Die Rede vom Unbewussten begann mit dem Niedergang der Religion um 1800. Hundert Jahre später entstand die Psychoanalyse, die von Anfang an nicht nur Therapieform, sondern auch Instrument des Erkenntnisgewinns und der Kulturkritik war. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und der Psychoanalytiker Tilo Held beleuchten die Bedeutung des Unbewussten für gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen. Von Antisemitismus und Totalitarismus über sich wandelnde Geschlechterrollen bis hin zu Fake News und Verschwörungserzählungen. Eine Darstellung des "Kampfs ums Unbewusste" der letzten zweihundert Jahre bis heute und Vorschläge, wie eine von anderen Disziplinen bereicherte Psychoanalyse zur Überwindung gegenwärtiger Krisen beitragen könnte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.06.2025
Rezensentin Andrea Gerk liest mit dem Buch von Christina von Braun und Tilo Held ein ziemlich dichtes, manchmal fast zu dichtes Buch zur Geschichte des Unbewussten und den Potenzialen der Psychoanalyse. Fast 500 Seiten widmet Braun der Begriffsentstehung und seiner Entwicklung von der Aufklärung über Sigmund Freud bis hin zur "Instrumentalisierung" des Unbewussten in totalitären Staaten, schließlich geht sie auch auf gegenwärtige Herausforderungen wie Kriege und digitale Medien ein. Held erklärt im Anschluss vieles über die Psychoanalyse als therapeutische Methode und zeigt mit Bezug auf Kinder, die den Holocaust überlebt haben, wie bedeutend der kulturelle Kontext dabei und wie wichtig der Austausch der Psychoanalyse mit anderen Fachwissenschaften ist. Für Gerk ein Buch, das sowohl Geschichte als auch mögliche Zukunft der Disziplin überzeugend und anregend zu vermitteln weiß.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2025
Rezensentin Birgit Schmid trifft sich zum Gespräch mit dem Ehepaar Christina von Braun und Tilo Held, Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytiker, die beiden haben gemeinsam ein Buch geschrieben, dessen Anliegen es ist, die Psychoanalyse wieder als probates Instrument der Gesellschaftskritik zu etablieren. Die Geschichte des Unbewussten, wie es von den Romantikern interpretiert und später von Freud seziert worden ist, wird von ihnen erzählt, um erklären zu können, dass die Psychoanalyse das kritische Denken schult und es somit schwieriger macht, sich manipulieren zu lassen - sei es von Politikern oder von sozialen Medien, erklärt Schmid. Die "Macht der Skepsis", die dabei kultiviert werde, gelte aber auch der Psychoanalyse selbst, die laut dem Paar besonders im Bereich Geschlechterforschung Erneuerung benötige. Für die Kritikerin zeigt sich, dass die beiden Verfasser insbesondere durch ihre unterschiedliche fachliche Herkunft intellektuelle Brücken schlagen können und mit diesem Buch einen wichtigen Teil dazu beitragen, das Wissen und die Bedeutung der Psychoanalyse zu reaktualisieren.
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