Hans-Ulrich Treichel

Anatolin

Roman
Cover: Anatolin
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2008
ISBN 9783518419595
Gebunden, 188 Seiten, 17,80 EUR

Klappentext

Kein Verzeichnis körperlicher und seelischer Gebrechen kennt diese Krankheit, kein Arzt hat sie je diagnostiziert, und doch leidet manch einer darunter: "Morbus biograficus", zu deutsch: "autobiografische Entleerung". Das Symptom: fehlende Erinnerung an die eigene Kindheit. Am Ende steht der Verlust jedes biografischen Gefühls. Als Therapie bleibt nur, den fehlenden autobiografischen Faden erzählend neu zu spinnen. So wird für den Helden dieses heiter-melancholischen Buches eine Kindheit in der ostwestfälischen Provinz lebendig, in der der verlorene Bruder dominiert. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird zu einer Suche nach den Eltern. Sie führt in den Osten, in ein abgelegenes Straßendorf in der Ukraine, dann in eine noch viel kleinere Siedlung im ehemaligen Wartheland in Polen. Was der Vergangenheitslose dort an Spuren seiner Vorfahren findet, ist nichts - und doch mehr als genug, um einen Roman daraus zu machen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2008

Grundsätzlich hat Pia Reinacher nichts dagegen, wenn das Werk eines Autors um ein bestimmtes Thema kreist. Hans-Ulrich Treichels Buch, in dem er nun zum dritten Mal seiner verschütteten Familiengeschichte auf der Spur ist und sich mit dem bei der Flucht aus den Ostgebieten verlorenen Bruder auseinandersetzt, kann die Rezensentin aber nicht überzeugen. Viel zu viel werde resümiert, reflektiert und belehrt, wodurch das Erzählen ins Hintertreffen gerate, beschwert sich die Rezensentin. Der Erzähler dieses Buches geht auf Spurensuche, um seinen "Morbus biographicus" zu heilen und sich die totgeschwiegene Familienvergangenheit notfalls zu erfinden, erklärt der Rezensent. Dafür begibt er sich in die Ukraine und nach Polen, zu den Heimatorten seiner Eltern, sucht im Internet nach seinem Bruder und denkt vor allem ohne Unterlass "höchst eloquent" über die verborgenen und verdrängten Familiengeheimnisse nach. Und hier liegt das Hauptproblem für Reinacher: ihr fehlt der "suggestive Effekt", die inneren Leiden des Protagonisten überzeugen sie nicht, weil über sie mit allen psychoanalytischen und erzähltechnischen Mitteln doziert wird. Was also in seinem Roman "Menschenflug" noch so mitreißend geschildert ist, erscheint in diesem Versuch der Aufarbeitung der Familiengeschichte als bloßes "Pflichtprogramm", so die Rezensentin enttäuscht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2008

Sehr beeindruckt ist Paul Jandl von diesem autobiografischen Roman, in dem Hans-Ulrich Treichel einen "Gegenangriff auf das eigene Selbst" unternimmt, wie Jandl den Autor selbst zitiert. Wieder kehrt Treichel zurück zu seinen Usprüngen: geografisch in die leeren Landschaften des ukrainischen Wolhyniens, aus dem sein Vater stammt, und poetologisch in seine ebenso leere Jugend, die das Flüchtlingskind zwischen Warthegau und Lastengleich erlebt. Kongenial findet Jandl das, "subtil und mit großer Komik" erzählt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.06.2008

Lobend hat Jörg Magenau den neuen Roman von Hans-Ulrich Treichel aufgenommen. Wie schon in "Der Verlorene" und "Menschenflug" sieht er auch hier eine Kindheit in Ostwestfalen nach dem Krieg und die Suche nach dem verlorenen Bruder im Mittelpunkt. Er weist darauf hin, dass das Werk autobiografisch gefärbt ist, warnt aber davor, den Autor auf das Autobiografische "festnageln" zu wollen. Seiner Ansicht nach betreibt Treichel ein geschicktes und immer wieder verwirrendes Spiel mit autobiografischem Material. Klar ist für ihn jedenfalls, dass das Autobiografische hier nicht so sehr im Detail, sondern vor allem im Atmosphärischen steckt. Gelungen scheint Magenau die Reflexion des Autors über die Bedingungen seines Schreibens. Bei allen Vertracktheiten des Texts erweist sich Treichel für ihn einmal mehr als "leichtfüßiger, eleganter Erzähler", der das Deprimierende des Daseins "mit viel Humor" überwindet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.05.2008

So weit ist es gekommen, darf man der Rezension von Julia Person entnehmen, dass ein Autor, der den blanken Realismus verschmäht und sich auf metafiktionale Reflexionen einlässt, als "modernistisch-altmodisch" gilt. Wobei Person das nicht böse oder negativ meint, sondern nur einräumt, um die mit der "Mise-en-abyme" des Autors in die eigene Geschichte verbundenen Vorurteile dann am Beispiel dieses Romans sofort auszuräumen. Ein Ich-Erzähler, der - wie Hans-Ulrich Treichel - die Romane "Der Verlorene" und "Menschenflug" geschrieben hat, macht sich in "Anatolin" auf die Suche nach seinem im Jahr 1945 auf der Flucht verschollenen Bruder - um diesen Bruder ging es bereits schon in den erwähnten Büchern. "Vermeintlich unfiktional" wird dann von einem realen Treffen mit dem realen wiedergefundenen Bruder im realen Ort Bryschtsche berichtet, vom Romanautor-Ich-Erzähler. Verwickelte Verhältnisse, die allerdings nicht in verbiestertem Ernst, sondern mit offenbar beträchtlicher Lust am Spiel mit der Sprache geschildert werden. "Komische Verzweiflung der Moderne" diagnostiziert die Rezensentin - und versichert, dass sie sich davon bestens unterhalten und belehrt gefühlt hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.05.2008

Diese Geschichte über Flucht und die Unfähigkeit zur Erinnerung ist für Christoph Schröder gegessen. Wieso Hans-Ulrich Treichel seinem "überragenden" Buch "Der Verlorene" dieses Gequassel aus dem Zettelkasten hinterherschicken musste, ist ihm ein Rätsel. Ärgerlich ist für Schröder nicht nur die kompositorische Unausgegorenheit des Textes, sondern eben auch der Mangel an neuen Ideen. Dass Treichel diese Lücke mit Banalitäten (Exkurse über die Schriftstellerexistenz, "touristische Anekdoten") füllt und, unnötig Verwirrung stiftend, Autobiografisches mit Erdachtem verquirlt, empfindet der Rezensent als Zumutung, nicht als Roman. Da hilft auch der "unverwechselbare" Treichel-Sound nichts.