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Harald Welzer

Täter

Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
Cover: Täter
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783100894311
Gebunden, 323 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Über den Holocaust ist viel geschrieben worden, aber die wichtigste Frage, ist bis heute nicht beantwortet: Wie waren all die ganz normalen Männer, gutmütigen Familienväter und harmlosen Durchschnittsmenschen imstande, massenhaft Menschen zu töten? Es gab keine Personengruppe, die sich der Aufforderung zum Morden verschlossen hätte, weshalb Erklärungsansätze, die sich auf die Persönlichkeiten der Täter, ihre Charaktereigenschaften, ihre psychische Verfassung richten, nicht weiterführen. Harald Welzer untersucht Taten aus dem Holocaust - und auch aus anderen Genoziden - in ihrem sozialen und situativen Rahmen und zeigt, wie das Töten innerhalb weniger Wochen zu einer Arbeit werden kann, die erledigt wird wie jede andere auch. Mit seiner sozialpsychologischen Studie öffnet sich eine Perspektive auf die Täter, die auf beunruhigende Weise erhellt, wie Tötungsbereitschaft erzeugt wird, und wie wenig unseren moralischen Überzeugungen zu trauen ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.11.2005

Martin Lüdke zeigt sich von dieser Studie, die untersucht, wie aus "ganz normalen Menschen Massenmörder" werden, sehr beeindruckt. Und auch wenn er einräumt, das Buch enthalte faktisch wenig "Neues", lobt er, dass Harald Welzer darin auf "alte Fragen neue Antworten" anzubieten hat. Der Autor mache in seiner Analyse der NS-Verbrechen nicht nur das "Unbegreifliche" der Massenmorde "beschreibbar", sondern ermögliche auch einen Zugang zum Verständnis, wie solche ungeheuerlichen Taten möglich waren, betont der Rezensent. Welzer kann zeigen, dass es keiner abnormen Persönlichkeit bedarf, um Menschen zu Massenmördern zu machen und löst in seiner "ebenso bedrückenden wie imponierenden" Untersuchung das Rätsel auf, wie Menschen massenhaft morden konnten und dennoch das "Gefühl behalten konnten, "anständig" zu bleiben", so Lüdke voller Bewunderung. Nach der Lektüre des Buches ist "einiges klarer", betont der Rezensent, der es zutiefst erschreckend findet, was für ein "kleiner Schritt" es vom "Messdiener zum Massenmörder" ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.11.2005

Harald Welzers Buch über die sozialpsychologischen Dynamik des Genozids hat Rezensent Martin Altmeyer rundum überzeugt. Welzer untersuche die mentalen Hintergründe, moralischen Rechtfertigungen und performativen Praktiken des Genozids vor allem am Beispiel des Nationalsozialismus, aber auch an entsprechenden Ereignissen in Vietnam, Ruanda und Jugoslawien. Das Hauptinteresse des Autors sieht Altmeyer aber in der Mentalitätsgeschichte des deutschen Faschismus. Der These, die Welzer in diesen Zusammenhang aufstellt, kann Altmeyer nur zustimmen. Danach habe es erst ein rapider Wandel im öffentlichen und privaten Bewusstsein erlaubt, die Juden zuerst zu diskriminieren, dann auszugrenzen und schließlich zu eliminieren - das Vernichtungsdenken ging dem Vernichtungshandeln voraus. Auch im Blick auf Ruanda und Jugoslawien findet Altmeyer bei Welzer Einsichten in die Dynamik moderner Genozide, "die einen schaudern lassen".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.10.2005

In seinem Buch "Täter" geht der Sozialpsychologe Harald Welzer der Frage nach, "Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder wurden". Im Mittelpunkt steht dabei das berüchtigte Reserve-Polizeibataillon 45, ein während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine tätiges deutsches Killerkommando. Rezensent Christopher R. Browning hält Welzers Werk für "wichtig" und "wertvoll", und das nicht nur, weil der Autor aus Verhörprotokollen der Mitglieder des Reserve-Polizeibataillons neue Aufschlüsse gewinnt. Das Originelle seines Ansatzes besteht nach Brownings Einschätzung darin, dass er einen so genannten "normativen Referenzrahmen" einführt, also eine Art ethisches Milieu definiert, in dem die Deutschen sich ab 1933 befanden. In Deutschland führten voraufklärerisch-aristokratische Haltungen in Verbund mit der Ideologie des Ariertums zu einer antisemitischen "Neudefinition der menschlichen Gemeinschaft". Welzer bezeichnet das Ergebnis dieser Prozesse als "NS-Moral"; er schließt dabei an Untersuchungen von Salomon Asch, Stanley Milgram und Philip Zimbardo an. Was Welzer allerdings nach Brownings Ansicht unterschätzt, ist das Ausmaß der Skrupel, mit dem die Mitglieder der Tötungseinheiten zu kämpfen hatten. Am Ende sei es doch ihr mörderisches Handeln gewesen, das die Norm setzte, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005

Sehr interessant findet der Rezensent Norbert Frei das vorliegende Buch des Sozialpsychologen Harald Welzer. Welzer stelle sich die Frage, wie man das Verhalten derer erklären könne, die in der NS-Zeit zu "Direkttätern" wurden. Aufgrund seiner Vermutung, dass man nicht von einem wahrhaft verinnerlicherten und dann lediglich angewandten Judenhass ausgehen könne, suche er nach anderen Antworten. Er macht sich dazu die Erkenntnisse der Konformitäts- und Gehorsamsforschung zunutze, so der Rezensent, und verquickt diese mit einer "mikrohistorischen Rekonstruktion" der Abläufe der einzelnen Taten und deren Deutungen. Welzer, den dabei weniger das Spezifische, sondern das wiederkehrende Muster interessiert, kommt dabei zu dem Schluss, dass sich in einem dynamischen Prozess "Routinen" des Tötens ausbilden. "Alles ist möglich", laute das deprimierende Fazit des Autors, der jedoch jede Art von "anthropologisierendem Raunen" über die böse Natur des Menschen unterlässt, wie der Rezensent sich beeilt klarzustellen. De facto sei die NS-Moral so einnehmend gewesen, dass sie sogar die bürgerlichen Überzeugungen aufgehoben habe. Dafür, so der Rezensent, spräche in der Tat die extreme Rückkehr zur Bürgerlichkeit in den fünfziger Jahren, die man aus dieser Perspektive als "sozialpsychologische Rekonstruktionsleistung" deuten könnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.10.2005

In seinem Buch über Massenmörder, das vor allem den Holocaust im Visier hat, weist Harald Welzer für den Rezensenten Robert Stockhammer "überzeugend" nach, dass hinter den Massenmorden im Nationalsozialismus keineswegs krankhafte Sadisten standen. Vielmehr folgten die Täter einer "immanenten Rationalität", und zeigen in der Ausführung der als "unangenehme Arbeit" empfundenen Morde vor allem "Pflichtgefühl", erklärt der Rezensent. Beunruhigend dabei sei die Erkenntnis des Autors, dass dieses Pflichtgefühl keineswegs mit "blindem Gehorsam" gleichzusetzen sei, sondern vielmehr eine Eigenschaft darstelle, die auch in modernen Unternehmen und demokratischen Staaten gefragt sei, so Stockhammer beklommen. Den möglichen Vorwurf, Welzer habe sich allzu sehr in die Täter eingefühlt, kann der Rezensent nicht ganz entkräften, denn der Grat zwischen der "Rekonstruktion einer abgründigen Rationalität" und einer "Einfühlung" ist, wie er findet, in der Tat "schmal", was vielleicht sogar daran liegt, dass das Buch "sehr gut geschrieben und komponiert" ist. Etwas enttäuschend allerdings findet Stockhammer, dass das Buch sich fast ausschließlich auf den Holocaust bezieht und so das Versprechen des Untertitels, Massenmorde allgemein zu untersuchen, kaum einlöst.
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