Anna Bikont

Wir aus Jedwabne

Polen und Juden während der Shoah
Cover: Wir aus Jedwabne
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
ISBN 9783633543007
Gebunden, 699 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Sven Sellmer. Am 10. Juli 1941 fiel die jüdische Bevölkerung der polnischen Kleinstadt Jedwabne einem Pogrom zum Opfer. Hunderte Männer, Frauen und Kinder wurden in einer Scheune verbrannt. Nur wenige überlebten. Es war ein Verbrechen von unermesslicher Grausamkeit. Aber nur wenige Menschen wurden dafür zur Verantwortung gezogen. Was an diesem Tag tatsächlich geschah - und durch wessen Hand -, sollte mehr als sechzig Jahre lang im Dunkeln bleiben. Erst das Buch "Nachbarn" (2000) des Historikers Jan T. Gross legte dar, dass es Polen waren, die in Jedwabne, geschützt von den deutschen Besatzern, ihre wehrlosen jüdischen Nachbarn umgebracht hatten - ein Schock für die polnische Gesellschaft und Auslöser einer erbitterten Debatte um das Tabu eigener Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung des Landes.  Die Journalistin Anna Bikont macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Sie reist immer wieder nach Jedwabne. Sie spricht mit Überlebenden und mit Tätern, mit Dorfbewohnern, Historikern und Politikern. Sie durchforstet Prozessakten und Zeitungsarchive. So unerbittlich wie behutsam rekonstruiert sie nicht nur die Gewalttat und die Umstände, die sie ermöglicht haben - sie zeichnet zugleich das Porträt einer Stadt, die sich der Erinnerung bis heute verweigert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.09.2020

Für Rezensent Thomas Urban leistet Anna Bikont mit ihrem endlich auch auf Deutsch zu lesenden Buch einen wichtigen Beitrag zur Universalgeschichte des Antisemitismus. Auch wenn Urban eine Einordnung der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte im Anhang des Buches schmerzlich vermisst, scheint ihm Bikonts "fesselnde" Verknüpfung von Augenzeugenberichten aus Jedwabne mit Einwohneraussagen "zwei Generationen später" bewegend wie aufschlussreich. Dass die Rolle des SS-Kommandos bei dem Massaker von Jedwabne im Buch kaum Berücksichtigung findet, bedauert Urban allerdings.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2020

Rezensentin Marta Kijowska bedauert die Verspätung der deutschen Ausgabe von Anna Bikonts Buch von 2004. Inzwischen gibt es allerhand neue Erkenntnisse über Judenpogrome in Polen, meint sie, die die von Bikont so akribisch recherchierten Ereignisse in Jedwabne als Spitze des Eisbergs erscheinen lassen. Das Verdienst der Publikation schätzt die Rezensentin dennoch hoch ein, da Bikonts als Vertiefung zu Jan T. Gross gedachte Arbeit mit ihren Zeitzeugengesprächen, historischen Tiefenbohrungen in den polnischen Antisemitismus und Archivrecherchen schockierende Individualgeschichte und Arbeitsbericht zugleich ist. Den Einzelschicksalen im Text zu folgen, fällt Kijowska leider mitunter schwer, da sie immer wieder unterbrochen werden durch die persönlichen Aufzeichnungen der Autorin.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 06.07.2020

Mit verhaltener Empörung notiert Fabian Wolff, dass dieses Buch erst 16 Jahre nach seinem Erscheinen in Polen auf Deutsch herauskommt - so wie auch die historische Rekonstruktion des Verbrechens von Jedwabne durch den Historiker Jan T. Gross heute in Deutschland vergriffen sei. Mit großer Zustimmung zu Bikonts Methode, nämlich von ihren Recherchereisen und Treffen zu erzählen, nimmt der Kritiker den Faden ihres Buches auf und berichtet von vielen erschreckenden Begegnungen der Autorin mit einem gedankenlosem Antisemitismus ihrer Gesprächspartner. Ein neues Nachwort von Anna Bikont kläre zudem darüber auf, so der Rezensent, dass dieser Antisemitismus inzwischen im "Mainstream" angekommen sei - obgleich sie in ihrem Text immer auch den "anderen, besseren Polen" Aufmerksamkeit geschenkt habe. So verdanke man einer "skeptischen Beobachterin" ein nüchternes, faires, erschreckendes Buch - über ein Verbrechen und die Verweigerung der Erinnerung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.06.2020

Rezensent Matthias Arning erfährt aus Anna Bikonts aus Recherchen vor Ort, Prozessakten, Zeitzeugenberichten sowie Gesprächen mit Politikern und Historikern entstandenem Buch, wie Polen und die Kleinstadt im Nordosten des Landes selbst mit der Erinnerung an das Massaker von Jedwabne umgehen. Wenn Bikont von Boykotten des Gedenktages schreibt, von Umdeutungsversuchen, denen sie ihre eigene, an Jan T. Gross' Studie anknüpfende "akribische Rekonstruktion" entgegensetzt, wie Arning erläutert, erkennt der Rezensent auch den "Antisemitismus von heute". Für Arning ein "glänzend geschriebenes" Buch.