Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist polnisches Geschichtsbewusstsein deutlich vom Feindbild der »Judäo-Kommune« geprägt. Es ist ein antisemitisches Feindbild, das sich auf die Verbindung von Juden und Kommunismus stützt und als Gegenbild zur polnischen Nation erscheint. Im Topos der "Judäo-Kommune" wird unterstellt, die Juden würden den Kommunismus instrumentalisieren, um mit seiner Hilfe die Weltherrschaft zu errichten. Hiermit werden Antisemitismus und die in Polen durch die Teilungszeit intensivierte Russlandfeindlichkeit mit Antisowjetismus und Antikommunismus verbunden. In dieser besonderen historischen Konstellation äußert sich ein strukturelles Ressentiment des modernen polnischen Nationalismus spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2008
Augenscheinlich mit großem Gewinn hat der hier rezensieren Historiker Manfred Funke dieses Buch der Kulturwissenschaftlerin Agnieszka Pufelska über den Antisemitismus in Polen gelesen, oder diese Geschichte des Landes aus der Perspektive der polnischen Juden. Ausführlich rekapituliert er, wie sich antisemitische Ressentiments vor allem dadurch verstärkten, dass die Juden emanzipative Kraft aus der Oktoberrevolution zu ziehen versuchten und damit vor, während und nach dem Krieg die Feindschaft der Bevölkerung auf sich zogen. Und er erinnert daran, wie nicht nur die polnische Kirche die wenigen überlebenden Juden immer wieder zur Auswanderung aufforderten und wie vor allem die polnischen Kommunisten gegen die Juden agierten, um sich als "nationale" Kraft im Land zu etablieren. Der Rezensent nennt dies Buch eine "Klopfzeichen-Installation" in der Nationalgalerie der polnischen Zeitgeschichte.
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