Die Restaurierung von Michelangelos Grabmal für Papst Julius II., zu dem die Moses-Statue gehört, hat eine heftige intellektuelle Debatte ausgelöst. In diesem hochaktuellen Kontext wird auch Freuds sprachmächtiger Essay über die Skulptur - er selbst bezeichnete ihn als "Wagstück" - neu gewürdigt. Die Autorin zeigt in einer prismatischen Analyse, dass es sich um einen hochgradig subjektiven, verdeckt autobiografischen Text handelt. Der Freudschen Deutung stellt sie eine neue, stimmigere kunsthistorische Deutung gegenüber. Die innovative Form des Bild-Essays ermöglicht es dem Leser, viele Thesen beim Anschauen der visuellen Details unmittelbar zu überprüfen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2004
Eine "kluge Studie" erblickt Rezensent Martin Stingelin in Ilse Grubrich-Simitis' Buch. Wie aus seiner Besprechung hervorgeht, untersucht die Autorin einen 1914 in der Zeitschrift "Imago" anonym erschienen Beitrag mit dem Titel "Der Moses des Michelangelo", dessen Autor Sigmund Freud war. Für den Rezensenten ist dieser Text der "vielleicht eigentlichste" unter den Gründertexten der Psychoanalyse. Grubrich-Simitis deute Michelangelos Moses als "Ichideal" von Sigmund Freud, als einen Teil jenes Materials, das in den Stürmen, die um die psychoanalytische Sache nach dem Abfall von Carl Gustav Jung und Alfred Adler toben, sein "Über-Ich" festigte. Beeinduckend findet Stingelin, wie behutsam die Autorin die persönlichen Beweggründe Freuds für seine Identifikation mit Moses nachzeichnet. Am Ende dieser "anschaulichen" Lektüre begreift Stingelin, was Freud an der Statue so ergriffen hat, die Statue selbst aber bleibt ihm "ein Rätsel".
Dem bekanntesten Psychoanalytiker aller Zeiten weist Ilse Grubrich-Simitis in ihrem neuen Buch einen Irrtum nach, berichtet Rezensent Hans-Martin Lohmann. In seinem Essay über den Moses von Michelangelo habe Sigmund Freud in der Skulptur die "Selbstbeherrschung eines kraftstrotzenden Heroen" gesehen, der beim Abstieg vom Berg Sinai angesichts seines Götzen verehrenden Volkes in Wut gerät. Die Frankfurter Freud-Forscherin hat nun in einem "collageartigen Verfahren" kunsthistorische und psychoanalytische Befunde zusammengeführt und einen anderen Moses ausgemacht - den Mann, der nach der Begegnung mit Gott als Prophet vor sein Volk tritt, gezeichnet vom Schrecken über seinen nahenden Tod. Der Rezensent lobt besonders "Bildung und kulturelles Gedächtnis" der Autorin, die es ihr möglich machen, die "Gegenwart zu lesen". Die Studie, die durch ein "Labyrinth" von kunsthistorischen "Haupt- und Nebenpfaden" führt, eröffne dem Leser einen "bisher verborgenen" Blick auf die Eigenarten des Moses und zollt dem Psychoanalytiker dennoch Tribut, wenn sie seinen Interpretationsfehler als Hinweis auf die politischen und persönlichen Ideale Freuds begreift. Ein Buch, das "im oberflächlichen Wirbel der Infotainment-Gesellschaft" angenehm in die Tiefe geht.
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