Klappentext

Aus dem Französischen von Gustav Roßler. Vor zwanzig Jahren hatte der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour konstatiert: "Wir sind nie modern gewesen", und sich an einer "symmetrischen Anthropologie" jenseits der Trennung von Natur und Kultur versucht. Nun legt er sein zweites Hauptwerk vor, das dieses faszinierende Projekt mit einer "Anthropologie der Modernen" fortschreibt und den verschiedenen Existenzweisen von Wissenschaft, Technologie, Recht, Religion, Wirtschaft und Politik in der modernen Welt nachspürt. Latour setzt für dieses Projekt bei der globalen Verflechtung aller Lebensbereiche an, die heute nicht zuletzt am Problem des Klimawandels sichtbar wird. Zugleich zeigt sich aber an diesem Problem auch, dass es verschiedene Handlungssphären gibt, die jeweils eigene Existenzweisen besitzen: Politiker, die sich mit dem Klimaproblem befassen, sind eben keine Wissenschaftler, die Klimaforschung betreiben, und Unternehmer orientieren sich zunächst an den Maßgaben der Wirtschaftlichkeit; wissenschaftliche Ergebnisse werden daher nicht einfach in politische und ökonomische Handlungen übersetzt. Dennoch sind für Latour diese verschiedenen Existenzmodi nicht unabhängig voneinander, sondern durchdringen einander und kreieren gemeinsam Probleme, die es in der Folge auch gemeinsam zu lösen gilt. Es bedarf daher einer neuen Form der "Diplomatie", die zwischen den einzelnen Existenzweisen vermittelt. Nicht weniger als die Zukunft unseres Planeten steht auf dem Spiel.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.02.2015

Auf die gute alte Tugend des riskanten Denkens stößt Klaus Birnstiel in Bruno Latours neuem Buch. Für den Rezensenten genau die richtige Art, die geltenden Gesellschaftsentwürfe und Wirtschaftsweisen einer Revision zu unterziehen, auch wenn das keine Kleinigkeit ist, wie Birnstiel ahnt. Umso mehr scheint ihm Latours theoretische Nonchalance und wissenschaftliche Euphorie angebracht, wenn es darum geht, ein neues politisches Modell zu entwickeln gegen die ökologische Krise. Die vom Autor unter dem Denkbild des Anthropozän und dem Schlüsselbegriff der Diplomatie vorgeschlagenen Maßnahmen scheinen dem Rezensenten trotz all ihrer theoretischen Zähigkeit, ihres endzeitlichen Pathos und der abzusehenden Schmerzhaftigkeit der Auseinandersetzung allemal bestechend und bedenkenswert.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2014

Ob das nun schon das geeignete Vokabular für das Anthropozän ist, das der Autor in seinem mittels Schwarmintelligenz vervollständigten Buch verwendet? Nicht so wichtig, meint Robin Celikates. Wichtig findet der Rezensent hingegen, wie der Soziologe und Anthropologe Bruno Latour hier auf bisher umfangreichste Weise zu einer Kritik der Moderne ausholt. Abstrakt, esoterisch mitunter, aber laut Celikates eben auch enorm anregend. Wenn Latour die Ökologisierung einleiten und die Begriffe "Natur", "Kultur", "Subjekt" und "Objekt" abschaffen möchte, um einer Realität aus Verkettungen und Verknüpfungen, Flows und Streams zu ihrem Recht zu verhelfen, staunt der Rezensent über so viel Furchtlosigkeit, aber auch über ein mitschwingendes theologisches Hintergrundrauschen. Ganz ohne Empirie jedoch, ahnt Celikates, wird es nicht gehen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.08.2014

Bruno Latour will mit seinem Buch "Existenzweisen" einmal mehr darauf aufmerksam machen, dass die Erde nicht bloß eine (begrenzte) Ressource ist, sondern auch ein ganz wesentlicher Akteur, der menschliches Handeln beeinflusst, ermöglicht und beschränkt, berichtet Elisabeth von Thadden, "die Erde ist kitzlig", zitiert die Rezensentin. Dass der Begriff "Gaia", wie Latour diese aktive Dimension der Erde nennt, mit esoterischem Ballast beladen ist, sollte nicht über den wissenschaftlichen, aber auch wissenschaftskritischen Anspruch dieses Buches hinwegtäuschen, warnt von Thadden. Latour macht sich für wesentlich stärkere diplomatische Bemühungen um die Erde stark, ohne dabei naiven Machbarkeits- oder fatalistischen Endzeitfantasien auf den Leim zu gehen, lobt die Rezensentin. "Existenzweisen" ist aber auch ein Projekt, das die Begrenzung seiner Buchdeckel hinter sich lässt, erfährt von Thadden vom Autor: im Netz (modesofexistence.de) steht es zur Diskussion, links der Buchtext, rechts die Debatte von mittlerweile rund viertausend Diskutanten, unter denen Wissenschaftler verschiedenster Fach- und Forschungsrichtungen zu finden sind, verrät von Thadden. Das große Problem des Buches bliebe der Mangel an Konkretion, an Beispielen und Handlungsvorschlägen, die virtuelle Erweiterung könnte ihn kompensieren, hofft die Kritikerin.