Dieses Buch ist ein Mirakel: die Auferstehung einer versunkenen Welt, deren Bilder für immer vergangen, deren Stimmen für immer verweht zu sein schienen. Klaus Jürgen Liedtke erweckte sie nach zwanzig langen Jahren des Zuhörens, des Aufschreibens, des Sammelns und Sortierens wieder zum Leben, in einer großen Erzählung über Heimat, Flucht und Vertreibung, zusammengewebt aus tausend kleinen Geschichten, in der Schwebe zwischen Fakten und Fiktionen. Wir sehen die Menschen der sieben Höfe eines ostpreußischen Dorfes, Kermuschienen hieß es, wir hören den unverkennbaren Tonfall ihrer Sprache, nehmen ihre Züge wahr, folgen ihren Geschicken von der ersten Flucht im Herbst 1914, als die Armee des Zaren über das Land hereinbrach, bis zur zweiten und letzten Flucht im Januar 1945, als die Rote Armee jenen Winkel der Welt eroberte, bis danach die Häuser zerfielen und die Regungen menschlichen Daseins spärlich wurden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.02.2009
In die Andere Bibliothek, findet Burkhard Müller, passt dieses Ostpreußen-Buch prächtig. Für ihn ist, was Klaus-Jürgen Liedtke hier vorlegt, zwar kein Meisterwerk. Dafür schätzt Müller es als den höchst interessanten Versuch, die Dokumentation mündlicher Überlieferung samt ihrer Formgesetze (zum Beispiel Repetition, Anspielungsreichtum) und das literarische Erzählen zusammenzubringen. Dass der Umgang mit dem "Rohstoff der Erinnerung" nicht unproblematisch ist, merkt Müller beim Lesen schnell. Die Selbstbeschränkung des Autors führt zur Fragmentarisierung der Figuren. Und was dem Leser mit ostpreußischem Background unmittelbar verständlich sein mag (Ortsnamen, Beiwörter), so befürchtet der Rezensent, muss dem weniger Eingeweihten rätselhaft bleiben.
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