommenden Salzburger Festspiele, die mit zwei Sensationen aufwarten: Stücke von Peter Handke und Elfriede Jelinek werden uraufgeführt. Im FAZ-Interview mit Wiebke Hüster spricht Lloyd Riggins, aktuell Künstlerischer Ballettdirektor beim Hamburger Ballett, über das Erbe der Tanzgeschichte und seine Pläne.

Besprochen werden eine Musical-Adaption von Paddington am Savoy Theatre im Londoner West End (SZ) und Mateja Mededs Inszenierung von Thomas Köcks Stück "KI essen Seele auf" am Theater Stuttgart (SZ).
Stichwörter: Ronen, Yael, Schaad, Dimitrij