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Ines Geipel

Schöner Neuer Himmel

Aus dem Militärlabor des Ostens
Cover: Schöner Neuer Himmel
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2022
ISBN 9783608984293
Kartoniert, 288 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen "Körper mit optimaler Normierung" zu kreieren, wurde ab den 70er Jahren im Osten in hochgeheimen Laboren geforscht. Was surreal klingt, findet sich belegt in den Akten des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material dieses Staatstraumas gemacht wurden. Eine dichte Erzählung, die ein scharfes Licht auf ein bislang ausgeblendetes Erbe der DDR wirft - und eine Zeitdiagnose über entgrenzte Körperforschung. Der Neue Mensch im All galt im Weltraumprogramm der Sowjetunion als absoluter Leitstern und löste in der DDR zwischen 1972 und 1989 eine gründliche Forschungstätigkeit aus. Die Unterwerfung und Beherrschung des Kosmos sollte durch Hochleistungsflieger, die sich über Jahre im All aufhalten konnten, möglich werden. Wie erschafft man diesen maximal normierten und bedürfnislosen Körper? Aus den Verschlussakten der DDR-Militärforschung, heute zugänglich im Militärarchiv Freiburg, setzt Ines Geipel ein verstörendes Bild zusammen: Experimentiert wurde nicht nur an Tieren, sondern auch an Menschen, in Krankenhäusern, Gefängnissen, an Soldaten und im Hochleistungssport. Das Streben nach der Vorherrschaft im Kosmos ist nicht Vergangenheit, sondern erfährt heute eine Renaissance.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2022

Rezensent Stephan Wackwitz begrüßt die "Verlängerung" von Ines Geipels "sportpolitischem Engagement" in einen neuen Bereich: Nach ihren Untersuchungen zum Doping in der DDR widmet sich die einst selbst gedopte Sportlerin nun der "sozialistischen Raumfahrtmedizin", die ebenfalls an Dopingmethoden arbeitete, um die gesundheitsschädigenden Folgen eines längeren Weltraumaufenthalts zu bekämpfen - Methoden, die selbst wohl noch schädigender gewesen waren, liest Wackwitz. Ein "unheimliches" Bild entstehe hier, manchmal vielleicht zu unheimlich, überlegt er: Wenn Geipel zuletzt aufgekommene Kritik an ihr einbaue, indem sie DDR-Mediziner "Frankenstein"-mäßig als Bedrohung auftreten lasse, stellt sich für Wackwitz die ungute Frage, ob hier "berechtigte" Fragen mit einem "schauerliterarischen Kniff abgewehrt" wurde. Beantworten könne er diese Frage auf die Schnelle jedoch nicht, und sie ändere auch nichts an den Rechercheergebnissen und an Geipels "prägnantem essayistisch-autobiografschem" Stil, schließt der Kritiker anerkennend.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.06.2022

Rezensent Peter Neumann liest mit atemloser Spannung den neuen "Wissenschaftspolitkrimi" von Ines Geipel. Selbst als Leichtathletin der DDR und für die Enthüllungen des Dopingsystems bekannt, begibt sich die Autorin in diesem Band auf die Spurensuche nach dem Schicksal eines ehemaligen DDR-Rennradfahrers und entdeckt in Militär- und Medizinarchiven, Indizien dafür, dass das damalige Regime Experimente an Leistungssportlern in Auftrag gab, um den menschlichen Körper für Weltraumfahrten zu optimieren, resümiert Neumann. Den Wettlauf der Blockmächte um das All verknüpft die Autorin geschickt mit persönlichen Erzählungen sowie Reflexionen über kollektive Erfahrungen dieser Zeit, stellt der Rezensent lobend fest. Die Mischung aus Archivrecherche, Prosaminiaturen und Ideengeschichte wird für ihn zu einem "personal Essay", das eine "Körpergeschichte des 20. Jahrhunderts" entwerfe. Dass Geipel zusätzlich die Verbindungen zu Forschungen in der Gegenwart und den Debatten um "Körper- und Neuroenhancement" aufgreift, überzeugen den Rezensenten, dass es sich hier um ein "Paradestück" über den Menschen und dessen Überschreitung eigener Grenzen handelt.