SOS: USA
MEGA!
Exkurse zur Krise der Demokratie in Amerika Von Mitchell Cohen
07.10.2025. Donald Trump wird von Curtis Yarvin, dem Prinzen der "Dunklen Auflkärung" mit einem König verglichen. Im nächsten Jahr lässt er 250 Jahre Unabhängigkeitserklärung feiern. Da steht auch eine Liste mit Untaten eines Königs drin, die seine Absetzung rechtfertigen. Überhaupt die kulturellen Akzentsetzungen von MAGA. Ist das schon Faschismus? Wir setzen mit diesem Brief unsere kleine Serie mit Exkursen zur Krise der amerikanischen Demokratie fort.In lockerer Folge publizieren wir eine Reihe von Briefen des New Yorker Autors Mitchell Cohen zur Krise der amerikanischen Demokratie. D.Red.
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"Dies sind Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen." So heißt es in "The American Crisis", einer Abhandlung aus dem Jahr 1776, die von einem Immigranten verfasst wurde. Tom Paine wurde zum großen Pamphletisten der amerikanischen Revolution. In seinem früheren aufrührerischen Werk "Common Sense" verkündete er: "In absoluten Regierungen ist der König das Gesetz." Freiheit bedeute hingegen, dass "das Gesetz König sein sollte". Sein Argument gilt auch dann, wenn wir heute die Frauen mit einbeziehen, was MAGA vielleicht als "woke" empfindet. Selbst wenn Trump den König spielt und damit die Rechtsstaatlichkeit untergräbt. Curtis Yarvin, ein einflussreicher Pro-MAGA-Blogger, der sich selbst als "Neoreaktionär" bezeichnet, sagt, Trumps "Ausstrahlung" sei monarchisch. Washington, Lincoln und FDR seien "nationale CEOs" gewesen.
Paine schrieb im Geiste der Aufklärung. So auch die Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, deren 250. Jahrestag nächstes Jahr begangen wird. Trump nutzt sie für seinen Kulturkampf. Er wies die National Endowment for the Arts (NEA) an, Fördermittel vorrangig für Projekte zu vergeben, die sie feiern. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Idee, solange das Ergebnis nicht Chauvinismus ist. Einige bezweifeln, dass Trump ihre Worte verinnerlicht hat: "Alle Menschen sind gleich geschaffen." Oder die in der Unabhängigkeitserklärung enthaltene Liste der "Ungerechtigkeiten und eigenmächtigen Anmaßungen" eines Königs, die seine Absetzung rechtfertigen. In einem frühen Entwurf verurteilte Thomas Jefferson einen "grausamen Krieg gegen die menschliche Natur selbst" - die Sklaverei. Die Südstaatler protestierten und die Passage wurde gestrichen. Trump hat natürlich nicht zur Wiedereinführung der Sklaverei aufgerufen, aber man kann sich leicht vorstellen, dass seine "weißen christlichen nationalistischen" Fans sich fragen: War das so schlimm? Yarvin, der sich auch mit der "Dunklen Aufklärung" identifiziert, sinniert darüber, wie "schwierig" es ist zu sagen, ob der amerikanische Bürgerkrieg "das Leben von irgendjemandem angenehmer gemacht hat, einschließlich dem der befreiten Sklaven". Der diensthabende Oberbefehlshaber der USA, der die Amerikaner auf den Friedhöfen in der Normandie als "Trottel" bezeichnet hat, fordert nun die Wiederherstellung der "Vernunft in der amerikanischen Geschichte". Er möchte, dass die Statuen der Generäle der Konföderierten, die in den letzten Jahren entfernt wurden, wieder auf ihre Sockel gestellt werden. Verrat und Sklaverei: eine seltsame Mischung, um "Amerika wieder groß zu machen".
Sie gehören nicht zu den 250 vorgeschlagenen Statuen für einen neuen "National Garden of Heroes", den Trump zum Jubiläum in Auftrag gegeben hat. (Das Projekt wurde in seiner ersten Amtszeit angeordnet, von Biden als Verschwendung abgelehnt und nun wieder aufgenommen). Historiker bezeichnen die Liste als schlampig zusammengestellt. Eisenhower, Kommandeur der "Suckers", war zunächst nicht darauf vertreten, wurde dann aber hinzugefügt. Weitere Kandidaten für Walhalla sind: Lincoln, McKinley, FDR, die Bürgerrechtsheldin Rosa Parks, John Wayne und der konservative Ideologe William F. Buckley Jr. Es gibt zwei Einwanderer: Hannah Arendt und Albert Einstein. Tom Paine fehlt. Die NEA und die National Endowment for the Humanities (deren Budgets gekürzt werden) werden 34 Millionen Dollar zu dem Projekt beisteuern.
Trump nimmt Antidiskriminierungsprogramme der NEA, an Universitäten, beim Militär und in der Wirtschaft ins Visier. Im April kündigten hundert Juristen des Justizministeriums mit der Begründung, dass die Abteilung für Bürgerrechte ausgehöhlt werde. Im Mai kündigten leitende NEA-Mitarbeiter für Tanz, Volkskunstmuseen und bildende Kunst (und andere), da die Fördermittel gestrichen wurden. (Trump will die NEA schließen lassen). Richard Grenell ist nun der Leiter des Kennedy Center for the Performing Arts in Washington. Er ist nicht für seine kulturelle Bildung bekannt, sondern war zuvor als Gesandter in Berlin, als stellvertretender Direktor des Geheimdienstes und 2024 als Organisator von "Arab-Americans for Trump" tätig, einer Initiative, die darauf abzielte, die arabischstämmigen Amerikaner in Michigan - Grenell gehört nicht dazu - dazu zu bewegen, sich gegen Harris zu stellen.
Zur diesjährigen Eröffnungsgala des Kennedy Center wurden "Les Misérables" gegeben. Die Gala dient auch dem Fundraising. Spezielle Tickets für dieses Musical zu Preisen von bis zu 2 Millionen Dollar, ermöglichten ein "Meet and Greet" mit dem Präsidenten. Victor Hugo kam nicht, dafür manche Drag Queen, sehr zum Leidwesen des Präsidenten. "Les Misérables" ist ein Favorit von Trump und MAGA. Sie finden es offenbar mit dem Mar-a-Lago-Populismus vereinbar. Hat Trump Hugos Roman gelesen, in dem es um den Aufstand der Entrechteten in Paris im Jahr 1832 geht? Er ist um einiges länger als die täglichen Geheimdienstberichte, die er offenbar nicht liest. Die republikanischen Kongressabgeordneten wollen nun das Kennedy Center nach Trump umbenennen. Das Ziel dieser kulturellen Travestie: "MEGA!" Make Entertainment Great Again. Auch der Opernsaal des Centers würde umbenannt werden: "The Melania Trump Opera House".
Eine Folge von Trumps Attacken (vor allem Universitäten und Presse sind davon betroffen) ist die Debatte über Etiketten. Sind sie wichtig? Ja, wenn wir unterscheiden wollen zwischen dem, was historisch aufschlussreich ist, und dem, was rhetorisch prägnant ist. "Faschist" ist heute ein Allzweckbegriff. Alles, was rechtsgerichtet und schmutzig ist, gilt als "faschistisch" (auf der linken Seite "kommunistisch"). Das ist nichts Neues. Im Jahr 2008 schrieb der konservative Kommentator Jonah Goldberg, der heute regelmäßig bei CNN auftritt, das Buch "Liberal Fascism", als dessen First Lady er Hillary Clinton anprangerte. Die amerikanische Demokratie ist in Gefahr. Was klärt, was verschleiert? Bilder verleiten leicht zu faulem Denken, besonders wenn man einen Mussolini imitierenden Mann mit vorgerecktem Kinn sieht, der im Karnevalston zu Rotmützen tragenden Anhängern brüllt, welche "USA" skandieren, während sie sowohl Konföderierten- als auch amerikanische Flaggen schwenken (etwas läuft schief im amerikanischen Bildungswesen). Ist "Faschismus" eine Oberkategorie für jede Form von Autoritarismus? Oder ist es klüger, ihn nur als eine Spielart politischer Brutalität zu betrachten?
Wenn nur eine Zeitmaschine eine Massenkundgebung aus dem Jahr 1908 zurückbringen könnte. Nach einer mitreißenden Rede von Eugene V. Debs, dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, rief eine Stimme: "Genosse, führe uns ins Gelobte Land!" Debs antwortete: "Ich würde euch nicht ins Gelobte Land führen, selbst wenn ich könnte. Wenn ich euch hineinführen könnte, könnte jemand anderes euch wieder herausführen."
Mehr zum Thema "Faschismus" und Amerika in unserem nächsten Brief.
Mitchell Cohen
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"Dies sind Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen." So heißt es in "The American Crisis", einer Abhandlung aus dem Jahr 1776, die von einem Immigranten verfasst wurde. Tom Paine wurde zum großen Pamphletisten der amerikanischen Revolution. In seinem früheren aufrührerischen Werk "Common Sense" verkündete er: "In absoluten Regierungen ist der König das Gesetz." Freiheit bedeute hingegen, dass "das Gesetz König sein sollte". Sein Argument gilt auch dann, wenn wir heute die Frauen mit einbeziehen, was MAGA vielleicht als "woke" empfindet. Selbst wenn Trump den König spielt und damit die Rechtsstaatlichkeit untergräbt. Curtis Yarvin, ein einflussreicher Pro-MAGA-Blogger, der sich selbst als "Neoreaktionär" bezeichnet, sagt, Trumps "Ausstrahlung" sei monarchisch. Washington, Lincoln und FDR seien "nationale CEOs" gewesen.
Paine schrieb im Geiste der Aufklärung. So auch die Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, deren 250. Jahrestag nächstes Jahr begangen wird. Trump nutzt sie für seinen Kulturkampf. Er wies die National Endowment for the Arts (NEA) an, Fördermittel vorrangig für Projekte zu vergeben, die sie feiern. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Idee, solange das Ergebnis nicht Chauvinismus ist. Einige bezweifeln, dass Trump ihre Worte verinnerlicht hat: "Alle Menschen sind gleich geschaffen." Oder die in der Unabhängigkeitserklärung enthaltene Liste der "Ungerechtigkeiten und eigenmächtigen Anmaßungen" eines Königs, die seine Absetzung rechtfertigen. In einem frühen Entwurf verurteilte Thomas Jefferson einen "grausamen Krieg gegen die menschliche Natur selbst" - die Sklaverei. Die Südstaatler protestierten und die Passage wurde gestrichen. Trump hat natürlich nicht zur Wiedereinführung der Sklaverei aufgerufen, aber man kann sich leicht vorstellen, dass seine "weißen christlichen nationalistischen" Fans sich fragen: War das so schlimm? Yarvin, der sich auch mit der "Dunklen Aufklärung" identifiziert, sinniert darüber, wie "schwierig" es ist zu sagen, ob der amerikanische Bürgerkrieg "das Leben von irgendjemandem angenehmer gemacht hat, einschließlich dem der befreiten Sklaven". Der diensthabende Oberbefehlshaber der USA, der die Amerikaner auf den Friedhöfen in der Normandie als "Trottel" bezeichnet hat, fordert nun die Wiederherstellung der "Vernunft in der amerikanischen Geschichte". Er möchte, dass die Statuen der Generäle der Konföderierten, die in den letzten Jahren entfernt wurden, wieder auf ihre Sockel gestellt werden. Verrat und Sklaverei: eine seltsame Mischung, um "Amerika wieder groß zu machen".
Sie gehören nicht zu den 250 vorgeschlagenen Statuen für einen neuen "National Garden of Heroes", den Trump zum Jubiläum in Auftrag gegeben hat. (Das Projekt wurde in seiner ersten Amtszeit angeordnet, von Biden als Verschwendung abgelehnt und nun wieder aufgenommen). Historiker bezeichnen die Liste als schlampig zusammengestellt. Eisenhower, Kommandeur der "Suckers", war zunächst nicht darauf vertreten, wurde dann aber hinzugefügt. Weitere Kandidaten für Walhalla sind: Lincoln, McKinley, FDR, die Bürgerrechtsheldin Rosa Parks, John Wayne und der konservative Ideologe William F. Buckley Jr. Es gibt zwei Einwanderer: Hannah Arendt und Albert Einstein. Tom Paine fehlt. Die NEA und die National Endowment for the Humanities (deren Budgets gekürzt werden) werden 34 Millionen Dollar zu dem Projekt beisteuern.
Trump nimmt Antidiskriminierungsprogramme der NEA, an Universitäten, beim Militär und in der Wirtschaft ins Visier. Im April kündigten hundert Juristen des Justizministeriums mit der Begründung, dass die Abteilung für Bürgerrechte ausgehöhlt werde. Im Mai kündigten leitende NEA-Mitarbeiter für Tanz, Volkskunstmuseen und bildende Kunst (und andere), da die Fördermittel gestrichen wurden. (Trump will die NEA schließen lassen). Richard Grenell ist nun der Leiter des Kennedy Center for the Performing Arts in Washington. Er ist nicht für seine kulturelle Bildung bekannt, sondern war zuvor als Gesandter in Berlin, als stellvertretender Direktor des Geheimdienstes und 2024 als Organisator von "Arab-Americans for Trump" tätig, einer Initiative, die darauf abzielte, die arabischstämmigen Amerikaner in Michigan - Grenell gehört nicht dazu - dazu zu bewegen, sich gegen Harris zu stellen.
Zur diesjährigen Eröffnungsgala des Kennedy Center wurden "Les Misérables" gegeben. Die Gala dient auch dem Fundraising. Spezielle Tickets für dieses Musical zu Preisen von bis zu 2 Millionen Dollar, ermöglichten ein "Meet and Greet" mit dem Präsidenten. Victor Hugo kam nicht, dafür manche Drag Queen, sehr zum Leidwesen des Präsidenten. "Les Misérables" ist ein Favorit von Trump und MAGA. Sie finden es offenbar mit dem Mar-a-Lago-Populismus vereinbar. Hat Trump Hugos Roman gelesen, in dem es um den Aufstand der Entrechteten in Paris im Jahr 1832 geht? Er ist um einiges länger als die täglichen Geheimdienstberichte, die er offenbar nicht liest. Die republikanischen Kongressabgeordneten wollen nun das Kennedy Center nach Trump umbenennen. Das Ziel dieser kulturellen Travestie: "MEGA!" Make Entertainment Great Again. Auch der Opernsaal des Centers würde umbenannt werden: "The Melania Trump Opera House".
Eine Folge von Trumps Attacken (vor allem Universitäten und Presse sind davon betroffen) ist die Debatte über Etiketten. Sind sie wichtig? Ja, wenn wir unterscheiden wollen zwischen dem, was historisch aufschlussreich ist, und dem, was rhetorisch prägnant ist. "Faschist" ist heute ein Allzweckbegriff. Alles, was rechtsgerichtet und schmutzig ist, gilt als "faschistisch" (auf der linken Seite "kommunistisch"). Das ist nichts Neues. Im Jahr 2008 schrieb der konservative Kommentator Jonah Goldberg, der heute regelmäßig bei CNN auftritt, das Buch "Liberal Fascism", als dessen First Lady er Hillary Clinton anprangerte. Die amerikanische Demokratie ist in Gefahr. Was klärt, was verschleiert? Bilder verleiten leicht zu faulem Denken, besonders wenn man einen Mussolini imitierenden Mann mit vorgerecktem Kinn sieht, der im Karnevalston zu Rotmützen tragenden Anhängern brüllt, welche "USA" skandieren, während sie sowohl Konföderierten- als auch amerikanische Flaggen schwenken (etwas läuft schief im amerikanischen Bildungswesen). Ist "Faschismus" eine Oberkategorie für jede Form von Autoritarismus? Oder ist es klüger, ihn nur als eine Spielart politischer Brutalität zu betrachten?
Wenn nur eine Zeitmaschine eine Massenkundgebung aus dem Jahr 1908 zurückbringen könnte. Nach einer mitreißenden Rede von Eugene V. Debs, dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, rief eine Stimme: "Genosse, führe uns ins Gelobte Land!" Debs antwortete: "Ich würde euch nicht ins Gelobte Land führen, selbst wenn ich könnte. Wenn ich euch hineinführen könnte, könnte jemand anderes euch wieder herausführen."
Mehr zum Thema "Faschismus" und Amerika in unserem nächsten Brief.
Mitchell Cohen
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