Der Liberalismus ist in Verruf geraten. Oft wird er nur noch als Elitenattitüde wahrgenommen, als exklusive Kultur urbaner Globalisierungsgewinner. Wie konnte es so weit kommen? War der Liberalismus schon immer eine Sache arroganter, im Zweifelsfall heuchlerischer Moralisierer? Jan-Werner Müller zeigt, wie und warum sich solche Vorstellungen nach dem Ende des Kalten Krieges entgegen allen Erwartungen liberaler Triumphalisten durchsetzten. Vor allem aber formuliert er auf den Spuren der in Deutschland immer noch weitgehend unbekannten Denkerin Judith Shklar einen Liberalismus, der sich an der Vorstellung eines Lebens ohne Furcht und Abhängigkeiten orientiert. Damit wird es möglich, sowohl Antidiskriminierunsgpolitik als auch soziale Sicherung neu zu begründen - anstatt sie immer wieder unproduktiv gegeneinander auszuspielen.
Anne-Kathrin Weber findet praktische Maßgaben für die politische Debatte in Jan-Wener Müllers Buch. Die Furcht des Anderen als Maßstab für eigenes Handeln, das leuchtet ihr ein. Wenn Müller in seinem Essay Populisten und Unternehmen dafür kritisiert, Furcht zu verbreiten, und Judith Shklars Konzept eines "Liberalismus der Furcht" mit einem "Liberalismus der Rechte" zu verbinden sucht, findet Weber das zwar mitunter sprunghaft und einiges Vorwissen in Politischer Theorie voraussetzend. Müllers Definition des demokratischen Auftrags aber erscheint ihr dafür umso pointierter und klarer.
Verdienstvoll findet Tom Wohlfarth den Versuch des Politologen Jan-Werner Müller, den Liberalismus zu retten. Müllers Entwurf eines "anderen Liberalismus" unter kritischer Hinterfragung des Narrativs vom "Triumph des Liberalismus" und im Anschluss an Judith Shklars "Liberalismus der Furcht" erscheint Wohlfarth als schöner Zug. Im assoziativ sprunghaften Gang durch die Geschichte der Liberalismen verliert sich der Rezensent aber auch. Erkennbar wird für ihn Müllers Verknüpfung von Shklar und konstitutionalistischem Liberalismus. Wie genau diese Hochzeit vonstatten gehen soll, darüber lässt ihn der Autor aber leider allzu sehr im Unklaren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2019
Rezensent Florian Meinel lernt mit Jan-Werner Müllers Essay einen neuen Begriff des Liberalismus kennen. Wie der Politikwissenschaftler seine internationale Ideengeschichte des neuzeitlichen Diskurses zum Thema politische Freiheit auf relativ knappem Raum entfaltet und die Neuausrichtung liberalen Denkens nach dem Ende des Kalten Krieges erkundet, findet Meinel fulminant, geprägt von enormer Übersicht. Müllers Vorschlag, die Erfahrungen von Menschen in Furcht eine politische Bühne zu geben, findet Meinel richtig und gar nicht kitschig.
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