Vom Nachttisch geräumt

Immer neue Anläufe

Von Arno Widmann
22.01.2020. Gerhard Richter hat immer wieder neue Leitungen gelegt zur Wirklichkeit und zu uns. Besonders gut erkennt man das in Armin Zweites Band über Richter, "Das Denken ist beim Malen immer das Malen".
Jeder, der sich auch nur ein klitzeklein wenig für Kunst interessiert, kennt nicht nur seinen Namen. Er hat auch ein paar seiner Bilder vor Augen. Gerhard Richter soll der teuerste lebende Maler sein. Hört man seinen Namen, denkt man an "Onkel Rudi" von 1965, an "Ema (Akt auf einer Treppe)" aus dem Jahr 1966, die Zehn Großen Farbtafeln von 1966, die Verkündigungen nach Tizian aus dem Jahre 1973, die Kerze von 1982, Betty von 1988, die Baader-Meinhof-Ensslin-Bilder von 1988, das Kölner Domfenster von 2007, Birkenau 2014, usw. usw. Die abstrakten Bilder, über deren Verfertigung ein Film desillusionierend Auskunft gibt, daneben akribische Meisterwerke der Augentäuscherei, zauberhafte Dekorationsspielereien von Himmel und Wolken und bedeutungsschwere Bilder, die Schnappschüsse imitieren oder sogar abmalen.

Gerhard Richter ist der wandlungsreichste Künstler seit Picasso. Gleichzeitig öffentliche Person und Geheimnis. Armin Zweite, geboren 1941, von 1974-1990 Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus (München), 1990-2007 Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf), 2008-2013 Direktor der Sammlung Brandhorst in München, hat jetzt im Verlag Schirmer/Mosel eine monumentale, opulent ausgestatte Gerhard Richter-Monografie vorgelegt. 450 zweispaltig gedruckte Seiten mit mehr als 400 meist farbigen Abbildungen.

Gerhard Richter, September, 2005. MoMA


Ich hatte begonnen, das Buch, wie es sich gehört, von Anfang an zu lesen. Nach fünfzig Seiten ließ ich es eine Weile liegen und als ich wieder zu ihm zurückkam, blätterte ich darin. Ich stieß auf den Abschnitt über Richters Bild "September": Öl auf Leinwand, 52x72 Zentimeter groß. Ein Historienbild. Festgehalten, nein wiedergegeben ist der Augenblick am 11. September 2001, als zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center krachen. Richter erklärte dazu: "Das kleine Bild der beiden Türme war anfangs sehr bunt, mit der grell bunten Explosion und mit den fliegenden Trümmern. Das konnte nicht gelingen, erst als ich es quasi zerstörte, abkratzte wurde es ansehnlich."

Schattierungen eines mediterranen Blau, bedrängt von einem sich herabsenkenden Schwarz. Hier wird in Schönheit gestorben. Eine mühsam hergestellte Schönheit, zu der die Reinheit gehört. Das Gegenteil also dessen, womit Richter es bei den Fotos zu tun hatte. Da strahlte der Himmel mitten in einer bunten Welt. Bei Richters Gemälde geht es um Tod und Verklärung. Ein Zustand, in dem etwas abgeschlossen und dadurch klarer wird. Ist das eine Welt ohne Schrecken? Es ist eine Welt nach uns. Mord und Totschlag als schöne Kunst betrachtet. Nein. Sie sind Wege zu ihr. Am Ende wird die Welt da liegen, ermattet von all den ihr angetanen Metamorphosen. Wenn es dann noch ein Auge gäbe, sie zu sehen, würde es sich schließen vor ihrer Schönheit oder würde es brechen vor Schrecken? Richters Gemälde ist ein Versuch, durchs Licht vorzudringen hinaus in eine Welt, in der der Schrecken der Vernichtung aufgehoben ist in einer Wiedergeburt, wir wissen nicht wovon. Die Bläue ist die, aus der die alten Meister die Welt aufscheinen ließen.

"Das Denken ist beim Malen das Malen" ist der Titel des Buches. Schön ist er. Man begreift, dass Malen auch eine Art Denken ist. Wie Anfassen auch. Wie ganz generell alles Handeln auch. Aber wichtig ist das "beim Malen". Das Malen ersetzt nicht das Denken. Denken begleitet das Malen. Es bereitet es vor, es arbeitet nach und auch während des Malens setzt es nicht aus. "Onkel Rudi" ist nichts, wenn man nicht weiß, wer er war. Aber es ist wichtig, dass man erkennt, dass er nichts ist, wenn man nicht weiß, wer er war. Die Welt liegt vor uns. Wir sehen sie. Aber wir erkennen sie nicht. Aber es wäre ganz falsch, das zu vergessen. Was wir über die Welt wissen, liegt nicht zutage. Wir müssen es herausbekommen. Durchs Denken, durchs Experiment, durch Nachahmung, durch Malerei. Das sind alles Techniken, die wir nicht wirklich voneinander trennen können. Aber es ist gut, wenn wir es immer wieder versuchen. Wir vermehren dadurch unsere Zugänge zur Welt.

Das ist die wahre Leistung Gerhard Richters. Er hat immer wieder neue Leitungen gelegt zur Wirklichkeit und zu uns. Er hat Techniken entwickelt, um den Zufall mitarbeiten zu lassen an seinen Bildern. Über diese Arbeiten erklärte er: "Ich habe eben nicht ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, sondern möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte." Dazu gehören die Gemälde, auf denen er Bilder nachmalt, ebenso wie seine Rakel-Bilder, bei denen die Farbe mit einer Leiste aufgetragen und abgeschabt wird.

1973 schuf er drei Bilder für BMW: "Rot", "Gelb", "Blau". Armin Zweite beschreibt deren Entstehung so: "Fotos angerührter Farbe projizierte er auf große Leinwände und malte sie dann mühsam ab." Der Maler verschwindet und ist doch dauernd präsent. Mit ihm die Geschichte der Malerei. Natürlich spielt Richter mit seinem Titel an auf Barnett Newmans "Who's afraid of Red, Yellow and Blue?". Zweite schreibt: "Es ist letztlich keine radikal reduzierte Skala wie bei Newman, die Richter interessiert, sondern das große unerschöpfliche Potenzial ihrer unterschiedlichen materiellen Beschaffenheit, ihrer Erscheinungsweisen und ihrer visuellen und psychischen Wirkungen. So gesehen beziehen sich die BMW-Bilder zwar indirekt auf Newman, markieren zugleich aber eine extreme Gegenposition."

Was "indirekt" hier bedeuten soll, begreife ich nicht. Aber, dass Richter scheinbar dasselbe ganz anders macht, das macht Zweite sehr deutlich. Fast ganz am Ende seines Buches schreibt Zweite über Gerhard Richter: "Das Schwanken zwischen traditionellen und avantgardistischen Einstellungen, zwischen unpersönlichen Verfahren und persönlicher Motivation, zwischen Konstruktion und Dekonstruktion bestimmt das Schaffen ebenso wie der Gegensatz von Enthüllen und Verhüllen. Gegenwart und Flüchtigkeit der Erscheinung, Transparenz und entschwindende Fasslichkeit können als leitmotivische Bildabsichten verstanden werden, die das Werk durchziehen und einen Diskurs bilden, der in immer neuen Anläufen eine 'reflexive Potenzierung des schönen Scheins' freisetzt."

Armin Zweite: Das Denken ist beim Malen immer das Malen. Gerhard Richter - Leben und Werk, Schirmer/Mosel, München 2019, 479 Seiten, 419 Abbildungen in Farbe, 125 Euro.