"In den vergangenen 20 Jahren sind die
christlichen Kirchen in den Vereinigten Staaten zusammengebrochen", schreibt Hannes Stein in der
Welt: "Die Zahl der Amerikaner, die sich selbst Christen nennen, ist auf
63 Prozent der Bevölkerung geschrumpft." Allerdings seien die verbliebenen Christen radikaler geworden: "Am extremsten ist jene Bewegung, die sich '
neuapostolische Reformation' nennt. Ihre Anhänger glauben wie die Pfingstler, sie seien
vom Heiligen Geist getauft worden; die Demokratische Partei halten sie buchstäblich für
dämonisch. Die Trennung von Kirche und Staat sei verwerflich, Amerika müsse von bibeltreuen Christen beherrscht werden. Wir haben es hier keineswegs mit einer Randerscheinung zu tun. Zu den Anhängern der 'neuapostolischen Reformation' gehören
Kongressabgeordnete."
Zugleich "konvertieren mehr und mehr aus der rechtsintellektuellen oder auch der evangelikalen Szene zum
Katholizismus", sagt im
Zeit-Online-Gespräch der Jesuit und Theologe
Klaus Mertes, der von "autoritären Katholiken oder
völkisch-
nationalen"
Katholiken spricht: "Sie sind nicht konservativ, sondern
disruptiv unterwegs. Wichtig ist dabei immer die
apokalyptische Aufladung", erklärt er: "Ich zitiere den Milliardär und Trump-Unterstützer
Peter Thiel: Er kommt immer wieder auf Harmagedon zurück, den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht, die er mit der atomaren Katastrophe gleichsetzt, mit der Möglichkeit der Menschheit, sich zu vernichten. Aus Angst vor dieser finalen Katastrophe suchen die Menschen nach Rettungsfiguren. Peter Thiels Konstrukt ist: Die UN oder die EU nutzen die Angst vor einer möglichen Katastrophe, um sich
als Retter anzubieten und uns so in ihre Abhängigkeit zu bringen."
Auch wenn sich
Europa längst als
säkular definiert, bleibt es für den
politischen Islam "ontologisch christlich",
schreibt Kacem El Ghazzali in der
NZZ. Dabei werden uralte Bilder reaktiviert: "Das
Christentum und der Westen sind das 'Andere', das es zu bekämpfen gilt. Das Narrativ gleicht dabei einer simplen, aber wirkmächtigen
Verschwörungstheorie: Der westliche 'Kreuzfahrer' versuche, die Muslime von ihrer Religion wegzuführen. Seine Methoden seien dabei perfide - er nutze Menschenrechte, Frauenemanzipation und
Säkularität als Waffen der Zersetzung. (…) Dabei unterliegt Europa einem fatalen Missverständnis: Es glaubt, wenn die Islamisten 'Kreuzfahrer!' rufen, sei dies nur eine rhetorische Floskel. Das Gegenteil ist der Fall. In der Wahrnehmung der Islamisten ist der Begriff die Markierung einer unaufgelösten historischen Feindschaft. Strategisch gesehen ist
das moderne '
Rom' zwar kein furchterregender Ritter mehr, sondern jenes orientierungslose Vakuum, vor dem Nietzsche warnte. Doch genau dieses Vakuum wird nicht ignoriert, sondern als Einladung verstanden, den uralten Kampf wieder aufzunehmen."