Heim.Statt
Gedichte

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432297
Gebunden, 155 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Bilder von Flucht, Vertreibung und Versehrung über die Jahrtausende hinweg, in Historie und Mythos: Eurydike, panisch vor einem ihr nachstellenden Gott fliehend, übersieht die Schlange und stirbt an ihrem Biss. Landlose Häusler in Nordschottland, auf minderwertiges Land umgesiedelt oder zur Auswanderung gezwungen. Eine junge deutsche Adelige, gebildet und begabt, widersetzt sich dem "Gegebenen", "den Sitten der Gefälligkeit" ihres Standes. Eine Magd in Polen verwandelt sich in einen Vogel und entkommt so der Armut und den Zumutungen des Lebens. Im äußersten Norden Italiens verweigern Frauen, über Monate auf sich allein gestellt, nach der Rückkehr der Männer die menschliche Sprache.Esther Kinskys Heim.Statt ist ein Zyklus aus sieben mehrstimmigen Langgedichten, verbunden durch kurze Zwischentexte, die wiederkehrende Motive der Gewalt, der Verletzung, des Verstummens zum großen Thema der Flucht bündeln und verdichten. Wie Aufbruch und Verlust immer schon Bestandteil des menschlichen Daseins waren, Anlass zu Hoffnung und Trauma gleichermaßen, dafür findet Esther Kinsky berührende Bilder und eine bezwingende Sprache.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 26.07.2025
Rezensent Helmut Böttiger freut sich, dass sich auch Esther Kinskys neuer Gedichtband wieder unterschiedlichen Geografien widmet, sowohl inhaltlich, Regionen von Schottland bis Italien kommen vor, als auch sprachlich. Mit mehrsprachlicher Hingabe widmen sich die sieben Langgedichte zum Beispiel den schwierigen Bedingungen für Landwirtschaft, der Kargheit der Natur und der Armut und loten die Zwischenräume, die Lücken aus: "decipher/the interstices/sprich zu mir/meer". Böttiger freut sich, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch die Sprachen zusammenfließen und die Gedichte in einen rhythmischen Flow bringen, in dem die Kunst ihr Anliegen der Vernetzung umso deutlicher hervorbringen kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2025
Rezensentin Beate Tröger streift gern durch Esther Kinskys "Textlandschaften", in denen realen Gegenden zu inneren werden, Zeit zu Raum wird und man nicht selten auf ein "fremdlein" trifft. "fremdlein", klärt uns Tröger auf, sind Wesen, die in der Fremde in der Sprache Halt suchen. Im jüngsten Band lässt sich die Rezensentin von Kinsky in sieben Kapiteln unter anderem mit auf die Balkanroute nehmen, wo die Dichterin über Sehnsucht und Aufbruch nachdenkt, dabei mythische, literarische und Bibeltexte einflicht, vor allem Kulturtechniken wie das Rosenzüchten betrachtet. Faszinierend findet Tröger, wie Kinsky mitunter "extrem verstörend" und präzise Natur- und Kulturgeschichte als Gewaltgeschichte ausleuchtet, etwa wenn sie beschreibt, "wie Wespen, von Salz angezogen, in Tränenkanäle von Trauernden schlüpfen".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.04.2025
Rezensent Björn Hayer zieht den Hut vor Esther Kinskys anspruchsvollen Gedichten, die vordergründig durchaus in die Gattung des Nature Writing passen, wenn es am Fluss "wispert knarrt rauscht und schleifelt", die aber eigentlich Geschichten von Gewalt und Migration, die durch erstere bedingt wird, erzählen. Aus der Mythologie ruft sie Nachtigallen und Schwalben auf, die von der Vergewaltigung Tereus' an seiner Schwägerin Philomele künden, Eurydike hingegen trifft auf eine Schlange, die wiederum von Orpheus' Tod in Verbindung steht. Dass Kinsky für jene Poeme, die die Gewalt an Frauen schildern, den Titel "Balkanroute" gewählt hat, kann für Hayer kein Zufall sein: Von der Flucht "der/davonklapperndem mit dem hausrat der armseligkeit" erzählt die Dichterin in aufgebrochenen Satzstrukturen und fragmentierten Worten, die die Komplexität dieses Themas kunstvoll unterstreichen, wie der Kritiker resümiert.