Gisela von Wysocki

Wiesengrund

Roman
Cover: Wiesengrund
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
ISBN 9783518425497
Gebunden, 264 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Sterne sind aus Plasma und Gas gemacht. Der Vater muss es wissen, ein weit über Salzburg hinaus bekannter Astrophysiker. Hanna Werbezirk hält sie trotzdem für ewig. Und hat wenig Lust, ihm als Assistentin in seinem astronomischen Labor zu dienen. Im Nachtstudio hört sie heimlich die Vortragsfolge eines Autors, dessen Name sie sich merken wird. Wiesengrund. Er könnte hilfreich sein, für sie die Frage nach der Beschaffenheit der Sterne zu klären. Seine Worte, wendig und wandlungsfähig, eröffnen ihr den Blick in eine Welt mit eigenen Gesetzen. Das Gefühl einer Komplizenschaft mit dem radiophonen Mitternachtsbesucher macht aus der Lektüre seiner Schriften ein von Herzklopfen begleitetes Ereignis. Als Studentin der Philosophie reist Hanna einige Jahre später nach Frankfurt am Main, um Wiesengrund in natura zu erleben - und gerät in gänzlich neue Sphären. Die politischen Turbulenzen der Zeit wirken auch in ihre neuen Lebensverhältnisse hinein. Vor allem aber steht sie jenem magischen Feld gegenüber, das sie selbst um den hazardeurhaften Denker errichtet hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.10.2016

Bemerkenswert findet Otto A. Böhmer Gisela von Wysockis Roman. So wie er in diesem Buch auftritt, hat Böhmer Adorno noch nie gesehen. Dass die Autorin ihre eigenen Erfahrungen als Studentin auf ihre Hauptfigur überträgt, die sie der Faszination Adornos erliegen lässt, scheint Böhmer maßgeblich zum Gelingen des Textes beizutragen. Vor allem, da Wysocki kein Herrschaftswissen vermittelt, sondern das Unausdeutbare und Irritierende Adornos einfach stehen lässt. Ein feiner Witz, der nie zu Lasten der Figuren geht, begeistert Böhmer zusätzlich.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.10.2016

Tilman Krause ist hingerissen von Gisela von Wysockis Bildungsroman über das intellektuelle Frankfurt von 1968. Der autobiografisch eingefärbten Protagonistin folgt er nach Frankfurt in die Wirkungssphäre Adornos, den die Autorin von seiner musikalischen Seite zeigt, wie Krause erklärt. Geistreich und witzig charmant berichte die Autorin von der intellektuellen Langzeiterregung ihrer Heldin. Bildungssozialisation einmal vermittelt auf eine weniger langweilige, korinthenkackerhafte Weise, freut sich Krause, nicht im Modus der Dauerverbeugung, sondern bezaubernd durch die Mittel der Entzauberung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.10.2016

Stefan Müller-Doohm lässt sich von Gisela von Wysocki in die späten 50er und frühen 60er zurückversetzen, zu Adorno, der einmal nicht als negativer Dialektiker, sondern als Eichendorff-Jüngling und Fabelwesen vorgestellt wird, dem die Studentinnen in einer Mischung aus Abwehr und Faszination verfallen. Anschaulich und witzig, wie Wysocki die Anziehungskraft Adornos rüberbringt, seine Handküsse, sein patriarchales Verhalten, seine Sprachartistik, lobt der Rezensent. Die Begegnungen zwischen der Ich-Erzählerin und diesem Wiesengrund vermittelt ihm die Autorin farbig und kraftvoll in 34 Miniaturen, subjektiv, autobiografisch und verdichtet, in einer Mischung aus Fiktion und Zeitgenossenschaft. Sowohl das Frankfurter Milieu als auch die Stimmung der Zeit werden in diesem "konfigurativen" Schreiben für Müller-Doohm sichtbar, ohne dass Adornos Philosophie dazu bemüht werden müsse.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2016

Mit Gisela von Wysockis "Wiesengrund" hat Rezensentin Marie Schmidt einen ebenso witzigen wie sinnlichen Roman über die "Erotik des Intellektuellen" gelesen. Der Titel legt es nahe, es geht um Theodor W. Adorno, bei dem die Schriftstellerin in den sechziger Jahren studierte, informiert die Kritikerin und fügt hinzu: Das Buch ist keineswegs ein biografischer Rückblick, sondern vielmehr die aus der Perspektive der Heldin Hanna erzählte Geschichte einer Liebesbeziehung "ohne Haut und Hand". Mehr noch: Fasziniert bemerkt die Rezensentin, wie die Autorin die verschiedenen Eindrücke ihrer Figur versprachlicht oder den akribischen weiblichen Blick ihrer Protagonistin auf ihr männliches Umfeld ganz ohne "Geschlechtertrara" beschreibt. Über die wenigen etwas zu "grüblerisch" geratenen Passagen schaut Schmidt gern hinweg.
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