Alfred Apfel

HInter den Kulissen der deutschen Justiz

Erinnerungen eines deutsche Rechtsanwalts 1882-1933

Klappentext

Herausgegeben von Ursula und Jan Gehlsen. Mit SchwarzWeiß-Abbildungen. "Da ich keine Neigung hatte, 'auf der Flucht' erschossen zu werden oder in einem Konzentrationslager dahinzuvegetieren, habe ich Deutschland verlassen."
Mit diesen Worten endet dieses Buch. Im April 1933 gelang dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel die Flucht nach Frankreich, nachdem er den Hinweis erhalten hatte, dass seine Verhaftung bevorstehe. Der prominente Strafverteidiger war den Nationalsozialisten besonders verhasst, weil er die zweifelhafte Vergangenheit ihres Helden Horst Wessel aufgedeckt und weil er den Prozess wegen der Kurfürstendamm-Krawalle am jüdischen Neujahrsfest 1931 gegen die SA-Führung erzwungen hatte. Mithilfe geretteter Aufzeichnungen gelang es Alfred Apfel, den Text fertigzustellen, der 1934 in Paris als "Les dessous de la justice allemande" und 1935 in London als "Behind the Scenes of German Justice" erschien.
Der deutsche Ursprungstext ist verloren, eine Rückübertragung aus den fremdsprachigen Fassungen wird hier nach 80 Jahren erstmals vorgelegt: Teils lebhafte Entwicklungsgeschichte, teils scharfsinnige und materialreiche Darstellung der verderblichen gegenseitigen Einwirkungen von Politik und Justiz während eines krisenhaften Jahrzehnts.
Unter seinen Mandanten sind viele, deren Namen noch heute als prägend in Erinnerung sind: Johannes R. Becher, George Grosz, Wieland Herzfelde, Egon Erwin Kisch, Erwin Piscator, Max Reinhardt, Friedrich Wolf; zu anderen wie Lion Feuchtwanger und Robert Musil gab es persönliche Beziehungen. Herausragend ist die jahrelange Beziehung, die Alfred Apfel mit Carl von Ossietzky verband: Aus einzelnen Mandaten entwickelte sich kontinuierliche Beratung als Hausanwalt der Weltbühne und ihres Herausgebers sowie schließlich persönlicher Beistand. In der Weltbühne zu schreiben, ermöglichte Alfred Apfel auch, seine ganz eigene Methode der Verteidigung in politischen Strafverfahren zu entwickeln. Neben präzise juristische Arbeit trat das Bemühen, die zunächst meist ablehnende öffentliche Meinung für seine Mandanten einzunehmen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.08.2014

Historiker Ingo Müller bringt vor allem historische Hintergründe zu diesem Buch, das, von Alfred Apfel 1934 ursprünglich auf Deutsch verfasst, doch im Original nicht mehr auffindbar, nun in einer Rückübersetzung aus dem Französischen und Englischen vorliegt. Darin schildert der Anwalt von unter anderem Egon Erwin Kisch und Carl von Ossietzky, wie er seinerzeit in den Rang des von den Nazis am meisten gehassten Anwalts der Weimarer Republik aufgestiegen ist. Viel von dem, was Apfel über den Justizapparat der damaligen Zeit zu berichten weiß, kennt der Rezensent zwar schon aus anderen Quellen, doch eröffnet der Anwalt zuweilen doch eine etwas intimere Perspektive. Mit großem Interesse liest Müller insbesondere jene Passagen, in denen Apfel seine von Enttäuschungen und Entbehrungen geprägten Erfahrungen als assimilierungsbereiter Jude im Preußischen Obrigkeitsstaat schildert und dabei vor allem auch aus der Binnenperspektive des deutschen Judentums schreibt, deren Vertreter sich seinerzeit für ein klares Bekenntnis zum deutschen Patriotismus und für eine Auffassung des Judentums als reine Glaubenssache stark machten.