Jürgen Habermas

Auch eine Geschichte der Philosophie

Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen

Klappentext

Das neue Buch von Jürgen Habermas ist auch eine Geschichte der Philosophie. Es gibt im Stil einer Genealogie darüber Auskunft, wie die heute dominanten Gestalten des westlichen nachmetaphysischen Denkens entstanden sind. Als Leitfaden dient ihm der Diskurs über Glauben und Wissen, der aus zwei starken achsenzeitlichen Traditionen im römischen Kaiserreich hervorgegangen ist. Habermas zeichnet nach, wie sich die Philosophie sukzessive aus ihrer Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat. In systematischer Perspektive arbeitet er die entscheidenden Konflikte, Lernprozesse und Zäsuren heraus sowie die sie begleitenden Transformationen in Wissenschaft, Recht, Politik und Gesellschaft. Das neue Buch von Jürgen Habermas ist aber nicht nur eine Geschichte der Philosophie. Es ist auch eine Reflexion über die Aufgabe einer Philosophie, die an der vernünftigen Freiheit kommunikativ vergesellschafteter Subjekte festhält: Sie soll darüber aufklären, "was unsere wachsenden wissenschaftlichen Kenntnisse von der Welt für uns bedeuten - für uns als Menschen, als moderne Zeitgenossen und als individuelle Personen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2019

Recht freundlich lässt Rezensent Jürgen Kaube dieses gewaltige Werk Revue passieren. Als eine regelrechte, alles abwägende Rezension hat er seinen Artikel auch gar nicht angelegt - er bleibt im Grunde recht kurz. Habermas erzähle die Geistegeschichte als eine Lösung aus dem Religiösen, die diesem aber irgendwie freundschaftlich verbunden bleibt, meint man zu verstehen. Denn laut Habermas dienten sowohl Religionen als auch die Philosophie zur sozialen Integration von Gesellschaften. Kaube macht hier nur milde religionskritische Einwände, etwa dass Religionen durchaus konfligierende, miteinander unvereinbare Weltbilder vertreten könnten. Auch dass die Religionen trotz durch Habermas erfolgter Entzauberung nicht absterben, scheint Kaube an Habermas' Entwurf zu stören. Aber wie gesagt: Anders als Habermas will er "das Ganze" gar nicht erledigen, vielmehr freut er sich über die zahlreichen Seitenwege, die Habermas nebenbei beschreitet, etwa zur Frage, ob Jesus sich selbst als Messias gesehen habe. Für Kaube ist diese Summe vor allem ein Fest der "Erkenntnisfreude".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.11.2019

Detailreich und höchst wohlwollend, wenn auch mit Einschränkungen, bespricht der Tübinger Philosoph Otfried Höffe diese monumentale "Auch-Philosophiegeschichte", mit der Habermas sein Oeuvre abrundet. Habermas erzähle  seine Geschichte durchaus als eine Genealogie mit innerer Folgerichtigkeit, die am Ende bei Habermas selbst, also bei einer "von Sprach- und Kommunikationstheorie bestimmten, für kooperative Lernprozesse offenen Philosophie" landet. En détail hat Höffe hiergegen eigentlich eine ganze Menge einzuwenden. Für ihn ist bei Habermas zu sehr Jerusalem und nicht genug Athen das Muster. Sowohl bei Platon, als auch bei Aristoteles (aber nicht nur hier) findet er Elemente, die einer Geschichte des Denkens als einer Lösung vom Glauben widersprechen. Höffe verweist hier auch auf den Beitrag des Islam und innerreligiöse Debatten. Auch in der Moderne ist ihm Habermas zu sehr in der Religionsgeschichte verhaftet: Luther sei hier der Fortschritt, nicht Machiavelli, den Habermas noch im ersten Band abhandle. Aber Höffe will nicht kleinlich sein. Akzeptiere man Habermas' Weichenstellungen, so könne seine Genealogie weithin überzeugen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.11.2019

Sehr sehr ausführlich, durchaus mokant, aber natürlich auch voller Respekt bespricht der in Zürich lehrende Philosoph Michael Hampe dieses späte Vermächtnis des großen Jürgen Habermas. Hampes Skepsis gilt der Habermasschen Teleologie: Liest man Hampes Resümee, so ist die Welt des Geistes bei Habermas über Jahrhunderte trotz "überzeugender Lernprozesse" in Metaphysik verstrickt, bis dann endlich, auf Seite 1680, Habermas höchstselbst als säkularer Deus ex machina aufploppt und uns eine Gegenwart freikämpft, "die durch die Debatten bestimmt ist, in die der Autor Habermas selbst verstrickt war". Habermas fällt damit für Hampe in die Kategorie der philosophischen Philosophiehistoriker à la Kant und Hegel (Marx taucht in seinem Text nicht auf), die immer nur sich als gloriosen Endpunkt der Geistegeschichte inszenieren könnten. Und man kann sicher sein, dass sich Hampe doch ein bisschen mehr einen historischen Philosophiehistoriker gewünscht, der das ganze Schlamassel ergebnisoffener und weniger zielgerichtet erzählen würde. Dann etwa hätte Habermas, so Hampe, den Buddhismus und überhaupt das Religiöse, aber auch die Geschichte der Skepsis und nicht okzidentalen Kulturen besser würdigen können. Habermas sieht bei seinem Vorgänger Hegel noch "prozessmetaphysische Kerne", aber wenn man Hampe liest, fragt man sich, ob Habermas selbst ganz frei davon ist. Hampes Kritik endet mit einer Hommage auf den Intellektuellen und Pragmatiker Habermas, der ihm lieber zu sein scheint als der Systemdenker.