Christian Kracht

Eurotrash

Roman
Cover: Eurotrash
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2021
ISBN 9783462050837
Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, 'Faserland' genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch."Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in "Faserland" ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.03.2021

Rezensentin Judith von Sternburg weiß, wer die Hauptfigur in Christian Krachts neuem Roman ist. Nicht der Erzähler namens Christian Kracht, nicht die Schweiz und auch nicht das Erzählen selbst, sondern die tablettenabhängige, gebrechliche Mutter des Erzählers mit dem Sack voll Geld, die mit dem Sohn auf eidgenössische Roadtour geht, bei der auch die schmutzigen Nazi-Ecken der Familie nicht ausgelassen werden. Wie Kracht die Mutter-Spleens schildert, in einer Mischung aus Zynismus und Zartheit, findet Sternburg einnehmend. Stilistisch scheint ihr der Roman nicht viel herzumachen, dafür erzählt er von der Macht des Erzählens, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2021

Rezensent Jan Wiele zieht den Hut vor Christian Krachts etwas anderer Memoiren-Kunst. Wie der Autor und sein Erzähler diesmal antreten, die dunklen Ecken ihrer Familiengeschichte mit Fiktion zu überkleistern, findet Wiele schon lesenswert. Parodistisch, mit der Spottlust eines Thomas Bernhard geht das laut Wiele vor sich. Wiele folgt dem Erzähler und dessen Mutter durch eine Pappmaché-Schweiz, die der Roman filmisch und (alp-)träumerisch ausstaffiert. Das ist manchmal sogar witzig, findet der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.03.2021

Rezensent Helmut Böttiger ermüdet bei der Lektüre von Christian Krachts neuem Roman. Für ihn ist Kracht nicht mehr und nicht weniger als ein Könner der medialen Selbstinszenierung, so auch in diesem Buch, das den Leser mitnimmt auf einen Besuch des Ich-Erzählers namens Christian Kracht bei seiner dementen Mutter in der Schweiz und damit auch in der Kindheit des Erzählers. Laut Böttiger Anlass für Kracht, seinem Überdruss an den dekadenten Spielen des Geldadels Zucker zu geben. Böttiger bemerkt, wie der Text ihn durch Unmittelbarkeit hineinziehen möchte, aber der Rezensent wehrt sich tapfer, und er erkennt: alles Pose, dahinter bloß eine "leerlaufende Schreibe".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.03.2021

Für Rezensent Philipp Theisohn zeigt sich Christian Kracht mit seinem neuen Roman als der letzte Metaphysiker unter den Romanciers. Das kommt laut Theisohn, weil Kracht es gelingt, die autofiktionale Selbstbespieglung als Realität erscheinen zu lassen. In diesem Buch stehen dafür die senile Mutter des Erzählers samt künstlichem Darmausgang, der antisemitische Großvater sowie das kathartische Auftreten des Erzählers aus Krachts Debütroman von 1995. Für Theisohn ein faszinierendes Spiegelspiel, angelegt als Roadmovie durch die Schweizer Heimat des Autors, das sich nunmehr wirklich nur noch um die eigene Auferstehung kümmert, und zwar als Schlossgespenst.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.03.2021

Laut Rezensent Felix Stephan will der Erzähler dieses Romans namens Christian Kracht nur spielen, also erzählen. Vordergründig aber bietet der Band eine Art Familienzusammenführung, die dem Erzähler Gelegenheit zu allerlei Selbstreminiszenzen gibt - an die eigene Schriftstellerkarriere, den Debütroman, dessen Protagonisten und den Aufstieg der eigenen Familie in den Geldadel. Wie gekonnt Kracht dem "Wirklichkeitsterror" den Mythos entgegenzusetzen weiß, hat Stephan nie so eindrücklich erfahren dürfen wie mit diesem Buch, das sich für den Rezensenten letztlich wie ein "heiterer Abenteuerroman" liest.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.03.2021

Rezensent Dirk Knipphals sieht Christian Kracht an die Grenzen des Erzählens stoßen mit seinem neuen, unverhohlen autofiktionalen Roman. Die Abrechung mit der eigenen Familie, dem Aufsteigertum des Vaters, dem Nazitum des Großvaters, der Tablettensucht der Mutter und der Unfähigkeit der ganzen Familie, mit dem Missbrauch am kleinen Christian (in einem kanadischen Internat) umzugehen, scheint Knipphals stellenweise drastisch, schließlich aber versöhnlich abgemildert, gedreht ins Märchenhafte, Roadmovieartige. Für Knipphals geht dieser Dreh, dieser Ausbruchsversuch aus dem Zirkel des Missbrauchs nicht auf. Der Anfang scheint ihm allerdings "furios".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.03.2021

Rezensent Ijoma Mangold ist begeistert von Christian Krachts neuem Roman. Ein Ereignis ist das Buch für ihn als vom Autor klug inszenierte Dekonstruktion des eigenen Werks. Dem Erzähler Christian Kracht zu dessen Wurzeln in die Schweiz folgend, zu Nazigroßvater, exzentrischer Mutter sowie zu traumatischen Kindheitserinnerungen bleibt sich der Rezensent stets darüber im klaren, dass Kracht ein großer moderner Erzähler ist, mit allen Wassern gewaschen, und der Text unversehens vom Weg realistischen Erzählens abkommt und etwas Neues beginnt, etwas, das Vergangenheitsbewältigung und ihre ästhetische Reflexion in einem ist. Großartig, findet Mangold.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 03.03.2021

Rezensent Christian Metz schreibt eine Hymne über den neuen, wie er findet, literarisch "brillanten" Roman von Christian Kracht. Den Roman liest er als knappe Fortsetzung von "Faserland", vor allem aber als Fortschreibung der Kracht'schen Poetik. In zwölf Kapiteln erzählt der Autor, wie er mit seiner achtzigjährigen, alkohol- und tablettensüchtigen, psychisch kranken Mutter durch die Schweiz reist und dabei über beider Missbrauchs-Erfahrungen und die Nazi-Vergangenheit der Großeltern spricht. Die eigentliche Kunst des Romans liegt aber in der gekonnten "Autorschafts-Inszenierung" von Kracht, versichert der Rezensent, der hier einmal mehr kaum unterscheiden kann, was authentisch und was Fiktion ist. Darüber hinaus bewundert Metz den "Erinnerungskampf", den Kracht zwischen Mutter und Sohn in Dialogen inszeniert. Wenn Kracht das eigene privilegierte Dasein und die familiäre Nazivergangenheit gegeneinanderschneidet, liest der Kritiker hier nicht zuletzt eine literarische "Selbstanzeige".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.02.2021

Rezensent Tobias Rüther gibt den Versuch auf, herauszufinden, wo im Werk Christian Krachts die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verlaufen. Ist nun der Erzähler im aktuellen Roman derselbe wie im neuen Buch dauernd zitierten Debütroman des Autors? Und sind Erzähler und Autor identisch? Sei's drum, meint Rüther. Lieber freut er sich an Krachts raffinierter Erzählweise, an seinem eiskalten Ton, den feinen Beschreibungen, der Gegenwartsnähe der Geschichte und an der witzigsten Hauptfigur schlechthin: der alkohol- und tablettenabhängigen exzentrischen Mutter des Erzählers. Kracht ist ein Trickser, sein neuer Roman ein faszinierendes Märchen, findet Rüther.