Post aus der Antarktis

Mittwinter in der Antarktis

Von Isabel Köhler, Bernd Schuldt
10.08.2001. Am 21. Mai sahen wir die Sonne das letzte Mal über den Horizont blinzeln. Eine gute Stunde lang dauerte die Abschiedszeremonie - bei -35 Grad Celsius und heißen Getränken.
Liebe Leserinnen und liebe Leser,

langsam wird es Zeit, dass Sie wieder ein Lebenszeichen von uns aus der Antarktis erhalten. Bei der Überlegung, über welche Ereignisse aus dem Stationsleben auf dem südlichsten Kontinent wir Ihnen in diesem Brief berichten wollen, fiel unsere Entscheidung auf das Ereignis des Jahres: MITTWINTER!
Dabei werden aber Eindrücke von dem Unter- und Wiederaufgang der Sonne, der Polarnacht nicht ausbleiben.

Am 21. Mai sahen wir die Sonne das letzte Mal über den Horizont blinzeln. Eine gute Stunde lang dauerte die Abschiedszeremonie, der wir natürlich mit heißen Getränken beiwohnten. Schlappe - 35 °C machten es nicht gerade angenehmer. Dennoch ließen wir uns die letzten Sonnenstrahlen nicht nehmen. Das Ausharren lohnte sich, denn der wolkenlose Himmel bot uns ein Spiel der Farben, wie wir sie bisher noch nicht gesehen hatten. Es war ein eigenartiges Gefühl. Nie zuvor hatten wir die Sonne derart bewusst betrachtet. Sie war einfach immer da. Nun sollten wir zwei Monate auf sie verzichten? Uns war das irgendwie unvorstellbar. Klar hatte man uns vorher erklärt, dass dann die Polarnacht beginnt, aber wie es wirklich ist, wenn es am Tage nur drei Stunden dämmrig ist, das sollten wir nun erst lernen....Und so begann sie, die Polarnacht.



Als wir uns gerade an diesen "nächtlichen" Zustand gewöhnt hatten, stand schon dieses besondere Ereignis, MITTWINTER genannt, an. MITTWINTER, der Tag der Sonnenwende, ist der höchste Feiertag in der Antarktis, der von den Überwinterern aller Stationen von langer Hand vorbereitet und groß gefeiert wird. Das ist eine der angenehmen Pflichten, der jede Überwinterungsmannschaft nachkommen sollte, gleich welches Land sie vertritt.

Auch wir wollten in dieser Tradition keine Ausnahme darstellen und fieberten schon lange im Voraus diesem Ereignis entgegen. Es wurde über ein Motto des Tages oder ein Thema des Festes gegrübelt, diskutiert und letztendlich entschieden. Unseren Nachbarn ging es wohl ähnlich, denn über Funk wurden Ideen ausgetauscht, Pläne angedeutet.... Ein Knistern lag förmlich in der Luft. An Neumayer fiel am Vorabend des großen Tages das sonst fällige Kulturprogramm (zumeist Videofilm der eigenen Wahl) aus. Statt dessen begannen wir mit dem Ausschmücken des Festsaals "Messe". Girlanden, Luftballons und Luftschlangen sowie ein MITTWINTER-Plakat wurden aufgehängt. So erhielt die sonst etwas triste Messe ein fröhlich-festliches Gesicht. MITTWINTER konnte kommen.



Am 21. Juni um 7:34 Uhr erreichte die Sonne den nördlichen Wendekreis. Für uns hieß es zu dieser Zeit, die Sektkorken knallen lassen. Wir trafen uns mit etwas verschlafenem Blick in der Messe und stießen auf das Sonnenwendereignis just in jenem Moment an. Es war ein ganz besonderes Gefühl, das uns zum Jubeln animierte, denn nun kommt die Sonne ja täglich dem Horizont wieder ein Stückchen näher, und in gut einem Monat sollte sie dann wieder nach uns schauen wollen. Wir fühlten uns ein wenig berauscht, obwohl wir erst ein Schlückchen Sekt getrunken hatten!

Obwohl MITTWINTER der höchste und wichtigste Feiertag für uns war, durfte die Arbeit auch an diesem Tag nicht ruhen. So gingen nach dem Frühstück alle ihren täglichen Aufgaben nach.

Gegen 12:30 Uhr trafen wir uns alle zum Mittagessen wieder in der Messe. Da für den Abend ein besonderes Menü geplant war, rechneten wir mit einer eher spartanischen Mahlzeit. Doch das war weit gefehlt! Ein Käsebuffett mit selbst gebackenem Brot wartete auf uns! Einmal mehr wurde uns bewusst, wie lecker doch so ein selbst gebackenes Brot sein kann....
Im Laufe des Tages erreichten uns zahlreiche Faxe, e-mails und Telefonanrufe mit Glückwünschen zu MITTWINTER aus der ganzen Welt. So gratulierten uns Freunde, Verwandte, die Kollegen vom AWI oder von der Reederei F. Laeisz in Bremerhaven sowie unsere Mitstreiter der anderen Überwinterungsstationen. Sogar aus den USA sendeten uns George W. Bush und aus Russland W. Putin ihre Grüße. Noch viele andere Menschen und Institutionen begleiteten uns an diesem Tag mit ihren Gedanken. Sie können hier leider nicht alle aufgezählt werden, da eine derartige Liste den Rahmen des Briefes sprengen würde.

Seit vielen Jahren erhalten die Überwinterer der Neumayer-Station zu MITTWINTER eine größere Kiste erlesener Weine aus Neustadt an der Weinstraße in der Pfalz, so auch in diesem Jahr. Manch einer fragt nun sicherlich, warum wir dieses Privileg genießen. Georg von Neumayer, nach dem unsere Station benannt ist, war Ehrenbürger von Neustadt an der Weinstraße und zudem jährte sich am 21. Juni sein 175. Geburtstag.Schon mehrere Monate stand die Weinkiste unberührt in der Werkstatt und wartete ebenso wie wir auf den großen Tag. Oft, wenn jemand an ihr vorüberging, konnten verstohlene Blicke nicht verborgen bleiben. Am Nachmittag des MITTWINTERtages wurde die Kiste in die Messe gebracht, denn dort sollte am Abend das große Fest stattfinden. Kurz vor 18:00 Uhr sah man die letzen Überwinterer durch die Röhren rennen, denn jeder wollte pünktlich zum feierlichen Öffnen der Weinkiste an Ort und Stelle sein. Mit vereinten Kräften schraubten wir den Deckel ab. Jeder hatte mindestens zwei Schrauben auszudrehen. Wer in diesen Minuten auch nur an einen Akku-Schrauber dachte, sollte nichts mehr von dem edlen Inhalt bekommen!

Zu unserer Überraschung fanden wir in der Kiste nicht nur Weine, sondern auch leckere Wurstkonserven mit beispielsweise echtem Pfälzer Saumagen und Leberwurst. Wie im weiteren Verlauf des Abends festzustellen war, handelte es sich um besonders edle Tropfen, die sich hervorragend in das Abendmenü einfügen ließen.
Das Menü stand unter dem Motto "Bacchus lädt ein". Unser Meisterkoch hatte sich erneut selbst übertroffen und uns nach allen Regeln der Kunst verwöhnt.

Zum 21 Uhr Wetter-Obs gingen alle mit in die Dunkelheit hinaus, denn wir wollten uns schließlich auch in der Polarnacht am MITTWINTERtag in die Arme fallen. Leider verhinderten Finsternis und Schneefall ein Gruppenbild, was uns aber nicht davon abhalten konnte, uns mit Wunderkerzen in der Hand über den gelungenen Tag zu freuen!
Anschließend trafen wir uns erneut in der Messe und das fröhlich-ausgelassene MITTWINTERfest wurde bis in die frühen Morgenstunden fortgesetzt.
An den beiden folgenden Tagen hörten wir nur sehr wenig von unseren Nachbarn, obwohl die Funkbedingungen gut waren. Wie sie wohl MITTWINTER gefeiert hatten?



Uns beiden wird dieser Tag für immer in Erinnerung bleiben, denn er war ein ganz besonderer, den man mit Worten nicht beschreiben kann. Was in uns an diesem Tag vorging, was uns widerfuhr, war so einmalig, dass wir es vielleicht als ein Stück des vollkommenen Glücks umschreiben möchten.

Nachdem alle diesen Tag bestens überstanden hatten, nahm der Stationsalltag wieder seinen Lauf. Die Sonne kam in der Tat jeden Tag dem Horizont näher, es wurde stets ein bisschen länger hell. Dann erwarteten wir alle gespannt den 23. Juli! An diesem Tag sollten wir die Sonne endlich wieder zu Gesicht bekommen. Ob es sie wohl überhaupt noch gibt? Unsere Freunde und Bekannten in Europa erzählten uns zwar, dass es dort sehr warm sei und die Sonne den ganzen Tag lacht, aber so richtig vorstellen konnten wir uns das nicht mehr. Am 23. Juli um 12:06 Uhr sollte sie also über den Horizont schauen. Aber was war denn das? Der Himmel war voll von Wolken, aus denen zudem große Schneeflocken fielen. Und das in einer Eiswüste, ausgerechnet zu Sonnenaufgang! Nichtsdestoweniger wurde die Sonne mit Jubel und heißen Getränken begrüßt, auch wenn die Hauptdarstellerin durch Abwesenheit glänzte. Erst eine Woche später ließen es die Wolken zu, dass wir am Nordhimmel endlich die Sonne sehen und die ersten Strahlen erhaschen konnten. In der Zwischenzeit ist es schon wieder relativ lange hell, immerhin lacht die Sonne bereits mehr als zweieinhalb Stunden am Tag! Die Sonnenbrillen müssen wieder ausgepackt werden, denn der Sommer kommt mit großen Schritten! Wenn wir auch an den Temperaturen um - 33 °C noch nichts davon merken. Aber das ist auch nur noch eine Frage der Zeit....

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, weiterhin einen schönen warmen Sommer auf der Nordhalbkugel. Genießen Sie die Sonne, es ist nicht immer selbstverständlich, dass sie tagsüber am Himmel lacht.

Herzliche Grüße

Isabel & Bernd