Aus dem Französischen von Ulrich Forderer. Als die "Histoire de la pensée chinoise" 1997 auf Französisch erschien, setzte sie sogleich Maßstäbe für eine schlüssige und zugleich umsichtige Darstellung der in der westlichen Philosophie oft nur bruchstückhaft bekannten, geschweige denn rezipierten chinesischen Philosophiegeschichte. Das Buch setzt ein mit der archaischen Kultur der Shāng und Zhōu im 2. Jahrtausend v. Chr. und behandelt in sechs Teilen die antiken Grundlagen des chinesischen Denkens (Konfuzius, Mòzǐ), die Zeit der Streitenden Reiche (Zhuāngzǐ, Menzius, Lăozǐ, Xúnzǐ, Legisten und kosmologisches Denken), die geistige Erneuerung während der Hàn-Dynastie, die buddhistische Umwälzung und anschließende Integration des Buddhismus in China, die Philosophie in der Zeit der Sòng und der Míng-Dynastien und schließlich die Entstehung des modernen Denkens. Auch wenn Cheng sich an den bekannten Schulen und Traditionslinien orientiert, berücksichtigt sie stets die Problematik, dass diese Schulen sich ihrem Selbstverständnis nach oft keiner Tradition zuordneten und Philosophiegeschichtsschreibung meist im Nachhinein konstruiert ist. Es gelingt der Autorin, unter enger Bezugnahme auf die jüngste sinologische Forschung den verschiedensten systematischen Aspekten des Philosophierens im traditionellen China gerecht zu werden - bei aller Eigenartigkeit, die diese Denkweisen in ihren Argumentationsstrukturen auszeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2022
Der hier rezensierende Münchner Sinologie-Professor Hans van Ess empfiehlt das erstmals auf Deutsch erscheinende, vom Übersetzer Ulrich Forderer ergänzte Grundlagenwerk von Anne Cheng aus dem Jahr 1997 für ein besseres Verständnis Chinas. Als "umfassendste" nichtenglische und nichtasiatische Darstellung" über das chinesische Denken bietet der Band dem Rezensenten in Anlehnung an das frühere Standardwerk von Feng Youlan eine Menge Material. Auch an den Übersetzer Ulrich Forderer geht ein dickes Lob, der die Fußnoten auf den neuesten Wissenschaftsstand gebracht habe und dabei auch auf nicht-englische Literatur verweise. Cheng hat zur Freude des Kritikers den Kreis der Denker über die offiziellen Philosophen hinaus ausgedehnt. Etwas "lückenhaft" erscheint ihm lediglich die Darstellung der Epoche des Han-zeitlichen Denkens. Für van Ess ein lässlicher Mangel. Er ist sich sicher, dass das Buch an den Universitäten zur Standardlektüre wird. Aber auch interessierte Leser ansprechen kann. "Leichte Bettlektüre" ist es aber nicht, warnt er.
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