Esther Kinsky

Rombo

Roman
Cover: Rombo
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783518430576
Gebunden, 267 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. Die Materialverschiebungen infolge der Beben sind gewaltig, sie bilden neues Gelände, an denen sich die Wucht des Eingriffs ablesen und in die Begriffe der Naturkunde fassen lässt. Doch für das menschliche Trauma, für die Erfahrung der plötzlich zersprengten Existenz, lässt sich die Sprache nicht so einfach finden. In Esther Kinskys neuem Roman berichten sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2022

Rezensentin Christiane Pöhlmann lässt sich von Esther Kinskys Text ins Friaul von 1976 zurückführen, als dort die Erde bebte und hunderte Menschen starben. Was genau der Text leistet, vermag Pöhlmann nur schwer zu erfassen. Eine Geschichte gibt es nicht, und Natur und Figuren bleiben blass, meint sie. Was Kinsky "auf metaphorischer Ebene" leistet, scheint Pöhlmann allerdings bemerkenswert. Die knappen Erinnerungsfragmente über Land und Leute, teils aus allwissender, teils aus Ich-Perspektive der Figuren erzählt, wie die Rezensentin erläutert, tippen laut Pöhlmann Themen wie Arbeitsmigration oder Folklore an. Ein erzählerisches Ganzes aber wird daraus nicht, so die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.03.2022

Rezensentin Eva Behrendt tut sich am Anfang schwer mit diesem Buch, dass das schwere Erdbeben in Italien 1976 und seine Folgen aus naturwissenschaftlicher wie literarischer Perspektive beschreibt. Mühsam muss sich die Kritikerin die Bruchstücke, die Eva Kinsky ihm bietet, zusammensetzen. Will die Autorin vielleicht einen kleinen "Weltausschnitt" in seiner Gesamtheit beschreiben? Behrendt ist sich nicht sicher, vielleicht auch, was das Buch betrifft, für das sie am Ende kein Urteil findet.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2022

Rezensentin Ingeborg Harms bewundert die "strukturierte Disziplin", mit der sich Esther Kinsky am Erdbeben im italienischen Friaul 1976 abarbeitet und dabei ein Genre-Konglomerat erschaffe. In einem einerseits wissenschaftlich-deskriptiven, andererseits poetischen Stil widmet sich die Dichterin den Zeitzeugen, die sie befragt hat, und der italienischen Berglandschaft mit gleicher Genauigkeit, lobt Harms, wobei einerseits laut Rezensentin die kleinsten Vorzeichen des Bebens zum Vorschein kommen und andererseits die Lebensumstände der Dorfbewohner in den Blick geraten. Als Reportage, Reisebericht, botanische Studie oder Novelle könne man das Genre beschreiben, so Harms; beeindruckt ist sie von der "fast biblischen Ruhe" des Tonfalls. Außerdem sieht sie als Gegenstand von Kinskys "präziser Chaosforschung" nicht nur das Ereignis des Erdbebens, sondern auch die fragile moderne Welt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.03.2022

Mit viel Lob bespricht Rezensent Thomas Steinfeld Esther Kinskys neues Buch, das als"Geländeroman" untertitelt ist. Die Geschichte erzählt von den Auswirkungen eines Erdbebens in der italienischen Gemeinde Venzone im Jahr 1976, erklärt Steinfeld. Obwohl der Roman eindrücklich die Geschichte betroffener Dorfbewohner umfasst, deren Lebensgrundlage zerstört wurde und die nun mit ihrem völlig veränderten Leben klarkommen müssen, ist der Rezensent vor allem von den Beschreibungen der "physischen Momente" angetan. Denn hier schmiege sich die "Sprache den Steinen an" und auch Kinskys kenntnisreiche biologische und geologische Exkurse werden dem Rezensenten nie langweilig. Indem die Autorin diese weitgreifenden Umbrüche sowohl für die Bevölkerung wie auch die landschaftliche Umgebung dokumentiert, erstelle sie eine "Programmschrift wider das Verschwinden", ist Steinfeld überzeugt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 12.02.2022

Ein Zusammenhang zwischen Paradies und Katastrophe eröffnet sich Rezensent Helmut Böttinger bei der Lektüre von Esther Kinskys Buch, das sich dem Erdbeben im Dreiländerdreieck zwischen Italien, Österreich und Slowenien 1976 widmet. In höchst "verdichteter" und "poetischer" Prosa, so der begeisterte Rezensent, beleuchte Kinsky das Ereignis zum einen aus der Perspektive eines kleinen, stark betroffenen Dorfes, aber auch immer wieder in Hinblick auf die Pflanzen- und Tierwelt. Dabei werde die Schönheit der Landschaft nie romantisiert, staunt Böttiger, trotzdem schaffe die Autorin "ungemein vibrierende" Bilder zwischen Festritualen, Liedern und Sagen der Dorfgemeinschaft. Zusätzlich würden mit der Beschreibung der Lebens- und Familienverhältnisse eine soziale, und mit der Beschreibung der Grenzregion eine politische Dimension eröffnet - ein "existentielles Panorama" und ein "hochpoetisches" Buch, schwärmt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2022

Rezensent Paul Jandl spürt die Erde beben beim Lesen von Esther Kinskys Roman, der für ihn geologische Zustandsbeschreibung, Geschichtensammlung und Dokumentation der Flora und Fauna um den Monte San Simeone in einem ist. Was sich dort 1976 abspielte, als die Erde bebte und tausend Menschen ihr Leben lassen mussten, schildert die Autorin laut Jandl in einer faszinierenden Mischung aus Landschaftsbeschreibung, fiktiven Erinnerungen und geologischer Literatur. Wie dabei Begiffe und Landschaft ins Rutschen kommen, wie Kinsky Dante und Heinrich von Kleist aufruft, um das Irrationale der Welt zu erkennen, wie sie schließlich die Ordnung der Blumen und Gräser und der Ziegel der Kirche von Venzone dagegen ins Feld führt, findet Jandl ungeheuer lesenswert.

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